Die Aargauer Pastoralkonferenz traf sich am Mittwoch, 20. November, in der Propstei Wislikofen, um über das Thema «Kirche und Digitalisierung» zu diskutieren. | © Marie-Christine Andres

Seelsorge: Der Digitalisierung bewusst begegnen

Marie-Christine Andres Schürch, 27.11.19
  • Soll ich Freundschaftsanfragen von Firmanden auf Facebook annehmen? Auf welchem Kanal erreichen Katechetinnen ihre Schüler? Dürfen Bischöfe twittern? Mit solchen Fragen befasste sich die Aargauische Pastoralkonferenz an einer Tagung in der Propstei Wislikofen zum Thema «Digitalisierung in der Kirche».
  • Rund 70 Seelsorgerinnen und Seelsorger diskutierten in verschiedenen Ateliers über Lust und Frust der Digitalen Revolution.

 

«Eigentlich ist es wie beim Skifahren», verglich Urs Stadelmann, «man müsste zuerst einen Einstufungstest machen.» Damit illustrierte der Referent, wie unterschiedlich das Vorwissen im Bereich der digitalen Medien bei seinen Zuhörern meistens ist. Während die einen unsicher im Stemmbogen herumrutschen, kurven andere bereits schwungvoll die schwarze Piste hinunter. So sassen auch an der Tagung in der Propstei Wislikofen Seelsorgende, die knapp eine Whatsapp-Nachricht tippen können, neben solchen, die eine Pfarreiwebseite programmieren.

Wir leben in verschiedenen Welten

Urs Stadelmann, Verantwortlicher für die Bereiche Pastoral und Kirchliche Medien bei der Römisch-Katholischen Landeskirche Luzern, machte klar, dass die Digitalisierung nicht als Entwicklung, sondern als Revolution verstanden werden muss. Innerhalb von zehn Jahren haben Computer, Handy und Internet unseren Alltag radikal verändert.

Wie die Digitalisierung die Gesellschaft beeinflusst, hatte zuvor schon Manuela Specker von Caritas Schweiz in ihrem Vortrag skizziert. Digitale Medien schaffen in einem gewissen Sinn unterschiedliche Realitäten: Geben zwei Personen den gleichen Suchbegriff in eine Suchmaschine ein, zeigen ihre Geräte nicht die gleichen Treffer an. «Dieser Tatsache kann man sich nicht verschliessen. Doch es ist wichtig, ein Bewusstsein für den richtigen Umgang mit digitalen Medien zu entwickeln», lautete das Fazit von Jugendseelsorger Thomas Scheibel nach diesem ersten Vortrag.

38 Millionen WhatsApp-Nachrichten pro Minute

In welchem Mass digitale Medien unser Leben bestimmen, zeigte Urs Stadelmann im zweiten Referat anhand einiger Zahlen. Im Jahr 2018 wurden in einer Minute 4,3 Millionen Videos auf Youtube angeschaut, 3,7 Millionen Suchanfragen in Google getippt und 38 Millionen Whatsapp-Nachrichten verschickt. Wie aus einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik aus dem Jahr 2017 hervorgeht, haben bis zu 99 Prozent der 15- bis 54-jährigen Schweizer einen Internetzugang. Ausgehend von diesen digitalen Tatsachen stellte der Referent einige digitale Trends wie TikTok oder Segnende Roboter vor.

Urs Stadelmanns Ausführungen und die anschliessende Diskussion zeigten, dass die Digitalisierung für Pfarreien nicht bloss eine Chance ist, sondern ein Muss: «Die Digitalisierung ist längst Tatsache, man kann sich ihr gar nicht entziehen», meinte ein Pastoralassistent. Urs Stadelmann, ausgebildeter Religionspädagoge mit einer Weiterbildung in Medienpädagogik, forderte, dass die Kirche einen Grundsatzentscheid fällen müsse: Neue Medien ja oder nein? Laute die Antwort «ja», dann müsse eine Pfarrei dies auch richtig anpacken.

Lebensnahe Artikel und Videos sind gefragt

Der grösste Teil der Pastoralräume, Pfarreien und Kirchgemeinden hat eine eigene Webseite. Diese muss gut auffindbar sein und die Menschen mitten in ihrem Leben mit ihren Fragen, Sorgen, Gedanken und Hoffnungen erreichen. Gefragt sind lebensnahe Artikel und Videos in einer leicht verständlichen Sprache. Menschen interessieren sich für die Lebenserfahrungen und Meinungen anderer. Austausch und Begegnung sollen auch online möglich und lustvoll sein. Als Beispiel zeigte Urs Stadelmann die Plattform kirche-wirkt.ch der katholischen Kirche im Kanton Luzern.

Gute Erfahrungen machen Kirchgemeinden mit niederschwelligen Angeboten, welche die Mitglieder einfach und unverbindlich nützen können, ohne sich zu registrieren oder anzumelden. Urs Stadelmann nannte als Beispiele einen digitalen Adventskalender oder eine Kaffeekarte mit QR-Code fürs Kirchenkaffee. Zentral dafür, dass die Digitalisierung für die Kirche eine Chance sein kann, ist die Medienkompetenz. Sie bedeutet, dass Seelsorger, Jugendliche, Eltern und Kinder Medien im Alltag nutzen, ihre Mechanismen verstehen und die Medien gestalten können.

