Während Europa weiter um Länderquoten für die Aufnahme von Flüchtlingen streitet, hat Papst Franziskus einen eigenen Schlüssel für ihre Verteilung ins Spiel gebracht: «Jede Pfarrei, jede Gemeinschaft, jedes Kloster und jeder Wallfahrtsort möge eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen». Mit dieser Aufforderung nach dem Mittagsgebet auf dem Petersplatz sorgte er am Sonntag, 6. September, für Aufsehen. Der Vatikan will mit dem guten Beispiel vorausgehen. |© Roger Wehrli

Konkrete Schritte geplant

Schweizer Pfarreien hören Papstappell und wollen Flüchtlinge aufnehmen

kath.ch / mca, 10.9.15

Am Wochenende hat Papst Franziskus alle Pfarreien weltweit aufgerufen, Flüchtlinge aufzunehmen. Wie eine Recherche von kath.ch zeigt, sind in den Bistümern St. Gallen und Basel konkrete Schritte zur Unterbringung von Flüchtlingen geplant. Die katholischen Pfarreien und Institutionen folgen damit dem Aufruf des Papstes, jede Pfarrei solle eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen.

Während Europa weiter um Länderquoten für die Aufnahme von Flüchtlingen streitet, hat Papst Franziskus einen eigenen Schlüssel für ihre Verteilung ins Spiel gebracht: «Jede Pfarrei, jede Gemeinschaft, jedes Kloster und jeder Wallfahrtsort möge eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen». Mit dieser Aufforderung nach dem Mittagsgebet auf dem Petersplatz sorgte er am Sonntag, 6. September, für Aufsehen. Der Vatikan will mit dem guten Beispiel vorausgehen. Franziskus kündigte am Sonntag an, dass auch die beiden dortigen Pfarreien, Sankt Peter und Sankt Anna, jeweils eine Familie aufnehmen wollen. Einzelheiten dazu werden nach vatikanischen Angaben jedoch erst später bekanntgegeben. Das sind rund ein Dutzend Flüchtlinge mehr, die sich nicht mehr um eine Unterkunft sorgen müssen, und ein Argument weniger für die italienische Partei «Lega Nord». Sie hatte Franziskus vorgeworfen, Italien zur Aufnahme von mehr Flüchtlingen aufzurufen, obwohl der Vatikan selbst überhaupt keine Flüchtlinge aufnehme. Der Osservatore Romano von Dienstag präzisiert, dass die Unterkünfte für die Flüchtlinge in unmittelbarer Nähe des Vatikan sein sollen, in vatikaneigenen Wohnungen, offenbar also nicht im Vatikan selbst.

600’000 Menschen fänden so einen Platz
Würden alle katholischen Gemeinden in Europa dem päpstlichen Aufruf Folge leisten, hätten bald 600’000 Flüchtlinge eine vorübergehende Bleibe. Diese Zahl ergibt sich dann, wenn man für jede der europaweit 142’600 Pfarreien und weiteren Seelsorgeeinheiten die Unterbringung einer mindestens vierköpfigen Familie annimmt. Allein für Italien, wo mit Abstand die meisten Flüchtlinge ankommen, würde dies die Aufnahme von mehr als 100’000 Flüchtlingen in kirchlichen Einrichtungen bedeuten. Bislang ist man davon jedoch noch weit entfernt. Insgesamt haben zwischen Verona und Palermo derzeit 15’000 Flüchtlinge eine Unterkunft in Pfarreien, Klöstern oder anderen kirchlichen Einrichtungen gefunden, wie Giancarlo Perego, der Leiter der Flüchtlingsstelle der Italienischen Bischofskonferenz, am Montag auf Anfrage des CIC mitteilte. Rund 8‘000 davon seien in Pfarreien untergebracht. Der Geistliche hofft jedoch, dass die Aufforderung des Papstes dazu führt, dass sich diese Zahl bald erhöht.

