Wer je ein Pfadilager oder ein Sommerlager von Jungwacht Blauring erleben durfte, weiss um die unbezahlbaren Erlebnisse, die ein «Sola» bietet. Freundschaften und Freiheiten weit weg von elterlicher Aufsicht bereichern die Kinder fürs Leben. So gesehen können die Solas mit gutem Gewissen als nachhaltig bezeichnet werden. Dass aber die Lager auch in ökologischer und sozialer Hinsicht nachhaltiger werden, dafür sorgt das Projekt «Faires Lager». | © Serena Notter, Faires Lager

Ab ins Sola – aber fair!

Das Projekt «Faires Lager» ist auf dem Vormarsch

Marie-Christine Andres Schürch, 13.7.17

Wer je ein Pfadilager oder ein Sommerlager von Jungwacht Blauring erleben durfte, weiss um die unbezahlbaren Erlebnisse, die ein «Sola» bietet. Freundschaften und Freiheiten weit weg von elterlicher Aufsicht bereichern die Kinder fürs Leben. So gesehen können die Solas mit gutem Gewissen als nachhaltig bezeichnet werden. Dass aber die Lager auch in ökologischer und sozialer Hinsicht nachhaltiger werden, dafür sorgt das Projekt «Faires Lager».

Eingeseift stehen die Jungwächter von Windisch auf ihrem Lagerplatz im Kanton Baselland. Sie freuen sich über den heftigen Platzregen. Als sich wenig später die Wolken verziehen, sind alle – im wahrsten Sinne des Wortes – frisch geduscht. Weil die Schar auf dem Lagerplatz kein fliessendes Wasser hat, spart sie mit der Regendusche wertvolles Wasser. Lagerleiter Benjamin Eberhardt erklärt: «Alles Wasser, das wir zum Kochen und Waschen brauchen, kommt aus unserem 1000-Liter-Tank.» Ist der Tank leer, bringt der Platzvermieter mit dem Gabelstapler wieder einen vollen. 50 Franken zahlt die Schar für tausend Liter Wasser. Etwa anderthalb Tage reiche eine Tankfüllung schätzt der Lagerleiter. Und er fügt an: «Fliessendes Wasser ist wahrscheinlich der meistunterschätzte Luxus.»

Mehr als drei Planeten wären nötig

Genau dieses Bewusstsein will das Projekt «Faires Lager» mit seiner Arbeit fördern. Es setzt sich dafür ein, dass Jugendliche für globale Zusammenhänge sensibilisiert werden und bewusster und nachhaltiger konsumieren. «Denn wenn alle so leben würden wie wir in der Schweiz, bräuchten wir die Ressourcen von 3,3 Planeten.», steht auf der Webseite www.faires-lager.ch Dort wird auch erklärt, was mit «Nachhaltigkeit» gemeint ist: «Eine Lebensweise, welche die natürlichen Ressourcen in dem Masse beansprucht, wie sie auch wiederhergestellt werden können.»

Kein moralischer Zeigefinger

«Nachhaltig» gilt als Unwort. Es wird so häufig verwendet, dass die Bedeutung diffus wird und der Begriff abschreckend wirkt. Helen Joss ist Projektverantwortliche und sagt: «Nachhaltigkeit soll bei uns keinesfalls mit dem moralischen Zeigefinger, sondern mit positiver Energie und Erfindergeist gleichgesetzt werden.» Hinter dem Projekt stehen fünf Organisationen: youngCaritas, die Pfadibewegung Schweiz, das Fastenopfer, die Katholische Kirche Stadt Luzern sowie Jungwacht Blauring Schweiz bilden zusammen die Trägerschaft von «Faires Lager». Was im Sommer 2014 auf Initiative der Katholischen Kirche Stadt Luzern als Pilotprojekt mit sechs Jugendgruppen begonnen hatte, hat sich innert dreier Jahre auf die gesamte Deutschschweiz ausgedehnt.

Besuche in den Ausbildungskursen

Um ihr Anliegen bekannt zu machen, peilen die Verantwortlichen die Ausbildungsstrukturen der Jugendverbände an. Denn in den Ausbildungskursen, welche vor allem Pfadi und Jubla für ihre Mitglieder durchführen, treffen sich diejenigen Jugendlichen, die in naher Zukunft die Entscheide in ihrer Schar treffen, sei es als Schar- oder Lagerleiter und –leiterin. «Faires Lager» bietet an, die Kurse zu besuchen, um in einem zweistündigen Workshop Wissen zu vermitteln und den Austausch unter den Kursteilnehmenden in Gang zu bringen. So können diese Lösungen erarbeiten, die auf ihre Situation zugeschnitten sind.

