Es gibt freudvollere Aktivitäten, als Unterlagen für die Steuererklärung vorzubereiten oder Versicherungsformulare auszufüllen. Dennoch erledigen die meisten Leute diese administrativen Dinge selber. Es gibt aber Menschen, denen solche Aufgaben derart über den Kopf wachsen, dass sie ohne Hilfe keinen Ausweg mehr finden. Seit fünf Jahren zeigt das ökumenische Angebot «Wegbegleitung» Menschen im Aargau einen Weg aus der Krise. In der Zeit ihres Bestehens ist die Wegbegleitung zu einer festen Grösse im Kanton geworden. | © Anne Burgmer

Zeitgemässe Form der Freiwilligenarbeit

Das ökumenische Angebot «Wegbegleitung» wird fünf Jahre alt

Marie-Christine Andres Schürch, 9.3.17

Es gibt freudvollere Aktivitäten, als Unterlagen für die Steuererklärung vorzubereiten oder Versicherungsformulare auszufüllen. Dennoch erledigen die meisten Leute diese lästigen administrativen Dinge selber. Es gibt aber Menschen, denen solche Aufgaben derart über den Kopf wachsen, dass sie ohne Hilfe keinen Ausweg mehr finden. Seit fünf Jahren zeigt das ökumenische Angebot «Wegbegleitung» Menschen im Aargau einen Weg aus der Krise.

Im ökumenischen Projekt Wegbegleitung begleiten Ehrenamtliche die Klienten mit zeitlich befristeter, gezielter Hilfe. Regionale Vermittlungsstellen bringen die freiwilligen Mitarbeiter mit den Hilfesuchenden in Kontakt und arbeiten eine Vereinbarung aus, die Ziele und Einsatzdauer festlegt. In der Regel gelangen Sozialarbeiter, Pfarrer und Fachstellen an die Vermittlerinnen und Vermittler mit der Anfrage zu einer Begleitung.

Idee aus dem Besuchsdienst

Christian Härtli war von Anfang an dabei. Seit 2011 arbeitet er auf der Fachstelle Diakonie der Reformierten Landeskirche Aargau und hat die Wegbegleitung von der Planungs- über die Pilotphase bis zum festen Angebot betreut. Die Idee, eine Wegbegleitung zu schaffen, sei von den Freiwilligen des Besuchsdiensts gekommen, erinnert er sich. Bei ihren Einsätzen sahen sie viel Unerledigtes, das weder zu ihrem Auftrag gehörte, noch in ihr knappes Zeitbudget passte. Auf der Suche nach einem Konzept stiess man auf die bereits bestehenden Wegbegleitungen im St. Gallischen und im Kanton Basel-Stadt. Christian Härtli fasst zusammen: «Von Basel-Stadt haben wir das Konzept übernommen und auf unsere Verhältnisse angepasst. Als Kanton mit 96 katholischen und 75 reformierten Kirchgemeinden haben wir völlig andere Voraussetzungen als eine Stadt wie Basel.» Dann wurden die Grundlagen erarbeitet, das Logo geschaffen und die Pilotphase geplant.

Ins Cockpit klettern und den Flugschein machen

Im Frühling 2012 nahmen die ersten vier Vermittlungsstellen ihre Arbeit auf. Es waren die zwei reformierten Kirchgemeinden Dürrenäsch und Mellingen sowie die zwei katholischen Pfarreien Brugg und Schöftland. Das Projekt nahm rasch Fahrt auf: Im Verlauf des ersten Jahres 2012 wurden fünf Vermittlungspersonen und über 50 Wegbegleiterinnen und Wegbegleiter in zwei Kursen ausgebildet. Bis Ende 2012 kamen bereits 40 erfolgreiche Vermittlungen und damit Wegbegleitungen zustande. Im Frühling 2014 feierten die beiden Landeskirchen mit den vier «Pilotgemeinden» den Abschluss der erfolgreichen Testphase und den Übergang zum festen Angebot. Der Präsident der Reformierten Kirche im Aargau, Christoph Weber-Berg, formulierte seinen Wunsch für die Zukunft damals so: «Pilotphase heisst, es gibt Menschen, die sich ins Cockpit setzen. Es ist zu hoffen, dass nun noch mehr Freiwillige ins Cockpit klettern und den Flugschein machen, damit sich das Angebot im Aargau weiter etabliert.»

