Lässt Menschenrechtsaktivisten überwachen und einschüchtern, erlaubt unter dem Deckmantel des «Kampfes gegen Drogen» systematische Tötungen und zitiert Hitler, um seine Politik zu rechtfertigen: Der philippinische Präseident Rodrigo Duterte. Obschon Hilfswerke, die sich auf den Philippinen engagieren, Beunruhigendes berichten, nimmt der Verein «Weltgebetstag Schweiz» in seinen Unterlagen für den 3. März 2017 auf die veränderte Situation in keiner Weise Bezug. | © Wikipedia

Rodrigo Duterte ist kein Thema

Weltgebetstag will nicht politisch sein

Andreas C. Müller, 20.2.17

Die Philippinen haben für den Weltgebetstag am 3. März 2017 die Liturgie für 170 beteiligte Nationen entworfen. Die Unterlagen wurden unlängst in alle Schweizer Kirchgemeinden verschickt. Horizonte ging der Frage nach, warum in diesem Zusammenhang der neue Präsident Rodrigo Duterte und seine brutale Politik keine Rolle spielen, während im Inselstaat die Menschen mit der katholischen Kirche im Rücken demonstrieren.

Für den diesjährigen Weltgebetstag vom 3. März 2017 haben Frauen der philippinischen Inseln die Liturgie verfasst. Seit 70 Jahren feiern die Philippinen bereits den Weltgebetstag, in diesem Jahr zusammen mit 170 anderen Ländern.

Eine einheitliche Liturgie für die ganze Welt

Seit 1927 gibt des den Weltgebetstag, an dem überall auf der Welt zur selben Liturgie gebetet wird. «Alle fünf Jahre werden an einem internationalen Treffen die Themen und Länder für die kommenden fünf bis sieben Jahre bestimmt», erklärt Heidi Wettstein, Präsidentin des Schweizer Weltgebetstags-Komitees, das seit dem 24. Januar 2017 als Verein unter dem Namen «Weltgebetstag Schweiz« auftritt.

Die vor Ort erarbeiteten Liturgien gehen Jahr für Jahr zunächst nach New York zum Exekutivkomitee, wo sie übersetzt und in alle Welt verschickt werden. «Unser Komitee unterstützt das Internationale Komitee, indem wir die französische Übersetzung für die frankophonen Länder machen», erklärt Heidi Wettstein. In der Schweiz selber wird die Liturgie vom Englischen noch ins Deutsche, Italienische und in die zwei romanischen Idiome Vallader und Sursilvan übersetzt.

Philippinische Frauen stellen Frage nach der Gerechtigkeit

Erdbeben und Taifune, grassierende Gewalt sowie Korruption und Armut in weiten Teilen der Bevölkerung setzen den Menschen auf den Philippinen seit Jahrzehnten zu. Wohl nicht umsonst hat die Frauengruppe, welche die Liturgie für alle beteiligten Nationen verfasst hat, die Frage nach der Gerechtigkeit ins Zentrum ihrer Liturgie gerückt. «Bin ich ungerecht zu euch? lautet die Leitfrage in Anlehnung an das biblische Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg Gottes.

In Jesu Gleichnis, von dem das Matthäus-Evangelium berichtet, zahlt ein Weinbauer all seinen Taglöhnern denselben Lohn, auch jenen die er erst am Nachmittag und gegen Abend eingestellt hat. Als sich jene beschweren, die seit dem Morgen im Einsatz standen, entgegnet der Bauer: «Euch geschieht doch kein Unrecht! Haben wir uns nicht auf diesen Betrag geeinigt? Ich will aber den anderen genau so viel zahlen. Schliesslich darf ich doch wohl mit meinem Geld machen, was ich will! Oder ärgert ihr euch, weil ich grosszügig bin?»

Unterlagen bereits vor Rodrigo Dutertes Amtsantritt gedruckt

Seit Sommer des vergangenen Jahres machen die Philippinen unter ihrem neuen Präsidenten Rodrigo Duterte Negativschlagzeilen: Die Polizei führt einen regelrechten Vernichtungskrieg gegen Drogenkriminelle und Süchtige, Todesschwadronen begleichen im Schlepptau alte Rechnungen. Rodrigo Duterte selbst zitierte in diesem Zusammenhang sogar Hitler und verglich seine «Anti Drogen-Kampagne» mit dem Holocaust.

