Hora aus Äthiopien verbrachte zehn Jahre in einem Asylzentrum ohne Aussicht auf Beschäftigung und Integration. Aller Widrigkeiten zum Trotz schaffte sie es, sich in der Schweiz eine kleine Existenz aufzubauen. | © Andreas C. Müller

11 Jahre warten: Gelungene Integration sieht anders aus

Andreas C. Müller, 6.8.18
  • Hora aus Äthiopien verbrachte zehn Jahre in einem Asylzentrum ohne Aussicht auf Beschäftigung und Integration.
  • Aller Widrigkeiten zum Trotz schaffte es die Tochter eines politischen Oppositionellen, sich in der Schweiz eine kleine Existenz aufzubauen: Mit zwei Jobs – angestellt im Stundelohn finanziert sie sich ihre Einzimmerwohnung. Sozialhilfe bezogen hat sie nie.
  • Nun hofft Hora, mittels einer Weiterbildung in der Pflege Fuss fassen zu können. Die Caritas Aargau und Iris Bäriswyl vom Kirchlichen Regionalen Sozialdienst Brugg – eine langjährige Freundin – unterstützen sie dabei.

 

Die Äthiopierin Hora (Name von der Redaktion geändert) öffnet die Tür zu ihrer kleinen Einzimmerwohnung in Aarau. Freundlich lächelt sie, als sie ihre ehemalige Bezugsperson vom Kirchlichen Regionalen Sozialdienst KRSD Brugg sieht und bittet uns herein. Ich folge Iris Bäriswyl, reiche Hora die Hand und betrete den Eingangsbereich der Wohnung, in welchem sich rechts eine Kochnische befindet, gegenüber WC und Dusche. Geradeaus öffnet sich ein kleiner Raum, in welchem ein Bett sowie ein kleines Sofa und ein kleiner Tisch Platz haben. Der Zufall verhalf Hora vor vier Jahren zu ihrer ersten eigenen Wohnung, nachdem sie 11 Jahre in einem Asylzentrum verbracht hatte.

In das Asylverfahren schaltet sich auch die UNO ein

«Ich arbeitete in der Pizzeria, die sich hier unten im Haus befindet und erfuhr, dass diese Wohnung frei wird», erzählt die 36-Jährige, die am Tisch Platz genommen und uns das Sofa überlassen hat. «Ich habe mich beworben und die Wohnung erhalten». Es fällt der Frau schwer, zu beschreiben, was das für sie bedeutet hat. Ihre Deutschkenntnisse reichen hierfür zu wenig weit.

Nachdem Hora 2003 als Tochter eines Oppositionellen in die Schweiz flüchten musste, erhielt sie zunächst einen negativen Bescheid auf ihr Asylgesuch. Die junge Frau legte Rekurs ein und es folgte eine Jahre andauernde rechtliche Auseinandersetzung, in welche sich zuletzt sogar die UNO einschaltete. «Zurück konnte ich nicht, aber hier sollte ich auch nicht bleiben», erinnert sich Hora an ihre Situation. Ihr Vater sass zum Zeitpunkt ihrer Flucht bereits im Gefängnis. Zu den restlichen Familienangehörigen verlor sie den Kontakt, nachdem ihr Onkel ihr die Flucht organisiert hatte. Weitere Familienmitglieder hatten damit rechnen müssen, verhaftet zu werden.

