Die Propstei Wislikofen als Kraftort? Horizonte hat der Ausstrahlung des Bildungshauses nachgespürt. Eine «tour d'horizon», in welcher der Glauben und das Gebet, aber auch die Geobiologie eine Rolle spielen. | © Marie-Christine Andres

Die Kraft der Propstei Wislikofen

Marie-Christine Andres Schürch, 19.4.18

 

  • Immer wieder wird die Propstei Wislikofen von Besuchern als Ort zum Innehalten, Entschleunigen und Auftanken gelobt.
  • Das Bildungshaus der römisch-katholischen Kirche im Aargau mit seiner reichen Vergangenheit scheint über eine besondere Ausstrahlung zu verfügen. Horizonte hat dieser Kraft der Propstei Wislikofen nachgespürt. Eine «Tour d’horizon», in welcher der Glaube und das Gebet, aber auch die Geobiologie eine Rolle spielen.

 

«Mich lässt erstaunen, welch viele Leiden in dieses Haus mit hineingetragen werden und wie viel Kraft, Zuversicht und Freude die Seminarteilnehmer mit hinausnehmen: Ein Stück Heilung.», schrieb eine langjährige Kursleiterin zum 40-Jahr-Jubiläum der Propstei Wislikofen 2016. Mit ihrem Eindruck steht die Verfasserin obiger Zeilen nicht alleine da: ein überwiegender Teil der Propstei-Besucherinnen und –besucher hebt die Ruhe und die stimmige Atmosphäre des alten Gebäudes hervor. Die Propstei Wislikofen sei ein Ort zum Innehalten und Energietanken. Im ehemaligen Benediktinerkloster mit seiner fast 900-jährigen Geschichte scheinen besondere Kräfte zu wirken. Der Begriff «Kraftort» drängte sich auf und veranlasste Horizonte, genauer nachzufragen.

Zonen mit erhöhter Energie

Die Geobiologie benutzt den Begriff «Kraftort» für Punkte und Zonen mit erhöhter natürlicher Energie. Weil in der Geobiologie die uns bekannten wissenschaftlichen Methoden an ihre Grenzen stossen, wird sie als «Grenzwissenschaft» oder Erfahrungswissenschaft bezeichnet. Die waadtländische Bauingenieurin und Geobiologin Blanche Merz leistete Pionierarbeit bei der Erforschung von Kraftorten. In ihrem Werk «Orte der Kraft in der Schweiz» aus dem Jahr 1998 schreibt sie: «Diese Energie, die sich nicht nur fühlen, sondern auch messen lässt, hat sich der Mensch zu allen Zeiten nutzbar gemacht.» Gemessen wird die Energie eines Ortes bis heute mit dem Biometer, einer Scheibe mit einer Messskala, die Energiezustände des Menschen aufnimmt und sichtbar macht. Die Energie wird in Boviseinheiten gemessen (siehe auch untenstehenden Ergänzungstext). Als Anzeige für die Boviseinheiten dient ein Pendel, das über der Scheibe schwingt.

Ein Kraftplatz mittlerer Intensität

Einen solchen Kraftplatz, der Menschen Energie zuführen kann, hat die Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz auch in der Propstei Wislikofen festgestellt. Die 2004 gegründete Institution testet und protokolliert die Strahlungsintensität und -qualität an ausgewählten Orten, die sie auf ihre kulturelle Geschichte hin untersucht. So auch die Propstei Wislikofen. Stellenleiterin Andrea Fischbacher erklärt: «Die Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz stellt in der Propstei Wislikofen einen Ort der Kraft in der Alten Sakristei fest.» Auf Nachfrage ergänzt die Religionswissenschafterin, Biografin und Schülerin von Blanche Merz, es handle sich beim gefundenen Kraftort um einen von mittlerer Intensität. Eine Zahl in Boviseinheiten nennt sie bewusst nicht, da es sich dabei um eine flexible Grösse handle, die von mehreren Faktoren beeinflusst werde. Jedoch sei die Energie im Vergleich zum umliegenden Gebiet an diesem Punkt konstant erhöht.

