«Nimm alle bösen Menschen...»
Horizonte-Serie: Kinder gehen uns voran, Teil 1
Melanie ist fünfjährig, aufgeweckt und lebenslustig. Sie geht gern in den Kindergarten, und wenn sie nach Hause kommt, hat sie viel zu erzählen. Heute aber bleibt sie stumm. Wortlos sitzt sie am Tisch und stochert mit der Gabel im Teller herum. Die Mutter hat keine Zeit, lange nachzufragen. Aber auffallend ist es schon, dass das Mädchen so schweigsam ist. Wie gut, dass Melanie in einer Familie aufwächst, wo man ihr ungewohntes Verhalten wahrnimmt und im richtigen Moment einfühlsam darauf eingeht. Die Zeit vor dem Schlafengehen ist geradezu ideal dafür.
Die Mutter setzt sich an den Bettrand und schaut die Kleine an. «Wie war es heute im Kindergarten?» fragt sie und streicht ihr über die Stirn. Nun beginnt Melanie zu erzählen, erst stockend, dann sprudelt sie los. Offenbar hat die Kindergärtnerin erzählt, dass es nicht überall auf Erden friedlich zu und hergeht, nicht einmal in der Weihnachtszeit. Auch grosse Leute können streiten – und wie! Wenn Staatsmänner einander Land wegnehmen, müssen ganze Familien ihre Häuser verlassen und fliehen. Die Kindergärtnerin zeigte Bilder von Menschen, die auf der Flucht sind. Melanie erinnert sich an Einzelheiten: Auf einer Foto hat sie gesehen, wie ein Vater seinen kleinen Sohn auf der Schulter trägt und dazu noch ein schweres Bündel schleppt. Bestimmt ist dort das Hab und Gut für die ganze Familie drin. Warum kann er nicht in seinem Haus bleiben, in seinem Dorf? Wo geht er jetzt hin? Krieg nennt man das, weiss Melanie – wenn Menschen andere töten oder vertreiben, wenn sie sagen: «Fort mit euch! Da sind jetzt wir! Ihr habt hier nichts mehr zu suchen!»
Aufmerksam hört die Mutter zu. Das Kind ist sichtlich betroffen. Und sie merkt: Heute hat ihre Tochter ein Stück Realität kennen gelernt – fernab von der heilen Welt. Da gibt es nichts schönzureden. Beide schweigen. «Willst du noch beten?» fragt die Mutter schliesslich wie jeden Abend und zieht die Decke hoch. Melanie nimmt den Teddybären in den Arm und drückt ihn an sich: «Lieber Gott», sagt sie dann, «nimm alle bösen Menschen in den Himmel, damit wir Frieden haben auf Erden!»
Die Mutter stutzt. Und lächelt. Diese geniale Idee – eine Bitte, die aufhorchen lässt und unsere gängige Theologie komplett auf den Kopf stellt. Vreni Merz, www.vrenimerz.ch