Dass die Philippinen gerade jetzt die Liturgie für den Weltgebetstag stellt, sei Zufall, so Heidi Wettstein. «An internationalen Tagungen werden jeweils Themen und Länder fünf bis sieben Jahre im Voraus bestimmt. Alle Materialien für den Weltgebetstag 2017 waren denn auch zum Zeitpunkt der Wahl von Rodrigo Duterte bereits gedruckt, weshalb auf die jüngste Entwicklung im Inselstaat keinen Bezug genommen wird.»

Darüber hinaus ist es Heidi Wettstein wichtig, zu betonen, dass der Verein «Weltgebtstag Schweiz» keine politisches Organisation sei und sie darum keine politischen Äusserungen machen möchte. «Solche schaden den Menschen und Organisation oft mehr, als dass sie dem eigentlichen Zweck dienen. Wir arbeiten dieses Jahr mit etlichen Philippinerinnen zusammen, was immer auch ihre politische Haltung sein mag. Wir sind eine Hilfsorganisation, die Frauen- und Kinderprojekte in verschiedenen Bereichen unterstützt und so für ein besseres Leben einsteht.»

Comundo: «Viele unschuldige Opfer»

Verschiedene christliche Hilfswerke wie Fastenopfer, Caritas oder Comundo engagieren sich mit Entwicklungshilfeprojekten auf den Philippinen. Comundo arbeitet im Norden des Inselstaates mit drei katholischen Diözesen zusammen. «Wir haben vor Kurzem eine Analyse zur Situation auf den Philippinen erstellt, erklärt Franz Erni, Leiter Bereich International bei Comundo.

«Was die Entwicklungsarbeit vor Ort angeht, so wurde diese bis anhin nicht in Mitleidenschaft gezogen», so Franz Erni. Rodrigo Duterte habe sich bis anhin ja auch noch nicht zur Rolle der katholischen Kirche im Land geäussert und man sei im Norden tätig, wo der Einfluss des Regierungswechsels nicht so präsent sei wie im Süden – wo ja Duterte auch herkomme. «Es zeigt sich aber, dass die Medienfreiheit mehr und mehr eingeschränkt, unter dem Deckmantel des Kampfs gegen Drogenmissbrauch viel Unschuldige Opfer werden und generell die Angst und Anspannung im Lande zunehme. «Viele Menschen auf den Philippinen sorgen sich auch um das Image ihres Landes», weiss Franz Erni.

Fastenopfer: «Menschen werden eingeschüchtert»

Seitens von Fastenopfer hat Helena Jeppesen-Spuhler als Programmverantwortliche für die Philippinen erst im Januar dem Inselstaat einen Besuch abgestattet. Fastenopfer arbeitet vor Ort in verschiedenen Projekten mit lokalen Partnern zusammen, unter anderem auch zum Thema «Förderung und Schutz der Menschrechte». Da sei das Umfeld klar schwieriger geworden, erklärt die Programmverantwortliche. «Angestellte von Menschenrechtsorganisationen, mit denen wir zusammenarbeiten, werden in den Sozialen Medien überwacht und eingeschüchtert.»

Auch die Katholische Kirche werde attackiert, seit die Bischofskonferenz in einer Erklärung auf Einhaltung der Menschenrechte gepocht und staatlich sanktionierten Tötungen verurteilt habe. Zwar gebe es noch keine direkten Einschränkungen für die Projekte von Fastenopfer, so Helena Jeppesen-Spuhler, doch habe sich die Stimmung und die Situation binnen eines halben Jahres seit Amtsantritt von Rodrigo Duterte deutlich verändert.

Rodrigo Duterte «von einfachen Leuten» unterstützt

Esther Bänziger präsidiert zusammen mit Elisabeth Sailer im Aargau den Verein zur Unterstützung des Kinderheims St. Martin des Porres in Manila. Weihnachten 2016 habe sie wieder auf den Philippinen im Kinderheim verbracht, so Esther Bänziger. Hierbei sei man mit den Betreuungspersonen auf den neuen Präsidenten zu sprechen gekommen. Auswirkungen auf die Arbeit des Vereins habe die Politik von Rodrigo Duterte bis anhin keine gehabt.

«Die einfachen Leute, die grossmehrheitlich von den Problemen im Lande betroffen sind und zu denen auch das Betreuungspersonal im Kinderheim St. Martin de Porres gehört, unterstützen Rodrigo Duterte.» Begründung: Die alte Regierung sei enorm korrupt gewesen und man habe kein Vertrauen mehr in die oberen Gesellschaftsschichten. «Dazu muss man wissen», so Esther Bänziger, «dass es auf den Philippinen eine grosse reiche Oberschicht gibt, die sich schlichtweg nicht für das Schicksal der Armen interessiert und das Gefühl hat, dass Armut von Gott gewollt ist.»