Wichtige Kultur- und Glaubensorte

Claudia Mennen schaut skeptisch. Seit 2007 leitet sie die Geschicke der Propstei Wislikofen. Dass sich ausgerechnet in der Alten Sakristei ein Kraftpunkt befinden soll, erstaunt sie. Denn dieser Raum war als einer der letzten erst im 17. Jahrhundert an die Kirchenfassade angebaut worden. Vorher war an dieser Stelle grüne Wiese. Jedoch ist die Alte Sakristei kein düsteres Umkleidekämmerlein. Der Raum mit seinem quadratischen Grundriss, den Kirchenfenstern und dem Deckengewölbe hat etwas Sakrales. Zonen mit erhöhter Energie befinden sich häufig in Sakralräumen, wie die Geobiologin und Kraftorteforscherin Blanche Merz in ihrem Buch festhielt. Die Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz betont auf ihrer Webseite die kulturgeschichtliche Bedeutung von Kraftorten: «An den bekannten Orten der Kraft fand seit der Jungsteinzeit die Entwicklung unserer Kultur statt. Die Erforschung von Orten der Kraft hat nichts mit Esoterik zu tun. Unsere Forschungsleistung ist eine rein kulturgeschichtliche. Ein gesellschaftlich genutzter Kraftort war ein Ort der Macht und des Glaubens. Die natürlichen Kräfte ermöglichten Handlungen, die der Gemeinschaft zugute kamen. Priesterinnen und Priester leiteten die Menschen an.

Kraft des Glaubens verwandelt den Raum

«Ich will die Wirkung von Kraftorten nicht verleugnen und habe solche Energien auch schon am eigenen Körper erfahren, etwa in der Emma-Kunz-Grotte und in der Ranftkapelle», sagt Claudia Mennen. «Das fand ich interessant, aber nicht lebensbeeinflussend. Kraft, Herausforderndes und Heilsames finde ich viel mehr im Bibliodrama, in der Meditation und im Austausch mit anderen Menschen«. Sie ist überzeugt davon, dass es einen Raum beeinflusst, was Menschen darin tun. «Die spirituellen Kurse prägen die Propstei und die Klosterarchitektur fördert die spirituelle Haltung der Teilnehmenden. «Dass Menschen hier in der Propstei Transzendierendes tun, beeinflusst die Atmosphäre viel stärker als ein geobiologischer Kraftort.» Als Beispiel nennt sie den im Jahr 2014 neu angebauten Benediktsaal: «In den wenigen Jahren hat sich die Qualität im Saal verändert. Ich finde, man kann spüren, dass darin 30 bis 40 Mal im Jahr Meditationen oder Bibliodrama stattfinden. Die Kraft der glaubenden Menschen hat den Raum verwandelt.»

Steingewordener Glaube

Mit dem vielfältigen Kursangebot, das spirituelle und transzendierende Erfahrungen ermöglicht, führt das Bildungshaus der katholischen Kirche im Aargau eine lange Tradition fort. Die Kraft der Gebete und des Glaubens wirken in der Propstei seit dem Jahr 1137, als Benediktiner aus St. Blasien das erste kleine Kloster errichteten. Bernhard Lindner, Mitarbeiter bei Bildung und Propstei, sagt: «Die Propstei ist ein Kraftort durch ihre jahrhundertealte christliche Tradition. Man steht quasi auf dem ‚Glaubensboden’ vieler Menschen, auf ‚heiligem Boden’, da Gottes Nähe immer wieder erfahren wurde.» Horizonte befragte Propstei-Besucher, ob und falls ja weshalb die Propstei für sie ein Kraftort sei. Die grosse Mehrheit bestätigte, dass der Ort ihnen neue Energie verleihe. Und fast alle merkten an, dass ihnen die alten Gemäuer ein Gefühl des Aufgehobenseins vermittelten.

Konflikte haben Spuren hinterlassen

Die reiche Vergangenheit scheint jedoch an einigen Stellen die Energie des Ortes zu beeinträchtigen, wie die Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz in ihrem Statement festhält: «Wie in allen geschichtsträchtigen Gebäuden sind auch in der Propstei nicht alle Plätze aufbauend und zum Wohlfühlen geeignet. Einerlei, ob die Konflikte die kirchlichen oder weltlichen Machtverhältnisse regelten, sie hinterliessen ihre Spuren. Die Besucherin, der Besucher wird im kontemplativ-entschleunigten Rahmen des einladenden Hauses lernen, achtsam auf die Kräfteverteilung zu reagieren und sich genau dort aufzuhalten, wo es ihr und ihm wohl ist.»

