Dafür muss ich mich einmischen
Saïda Keller-Messahli kämpft für einen offenen Islam
Inzwischen hat sich Saïda Keller-Messahli in den Medien Gehör verschafft. Mit dem von ihr gegründeten «Forum für einen fortschrittlichen Islam» FFI vertritt sie in der Schweiz sozusagen die Gegenposition zum fundamentalistischen Islamischen Zentralrat. Wegen ihrer dezidierten Haltung wurde sie auch schon mit dem Tode bedroht. Aufgrund ihres unerschrockenen Engagements wurde die Schweizer Muslimin vom Beobachter mit acht anderen Persönlichkeiten für den «Prix Courage» nominiert.
Sie sind Schweizer Muslimin, in Tunesien geboren. Was bedeutet für Sie persönlich der Islam?
Saïda Keller-Messahli: Er ist mein spirituelles Zuhause und meine Lebensphilosophie. Ich bin in Tunesien in einer Grossfamilie aufgewachsen, die einen sehr toleranten Islam gelebt hat. Wir waren fünf Mädchen und drei Buben und wurden genau gleich erzogen. Meine Eltern beharrten darauf, dass alle eine Schule besuchen. Wir machten die gleichen Spiele und durften gleich lang draussen sein. Unsere Eltern mussten sich verteidigen gegenüber manchen Leuten, die einen Unterschied machten zwischen Mädchen und Buben und die versuchten, meine Eltern zu beeinflussen. Meine Eltern haben immer klar verteidigt, dass Mädchen und Buben die gleichen Chancen haben.
Das hat Sie offenbar stark geprägt!
Ja, diese humanistische Haltung und das Einstehen und Kämpfen dafür habe ich von dort. Unsere Eltern, Analphabeten und einfache Bauern, haben uns das vorgelebt. Das hat mich stark geprägt. Auch später, als die konservative Tradition in Tunesien wichtiger wurde, beharrten meine Eltern auf einer humanen Lebenshaltung. Seit etwa zehn Jahren spüre ich an verschiedenen Orten die schleichende Tendenz, die den lebensfreundlichen Islam, in dem ich aufgewachsen bin, bekämpft - im Namen des «richtigen Islam».
Ist das der Grund, warum Sie 2004 aus persönlicher Initiative das «Forum für einen fortschrittlichen Islam» gegründet haben?
Ja, ich wollte damit etwas verteidigen, das mir wichtig ist! Ich wollte mich einmischen, weil ich nicht sehen konnte, dass rigide Meinungen und Haltungen vertreten wurden, die letztlich der Religion schaden – sonst hätte ich wahrscheinlich nichts gemacht.
Aber Sie hätten sich auch privat einmischen können. Das Forum, als Verein gegründet, ist aber etwas Öffentliches!
Mich privat einmischen, das mache ich immer, wenn ich nach Tunesien gehe oder in ein arabisches Land. Ich tue dies nicht nur in der Schweiz im Gespräch mit Muslimen. Das gibt manchmal Streit, dem ich nicht aus dem Weg gehe. Wenn ich mich öffentlich einmische, ist das konsequent, hat einen ethischen Aspekt. Es gibt viele, die privat Kritik üben oder die Faust im Sack machen, auch in Tunesien. Für mich ist es konsequenter, wenn ich ein wichtiges Anliegen in die Öffentlichkeit bringen kann. Ich mache das auch für unsere Gesellschaft in der Schweiz – die hat mir sehr viel gegeben, ihr habe ich sehr viel zu verdanken.
Steht hinter dem Schritt vom Privaten zum Öffentlichen, zur Gründung des Forums, ein bestimmtes Ereignis oder hat sich das langsam entwickelt?
