Ein neues Pilot-Projekt von Caritas Schweiz will direkt in den Quartieren Anlaufstelle für ältere Menschen sein. Man will als «professionelle Nachbarn» unkompliziert und rasch Unterstützung im Alltag leisten - in Ergänzung zur Grundversorgung durch Spitex und andere Care-Organisationen. | © Andreas C. Müller

Die «professionellen Nachbarn»

Caritas mit neuem Betreuungsprojekt in Suhr

Andreas C. Müller, 2.2.17

Immer mehr ältere Menschen sind zuhause auf Unterstützung angewiesen. In Ergänzung zur Care-Arbeit von Spitex & Co. will die Caritas im Quartier schauen, wer Hilfe braucht.

Den Begriff «professionelle Nachbarn» nutzt Projektleiter Andy Huwyler gern, um auf den Punkt zu bringen, was der «Caritas-Pilot» im Suhrer Quartier «Feld» leisten will. Dort steht ein umgebauter, roter Bauwagen als Anlaufstelle. Immer wieder ist Andy Huwyler auch im Quartier unterwegs – wie an jenem kalten Donnerstagmorgen Mitte Januar. Wo er Menschen trifft, sucht er das Gespräch, stellt sich vor. Nahe bei den Leuten wolle man sein, damit Hilfsbedürftige Ihre Anliegen rasch deponieren, aber auch Nachbarn vorbeikommen können, wenn sie das Gefühl haben, dass jemand im Quartier Hilfe braucht.

Fürsorgliche Kontrollgänge im Quartier

Konkret geht es um Betreuung und Unterstützung im Alltag als Ergänzung zu den pflegerischen Aufgaben einer Spitex und anderer Care-Organisationen. «Wir wollen Gesellschaft leisten, Zeit für die Leute haben, sie mobilisieren und motivieren. Etwas, für das Angehörige und Nachbarn häufig zu wenig Zeit haben», erklärt Andy Huwyler. «Gerade jetzt im Winter», so der Projektleiter, «isolieren sich viele ältere Menschen, trauen sich nicht aus dem Haus». Andy Huwyler nennt als Beispiel eine Kundin aus dem Quartier, die unlängst ihren Mann verloren hat. Auch kurzfristige Anfragen gebe es. Zum Beispiel für die Betreuung eines älteren Mannes an einem Nachmittag.

Auf seinen Spaziergängen im Quartier beobachtet Andy Huwyler genau, zeigt auf Wohnungen, wo die Rollläden geschlossen sind. «Wo wir das fortwährend beobachten, suchen wir den Kontakt zu Nachbarn und Hauswarten. Eventuell ist denen aufgefallen, dass jemand sich zurückzieht und vielleicht Unterstützung benötigt.» Für diese Quartierarbeit hätten die Mitarbeitenden von Spitex und anderen Organisationen oftmals zu wenig Zeit.

«Begrüsse jedes Angebot, das den Heimeintritt hinauszögert»

Am Informationstag am 14. Januar 2017 statten Gemeinderäte, Mitarbeitende aus der Pfarrei sowie Anwohnerinnen und Anwohner, ja sogar Arbeitssuchende dem roten Caritas-Wagen einen Besuch ab. Dieser hebt sich mit seinem auffälligen Rot im Winterweiss an jenem Tag besonders deutlich ab. Wenn man bedenke, dass der Anteil der Kosten an Heimpflege für die Krankenkassen gedeckelt sei und die Gemeinden Jahr für Jahr mehr an Pflegekosten bezahlen müssten, sei jedes Angebot zu begrüssen, dass den Heimeintritt bei älteren Menschen hinauszögert, erklärt Daniel Rüetschi. Der Suhrer Gemeinderat hat das Ressort Soziales, Gesellschaft und Gesundheit unter sich und hofft auf einen engeren Austausch mit allen im Bereich Alter und Pflege tätigen Partnern. Mit der Caritas funktioniere die Zusammenarbeit bereits sehr gut, erklärt er.

Vier Beschäftigte im Stundenlohn und ein Praktikant teilen sich ein Vollpensum, innerhalb dessen die anfallenden Aufträge angegangen werden. «Bewusst Menschen aus Suhr und Umgebung im Alter von 40 und darüber», erklärt Andy Huwyler. Er wolle Leute mit Lebenserfahrung. Chef gebe es keinen. Er verstehe sich als Coach, so der Projektleiter. Auch den administrativen Aufwand wolle man gezielt gering halten.

Zeitdruck bei der Spitex

Andy Huwyler hofft, dass sein Team bald auch am Wochenende Einsätze anbieten kann. Dies sei ein nachgefragtes Bedürfnis. Bis dahin könnten alle Wochentage abgedeckt werden. Und zusätzlich zu den Einsätzen sei jeweils am Morgen und am Nachmittag jemand im roten Wagen, dem «Caritas Care Mobil».

Zum Informationstag gekommen ist auch Claire Villinger, 62 (Name von der Redaktion geändert). Die ehemalige Spitex-Mitarbeiterin will für das Caritas-Projekt arbeiten. «Bei der Spitex stand ich immer unter Zeitdruck», begründet sie ihre Motivation, nun bei der Caritas anzuheuern.