«Ach, Gott wohnt an diesem Ort»

Auch diesbezüglich ist Claudia Mennen kritisch: «Wir Menschen können durch unsere aufbauende Zuwendung Räume beseelen – auch schreckliche Orte». Und das «Wohlfühlen» ist ihr viel zu banal: «Leben heisst doch lieben und geliebt werden, es hat mit in-Beziehung-sein zu tun. Das ist viel mehr als wohlfühlen.» Deshalb sei ihr besonders wichtig, dass das Bildungshaus Menschen in Kontakt bringe. Der Aufenthalt in der Propstei gebe den Besucherinnen und Besuchern Kraft durch die Kombination von Ruhe, Geborgenheit und dem Seminarangebot. «Wunderschön finde ich, wenn beim Abschied jemand sagen kann: ‚Ach, Gott wohnt an diesem Ort – und ich wusste es nicht.’»

 

www.propstei.ch / www.kraftorte.ch

 

Kraftorte-Forschung in der Schweiz

Die Geobiologin Blanche Merz erklärte in ihrem Werk «Orte der Kraft in der Schweiz», dem Klassiker aus dem Jahr 1998: «Orte der Kraft sind als Teil eines umfassenden energetischen Zusammenspiels Quellen von Kraftlinien, die sich über alle Kontinente erstrecken. Um solche Orte festzustellen, ohne sich dabei einer Illusion oder Phantasie hinzugeben, stehen keine festen Analysemethoden noch Messinstrumente zur Verfügung, diese feinstofflichen Energien zu erfassen.»

Eine der besten bis jetzt zur Verfügung stehenden biophysikalischen Methoden, um die globale vibratorische Qualität eines Ortes mit unterschiedlichen Werten anzugeben, ist das sogenante Biometer mit Angaben in Bovismesseinheiten. Der französische Physiker Alfred Bovis, geboren 1871 in Nizza, arbeitete eine Skala aus, die nachträglich vom Ingenieur Simoneton geeicht wurde. Es ist eine mit Hilfe des radiästhetischen Pendels verfahrende Methode, die aber subjektiv bleibt, denn der Mensch ist das empfindlichste Messinstrument. Blanche Merz hielt fest, dass 6500 Boviseinheiten ein neutraler Wert sind. Ein guter Boden, eine gute Frucht oder ein gutes Nahrungsmittel zwischen 7000 und 9000 Boviseinheiten erreichten. Was unter dem neutralen Wert liegt, bedeutet Orte oder Gegebenheiten, die uns Energie entziehen. Andrea Fischbacher von der Forschungsstelle Kraftorte Schweiz merkt jedoch an, dass sich die Boviswerte im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte kontinuierlich erhöht haben, auf der ganzen Welt. Die Gründe dafür seien nicht bekannt. Somit seien die Boviswerte, welche Blanche Merz in ihrem Buch angibt, überholt. Die Forschungsstelle selber nennt für Kraftorte keine Zahlen: «Die Schwingungen eines Ortes können nicht mit einem fixen Wert versehen werden. Jeder Ort ist Teil eines dynamischen Systems, das schwankende Werte aufweist. Aus diesem Grund erfassen wir die Relationen von neutralen und effektiven Werten und erlangen auf diesem Wege signifikante Aussagen.», schreibt die Institution auf ihrer Webseite.

Die Forschungstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz existiert seit dem Jahr 2004. Geleitet wird sie von Dr. Andrea Fischbacher, Religionswissenschafterin, Biografin und Schülerin von Blanche Merz. Blanche Merz‘ Basisarbeit wird hier weitergeführt und im Sinne der Naturwissenschafterin und Geobiologin stetig um neue Forschungsergebnisse erweitert. Das Vorgehen richtet sich nach wissenschaftlichen Kriterien.