Nach gesundem Menschenverstand

Denn nicht alle Scharen wollen und können gleich viel für fairen Konsum tun. Patrizia Meister ist Präses des Blaurings St. Sebastian Wettingen. Momentan weilt sie mit ihrer Schar im Sommerlager im Jura. Sie selber habe vom Projekt «Faires Lager» schon gehört, sagt sie. Die meisten ihrer Leiterinnen hätten davon aber noch nichts mitbekommen. Bei der Lagervorbereitung habe das Leitungsteam Umweltschutz und Nachhaltigkeit nicht explizit thematisiert, doch den Leiterinnen sei auch so bewusst, dass mit Ressourcen schonend umgegangen werden muss, sagt Patrizia Meister. So hätten sie den Blauringmädchen zum Beispiel erklärt, dass sie nicht zu viel WC-Papier verbrauchen sollen. Und auch beim Einkaufen der Lebensmittel versucht die Schar, auf regionale Produkte zu setzen: «Normalerweise beziehen wir Lebensmittel wie Gemüse, Eier und Brot vom Bauern, der uns den Lagerplatz vermietet. Dieses Jahr betreibt der Vermieter jedoch einen Pferdehof, deshalb fällt diese Möglichkeit weg. Fleisch und Brot beziehen wir hier im Dorf, den Rest kaufen wir normal in Coop und Migros.» Die Präses fasst zusammen: «Wir bringen das Thema Nachhaltigkeit nach gesundem Menschenverstand dann ein, wenn es gerade passt.»

Regional, saisonal und korrekt recycelt

Projektleiterin Helen Joss meint dazu: «Mir ist bewusst, dass das Thema überfordern kann. Deshalb ist es wichtig, dass jede Jugendgruppe im Rahmen ihrer Möglichkeiten handelt und kontinuierlich darauf aufbaut.» Es zählt jeder kleine Schritt. Zum Beispiel kann das Küchenteam den Menüplan möglichst saisonal gestalten. Oder die Leiter achten beim Einkauf von Bauholz und Bastelmaterial auf möglichst regionale Herkunft und kurze Transportwege. Beim Kauf von Lebensmitteln können saisonale, regionale und biologisch angebaute Produkte bevorzugt und der Konsum von tierischen Lebensmitteln auf ein vernünftiges Mass reduziert werden. Auch beim Materialverbrauch können Sola-Organisatoren auf kurze Transportwege und korrektes Recycling achten. «Luft nach oben gibt es nicht nur in bei der Bereitstellung der Infastruktur, sondern auch in der spielerischen Vermittlung des Themas an Lagerteilnehmende», fügt Helen Joss an.

Not macht erfinderisch

Schliesslich bietet auch jeder Lagerplatz andere Gelegenheiten, Nachhaltigkeit zu üben. Ohne fliessendes Wasser wurde die Jungwacht Windisch erfinderisch: «Das Wasser, das sich auf dem Zeltdach in einer durchhängenden Blache sammelt, können wir zum Waschen brauchen.», sagt Lagerleiter Benjamin Eberhardt. Und den einzigen Stromgenerator auf dem Platz, der den Kühlschrank beliefert, schalten die Leiter nachts, wenn es kühler wird, aus.

Jährlicher Wettbewerb

Dass das Thema Nachhaltigkeit ein Lagerprogramm bereichern kann, zeigt «Faires Lager» mit dem jährlichen Wettbewerb. Dieser konzentriert sich jeweils auf einen anderen Aspekt des Nachhaltigkeitsthemas  wie Einkauf, Kochen oder wie in diesem Jahr auf den Lagermüll. Die Jugendgruppen werden eingeladen, kreativ gestaltete Beiträge zum Wettbewerbsthema einzuschicken, die von einer Jury bewertet werden. Die besten Beiträge gewinnen attraktive Sachpreise.

Zaghafte Schritte im Aargau

Wie die Zahlen der vergangenen Jahre zeigen, wird der Wettbewerb langsam bekannter. Waren es im Jahr 2016 noch 36 teilnehmende Sommerlager, so sind aktuell 52 Jugendgruppen gemeldet. Aus dem Aargau haben sich vier Scharen angemeldet: die Pfadi Alpha Centauri Mutschellen und Jonen, die Pfadi Adler Aarau, der Blauring St. Anton Wettingen und der Blauring Windisch. Das sind noch verhältnissmässig wenig Teilnehmende aus dem Aargau. Doch Jungwacht Blauring Aargau arbeitet offenbar daran, «Faires Lager» bei den Scharen bekannt zu machen. In den Frühlingskursen stellte Barbara von Büren von der Arbeitsstelle der Kantonsleitung das Projekt vor. Auch in der Pfadi wird derzeit diskutiert, wie das Projekt noch besser verankert werden kann.

«Faires Lager» ist auf dem Vormarsch. Auf dass noch viele Generationen Blauringmädchen und Jungwächter Abenteuer in der freien Natur geniessen können.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Kein fliessendes Wasser: Die Jungwacht Windisch bezieht alles Wasser zum Kochen und Waschen aus einem 1000-Liter-Tank. | © Marie-Christine Andres
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Regenwasser sammeln
Das Projekt Faires Lager arbeitet dafür, dass noch viele Generationen ihre Lager in der intakten Natur geniessen können.  | ©  Patrizia Meister
Für nachfolgende Generationen bewahren
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