«Das grösste Risiko ist, gar nichts zu machen.»
Interview mit dem Medienforscher Vinzenz Wyss über Social Media wie Facebook oder Twitter
Social Media wie Facebook oder Twitter sind in aller Munde. Was tun die Kirchen? Medienforscher Vinzenz Wyss ermuntert sie im Interview, gerade bei den Social Media mitzumachen, weil die Kirchen Gemeinschaftsspezialisten sind. Social Media seien eine neue Dimension der öffentlichen Kommunikation. - Als Social Media (Soziale Medien) werden alle Medien und Medienplattformen bezeichnet, welche die Nutzer über digitale Kanäle in der gegenseitigen Kommunikation und im interaktiven Austausch von Informationen unterstützen.
Werden Social Media unterschätzt?
Vinzenz Wyss: Ich denke, sie werden sowohl über- wie auch unterschätzt. Diejenigen, die meinen, es bleibe alles beim Alten, man könne jetzt einfach ein bisschen beobachten und warten, bis sich das gelegt hat, die unterschätzen die Sache. Social Media sind eine neue Dimension der öffentlichen Kommunikation.
Und wo werden die Social Media überschätzt?
Wenn Revolutionen wegen Social Media ausgerufen werden. Dass die Bewegungen im Maghreb dank Facebook oder Twitter ins Rollen gebracht wurden, diese Analyse halte ich für viel zu früh. Natürlich haben die Social Media als Beschleuniger gewirkt, aber bestimmte Voraussetzungen waren vorher schon da. Auch die Demokratisierung mit Social Media zu verknüpfen, ist eine Missachtung des Begriffs, denn er bedeutet mehr als ein bisschen Netzwerken übers Internet.
Sind Social Media für ein junges Start-up-Unternehmen demzufolge geeigneter als für eine jahrhundertealte Institution wie die Kirche?
Nein, das würde ich nicht sagen. Eine alte Institution tut gut daran, langfristig zu denken und weit zu blicken, aber gerade deshalb sollte sie auf Social Media nicht verzichten. Man soll das Phänomen ernst nehmen und sich damit auseinandersetzen. Eine Landeskirche sollte vielleicht eine Position erarbeiten und Regeln definieren, wie sie Social Media einsetzt. Jedenfalls sollte man den Zug nicht verpassen, innovativ sein und Erfahrungen machen. Man erreicht damit vielleicht auch andere Menschen.
Was halten Sie von grossen Strategieentwürfen zu Social Media?
Wenig, in einem halben Jahr ist vielleicht wieder alles anders. Jetzt grosse Ressourcen für eine Strategie, ein Leitbild aufzuziehen, und dann hat man beim konkreten Facebook-Projekt kaum Nutzer – das ist nicht sinnvoll.
Heisst das, dass eher die Kirchgemeinden aktiv werden sollen?
Ja, unbedingt. Ausprobieren! Man begreift es nur, wenn man es selber macht. Man darf dabei auch Fehler machen. Es ist so unübersichtlich und unklar, was da passiert, und es erschliesst sich nicht über das Lesen darüber. Gerade eine Kirchgemeinde kann sich über Social Media austauschen – zum Beispiel in der Jugend-, aber auch Seniorenarbeit. Die Gemeindemitglieder können sich vernetzen, Fragen stellen und kommentieren, sei es zu einem Kirchenfest, zu einem Osterprojekt oder über die letzte Predigt des Pfarrers. Damit werden auch Zugangshürden gesenkt, was im Sinne der Kirche sein sollte.
Sie twittern selber auch?
Ja, ich probiere es aus und sammle Erfahrungen. Ich glaube, man überschätzt die Risiken.
Was sind die Risiken?
Viele sagen, die Social Media seien eine Büchse der Pandora, jeder Facebook-Eintrag falle auf einen zurück, alles sei für immer gespeichert.
Das ist doch schlimm.
Ich glaube, wir werden einen anderen Umgang mit diesen Daten entwickeln und damit leben können. Gerade jetzt, während wir hier reden, kann jemand auf meine Facebook-Pinnwand beleidigendes Zeug schreiben. Auch hier werden die Nutzer einen entspannteren Umgang finden und nicht alles auf die schwere Schulter nehmen – abgesehen davon, dass beleidigende Einträge schon heute rechtlich verboten sind. Das Ganze ist nur noch in beschränktem Mass kontrollierbar, aber man kann sich auch daran gewöhnen. Die andere Richtung – nichts machen bei den Social Media oder sich nur ganz kontrolliert äussern – scheitert.
Die Kirche redet oft von Gemeinschaft und Teilen. Als Spezialistin dafür könnte sie doch wesentlich mehr zur Social Media-Community beitragen.
Einverstanden, gerade diese Sharing-Prinzipien der Social Media kennen ja die Kirchen: Teilen, was man teilen kann. Insofern müssten die Kirchen erst recht bei den Social Media mitmachen und auch dort teilen. Das sollten sie eigentlich sehen und die Chance packen.
