06.08.2020

5G fordert Kirchgemeinden heraus

Von Marie-Christine Andres Schürch

  • Die Netzbetreiber Swisscom, Sunrise und Salt sind auf der Suche nach neuen Standorten für Mobilfunkanlagen.
  • Anfragen von Telekomfirmen gelangen auch an Kirchgemeinden, da Kirchtürme aus technischer Sicht ideale Antennenstandorte sind.
  • Eine solche Anfrage kann für Kirchenpflegen bedeuten, sich einer emotional geführten Debatte auszusetzen, die medizinische, ethische und spirituelle Fragen betrifft.

 

Vor einem Jahr berichtete Horizonte über die neue Mobilfunkgeneration 5G. Im Zentrum stand die Frage, wie begehrt und geeignet Kirchtürme als Antennenstandorte sind. Das Departement für Bau, Verkehr und Umwelt schätzte damals, dass von den 900 Mobilfunkanlagen im Kanton Aargau «maximal 5 bis 10» auf Kirchtürmen stehen. Das entsprach einem Anteil von etwa einem Prozent. Gesamtschweizerisch befinden sich aktuell rund 80 Antennen auf Kirchtürmen. Die Recherche vor Jahresfrist zeigte, dass sich Kirchtürme dank ihrer zentralen Lage und ihrer Höhe sehr gut als Mobilfunkstandorte eignen. Offen blieb jedoch die Frage, ob sich eine Antenne auf dem Kirchturm aus medizinischer und ethischer Sicht vertreten lässt.

 Schleppend statt Hispeed

Aufgrund der Entwicklungen in der 5G-Debatte in der Schweiz im vergangenen Jahr (siehe Seitentext rechts) dürfte die Zahl der Kirchgemeinden zunehmen, welche sich solche Grundsatzfragen stellen müssen. Denn Swisscom, Sunrise und Salt stehen unter Druck, rasch neue Standorte zu finden – laut Schätzung des Branchenverbands der Telekomanbieter braucht es mehr als 15’000 neue Antennen. Der Ausbau des Netzes kommt schleppend voran, Einsprachen und Moratorien bremsen die Netzwerkanbieter aus. Sunrise-Sprecher Rolf Ziebold gibt zu, dass die momentane Situation frustrierend ist: «Weil die Grenzwerte nicht erhöht werden, braucht es viele neue Standorte. Die Anzahl geeigneter Gebäude ist begrenzt, die Suche schwierig.»

«Ein emotionales Thema»

Sunrise betreibt landesweit 20 Sendeanlagen auf Kirchtürmen, zwei davon im Aargau. Keine der angefragten Telekomfirmen verrät, auf welchen Aargauer Kirchtürmen sie Antennen platziert hat. Nach Medienberichten zu schliessen, stehen Anlagen auf den Kirchtürmen von Abtwil, Leuggern, Würenlingen und Rohrdorf.

Anfragen erhielten jedoch weitere Kirchgemeinden: Die römisch-katholische Kirchgemeinde Kaiseraugst hat eine Anfrage von Swisscom im November 2019 abgelehnt, die reformierte Kirchgemeinde Zofingen erhielt ebenfalls 2019  eine Anfrage von Sunrise für die Errichtung einer Antenne im Turm der reformierten Kirche Vordemwald. Die Kirchenpflege brachte das Begehren vor die Kirchgemeindeversammlung. Das Protokoll der Versammlung hält fest: «Die Errichtung einer Mobilfunkantenne ist ein emotionales Thema.»

Die Fragen kamen mit Verspätung

Dass Handyantennen die Emotionen hoch gehen lassen, musste die katholische Kirchenpflege Lengnau erfahren. An der Kirchgemeindeversammlung 2018 hatte sie über Vertragsverhandlungen mit Salt informiert. Vorangegangen waren Abklärungen bezüglich der im Kirchturm nistenden Mauersegler. «An dieser Kirchgemeindeversammlung kamen keine Fragen», erinnert sich Kirchenpflegemitglied August Schubiger. Die Debatte begann ein Jahr darauf. Die Gemeinde erteilte zwar die Baubewilligung, es gingen aber rund 200 Einsprachen gegen die geplante Antenne ein. Im letzten Dezember hatte der Lengnauer Gemeindeschreiber Anselm Rohner gegenüber der Aargauer Zeitung erläutert: «Halten sich die Mobilfunkanbieter an das Gesetz, kann eine Gemeinde ein Baugesuch für eine Antenne gar nicht ablehnen.» Momentan liegt die Sache beim Kanton, es handelt sich um ein laufendes Verfahren.