Heute, drei Jahre später, sagt der reformierte Sozialdiakon Christian Härtli: «Aus meiner Sicht ist die Wegbegleitung im Aargau in gesundem Mass stetig gewachsen. Die Initiative zur Schaffung neuer Vermittlungsstellen kommt von der Basis, nämlich den Kirchgemeinden. Das gibt Hoffnung, dass die geschaffenen Stellen Bestand haben.»

«Freiwilligenarbeit ist nicht tot»

Ebenfalls von Anfang an bei der Wegbegleitung dabei ist Monika Lüscher. Sie arbeitet für die katholische Pfarrei Schöftland, und leitet im Auftrag von Pfarreien und Kirchgemeinden die Vermittlungsstellen Wegbegleitung für die Regionen Aarau, Schöftland, Aarburg, Rothrist und Zofingen. Gestartet ist Monika Lüscher mit einer 15-Prozent-Stelle. Inzwischen arbeitet sie für die drei Regionen insgesamt 45 Prozent. Monika Lüscher erinnert sich: «Wir fanden schnell freiwillige Mitarbeitende und zu unserer Überraschung auch viele Männer.» Heute seien etwa die Hälfte ihrer ehrenamtlichen Mitarbeiter Männer. Der Einsatz als Wegbegleiter ist zeitlich begrenzt, das sei beliebt. Diesen Umstand hatte auch der inzwischen pensionierte Projektleiter von katholischer Seite, Markus Schmid, hervorgehoben. Er hatte zum Abschluss der Pilotphase gesagt: «Wir haben mit dem Projekt Wegbegleitung eine Form zeitgemässer Freiwilligenarbeit. Die Freiwilligen können aussteigen oder pausieren. Durch die Zielvereinbarung mit den Klienten, die zeitliche Begrenzung der Begleitungen, die fachliche Betreuung durch die Vermittlungsstellen und die Fortbildungs- und Supervisionsmöglichkeiten haben die Freiwilligen ein hohes Mass an Mit- und Selbstbestimmung. Die Freiwilligenarbeit ist nicht tot.» Um die anspruchsvolle Freiwilligenarbeit ausüben zu können, erhalten Wegbegleiter zunächst einen Einführungskurs. Darüber hinaus werden von jeder Vermittlungsstelle pro Jahr drei Treffen, wo sich die Wegbegleiter austauschen und weiterbilden können, sowie zwei kantonale Weiterbildungsangebote organisiert.

Dann gibt es pro Jahr drei Treffen mit Schulungen, wo sich die Wegbegleiter austauschen und weiterbilden können.

2253 Stunden Begleitung im Jahr 2016

Monika Lüscher betont: «Wir versuchen immer dort eine Begleitung zu machen, wo kein anderes Angebot existiert. Wir machen zum Beispiel keine Steuerberatung. Der Wegbegleiter hilft aber beim Zusammensuchen und Ordnen der Unterlagen, die es für eine Steuerberatung braucht. Diese Arbeit macht sonst niemand.» Welche Aufgaben in den Bereich einer Wegbegleitung fallen, erzählt Erika Albert im Interview. Sie ist eine von kantonsweit 140 Ehrenamtlichen, die seit Projektstart im Einführungskurs auf ihre Aufgabe vorbereitet worden sind. Im Jahr 2016 leisteten die freiwillig Tätigen insgesamt 2253 Stunden Arbeit. Eine durchschnittliche Wegbegleitung dauerte dabei 23 Stunden und erstreckte sich über 20 Wochen. 11 Vermittlungsstellen gibt es inzwischen im Aargau. Drei davon sind erst gestartet oder noch im Aufbau: Wohlen und Umgebung, Mutschellen-Reusstal und Baden. Die Nachfrage nach Wegbegleitung übersteige inzwischen das Angebot, so dass die Vermittlungsstellen auf der Suche nach Freiwilligen seien, sagt Monika Lüscher. Interessierte könnten sich jederzeit bei der zuständigen Vermittlungsstelle melden.

Dank Führerschein weg von der Sozialhilfe

«Ein Highlight ist, wenn die Wegbegleitung in die Selbständigkeit führt.», sagt Monika Lüscher und nennt als Beispiel einen vierfachen Familienvater aus Eritrea, der dank der Wegbegleitung eine Stelle gefunden hat und nun keine Sozialhilfe mehr benötigt. Sie erzählt auch von einer Freiwilligen, die einer Frau beim Autofahren lernen hilft. Mit Führerschein wird die Frau ihr bestehendes Stellenpensum erhöhen können und sich so ebenfalls von der Sozialhilfe ablösen. Hilfe zur Selbsthilfe sei ein wichtiger Grundsatz. Das funktioniere gut, denn die meisten Klienten nähmen Wegbegleitung nur ein Mal in Anspruch.