Zwiespältige Gefühle bei den Seelsorgenden

Die Diskussion im Anschluss ans Referat sowie die Austauschrunden am Nachmittag zeigten, dass unter den Aargauer Pastoralmitarbeitern die Digitalisierung zwiespältige Gefühle hervorruft. Das unkontrollierbare Sammeln von Daten macht vielen Sorgen. Zwar sei ein digitaler Überwachungsstaat, wie er in China bereits etabliert ist, in der Schweiz schwer vorstellbar, doch wer sich auf eine Stelle bewerbe, werde ja auch hierzulande gegoogelt. «Und wenn dann die falschen Fotos auftauchen, fällt der Bewerber durchs Raster», brachte eine Diskussionsteilnehmerin ein. Und ein anderer ergänzte: «In irgendeiner Cloud werden via Smartwatch alle möglichen Körperdaten gespeichert.»

«Klar, Whatsapp und Co. sammeln unsere Daten. Doch soll ich diese Dienste deshalb nicht mehr nützen?», fragte eine Katechetin rhetorisch. Peter Michalik, Mitarbeiter der Fachstelle Bildung und Propstei zog einen Vergleich: «Im Strassenverkehr sterben Menschen. Deshalb verzichte ich aber nicht aufs Autofahren, sondern passe mein Verhalten so an, dass die Gefahr kleiner wird. So sollten wir doch auch mit den digitalen Medien umgehen.»

Erst nachdenken, dann posten

Anlass zu Kontroversen gab die Frage, wie Katecheten und Jugendseelsorger mit Freundschaftsanfragen Jugendlicher umgehen sollen. «Ich nehme Freundschaftsanfragen nicht an, weil ich den Anspruch habe, mich bei meinen Freunden einzumischen, wenn sie Dinge posten, mit denen ich nicht einverstanden bin. Freundschaftsannahme bedeutet eine gewisse Verantwortung!», zeigte sich eine Katechetin überzeugt. Ivo Bühler, kirchlicher Jugendarbeiter, meinte: «Ich nehme Freundschaftsanfragen an. Das Bild, das ich auf meinem Profil von mir abgebe, bestimme ich. Wer sich in den Unterhosen fotografieren lässt, ist definitiv selber schuld.»

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Urs Stadelmann, bei der Römisch-Katholischen Kirche im Kanton Luzern verantwortlich für den Fachbereich Pastoral / Kirchliche Medien. | © Marie-Christine Andres
Gespräch nach dem Vortrag
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Pastoralkonferenz liessen sich mit grosser Offenheit auf das Thema Kirche und Digitalisierung ein.   | © Marie-Christine Andres
Anschauungsmaterial
Der Vorstand der Pastoralkonferenz freute sich über die gute Altersdurchmischung bei den Teilnehmern.  | © Marie-Christine Andres
Rund 70 Teilnehmer
Die beiden Referenten Manuela Specker und Urs Stadelmann gaben zahlreiche Lektüre- und Nachschlagetipps.  | © Marie-Christine Andres
Analoge Medien zur Digitalisierung
Ob auf Instagram oder auf der Pfarreiwebseite: Gutes Bildmaterial ist unverzichtbar.  | © Marie-Christine Andres
Dokumentation
Das Atelier «Best practice» unter der Leitung von Jessica Zemp brachte bewährte digitale Lösungen aus dem Pfarreialltag zur Sprache.  | © Marie-Christine Andres
Atelierrunde
Begeisterung und Ernüchterung im Umgang mit neuen Medien kamen gleichermassen zur Sprache.  | © Marie-Christine Andres
Aha-Erlebnisse

Buchtipp zur Digitalisierung

Das Buch von Andre Wilkens analysiert klug und unterhaltsam. | © SCREENSHOT

In seinem Referat an der Pastoralkonferenz empfahl Urs Stadelmann von der Römisch-Katholischen Landeskirche des Kantons Luzern das Buch «Analog ist das neue Bio». Der Autor Andre Wilkens bietet einen Überblick über das Thema Digitalisierung. Unterhaltsam schreibt er über unseren digitalen Alltag und analysiert, wie das digitale Zeitalter unser Leben und Denken verändert hat. Das Buch mit dem Untertitel «Ein Plädoyer für eine menschliche digitale Welt» fragt, welchen Einfluss die Entwicklung auf Familien, auf das soziale Miteinander, auf die Arbeitswelt, die Wirtschaft und die Organisation unserer Nationalstaaten hat. Welche Ideen sind notwendig, um in dieser digitalen Welt menschlich, demokratisch und sozial gerecht zu leben?

Der Autor Andre Wilkens hat Jahrgang 1963 und ist in Ostberlin aufgewachsen und lebt in Berlin. Der studierte Politikwissenschaftler lebte in Brüssel, London, Turin und Genf. Dort arbeitete er für die Europäische Union, für Stiftungen und die UNO. Er ist Mitglied der Initiative «Die offene Gesellschaft».

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