Die Weltbevölkerung wächst, jüngst wurde die Sieben-Milliarden-Grenze geknackt. Der Bedarf an Nahrungsmitteln nimmt zu, die Nachfrage nach Rohstoffen steigt. Doch gerade in Ländern, die über grosse Rohstoffreserven und Anbauflächen verfügen, leben die Menschen oft in bitterer Armut, wie das Beispiel Afrika zeigt. Der Kontinent ist reich an Rohstoffen, doch ein Grossteil der Menschen hungert. Dagegen will die ökumenische Kampagne von Fastenopfer und Brot für alle angehen. Sie steht unter dem Motto «Des einen Schatz, des anderen Leid» und widmet sich dem Thema Bodenschätze und Menschenrechte. In der vom 9. März bis 24. April 2011 andauernden Fastenzeit sind schweizweit verschiedene Aktionen geplant. Auch eine Petition an den Bundesrat wird lanciert, um den Menschen in Entwicklungsländern ihren Anteil an der Wertschöpfung im eigenen Land zu sichern.
Hunger wird in den kommenden Jahrzehnten immer mehr Menschen betreffen. Zwar reichen die gegenwärtigen Anbauflächen aus, um die ganze Weltbevölkerung zu versorgen, doch das gilt nur auf dem Papier. In Entwicklungsländern schränkt der Anbau von Monokulturen für den Export den Landbedarf der ortsansässigen Bevölkerung zur Grundversorgung massiv ein. Ein weiteres Problem sind industriell verwertbare Nahrungsmittel wie beispielsweise Soja, Zuckerrohr oder Raps. «In Lateinamerika wird beispielsweise immer mehr Mais angepflanzt, doch wird dieser nicht für Tortillas verwendet, sonder zu Treibstoff verarbeitet», erklärt der Geograf Robert Schmid im Rahmen der Impulsveranstaltung für die ökumenische Kampagne von Fastenopfer und Brot für alle im Aarauer Bullingerhaus.
Unter Tag mit Kokablättern und Schnaps
Immer groteskere Dimensionen nimmt auch der Abbau von fossilen Rohstoffen, von Erdöl, Kohle, Mineralien und Erzen an. Im grossen Stil werden riesige Landflächen in Ländern wie Peru oder dem Kongo abgebaut. Die Minenarbeiter bleiben während mindestens 12 Stunden unter Tag, kauen dort Kokablätter und trinken Schnaps. «Sicherheitsvorkehrungen sowie einen Jugendschutz gibt es kaum», weiss Robert Schmid. Der ehemalige Lehrer und Universitätsdozent hat sich verschiedene Bergwerke rund um den Globus selbst angesehen. Demnach kommen immer wieder Mineure bei Sprengungen oder Stolleneinstürzen ums Leben oder verenden an ihrer Staublunge. «Unter den Arbeitenden finden sich nicht selten Jugendliche im Alter von unter 16 Jahren». Die Konsequenz: Rohstoffe zu günstigen Preisen, dank derer sich die Menschen in den Industrieländern beispielsweise günstige Handys und Computer leisten können.
Gegen gesetzlose Zustände
In den meisten Entwicklungsländern schützen Gesetze weder die Menschenrechte von Arbeitnehmenden, noch garantieren sie eine angemessene Rekultivierung von Bergbaugebieten. «Häufig wird das ausgebeutete Land ohne weitere Nachbehandlung sich selbst überlassen. Zurück bleiben Mondlandschaftsähnliche Flächen und vergiftete Böden», klagt Robert Schmid. Wo der Staat den Abbau von Rohstoffen monopolisiert wie beispielsweise in Norwegen oder Chile, sind die Arbeitsbedingungen besser. In vielen Ländern, in denen private Unternehmen die Schürfrechte besitzen, sieht es dagegen bedenklich aus, erklärt Robert Schmid: «Es handelt sich hierbei um Tochterunternehmen, die in Europa, den USA, Japan, China und Russland ihre Firmensitze unterhalten und gezielt Informationen zu Arbeits- und Sicherheitsstandards unterschlagen». Dagegen will die diesjährige Fastenkampagne etwas tun. Die Bevölkerung in den betroffenen Gebieten soll Unterstützung erhalten, damit sie sich ihre Rechte, ihren Anteil am Land, an der Wertschöpfung im eigenen Lande sichern kann. Eine Petition soll die Schweiz überdies auf eine Verschärfung des Schweizer Handelsrechts verpflichten, damit transnationale Firmen verantwortlicher wirtschaften. Zudem fordert die Petition mehr Transparenz bei den Finanzflüssen. Noch immer verlieren sich in Entwicklungsländern Milliarden, weil auch Unternehmen Korruption und Misswirtschaft stützen.
Wieder ein Hungertuch
Die am 19. und 20. Januar 2011 in Lenzburg und Aarau durchgeführten Impulsveranstaltungen für die Vertreterinnen und Vertreter der katholischen Pfarreien und reformierten Kirchgemeinden im Aargau vermochten anhand von anschaulichen Beispielen in die diesjährige Fastenkampagne einzustimmen. In einem Pilotversuch setzten die Theologin Claudia Nothelfer von Bildung mobil sowie Jan Tschannen, interimistischer Leiter der Fachstelle für Ökumene, Mission und Entwicklung bei der Reformierten Landeskirche Aargau, erstmals auf eine offene Struktur der Veranstaltung. Vieles konnten sich die Anwesenden selbst nach eigenen Interessensschwerpunkten erschliessen, was gut ankam. Ein wesentlicher Programmpunkt bildete die Auseinandersetzung mit dem Hungertuch zur aktuellen Kampagne. Nach einer zweijährigen Pause setzen Fastenopfer und Brot für alle wieder auf ein markantes Identifikationsbild für ihre Kampagne. Das aktuell aufgelegte Hungertuch ermöglicht sowohl dieses Jahr als auch im kommenden Jahr 2012 einen emotionalen Zugang zur Arbeit von Fastenopfer und Brot für alle.
Markt mit Anregungen
Das Ziel für den Abend definierte Urs Brunner, Leiter Bildung bei Fastenopfer, wie folgt: «Impulse für den Alltag und die Arbeit in den Pfarreien». Hand hierfür bot im dritten Teil der Veranstaltung ein Marktplatz, auf dem verschiedene Umsetzungsmöglichkeiten für unterschiedliche Arbeitsbereiche der Gemeinde- und Pfarreiarbeit vorgestellt wurden. Nebst Literatur gab es Filme, Spiele sowie konkrete Handreichungen für die Jugendarbeit. Für die einzelnen Ateliers hatten verschiedene Fachstellen der reformierten und der katholischen Kirche kurze Workshops vorbereitet, an denen sich die anwesenden Katechetinnen und Katecheten, Seelsorgerinnen und Seelsorger, Religionspädagoginnen und Sozialdiakone inspirieren lassen konnten.
Andreas C. Müller
Mehr zur ökumenischen Kampagne ab März 2011 in den Printausgaben von Horizonte.
21. January 2011