15.06.2014

Abschied von Till

Von Anne Burgmer

Hochgestecktes rotblondes Haar, helle Augen: Kerstin Birkeland ist 40 Jahre alt und Vollzeitmami in einem Leben unter Volldampf. Ihre Töchter Nele und Malin, zwei- und 12-jährig, sitzen mit am riesigen Esstisch in der lichtdurchfluteten Wohnetage des Hauses in Dielsdorf, malen und hören zu. Die Geschichte, die Kerstin Birkeland mit raschen energiegeladenen Worten erzählt, ist beispielhaft für den Umgang mit Tod, Trauer und Abschied in einer Familie. Mit am Tisch sitzt irgendwie auch Till, der Sohn von Kerstin Birkeland und ihrem Mann Simon Ackermann. Till, der 2010 im Alter von zehn Jahren starb.

Sechs Jahre ist er alt, als aus dem Nichts ein bösartiger Hirntumor bei ihm diagnostiziert wird, der überdies Metastasen gestreut hat. Malin ist zu dem Zeitpunkt 4-jährig. Nach dem ersten Schock, so erklärt Kerstin Birkeland, war das Wichtigste, die Zeit der Krankheit nicht zum Albtraum für die Familie und die beiden Kinder werden zu lassen. Was folgt sind vier Jahre Spagat. Spagat zwischen zwei Kindern, die völlig unterschiedlich mit der Situation umgehen. «Till wollte kleine, überschaubare Häppchen. Er hat gefragt, was Krebs ist, wollte jeweils wissen, was auf den Bildern aus den Untersuchungen zu sehen ist, aber nicht mehr. Er wollte Alltag, besonders als irgendwann klar war, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat. Malin ist ganz anders. Sie wollte alles 100 Prozent genau wissen. Wollte grössere Zeiträume überblicken und, ganz wichtig, wollte selber gestalten», charakterisiert Kerstin Birkeland ihre Kinder.

Vieles wird möglich
Irgendwann entscheidet Malin, dass sie nicht mehr zur Schule gehen möchte. Zu wertvoll ist ihr die gemeinsame Zeit mit dem Bruder. Die Eltern ziehen mit. Sie konnten Malin aus der Schule nehmen, ohne zu wissen für wie lange. Sie hatten von Anfang an gesagt, dass sie das Jahr wiederholen wird. «Es gibt wichtigeres, als die Schule. Die Zeit mit ihrem Bruder war nicht wiederholbar», stellt Kerstin Birkeland schlicht und einfach fest. Möglich wird dieser Umgang mit den Wünschen, Sorgen und Nöten der Kinder, weil Kerstin Birkeland und ihr Mann Simon Ackermann ein Familienklima schaffen, in dem Fragen möglich sind und keine Angst mitschwingen braucht, ein Wunsch, eine Frage, könnte falsch oder unpassend sein. Und die Schule? Die Behörden? «Unsere Erfahrung ist, wenn man fragt, was möglich ist, und erklärt, warum bestimmte Dinge wichtig sind, kann man Vieles ermöglichen, was auf den ersten Blick nicht geht», fasst Kerstin Birkeland zusammen. Ein Weg, den die Familie konsequent geht, weil es ihr Weg ist. Ein Weg, den die Familie als heilsam erkennt.