Reaktionen in der Schweiz
«Im Bistum St. Gallen gibt es bereits drei grössere Institutionen, die bereit sind, rund 70 Flüchtlinge aufzunehmen,» bestätigt Sabine Rüthemann, Sprecherin des Bistums St. Gallen, auf Anfrage von kath.ch. Die Herausforderung im Bistum bestehe derzeit darin, die verschiedenen Initiativen miteinander zu koordinieren. «Bei uns übernimmt die Caritas St. Gallen Appenzell die Koordination.» Es sei auch eine ökumenische Zusammenarbeit in Gange gekommen.

Bistum St. Gallen steht voll hinter Papstappell
Im Vordergrund steht laut Sabine Rüthemann derzeit die Notaufnahme von Flüchtlingen. Eine beachtliche Anzahl von Seelsorgeeinheiten und Kirchgemeinden habe sich gemeldet, um Flüchtlinge unterzubringen. Es werde derzeit abgeklärt, ob es von Seiten der Kantone St. Gallen und Appenzell möglich ist, in dieser Form beispielsweise einzelne Familien oder kleine Gruppen von Flüchtlingen aufzunehmen oder ob einzig Flüchtlinge berücksichtigt werden können, die nach dem Asylverfahren zumindest vorläufig aufgenommen sind.  «Wir unterstützen die Aussage von Papst Franziskus voll und ganz. Wir ermutigen die Seelsorgeeinheiten und Kirchgemeinden zum Engagement», hält Sabine Rüthemann fest. Bereits am 15. August habe Bischof Markus Büchel gemeinsam mit Hans Wüst, dem Präsidenten des katholischen Konfessionsteils im Kanton St. Gallen, einen Brief an die Seelsorgenden und Kirchenverwaltungsräte geschickt. Eine Broschüre mit Handlungshilfen zur Aufnahme von  Flüchtlingen ist in einer Neuauflage erschienen, die die wichtigsten Fragen beantwortet. «Diese Broschüre der Ökumenischen Kommission für Asyl- und Flüchtlingsfragen ist ein wichtiger Beitrag», so Sabine Rüthemann.

Bischof Felix Gmür öffnet seine Türen
Im Bistum Basel hat vor allem die Ankündigung des Bischofs Furore gemacht, das Schloss Steinbrugg als Aufnahmeort für Flüchtlinge bereitzustellen. Heute Dienstag, 8. September, sollen  diesbezüglich Gespräche mit den Behörden stattfinden, wie die «Sonntagszeitung» meldete. «Der Betrieb muss weiterlaufen können und gleichzeitig muss für die Flüchtlinge eine gewisse Privatsphäre gewährleistet sein», erklärte Bistumssprecher Hansruedi Huber am 28. August gegenüber kath.ch. Entsprechende Varianten würden derzeit geprüft. Deshalb könne er noch nicht sagen, wie viele Personen allenfalls aufgenommen werden könnten. Der Bischof selber wohne nicht in diesem Haus, sondern gegenüber. Die Flüchtlinge kämen jedoch in die direkte Nachbarschaft des Ordinariatsgebäudes. Bischof Felix Gmür hatte bereits in der Chrisam-Messe vor Ostern die Seelsorgenden seines Bistums aufgerufen, sich für Unterkünfte für Flüchtlinge zu engagieren. Im Kanton Luzern seien Kirchgemeinden in einem Brief aufgefordert worden, geeignete leerstehende Gebäude und Parzellen dem Kanton zu melden, bestätigte Hansruedi Huber gegenüber kath.ch seine Aussage in der Solothurner Zeitung vom 27. August. Viele Pfarreien und Kirchgemeinden seien dem Aufruf des Bischofs gefolgt oder hätten gar Flüchtlinge aufgenommen. Aus dem Bistum Chur ist zu vernehmen, dass der Bischofsrat noch in dieser Wochen tagen wird, um konkrete Massnahmen zu besprechen.

Barmherzigkeit ist der zweite Name von Liebe
»Ich richte mich an meine Brüder Bischöfe von Europa, dass sie in ihren Diözesen diesen meinen Appell unterstützen, und daran erinnern, dass Barmherzigkeit der zweite Namen von Liebe ist». Mit diesen Worten hatte der Papst am 6. September alle Pfarreien, religiösen Gemeinschaften, Klöster und Heiligtümer in Europa aufgerufen, eine Flüchtlingsfamilie aufzunehmen.

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