Dass die Spitex im Bereich ihrer Möglichkeiten an Grenzen komme, lässt Hansruedi Häny von der Spitex Suhr teilweise gelten und erklärt: «Wir haben einen Leistungsauftrag. Dieser beinhaltet medizinische Grundversorgung, Mobilisation und Unterstützung im Haushalt. Vieles, was auch noch nötig wäre, gehört da nicht dazu. Zum Beispiel Menschen, die nicht ohne fremde Hilfe die Wohnung verlassen können, nach draussen an die frische Luft zu begleiten.» Dafür seien die Leistungen der Spitex finanziell garantiert, so Hansruedi Häny. «Bei finanziellen Engpässen springen die Sozialen Dienste der Gemeinden ein, weil Spitex-Einsätze zuhause deutlich billiger kommen als die Unterbringung in einem Alters- und Pflegeheim». Alles in allem begrüsse er aber das Angebote der Caritas sehr, betont Hansruedi Häny.

Den Eindruck, es gebe Probleme, will man vermeiden

Bei Menschen mit finanziellen Engpässen will auch die Caritas mit ihrem neuen Projekt ansetzen: «Wir können zwar nicht über die Krankenkassen abrechnen, aber für alle mit Kultur-Legi gilt der halbe Tarif. Bei Notlagen können wir zudem bis auf den symbolischen Betrag von fünf Franken pro Stunde runter», erklärt Andy Huwyler. Das biete sonst keine Care-Organisation. Komme hinzu, dass die Krankenkassen Haushaltshilfe und Betreuung nicht oder nur zum Teil übernehmen. Den Ausgleich auf der finanziellen Ebene geben gut situierte Kunden. «Diese zahlen den Normaltarif von 55 Franken.» Dass der Caritas-Wagen im Suhrer Quartier «Feld« steht, sei nicht zufällig, so Andy Huwyler. «Dieses Quartier ist gut durchmischt, damit das mit der Quersubventionierung auch funktioniere.

Auf Nachfrage bei anderen Care-Organisationen, was diese denn von dem neuen Angebot der Caritas halten und zu welchen Konditionen sie denn ihre Leistungen für Menschen in engen finanziellen Verhältnissen anbieten, zeigt sich, dass andere durchaus für sich in Anspruch nehmen, mit Caritas konkurrieren zu können, bzw. günstiger zu sein. Seitens einer bekannten im Aargau tätigen Care-Organisation erklärt der Vorsitzende der Geschäftsleitung, dass er seinen Namen sowie den seiner Organisation in diesem Zusammenhang aber nicht in den Medien haben möchte. «Der Leser könnte das Gefühl bekommen, dass es Probleme zwischen Caritas und uns gäbe.» Man stünde im Kontakt mit Caritas und sei sich einig, so einen Eindruck nicht aufkommen lassen zu wollen.

Projekt ist auf zwei Jahre begrenzt

Der «Caritas-Pilot» in Suhr ist vorerst auf zwei Jahre begrenzt. Dann werde Bilanz gezogen. «Es braucht halt einfach Zeit, bis die Menschen uns kennen und Vertrauen gefasst haben», erklärt Andy Huwyler Dass man in Suhr bereits Mandate von der Spitex erhalte, Teil des gemeinde-amtlichen Angebots sei und sogar schon Anfragen aus den Aarauer Quartieren Gönhard und Zelgli sowie aus Buchs erhalten habe, sei ein guter Einstand, freut sich Andy Huwyler. Auch die Medien hätten positiv auf das Projekt reagiert und mit Berichterstattungen begonnen, noch bevor man die Öffentlichkeit gesucht habe. Auch das helfe, das Projekt bekannt zu machen und Vertrauen zu schaffen.

 

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Ein knallroter, umgebauter Bauwagen als Hauptquartier für das Caritas-Pilotprojekt im Suhrer Quartier «Feld». Als Anlaufstelle steht dieser nahe bei den Menschen und soll auffallen. | © Andreas C. Müller
Der rote Caritas-Wagen in Suhr
Im Inneren des Caritas-Wagens erklärt Projektleiter Andy Huwyler die Arbeit seines Teams. Im Hintergrund der Einsatzplan. | © Andreas C. Müller
Projektleiter Andy Huwyler
Seitens der Gemeinde Suhr schätzt man das Angebot der Caritas. Gemeinderat Daniel Rüetschi (rechts im Bild): «Jedes Angebot ist zu begrüssen, dass den Heimeintritt bei älteren Menschen hinauszögert.» | © Andreas C. Müller
Andy Huwyler im Gespräch mit Daniel Rüetschi
Ein wesentlicher Aspekt des Caritas-Pilotprojekts ist die Quartierarbeit: In Gesprächen mit Anwohnerinnen und Anwohnern versucht Andy Huwyler (rechts) herauszufinden, wo Hilfe gebraucht werden könnte. | © Andreas C. Müller
Zentrales Element ist die Quartierarbeit:
Andy Huwyler spricht auf seinen Rundgängen durchs Quartier die Leute auch direkt an. «Wichtig ist, dass die Leute uns kennenlernen, wissen, wer wir sind und was wir tun. Das schafft Vertrauen.» | © Andreas C. Müller
Leute direkt ansprechen...
Wo die Rollläden über Tage hinaus unten bleiben, ist Andy Huwyler besonders sensibilisiert: «Geschlossene Rollläden sind oft ein Zeichen inneren Rückzugs. Ich versuche dann, via Hauswart oder Nachbarn herauszufinden, ob Hilfe gebraucht wird.» | © Andreas C. Müller
...und wachsam sein
Caritas will sich Zeit lassen für die Menschen, auch einfach mal nur zuhören und eine Tasse Kaffee trinken - Dinge, für welche Organisationen wie die Spitex im Rahmen ihres Leistungsauftrages keine Ressourcen haben. | © Bernhard Ackermann
Vor Ort: Helfen, zuhören und Zeit für Kaffee
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