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Offensichtliche Gegensätze auf den Strassen von Manila: Wohlstand und Armut. Viele Menschen leben auf der Strasse und rutschen in die Kriminalität ab. | © kna-bild
Manila: Offensichtliche Gegensätze...
Manila ist die Hauptstadt der Philippinen. Sie  liegt auf der Hauptinsel Luzón. 50 Kilometer ausserhalb der Stadt  befindet sich  das Kinderheim  St. Martin de Porres, das von einem Verein der Kirchgemeinde Eggenwil-Widen finanziell unterstützt wird. | © kna-bild
... und für viele ein Kampf ums Überleben.
Ein Grossteil der ländlichen Bevölkung lebt in Armut und steht hinter Rodrigo Duterte. Begründung: Die alte Regierung sei enorm korrupt gewesen und man habe kein Vertrauen mehr in die oberen Gesellschaftsschichten. | © Comundo
Reisbauern auf dem Land
Das Hilfswerk Comundo engagiert sich mit verschiedenen Projekten im Norden der Philippinen (im Bild eine Schulsozialarbeiterin). | © Comundo
Comundo-Projekt Schulsozialarbeit
Das Kinderheim St. Martin de Porres der Stiftung John D.V. Salvador befindet sich 50 Kilometer ausserhalb von Manila. Gegründet wurde es  von Father Boyet, einem Geistlichen, der noch heute hohes Ansehen auf den Philippinen geniesst. | © zvg
Das Kinderheim St. Martin de Porres
Mit dem Ziel, das Kinderheim der Stiftung John D. V. Salvador in Manila finanziell zu unterstützen, wurde in der Kirchgemeinde Eggenwil-Widen ein Verein ins Leben gerufen. Esther Bänziger und Elisabeth Sailer (von links) sind Mitglieder des Vorstands dieses Vereins und reisen regelmässig auf die Philippinen, um sich vor Ort ein Bild machen zu können. | © Fabrice Müller
Esther Bänziger und Elisabeth Sailer (von links)
Zum Kinderheim St. Martin de Porres gehört auch ein Mädchenhaus, wo Mädchen separat wohnen und betreut werden. | © zvg
Mädchen in St. Martin de Porres

Kommentar

Andreas C. Müller

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Tausende Katholiken haben in Manila am Wochenende gegen den Drogenkrieg von Präsident Rodrigo Duterte und die geplante Wiedereinführung der Todesstrafe protestiert. Gefolgt waren sie einem Aufruf der katholischen Bischofskonferenz, die mittlerweile klar Position bezieht, nachdem sie sich lange zurückgehalten hatte.

Klar, dass die von den philippinischen Frauen für den Weltgebetstag verfassten Unterlagen auf die jüngste Entwicklung in ihrer Heimat nicht mehr Bezug nehmen – die Eingabe erfolgte vor der Wahl Rodrigo Duterte. Und selbst, wenn sich die Möglichkeit geboten hätte, man könnte Verständnis für Zurückhaltung aufbringen, zumal Gefährdung von Leib und Leben drohen.

Befremdend mutet jedoch an, dass der Verein «Weltgebetstag Schweiz» explizit unpolitisch auftritt, in seinem Materialversand sowie auch auf seiner Webseite in keiner Weise auf die aktuelle Entwicklung Bezug nimmt. Bereits im vergangenen Jahr beklagten die für die Vorbereitung der Weltgebetstagsgottesdienste im Aargau involvierten Frauen, dass sich für die Organisation von Regionaltagungen sowie für die Vorbereitung in den Pfarreien kaum noch engagierte Freiwillige finden lassen (Horizonte berichtete).

Die Art und Weise, wie in der Schweiz der Weltgebetstag mit Fokus Philippinen an den Start geht, dürfte erklären, warum. Bleibt zu hoffen, dass die für den Weltgebetstag engagierten Frauen in den Kirchgemeinden die Augen nicht vor der Aktualität verschliessen. Eine gelungene Aktion, ein besonderes Engagement – hoffentlich an möglichst vielen Orten auf der ganzen Welt – könnte den aufbegehrenden Kräften unter der Führung der Bischöfe auf den Philippinen den Rücken stärken und Rodrigo Duterte klarmachen, dass die Welt nicht einfach wegschaut.

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