Kinder sehen mehr
Ein Weg, auf dem die Eltern auch von eigenen Überzeugungen absehen, wenn sie bemerken, dass es ihren Kindern gut tut. Kerstin Birkeland bezeichnet ihre Familie als kirchenfern und kauft, als Till es sich wünscht, drei Kinderbibeln. Die Eltern willigen ein, als Till und Malin sich taufen lassen wollen. Für Till, so erklärt Kerstin Birkeland, war die Taufe eine Verbindung zu etwas Umfassenderem, für Malin eine Verbindung zu Till über sein Erdenleben hinaus. Wichtig ist ihr und ihrem Mann, dass die Taufe den Kindern und der Familie in ihrer Situation entspricht. In Pfarrerin Katharina Hoby-Peter vom Pfarramt für Chilbi- und Circus-Seelsorge finden sie eine Seelsorgerin, der es gelingt die Tauffeier zu einer Verbindung von Himmel und Erde, von Abschied und Weiterleben zu gestalten. «Die Verbindung zum Himmel hat Till Vertrauen gegeben. Er hat dort mehr gesehen als wir. Die letzten zwei Monate vor seinem Tod hat er meine Hand kaum mehr losgelassen. 48 Stunden vor seinem Tod, sagte Till, er sei warm und ruhig im Herzen. 24 Stunden bevor er starb, liess er meine Hand einfach los. Ich glaube, das kann in dieser Situation nur ein Kind, das vertraut, dass alles gut wird; das sich aufgehoben weiss», sagt Kerstin Birkeland sichtlich bewegt.

Anders als vorgesehen
Schon bevor Till stirbt, gestaltet die Familie das, was eine Beerdigung mit sich bringt. Erdbestattung und Abdankung in der Kirche sollen nicht zusammen gefeiert werden. Den weissen Lacksarg lässt die Familie durch einen Nature-Sarg ersetzen. Malin malt den Sarg an, im heimischen Garten und unter den skeptischen Blicken der Passanten. Die mitgelieferten Plastikdecken und -kissen zerreisst sie. Sie findet sie grässlich. Malin legt nur deren Holzschnipsel-Füllung auf den Boden der «Regenbogenhülle», wie sie den Sarg nennt, weil sie das Wort Sarg hässlich findet. Die Holzschnipsel duften gut und sind, ein Probeliegen beweist es, weich und bequem. Dazu kommen eine echte Decke, ein echtes Kissen.

Malin ist acht Jahre alt, als Till an einem Samstagabend stirbt. Die letzte Zeit hat die gesamte Familie bei ihm im Zimmer geschlafen: Matratzenlager bei einem sterbenden Kind. «Viele Eltern glauben, sie müssten sofort nach dem Tod des Kindes den Arzt und den Bestatter anrufen. Auch wenn es mitten in der Nacht ist. Das stimmt nicht. Den Arzt haben wir abends angerufen, er ist ein Freund der Familie. Die Gemeinde und den Bestatter verständigten wir erst am Montag. Weil es eine Erdbestattung sein sollte, musste diese direkt am Dienstag sein. Auch da haben wir erklärt, warum wir unseren Weg gehen wollen und nicht möchten, dass Till sofort abgeholt wird. Till sollte nach seinem Tod nicht in einem Kühlfach «zwischengelagert» werden. Und wieder sind wir auf Verständnis gestossen», greift Kerstin Birkeland den Familienweg auf.

Den Tod begreifen
Malin kümmert sich nach seinem Tod um Till. Die Eltern werden Statisten: «Wir wussten im Vorfeld nicht, ob und wie wir in der Lage sind, Malin zu begleiten. Deshalb war uns wichtig, dass eine Bestatterin zu uns kommt und mit Malin gemeinsam Till für die Bestattung vorbereitet», beschreibt Kerstin Birkeland. Und die Bestatterin ist geduldig. Sie hilft Malin, Till einzuölen, wieder und wieder. Sie verliert nicht die Nerven, als Malin Till zum wiederholten Mal umkleiden möchte – eine Prozedur, die aufgrund der beginnenden Totenstarre alles andere als einfach ist. «Der Tod muss begriffen werden», sagt Kerstin Birkeland und das geht nur «wenn ich ihn anfasse».