Auslöser war indirekt der «11. September» - das war so unverständlich für mich, ich wollte das lange nicht wahrhaben und habe viel dazu gelesen. Das hat mich sicher ein Jahr lang beschäftigt. Die entscheidende Lektüre war «Die Krankheit des Islam» von Abdelwahab Meddeb. Ich hatte das Gefühl, ich müsse etwas machen, wusste aber nicht, was. Und dann habe ich einfach mal versucht, etwas Konkretes zu machen. Mein inzwischen verstorbener Mann hat mich dabei sehr unterstützt. Gemeinsam haben wir die Statuten für einen Verein entworfen. Das hat meine Gedanken geordnet und befreiend gewirkt. Die Diskussionen mit meinem Partner waren inspirierend und motivierend. Nun, da ich etwas Konkretes vorlegen konnte, habe ich Leute gesucht, die die Sache mittragen wollten. Viele fanden, das sei «super», aber sie wollten nicht mitmachen, weil sie Angst hatten, sich zu exponieren. Das erschreckte mich, motivierte mich aber gleichzeitig noch mehr, weil ich fand, wenn die so Angst haben, etwas zu verändern, da in der Schweiz, da muss ich erst recht handeln. Viele überlegten auch: Wenn ich mich hier politisch äussere und dann meine Angehörigen in der alten Heimat besuche, was riskiere ich? Das habe ich mir auch überlegt und schnell beiseite geschoben. Die Angst lähmt nur und macht unfrei.
Trotzdem haben Sie Leute für den Vorstand gefunden?
Ja, ich hatte nach einigen Anfragen Leute gefunden, die den Mut hatten, mehr Frauen als Männer übrigens. Ich wollte aber nicht nur Muslime im Vorstand, ich wollte auch Nicht-Muslime, die einen anderen Blick haben. Die sehen manchmal Sachen, die ich nicht sehe, das habe ich oft erlebt, etwa bei Vorträgen. Da kommen Fragen und Anregungen, die mir den Horizont erweitern. Im Verein selber haben wir nicht nur Muslime. Es sind Leute die mit ihrer Mitgliedschaft unsere Arbeit unterstützen wollen oder sogar aktiv mitarbeiten. Die Hälfte davon dürften Muslime sein. Religiöse Zugehörigkeit ist bei uns kein Kriterium für die Mitgliedschaft. Wichtiger ist das Interesse am Thema «Islam».
Der Verein nennt sich «Forum für einen fortschrittlichen Islam». Was meinen Sie mit «fortschrittlich»?
Fortschritt meint Bewegung nach vorne, Versöhnung mit der Moderne. Den Koran nicht so lesen, wie er im 7. Jahrhundert gelesen und gelebt wurde, sondern aus unserer Sicht, aus der Sicht des 21. Jahrhunderts. Der Koran ist der einzig verbindliche Text für alle Muslime und ist auch für uns die Grundlage. Die Hadithe, die Erzählungen über die Worte und Taten des Propheten Mohamed, sind mit grossem Vorbehalt zu lesen, wie wir aus der Textgeschichte wissen. Auch die Schariah ist in ihrem historischen Kontext zu lesen, ein rechtliches System, das die Ummah, die muslimische Gemeinschaft von Marokko bis Indonesien in allen Lebensbereichen zusammenhalten wollte. Ein bewundernswertes System, aber für die damalige Zeit gemacht. Heute hat das Individuum einen anderen Stellenwert und die Gesetze einer modernen Gesellschaft müssen mit den Menschenrechten kompatibel sein.
Ihr Anliegen scheint sehr vernünftig und berechtigt zu sein. Trotzdem haben Sie und andere Mitglieder des Vorstandes Todesdrohungen erhalten.
Wenn ich wüsste von wem, hätte ich Anzeige erstattet, aber alles war anonym. Konkrete Gründe wurden nicht genannt. Aber es geht darum, dass wir nicht alles schlucken und den Islam nicht als die einzig richtige Religion sehen. Das stört ein paar Muslime in der Schweiz, auch Muslime in den islamischen Verbänden, ganz abgesehen von Fundamentalisten und Islamisten. Auch Musliminnen und Muslime in anderen Ländern, die eine ähnliche Haltung wie wir vertreten, bekommen Drohungen.
Sie beraten auch muslimische Jugendliche, die Probleme mit konservativen Eltern haben. Wie kamen Sie dazu?