Die reformierte Kirche ist möglicherweise besser geeignet für Social Media als die katholische, weil die reformierte Kirche basisdemokratischer und dezentral organisiert ist. Teilen Sie diese Ansicht?
Von der Organisationsstruktur her schon, aber es geht ja auch um Geschichten, die man zu erzählen hat. Und da glaube ich, dass die katholische Kirche im Vorteil ist. Sie hat Köpfe, Bischöfe oder Äbte, an denen man die Geschichten aufhängen kann. Wie heisst das auf reformierter Seite – Synodalvorstand?
Nein, da gibt es immerhin einen Präsidenten des Kirchenbunds, Gottfried Locher…
Die Katholiken haben einfach eine grössere Aufmerksamkeit, auch wegen der Skandale. Umso interessanter auch, wenn ein Abt Werlen twittert. Es ist dann fast ein bisschen kurios und generiert noch mehr Aufmerksamkeit.
Sie haben im Rahmen des nationalen Forschungsprogramms 58 die Präsenz der Religionen in den Medien untersucht. Wurden Social Media berücksichtigt?
Nein, als wir das Forschungsdesign vor fünf Jahren festlegten, konnten wir es uns noch leisten, Social Media nur am Rand zu streifen. Es war damals schlicht noch kein Thema. Heute würde ich Social Media bei der Analyse von Religionskommunikation unbedingt miteinbeziehen.
Was könnte man untersuchen?
Die Social Media-Richtlinien und -Angebote der Religionsgemeinschaften, das Nutzungsverhalten der User, aber auch Gefahren wie das Suchtpotential oder den Daten-Missbrauch.
Sie leiten im September 2011 einen Kurs zur Religionskommunikation in Winterthur. Er richtet sich speziell an Kommunikationsverantwortliche von Religionsgemeinschaften. Was erzählen Sie ihnen über Social Media?
Einen Nachmittag lang wird ein Dozent den Kursteilnehmern die Chancen und Gefahren von Social Media erläutern und mit ihnen Erfahrungen austauschen.
Halten Sie es für denkbar, dass es dereinst im Web automatische Seelsorge geben wird? Eine webbasierte Software, die erkennt, was die Leute plagt, und Ratschläge erteilt?
Vor fünf Jahren hätte ich noch gesagt, das sei völlig unmöglich. Heute halte ich es für denkbar, dass solche Programme genutzt werden. In der Medizin haben wir das für ein Massenpublikum bereits: Mittels Selbstcheck auf einer spezialisierten Website erhält man eine Diagnose und Therapiehinweise. Aber letztlich kann keine Software einen Arzt ersetzen.
Wären die Kirchen gefragt, solche Seelsorge-Programme zu entwickeln, bevor es andere machen?
Es wäre zu wünschen, dass das nicht einfach Google-Leute nebenbei machen, sondern professionell ausgebildete Seelsorger mit entsprechendem Horizont. Sicher ein interessantes Projekt. Man muss offen sein, und das, was früher undenkbar war, heute andenken. Es kann eine Sackgasse sein, wir wissen es nicht. Aber nur zuschauen ist kaum ein gangbarer Weg für eine Institution, die sich das Sharing, das Teilen, auf die Fahne geschrieben hat. Das grösste Risiko ist, gar nichts zu machen.
Vinzenz Wyss
Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik und Medienforschung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Er hat beim Projekt «Religionskommunikation» des Nationalen Forschungsprogramms 58 (NFP 58) mitgearbeitet. Darin wurde die Darstellung der Religionen in den Schweizer Massenmedien untersucht. Das Projekt mündet in den Weiterbildungskurs «Religionskommunikation», der am 2. und 9. September 2011 in Winterthur stattfinden wird.
Zum Beispiel Facebook
Ende Mai 2011 gab es in der Schweiz 2,59 Millionen Nutzer von Facebook - über ein Drittel der Bevölkerung. Die grösste Nutzergruppe in der Schweiz sind die 20- bis 29-Jährigen. Weltweit hat Facebook über 600 Millionen Mitglieder.
Tagung der Kirchen zu Social Media am 11.11.11
Unter dem Titel «Gefällt mir - Kirche in Facebook, Twitter und Co.» führen die Reformierten Medien und der Katholische Mediendienst am 11. November 2011 in Zürich gemeinsam eine Fachtagung durch. Sie richtet sich gemäss Ausschreibung an Kommunikationsbeauftragte der Kirchen und an weitere kirchliche Mitarbeitende. Dabei erhalten sie Einblick in Stand, Trends und Potentiale der Social Media. Vor der Tagung wird empfohlen, erste eigene Versuche mit Facebook und Twitter zu unternehmen. Die Reformierten Medien und der Katholische Mediendienst bieten einführende Workshops dazu an.
Hinweis: Freitag, 11. November 2011, 8.30 bis 16.30 Uhr, Swissôtel Zürich beim Bahnhof Zürich-Oerlikon. Kosten (inklusive Mittagessen) 250 Franken. Programm, Anmeldung und weitere Informationen unter www.elf-elf-elf.ch