 

Orte der Kraft im Aargau

 

Die Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz bietet folgende Führungen zu Kraft- und Kulturorten im Aargau an:

-Bad Zurzach mit Verenamünster und ehemaliger Quelle
-Königsfelden / Vindonissa
-Linner Linde – der Kultbaum
-Buschberg / Martinsweg
-Baden / Tüfelschäller
-Bremgarten Kirchenbezirk
-Oberlunkhofen – Steinkreissystem
-Jonental
-Auw – Geburtsort der Heiligen Bernarda
-Kloster Gnadenthal, Niederwil
-Kloster Hermetschwil
-Sarmenstorf-Rundweg
-Villmergen-Titistei
-Schloss Hallwyl-Titistei
-Vom Erdmannli- zum Bettelstein
-Habsburg – die Stammburg
-Staufberg – der alte Heiligenberg
-Staffelbach – Kulthügel – Kultsteine
-Rund um den sagenhaften Egelsee
-Zisterzienserkloster Wettingen
-Wettinger Sulperg mit kleiner Baumkathedrale
Weitere Infos auf www.kraftorte.ch
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«In gutem Abstand zum Betrieb in der Stadt, eingebettet in die Natur»: Viele Gäste geniessen die Abgeschiedenheit der Propstei Wislikofen. | © Marie-Christine Andres
Abgeschiedenheit und Natur
Seit 40 Jahren ist die Propstei Wislikofen das Bildungshaus der römisch-katholischen Kirche im Aargau. | © Werner Rolli
Seit 40 Jahren Bildungshaus
Die Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz hat in der Alten Sakristei in der Propstei Wislikofen einen Kraftpunkt mittlerer Intensität festgestellt. | © Marie-Christine Andres
Beschilderung in der Propstei
Die Alte Sakristei war erst im 17. Jahrhundert nachträglich an die Ostfassade der Kirche angebaut worden. | © Marie-Christine Andres
Eingang zur Alten Sakristei
Claudia Mennen leitet seit 2007 die Geschicke der Propstei Wislikofen. Die Alte Sakristei benützt sie oft für die Arbeit mit ihren Kursgruppen. | © Marie-Christine Andres
Claudia Mennen
Die Sakristei ist ein hoher Raum mit einem quadratischen Grundriss, einem zentralen Gewölbe darüber und zwei Kirchenfenstern. Der Raum hat etwas Sakrales. | © Marie-Christine Andres
Sakral geprägter Raum
1137 wurde an der Stelle der heutigen Propstei das erste Kloster erbaut. | © Marie-Christine Andres
Steingewordener Glaube
«Die Propstei ist ein Kraftort durch ihre jahrhundertealte christliche Tradition. Man steht quasi auf dem ‚Glaubensboden’ vieler Menschen, auf ‚heiligem Boden’, da Gottes Nähe immer wieder erfahren wurde.», sagt Bernhard Lindner von der Fachstelle Bildung und Propstei. | © Marie-Christine Andres
Stimmige Atmosphäre
Die Kraft des Glaubens und der Gebete wirken in der Propstei seit fast 900 Jahren. Die vielen spirituellen und transzendierenden Seminarangebote der Propstei setzen diese Tradition fort. | © Marie-Christine Andres
Transzendierendes tun
«Wie in allen geschichtsträchtigen Gebäuden sind auch in der Propstei nicht alle Plätze aufbauend und zum Wohlfühlen geeignet. Einerlei, ob die Konflikte die kirchlichen oder weltlichen Machtverhältnisse regelten, sie hinterliessen ihre Spuren. Die Besucherin, der Besucher wird im kontemplativ-entschleunigten Rahmen des einladenden Hauses lernen, achtsam auf die Kräfteverteilung zu reagieren und sich genau dort aufzuhalten, wo es ihr und ihm wohl ist.», schreibt die Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz. | © Marie-Christine Andres
Auf die Kräfteverteilung achten
Auf einen Kraftort reagiert jeder Mensch individuell. Es gibt auch Gäste, die in der Propstei nicht so gut schlafen. Sie habe das Gefühl, «energetisch geladen» zu sein und träume jeweils intensiv, berichtet eine Besucherin. | © Marie-Christine Andres
Kraftort wirkt individuell
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