Sorgfältige Kommunikation ist gefragt

Die Kirchenpflege Lengnau bemühte sich um eine sachliche Diskussion. August Schubiger, der sich früher als ETH-Professor für radioaktive Arzneimittel über den diagnostischen und therapeutischen Aspekt von Strahlung forschte, setzte auf Fakten und die Information der Leute. «Die Kirchenpflege merkte, dass es wichtig ist, die Fragen ernst zu nehmen und nach bestem Wissen und Gewissen zu beantworten. Diejenigen, die sich interessierten, hatten die Möglichkeit, den Vertrag mit Salt einzusehen und Fragen dazu zu stellen.»

Entscheidet vor allem das Geld?

Laut Rolf Ziebold, Mediensprecher von Sunrise, zahlen die Mobilfunkanbieter «marktübliche Mietpreise» für ihre Antennenstandorte. Die Einnahmen für eine Kirchgemeinde mit Antenne im Kirchturm bewegen sich zwischen 6000 und 9000 Franken.

August Schubiger betont, der finanzielle Aspekt sei nicht ausschlaggebend gewesen, in die Verhandlungen einzusteigen: «Wir hatten den Gedanken, etwas Nützliches zu tun.» Der Betrag von 9000 Franken jährlich mache einen sehr kleinen Teil des Gesamtbudgets aus. «Wir würden uns nicht kaufen lassen, könnten wir nicht grundsätzlich hinter dieser Antenne stehen.» Ähnlich äusserte sich Beat Elsener, Kirchenpflegepräsident von Leuggern, gegenüber der Aargauer Zeitung: Die Entschädigung sei eine angenehme Einnahmequelle, «aber sie war nicht allein der Treiber beim Entscheid für die Antenne.»

Vertrag nur mit Anwalt

Die Kirchenpflege Rohrdorf bekommt jährlich 7000 Franken für die Sendeanlage im Turm der Kirche St. Martin. Diese sendet momentan mit 4G. Kirchenpflegepräsidentin Rita Wildi erklärt: «Im laufenden Vertrag ist festgehalten, dass eine Aufrüstung auf 5G nicht ohne Neuverhandlung möglich ist. Diese Verhandlungen werden in absehbarer Zeit auf uns zukommen.» Den neuen Vertrag wird die Kirchenpflege mit Hilfe eines Fachanwalts erarbeiten: «Die Verträge sind umfangreich und erfordern einiges an Fachwissen», sagt Rita Wildi.

Bereits hat die Kirchenpflege Rohrdorf eine weitere Anfrage einer Telekomgesellschaft auf dem Tisch: Sunrise will von der Kirchgemeinde das Wegrecht für den Zugang zu einem Strommast in Remetschwil erwerben, um dort eine Antenne zu platzieren.

«Sache der Kirchgemeinden»

Wie soll eine Kirchenpflege mit solchen Anfragen umgehen? Von Seiten der Landeskirchen gibt es keine Richtlinien. Der Tagesanzeiger schrieb im Juni 2019: «Das basisdemokratische Gefüge der katholischen und reformierten Landeskirchen verhindert, dass sich die Organisationen (gemeint sind die Landeskirchen, Anm. d. Red.) des Themas Mobilfunkantennen und 5G auf nationaler und kantonaler Ebene annehmen können. ‹Es gibt keine offizielle Position der Römisch-Katholischen Zentralkonferenz›, sagt Generalsekretär Daniel Kosch. ‹Das ist Sache der Kirchgemeinden.›»

Pfarreien sind häufig gespalten

Konkreter äussert sich das Bistum. Im Juni 2019 liess Generalvikar Markus Thürig verlauten, das Bistum Basel rate vom Einbau von 5G-Antennten in Kirchtürmen ab. Solange gesicherte Werte über die gesundheitlichen Langzeitschäden nicht vorliegen, halte das Bistum an seiner Position aus dem Jahr 2014 fest. Das wichtigste Argument des Bistums ist jedoch ein anderes. Markus Thürig gab zu bedenken, «dass solche Projekte regelmässig die Pfarreien zwischen Befürwortern und Gegnern spalten.» Den Pfarreifrieden aufs Spiel zu setzen, scheint dem Bistum ein zu hoher zu sein Preis für ultraschnelles Internet.

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