Das Haus der Familie steht während dieser Zeit offen, wer sich von Till verabschieden möchte, ist willkommen. So offen die Familie mit ihren eigenen Kindern umgegangen ist, so offen sind sie auch mit den Freunden von Till. Wer möchte, darf zu ihm, nachdem Kerstin Birkeland erklärt hat, dass Till jetzt kalt ist. Dass seine Haut Flecken hat. Einige Kinder trauen sich das nicht zu, stellen lieber Abschieds-Laternen auf für Till. Andere besuchen Till, sitzen auf seinem Bett und sind bei ihm. «Keines dieser Kinder hat einen Schock oder ein Trauma davon getragen. Im Gegenteil. Sie konnten unbefangen und informiert den letzten Teil von Tills Anwesenheit miterleben», betont Kerstin Birkeland.

Der letzte Weg
Auch der letzte Akt ist geprägt vom Weg der Familie: Das liebste Kissen von Till, ein Schutz gegen Albträume, soll nach dem Willen der Eltern mit in den Sarg. Malin erhebt Einspruch: «Das könnt ihr ihm nicht mitgeben, jetzt, wo ich es brauche.» Und die Eltern sehen vom eigenen Wunsch ab und sagen, «ja, dass zweitliebste tut es auch». Malin darf, obwohl eigentlich nicht erlaubt, im Bestattungswagen mitfahren. Eine Ehrenrunde um die letzte Schule von Till, an der er sich wohlfühlte, inklusive. Die Familie trägt den Sarg selber. Das Grab darf bunt geschmückt werden und bleiben – Kerstin Birkeland kennt auch andere Geschichten.

Sie ist froh, dass sie als Familie ihren Weg gegangen sind. Gegen Widerstände oder «das war noch nie so»-Haltungen. Nicht verwunderlich, dass sie die Gedenkfeier ein Jahr nach dem Tod von Till in der Kirche zu einer Uhrzeit feiern konnten, an der die Kirche sonst nicht offen ist. Diese Erfahrung gibt sie weiter: «Es gibt keinen Sinn im Tod eines 10-jährigen Kindes. Und meine Art des Umgangs damit ist, anderen Familien Mut zu machen, offen zu sein. In einem Lebensabschnitt, der unwiederbringlich ist und wo sich viele verschliessen und nicht selber gestalten.» Sie streitet nicht ab, dass feste Rituale und Abläufe auf Seiten von Behörden und Kirchen vielen Menschen ein festes Gerüst geben können. Doch sie ist der Überzeugung, dass Trauer ein Raum ist, der gestaltet werden kann und sollte. Die Familien müssen sehr gut auf sich hören, was richtig ist. Ämter und Kirchen müssen wiederum sehr gut zuhören, sollten in der Lage sein, vom 0815-Schema abzusehen, wenn Familien mit ihren Wünschen kommen. Wo das nicht geschieht, kann Kerstin Birkeland besonders mit Kirche nichts anfangen.

Weiterleben – Weitergeben
Der Weg, den Kerstin Birkeland nach Tills Tod geht und der anderen Familien mit kranken Kindern Mut machen soll, heisst www.herzensbilder.ch – Kerstin Birkeland vermittelt auf Anfrage Fotografen, die durch die Schweiz fahren und Erinnerungsbilder machen in Familien, die ihren Weg finden müssen mit Krankheit oder Tod. Der Erfolg der Plattform gibt ihr Recht, die Anfragen, auch von Spitälern und Spitalseelsorgern, sind so zahlreich, dass sie mittlerweile Unterstützung bei der Organisation bräuchte.

Und Malin und Nele? Malin hat sich gewünscht, dass auch Nele getauft wird. Damit sie, die Till nie kennengelernt hat, ebenfalls mit ihrem Bruder verbunden ist. An Tills Todestag soll die Taufe stattfinden; denn obwohl kirchenfern und –kritisch, anerkennen Kerstin Birkeland und Simon Ackermann, dass es grössere Zusammenhänge gibt, die ihnen als Erwachsenen vielleicht verschlossen, den Kindern in ihrer Welt aber offen sind. Wenn man zuhört.    Anne Jablonowski

www.herzensbilder.ch

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