Horizonte Aargau

«Alle Vögel sind schon da…»   

Horizonte-Serie: Kinder gehen uns voran, Teil 4

Eine junge Familie macht Ferien in Frankreich, die Camping-Ausrüstung im Gepäck. Unkompliziert sind alle vier – die Mutter, der Vater, Livia und Sandro. Mit Sack und Pack ziehen sie von Ort zu Ort. Es ist schwül. Die Hitze liegt bleiern über der Stadt, in der sie eben angekommen sind. Wo gibt es Schatten? Die mächtige Kathedrale bietet sich geradezu an, um zur ersehnten Abkühlung zu kommen. Livia steht vor dem hohen Portal. Aufmachen! sagt sie entschieden.
Der Vater lehnt sich an die Tür. Mit einem Ruck ist sie offen, und alle treten ein. Jetzt stehen sie in der erhabenen Kirche, ein Wunderwerk aus vergangenen Zeiten. Die Kinder sind schlagartig still, als wären sie in einer andern Welt angekommen. Viel gibt es hier zu sehen, wenn sich die Augen an die geheimnisvolle Dunkelheit gewöhnt haben. Sandro macht ein paar Schritte, dann schaut er zurück. Sind alle noch da? In diesem riesigen Raum könnte man sich schnell verlieren! Livia folgt ihm, bleibt stehen und lacht. Denn ihre Schritte hört man immer noch, immer wieder. Das Echo verblüfft sie, so etwas kennt sie nicht. Wenn sie auf der Strasse geht oder in der Wohnung zuhause herumspringt, nimmt sie ihre Schritte kaum wahr. Doch hier ist es anders. Immer wieder hört sie sich selber zu. Wenn sie spricht, ist es ebenso: Wieder und wieder hallen ihre Worte zurück. Jetzt fängt sie leise an zu singen: «Alle Vögel sind schon da…» Die Eltern schauen sich an – und lächeln. Livia singt lauter, ihre Stimme trägt – und schallt zurück. Sie blickt zur Kuppel, viele Meter hoch hinauf. So weit reicht ihr Lied. Sandro will auch singen – und plötzlich schreien beide durcheinander. Psst, mahnt die Mutter, hier wird nicht gebrüllt! Das leuchtet ein, also singen die Kinder das Lied gemeinsam: «… Amsel, Drossel, Fink und Star…. wünschen dir ein frohes Jahr, lauter Heil und Segen.» Beinahe andächtig stehen sie hier, vier kleine Menschen in einem grossen, heiligen Raum. Die Kathedrale ist leer. Nein, nicht ganz. Irgendwo, ganz hinten neben einer Säule sitzt ein altes Mütterchen. Ob es mithört? Jedenfalls verlässt die Familie die Kirche noch nicht gleich. Die vielen Statuen an den Seitenaltären, die aussehen, als wären sie lebendig, wollen ausgiebig bewundert werden.
Auf der Weiterreise möchten die Eltern eine weitere Kathedrale besuchen, doch die Kinder haben gerade einen Spielplatz entdeckt. Auch dafür gibt es ausreichend Zeit – man ist ja in den Ferien. Also willigen sie in den Kirchenbesuch ein – unter einer Bedingung: Kann man da singen? – Und ob! Wenn nicht gerade gepredigt wird und niemand sonst singt oder spricht, kann hier wohl gesungen werden – aus voller Kehle und von ganzem Herzen. Manchmal kommen mir die Kirchen in unserer Gegend in den Sinn, die fast die ganze Woche leer stehen. Dort ist der Gesang dünn geworden oder fast ganz verstummt. Kann man da …? O ja, man kann!   Vreni  Merz, www.vrenimerz.ch

7. January 2010