Schon einen Monat bevor ihr Fenster aufgeht, sind Noemi, Fiona und Monica Peterhans in Sternenproduktion - schliesslich soll es ein ganzes Fenster voller Sterne geben. | © Roger Verlieh

Adventsfenster – Aargauer Exportschlager

Marie-Christine Andres Schürch, 23.11.17
  • Den Brauch der Adventsfenster gibt es erst seit etwa 30 Jahren
  • Vom aargauischen Mittelland aus hat der Adventsbrauch fast die gesamte Schweiz, beinahe ganz Deutschland sowie Teile Österreichs und Frankreichs erobert
  • Adventsfenster sollen dafür sorgen, dass die Leute sich und das Dorf kennenlernen und gemeinsam besinnliche Momente teilen

 

Perle für Perle entsteht das Kunstwerk. Fiona und Noemi Peterhans stecken die bunten Plastikteilchen auf die Sternenform. Eine «Chnüübliarbet», die Geduld braucht. Vor allem, wenn nicht nur ein einziger Stern, sondern ein ganzes Fenster voll entstehen soll. Zum Glück haben die jungen Bastlerinnen noch fast einen Monat Zeit: am 21. Dezember wird sich die Nachbarschaft vor dem Haus der Familie Peterhans in Wettingen versammeln, um die Sterne im Adventsfenster zu bewundern.

Bis zum Dreikönigstag

Nicht jeden Tag ein Türchen, sondern jeden Abend ein Fenster. Das Prinzip des begehbaren Adventskalenders ist simpel: 24 Anwohner eines Dorfes oder Quartiers schmücken eines ihrer Fenster. Mit Start am 1. Dezember öffnet jeden Tag ein weiteres Fenster, das ab Einbruch der Dunkelheit bis etwa 22 Uhr beleuchtet wird. Die Adventsfenster können auf einem Spaziergang entdeckt werden und bleiben meist bis am Dreikönigstag vom 6. Januar offen.

Suppe, Tee und Lebkuchen

Auf dieser Grundlage hat jedes Dorf seine Eigenheiten entwickelt, die lokal die Tradition bereichern. Das weiss die Kulturwissenschaftlerin und Ethnologin Karin Janz. Sie leitet seit 2016 das Projekt der Nordwestschweizer Kantone Aargau, Solothurn, Basel-Stadt, Baselland und Bern zur Aktualisierung der Liste «lebendige Traditionen in der Schweiz». Wie viele andere basiere auch dieser Brauch vor allem auf Freiwilligenarbeit und werde von Frauen- und Quartiervereinen und ähnlichen Organisationen getragen, erklärt Karin Janz. Als lokale Eigenheit führt sie ein Beispiel aus ihrer Wohngemeinde an: Im Basellandschaftlichen Zunzgen können Familien angeben, zu welchen Zeiten Interessierte bei ihnen läuten und sie in der Stube besuchen dürfen. An anderen Orten offerieren die Gastgeber zur Eröffnung ihres Fensters Tee, Gebäck oder Suppe vor ihrem Haus

Ein junger Brauch

Dominik Wunderlin, während 30 Jahren Kurator am Museum der Kulturen in Basel und dort Leiter der Abteilung Europa, stellt in seinem 2015 erschienenen Buch «’s isch heiligi Wiehnachtszyt» die schönsten Advents- und Weihnachtsbräuche der Schweiz vor. Aus Zeitungsmeldungen und Internet-Recherche hat der Volkskundler die Anfänge des Adventsfenster-Brauchs rekonstruiert. Er hält fest: «Das Phänomen des begehbaren Adventskalenders ist noch jung. Bisher haben wir keine Belege, die weiter als 1985 zurückreichen. Damals aber muss er im Kanton Aargau bereits bekannt gewesen sein.» Ein früher Aargauer Beleg stammt aus Othmarsingen, wo es bereits 1986 Adventsfenster gab. In den Jahren darauf übernahmen im unteren Freiamt und im östlichen Aargau viele Orte die Idee. Dominik Wunderlin listet auf: Im Jahr 1988 Schinznach-Dorf und Berikon; 1989 Eglisau, Lauffohr, Asp, Brugg und Windisch; 1990 Olsberg, Hägglingen, Untersiggenthal, Auenstein und Egliswil; 1991 Mägenwil und Möriken. Heute finden sich Adventsfenster in allen Kantonen der Deutschschweiz. In der Westschweiz und im Tessin gibt es nur vereinzelte Orte, welche die Idee übernommen haben.

Aargauer Innovation

Dominik Wunderlin folgert: «Beim begehbaren Dorf-Adventskalender haben wir es also offensichtlich mit einer schweizerischen ‚Erfindung’ zu tun. Unsere bisherigen Nachforschungen weisen darauf hin, dass konkret das aargauische Mittelland als Innovationszentrum des begehbaren Adventskalenders zu betrachten ist.» Die Adventsfenster entwickelten sich zum Export-Schlager und sind heute in Teilen Frankreichs und Österreichs sowie in ganz Deutschland zu finden.

Einander begegnen

«Es ist bemerkenswert und stimmt hoffnungsvoll, dass es auch heute noch möglich ist, eine neue Form zu schaffen, welche der Begegnung zwischen den Menschen dient und zugleich ein Beitrag gegen das anonyme Nebeneinanderleben ist.», betont Dominik Wunderlin in seinem Buch. Familien, die ein Adventsfenster gestalten, tun dies in erster Linie aus Freude am Gestalten und aus der Idee heraus, die Leute im Dorf oder Quartier einander näher zu bringen. Auch die Familie Peterhans freut sich auf zahlreiche Fenster-Besucher an ihrem Eröffnungsabend und über die kommenden Weihnachtstage.   Marie-Christine Andres

 

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