Ich habe das nicht gesucht. Das hat sich aus meiner öffentlichen Arbeit ergeben. Viele Leute kamen auf mich zu, Jugendliche und Erwachsene, die Probleme zu Hause haben, auch homosexuelle Muslime. Frauen wegen der Gewalt mancher Männer oder dem «Abdriften» der Töchter. Ich hatte eigentlich genug mit dem Forum zu tun. Aber unter der Oberfläche gibt es viel Elend im islamischen Milieu in der Schweiz. Da möchte ich eine professionelle Beratungsstelle gründen und suche nun Geld dazu, aber bisher bekam ich nur Absagen. Es ist nicht einfach Sozialarbeit, sondern eine Beratung, die spezifisches Fachwissen verlangt.
Bei verschiedenen Gelegenheiten betonen Sie, dass das FFI die Mehrheit der Muslime in der Schweiz vertritt, die schweigende Mehrheit. Wie begründen Sie diesen Anspruch?
Ich habe keine Statistik. Aber ich schliesse das aus der Resonanz, die unsere Arbeit hat. Schon vor der Gründung des Forums bin ich auf viel Unterstützung gestossen, aber die Leute hatten nicht den Mut, dazu zu stehen. Wenn wir öffentlich zu einer Frage Stellung nehmen, bekommen wir erstaunlich viel Resonanz von Muslimen. 80 Prozent der ermutigenden Rückmeldungen erhalte ich persönlich von Muslimen, und sie sind gar nicht Mitglied bei uns. Zahlen vom Bundesamt bestätigen übrigens, dass 85 Prozent der Musliminnen und Muslime total weltoffen sind. Und gemäss einer Umfrage unter Muslimen in der Schweiz vor etwa vier Jahren würden z.B. 85 Prozent der Muslime ihre minderjährige Tochter am Samstagabend ohne weiteres in die Disco gehen lassen. Das entspricht auch meiner Erfahrung und der Resonanz, die wir haben.
Im Islam gibt es ebenso verschiedene Strömungen und Gruppen wie im Christentum. Wie erleben Sie das innerislamische Gespräch in der Schweiz, das Gespräch zwischen den verschiedenen Gruppierungen?
Es gibt gar kein innerislamisches Gespräch in der Schweiz. Die bestehenden islamischen Organisationen reden nicht mit uns. Das Thema Islam war von diesen Organisationen besetzt. Wir kamen vor sechs Jahren dazu und haben in der Schweiz im Bereich «Islam» neue Ansprüche gestellt. Wir fordern vor allem von den islamischen Organisationen Kritikfähigkeit und eine moderne Lesart des Korans. Auch fordern wir, dass übernommene Traditionen hinterfragt werden. Damit sind wir natürlich ein totaler Fremdkörper unter den islamischen Organisationen, sie empfinden uns als «Störenfried». Wir hinterfragen zum Beispiel, ob muslimische Friedhöfe wirklich nötig sind. Für die muslimischen Organisation stellt sich diese Frage gar nicht. Wir möchten das gerne diskutieren, aber schon das sorgt für Verunsicherung. Wir fordern auch, dass man über Tabuthemen spricht, etwa über Homosexualität, Verschleierung des Frauenkörpers, Konvertierungszwang, die räumliche Absonderung der Frauen in der Moschee, die Religionsfreiheit usw.
Gibt es in anderen Ländern ähnliche Gremien oder Institutionen, mit denen Sie Kontakt pflegen?
Ja, es gibt seit kurzem welche in Deutschland, aber auch in Frankreich und Österreich. Wir wurden auch schon von den «Ex-Muslimen» kontaktiert, aber die haben ein anderes Anliegen. Sie möchten den Islam als Ganzes begraben. Für uns ist der Islam aber wichtig als spirituelle Quelle. Diese Spiritualität ist mir wichtig. In Berlin gibt es jedes Jahr eine internationale Konferenz, an der ich teilnehme, organisiert von der Friedrich Ebert Stiftung, die «Conference for Progressive Muslims», inspiriert von unserem Forum. Da kommen jährlich rund 300 Leute aus der ganzen Welt zusammen, die an der Reform des Islam arbeiten.
In der Auseinandersetzung um das Kopftuch setzen sich klar für ein Verbot ein, wie es St. Gallen vorschlägt. Vertreten Sie damit nicht eine etwas radikale Haltung?