Ohne Ausweis keine Aussicht auf Beschäftigung

Nach ihrer Ankunft in der Schweiz lebte Hora in einem Aargauer Asylzentrum und musste sich mit 24 Personen eine Toilette teilen. Arbeiten durfte sie nicht, einen Deutschkurs besuchen ebenfalls nicht. Von Gesetzes wegen unterstehen Asylsuchende während der ersten drei Monate einem gesetzlichen Arbeitsverbot. Faktisch sei es aber so, dass sich für Flüchtlinge erst etwas bewege, wenn sie ihren Asylentscheid haben. «Und das kann ein, ja sogar bis zu zwei Jahre dauern», erklärte erst letztes Jahr noch Patrizia Bertschi, Präsidentin von «Netzwerk Asyl», gegenüber Horizonte. «Während dieser Zeit warten die Menschen, haben kaum Deutschkurse oder Beschäftigungsprogramme». Und für abgewiesene Asylsuchende wie Hora ist die Situation noch härter: Ihnen ist es ausdrücklich verboten, eine Erwerbstätigkeit auszuüben. Dies trifft selbst dann zu, wenn ein ausserordentliches Rechtsmittelverfahren eingeleitet und die Ausweisung deshalb gestoppt wurde.

Sieben Franken Nothilfe

Hora wehrte sich gegen ihre Ausschaffung – und das Rechtsmittelverfahren zog sich bis 2014 hin. Während dieser Zeit blieb sie im Asylzentrum und hatte pro Tag nur sieben Franken Nothilfe zur Verfügung. Im Jahre 2006 gelangte die junge Frau über eine Empfehlung an Caritas Aargau. Und via Caritas kam der Kontakt mit Iris Bäriswyl zustande. Letztere war Mitglied einer Gruppe kirchlicher Sozialarbeitender und Caritas-Mitarbeitender, die aufgrund der damaligen Verschärfung des Asylgesetzes die Öffentlichkeit sensibilisieren wollten.

«Hora ging es damals nicht gut», erinnert sich Iris Bäriswyl. Sie war vereinsamt und hatte keine Perspektive. Um Hora zu motivieren, nahm Iris Bäriswyl die junge Äthiopierin mit in ihre Pfarrei Brugg. Dort organisierte sie mit der Flüchtlingsfrau einen Äthiopisch-Kochkurs für Interessierte. Hora engagierte sich mit Begeisterung und genoss es, ihre Kultur den Pfarreimitgliedern näher zu bringen. «Als Geschenk für ihren Einsatz ermöglichte die Pfarrei der Asylsuchenden den Besuch eines Deutschkurses», erzählt Iris Bäriswyl. «Etwas später verloren wir uns leider aus den Augen.»

Nach 11 Jahren endlich das «humanitäre F»

Auch zu den Pfarreimitgliedern in Brugg entstanden keine anhaltenden Beziehungen. Hora blieb auf sich gestellt. Die Ungewissheit im laufenden Rekursverfahren, das schier endlose Warten, setzte Hora zu, sie wurde depressiv, nahm an Gewicht zu und kam in ärztliche Behandlung. «Ich musste Tabletten nehmen und erhielt im Asylzentrum ein Einzelzimmer», erinnert sich Hora. «Ich war oft traurig, hatte keine Hoffnung mehr und lag viel im Bett» erzählt sie. «Ich durfte ja nichts tun.»

2014 dann der Entscheid, das «humanitäre F» – die vorläufige Aufnahme aus humanitären Gründen. Hora durfte sich endlich Arbeit suchen. Einfacher gesagt als getan. Mit ihren geringen Deutschkenntnissen machte sie sich in Aarau auf die Suche und fand schliesslich zwei Jobs: Die reformierte Kirchgemeinde übertrug ihr Reinigungsarbeiten im Umfang von 30 Stunden im Monat, und in einer Pizzeria wurde die vorläufig Aufgenommene im Stundenlohn angestellt. «Unterstützung bei der Jobsuche erhielt ich von niemandem. Das habe ich allein geschafft. Und Sozialhilfe habe ich nie bezogen», erklärt Hora.

Überlebenskampf mit Stundenlohnjobs

Weil die Äthiopierin im Stundenlohn angestellt ist, kann sie nicht mit einem geregelten Einkommen rechnen. «Meist verdiene ich so zwischen 1’300 und 1’500 Franken im Monat», erzählt sie. Manchmal aber auch deutlich weniger. «Während der Sommerferien beispielsweise werde ich nicht gebraucht, da verdiene ich fast nichts». Eine unangenehme Situation in Anbetracht der Fixkosten, die da sind: 400 Franken Miete, Nebenkosten, Krankenkasse und andere Dinge, die es halt braucht.