Mit Leib und Seele dabei

Für ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter findet Monika Lüscher nur lobende Worte: «Es ist eine Gruppe, die Bestand hat. Mit der Zeit hat sich ein harter Kern an Leuten herausgebildet, die mit Leib und Seele dabei sind.» Wie alle anderen ins Projekt Involvierten sagt auch Monika Lüscher ganz deutlich: «Wertvollster Bestandteil der Wegbegleitung sind die vielen Mitarbeitenden, die ihre Zeit und ihre Erfahrung unentgeltlich investieren.»

Von der Caritas zurück zur Landeskirche

Das Angebot ist auf kantonaler Ebene ökumenisch aufgebaut. Die beiden Fachstellen Diakonie der Reformierten und der Katholischen Landeskirche tragen die Wegbegleitung gemeinsam. Die katholische Seite hatte das Projekt seit seiner Gründung bei der Caritas Aargau untergebracht, welche die Fachstelle Diakonie im Auftrag der Landeskirche führte. Nun geht die Fachstelle Diakonie zurück unter das Dach der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau. Die Herbstsynode 2016 stimmte dem Antrag des Kirchenrates zur Schaffung einer neuen Fachstelle Diakonie zu. Damit will die Landeskirche erreichen, dass auch Aussenstehende vom Engagement der Kirche im Bereich Diakonie erfahren. Die neue Fachstelle könne wichtige diakonische Impulse für die neuen Pastoralräume geben. Zum neuen Diakoniekonzept gehört die Fachkommission, in der Vertreter der Pastoral, des Bistums und des Kirchenrates sitzen. Die Fachkommission wird die neue Fachstelle begleiten und reflektieren.

Die Diakoniestelle wird neu aufgegleist

Damit ist künftig auch die Wegbegleitung der Landeskirche unterstellt, denn sie wird der neuen Fachstelle Diakonie angegliedert. Auch die Aufgabenbereiche der Fachstelle Diakonie werden neu definiert. Laut Landeskirche läuft momentan das Auswahlverfahren für eine neue Stellenleitung, die voraussichtlich Mitte Jahr ihre Arbeit aufnehmen wird. Der langjährige Fachstellenleiter Markus Schmid war Ende letzten Jahres pensioniert worden.

 

Alle Informationen rund um das Angebot Wegbegleitung finden Sie auf www.wegbegleitung-ag.ch

Wer sich gerne ehrenamtlich für das Projekt engagieren möchte, kann sich auf der nächsten Vermittlungsstelle melden. Die einzelnen Vermittlungsstellen finden Sie hier.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Abonnieren Sie unseren Newsletter. Er erscheint alternierend zur Printausgabe alle zwei Wochen – immer mit den aktuellsten Horizonte-Geschichten und oftmals spannenden Verlosungen.
Die Statistik vom Jahr 2016 zeigt, wie die Hilfesuchenden zur Wegbegleitung gelangen, welche Themen bearbeitet und wie viele Arbeitsstunden geleistet wurden. | © zvg
Statistik 2016
Christian Härtli leitet die Fachstelle Diakonie der Reformierten Kirche im Aargau und ist seit den Anfängen bei der Wegbegleitung dabei.  | © Anne Burgmer
Christian Härtli, Reformierte Kirche Aargau
Monika Lüscher von den Vermittlungsstellen Region Aarau, Schottland und Zofingen. | © Anne Burgmer
Monika Lüscher
Mit einem Führerschein kann die eine Klientin ihr Stellenpensum erhöhen. Also hilft die Wegbegleiterin ihr beim Autofahren lernen. | © Marie-Christine Andres
Dank Führerschein zu mehr Stellenprozenten
«Wir versuchen immer dort Begleitung anzubieten, wo kein gleichwertiges Angebot besteht», sagt Monika Lüscher von den Vermittlungsstellen Aarau, Schottland und Zofingen. | © Monika Lüscher
Dort helfen, wo kein Hilfsangebot besteht
Die Suche nach seinem Nachfolger läuft: der Leiter der Fachstelle Diakonie, Markus Schmid, wurde Ende 2016 pensioniert. Von Anfang an hatte er das Projekt Wegbegleitung von Seiten katholischer Landeskirche betreut. | © Anne Burgmer
Markus Schmid war von Anfang an dabei
Weitere Artikel der Kategorie «Aargau»