Das mag schon radikal erscheinen, aber mir liegt es nicht, auf verschiedene politische Lager Rücksicht zu nehmen. Ich will möglichst aufrichtig sagen, was ich verteidige und was ich ablehne. Wenn ich dabei gewisse Leute vor den Kopf stosse, nehme ich das in Kauf. Ich habe keine Ambitionen auf politische Ämter. Ich vertrete eine Kraft, die den Islam anders lesen will. Wenn ich mich für einen fortschrittlichen Islam einsetze, kann ich nicht an läppischen Traditionen festhalten, die sich vor allem auf den Körper der Frau stürzen und die Unfreiheit zur Tugend erklären.
Verstehen Sie die Ängste und Abwehrhaltungen, die bei einigen Leuten bei diesen Diskussionen vorhanden sind?
Ja, ich verstehe diese Ängste! Nicht nur Nicht-Muslime haben diese Ängste vor fundamentalistischem Gedankengut. Viele Muslime, die so leben wie ich, haben auch Ängste vor diesen «Geschichten». So wollen sie das nicht haben! Ich weiss das von den Leuten, die zu uns kommen, weil sie Angst haben. Täglich bekomme ich rund 40 E-Mails, die um diese Themen kreisen. Hunderte haben uns nach der Annahme der Minarett-Initiative geschrieben, warum sie Ja gesagt haben – auch Muslime! Wir haben Probleme mit den Predigern in den Moscheen, und wir haben Probleme, weil viele Frauen auch in der Schweiz wegen ihres Mannes nicht aus dem Haus dürfen.
Wie möchten Sie in der Schweiz den «fortschrittlichen» Islam fördern?
Wir bieten Vorträge an, und vor allem beteiligen wir uns an der öffentlichen Debatte zum Islam an ganz verschiedenen Orten und mit unterschiedlichem Publikum. Das bietet uns die Möglichkeit, unsere Sicht von Islam darzulegen, die nicht beschönigend ist, nicht indoktrinierend, sondern kritisch und konstruktiv. Wir sagen, woran wir als Muslime leiden, was wir gerne verändern möchten und warum. Wir stehen zu unserer Religion, die uns sehr viel bedeutet, aber wir haben Probleme mit verschiedenen Haltungen und wortwörtlichen Interpretationen. Ich erlebe dann immer wieder, dass das in diesen Leuten weiter arbeitet, dass sie differenzieren können. Das ist oft ein fruchtbarer, motivierender Austausch.
Was wünschen Sie sich von den Christen in der Diskussion um den Islam?
Nicht-Muslime inner- und ausserhalb der Kirche sollten, es klingt hart, aufhören, von interreligiösem Dialog zu «schwafeln» und so zu tun, als ob alles harmonisch wäre, nur weil man zusammen redet. Nach meinen Erfahrungen führt der sogenannte interreligiöse Dialog nirgendwohin. In «harmoniebedürftigen» Gesprächen lässt man sich gegenseitig in Ruhe und stört einander nicht. Das ist reine Pflege der Gemütlichkeit. Sicher gibt es viel Gemeinsames unter den Religionen, das ist kostbar. Aber wenn man dauernd nur das Gemeinsame zelebriert, kommt man keinen Schritt vorwärts. Ohne Kritik kommt man nicht voran, selbst in einer Ehe bringt zelebrierte Harmonie nur Stillstand. Wenn sich Nicht-Muslime produktiv einbringen wollen, müssen sie die problematischen Seiten des Islam offen ansprechen und nicht aus Anstand schweigen – nicht nur hier sondern auch in den islamisch geprägten Ländern. Ihr Unbehagen sollten sie klar artikulieren und den Mut zur Kritik und zur Einmischung aufbringen. Vielleicht sollte man allen Muslimen der Schweiz die Möglichkeit geben, ihre Vertreter demokratisch zu wählen. Als Muslimin kann ich jederzeit in eine Kirche, niemand stört sich daran. Warum sollen nicht auch Nicht-Muslime jederzeit in eine Moschee gehen dürfen und sich eine Predigt auf Deutsch anhören können? mb
Horizonte Aargau