Iris Bäryswil staunte nicht schlecht, als sie Hora nach über zehn Jahren wieder begegnete. Vor wenigen Wochen – beim Aufräumen und Ausmisten alter Akten – kam ihr die Handynummer von Hora wieder in die Hände. Spontan wählte die Diakonie-Verantwortliche die Nummer. Tatsächlich: Hora war noch immer unter dem notierten Kontakt erreichbar und freute sich riesig über den Anruf ihrer ehemaligen Bezugsperson, die für sie zu einer Freundin geworden war. Die beiden Frauen verabredeten sich sofort.

Die Caritas unterstützt die Weiterbildungspläne

«Sicherlich hat man bei der Integration von Hora zehn Jahre verloren», bedauert Iris Bäriswyl, «doch für mich ist es gleichwohl eine positive Geschichte. Hora hat sich allein durchgeschlagen und das Beste aus ihrer Situation gemacht.» Sie habe auch Pläne und wolle sich weiterentwickeln, freut sich Iris Bäriswyl «Mein Ziel ist eine Festanstellung in der Pflege», erklärt Hora. Da sich Hora die Ausbildungskosten allerdings nicht leisten kann (Anmerkung der Redaktion: Zwischen 2’000 und 3’000 Franken), hat sie erneut die Caritas um Hilfe gebeten. «Die übernehmen einen Teil der Kosten für den Pflegehelferkurs beim Roten Kreuz sowie nochmals für einen Deutschkurs, den ich vorab besuchen soll», erklärt Hora. Für den Pflegehelferkurs wird nämlich das Sprachniveau B1 vorausgesetzt. Mit dem erfolgreichen Abschluss dieser beiden Kurse hätte Hora nach 15 Jahren endlich die Chance, sich beruflich nachhaltig zu integrieren und ein sicheres Einkommen zu erwirtschaften.

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In der Pfarrei Brugg durfte Hora (Mitte) einen Äthiopisch-Kochkurs für Interessierte anbieten. Als Geschenk für ihren Einsatz ermöglichte die Pfarrei der Asylsuchenden den Besuch eines Deutschkurses. | © Iris Bäriswyl
Kochkurs für die Pfarrei
Seit 2014 hat Hora endlich eine eigene Wohnung. Diese finanziert  sich die gebürtige Äthiopierin mit zwei Jobs im Stundenlohn. | © Andreas C. Müller
In der eigenen Wohnung
 
Andreas C. Müller

Kommentar

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Im Falle der Äthiopierin Hora hat der Staat einem Menschen 11 Jahre gestohlen. Einer Frau, die nicht nur berechtigterweise Anrecht auf Asyl hat, sondern auch durchaus gewillt ist, sich zu integrieren. Es kann nicht angehen, dass Menschen auf Jahre hinaus in Asylzentren warten und weder arbeiten noch sich fortbilden können. Die Entscheide in Asylverfahren müssen rasch gefällt werden: Bei einem negativen Bescheid muss, wo dies möglich ist, konsequent rückgeführt werden oder die Person jenem europäischen Land überantwortet werden, wo sie als erstes ihr Asylgesuch gestellt hat. Wenn das nicht auf Anhieb möglich ist, müssen die Betroffenen bei uns eine Perspektive erhalten. Sie sollen lernen und arbeiten dürfen. Alles andere verstösst nicht nur gegen unsere humanitäre Tradition, sondern rächt sich später auch finanziell. Schlecht integrierte Flüchtlinge werden erwiesenermassen häufiger abhängig von Sozialhilfe. Und das kommt teurer als Integrationsmassnahmen.

 

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