28.10.2020

Wegen Corona:
Alarmstufe Samichlaus

Von Carmen Frei

  • Landauf, landab sagen Chlausgesellschaften dieses Jahr ihre Hausbesuche ab.
  • Die Gründe sind vielfältig: Faktoren wie die Altersstruktur der Gesellschaften oder die verfügbare Anzahl der kostbaren Chlausgarnituren sind massgebend.
  • Alternativen sind gefragt und werden gewagt. Nur am Thema Samichläusin scheiden sich die Geister.

«Angst und Unsicherheit haben nicht das letzte Wort!»

Claudia Mennen leitet seit 2007 die Geschicke der Propstei Wislikofen. | © Marie-Christine Andres

«Ich fände es wichtig, dass die Eltern Samichlaus auch ohne Besuch in der Familie feiern. Man kann zusammen etwas basteln oder jemanden beschenken in der Nachbarschaft, der einsam ist», rät Claudia Mennen. Sie leitet die Fachstelle Bildung und Propstei der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau. Letztes Jahr wurde in der Propstei Wislikofen bereits die vierte Samichlaus-Synode ausgerichtet. «Den Chlausgesellschaften rate ich, mit den Familien in Kontakt zu gehen und ihnen einen Vorschlag für eine kleine Samichlausfeier zuhause zu machen.» Zur Entscheidungsfindung gibt die Theologin mit auf den Weg: «Zur Gesundheit  gehört auch die soziale und die religiöse Dimension. Präsenzkultur ist wichtig. Angst und Unsicherheit haben nicht das letzte Wort.» Laut Claudia Mennen sollen die Chläuse kreativ werden, damit sie die Besuche vielleicht doch realisieren können.

Der Kult um den heiligen Nikolaus ist seit dem sechsten Jahrhundert nachweisbar. «Da die Legende ihn als Retter in Schwierigkeiten vieler Art schildert, wird er als Helfer in allen Nöten gerufen», heisst es im grossen Namenstagskalender von Jakob Torsy. Doch in der Schweiz, wo sogar der Nationalheilige ein Namensvetter ist, mögen im Coronajahr 2020 die Chlausgesellschaften nicht allein auf die wundersamen Kräfte des heiligen Nikolaus von Myra vertrauen. «Wir bereiten gerade wichtige Informationen für Familien und Chlausgesellschaften vor», heisst es etwa auf der Branchen-Website unter dem Titel «Der Chlaus in Zeiten von Covid-19».

Videoclip statt Hausbesuch

Vielerorts haben die Chlausgesellschaften bereits entschieden, wie sie diese Saison gestalten wollen. Früh informierte das Brauchtum St. Nikolaus Wohlen. «Wir planen einen Videodreh im Wald. Im Film soll der Nikolaus den Kindern erklären, warum er nicht persönlich vorbeikommen kann», so Chlausvater Röfe Wüst.

Den Chlausfilm bereits im Kasten hat die Chlauszunft Aarau-West. Im Videoclip schickt der Samichlaus eine erste Botschaft an die Adresse der Kinder und lädt sie ein, am 6. Dezember um 18 Uhr wieder virtuell zu Besuch zu sein in seiner guten Stube. Bis zum Gschichtli, das er dann den Kindern erzählen wird, können sie sich die Zeit vertreiben mit dem Ausmalen eines Samichlaus-Mandala, das ebenfalls auf der Chlauszunft-Website heruntergeladen werden kann. Doch kreative Alternativen hin oder her. Insbesondere dort, wo die Chläuse dieses Jahr auf Hausbesuche verzichten, ist die Enttäuschung riesig, schmerzt es Chläuse, Schmutzlis und die Kinder gleichermassen. «Der Samichlaus kam bei Wetter und Sturm und einfach immer. Nur wegen so einem dooooofen Virus darf er nicht kommen. Das ist wirklich unfair», lässt Madita ihrem Frust freien Lauf. «Schlimm und traurig» wäre ein Jahr ohne Samichlaus auch für Livia, Anina und Jari.

Mellinger Chläuse trotzen bis dato Corona

Roli Brun, Präsident ad interim der St. Nikolaus-Gesellschaft Mellingen und seit zwanzig Jahren Chlaus, macht zwar auch Abstriche beim Programm. Doch an den Hausbesuchen wird bis dato festgehalten. Verschiedene Faktoren machen dies möglich. So sind in Mellingen genügend Mitglieder der St. Nikolaus-Gesellschaft willig, auch unter den besonderen Vorzeichen einen Chlaus- beziehungsweise Schmutzli-Einsatz zu leisten. Kommt hinzu: Die Mellinger Chläuse verfügen auch über genügend Garnituren, womit die im Einsatz stehenden Chläuse weder Schnauz, noch Bart noch Perücke unter sich tauschen müssen. Auch wird bereits auf der Anmeldung zum Chlausbesuch darauf hingewiesen, dass dieses Jahr die Abstandsregeln in den Wohnzimmern auf jeden Fall eingehalten werden müssen. Schliesslich findet Roli Brun: «Man soll unter Einhaltung der Schutzmassnahmen den Advent in die Stube bringen, es war eh schon ein genug schweres Jahr.» Sollten letztlich dennoch Änderungen am Mellinger Chlauskonzept 2020 nötig sein, werden diese auf der Website der St. Nikolaus-Gesellschaft veröffentlicht.

Falls Eltern auf die Idee kommen könnten, selber in die Chlausrolle zu schlüpfen, bieten die Mellinger Chläuse mit ihrer Kleidervermietung ebenfalls Hand. Roli Brun: «Und im Notfall kann man uns auch für einen Besuch im Umfeld von Mellingen buchen .» Nach Tipps für alle Do it yourself-Chläuse gefragt, meint Roli Brun: «Nicht bei den eigenen Kindern auftreten.»

Do it yourself – aber nicht bei den eigenen Kindern

Yvonne Portmann aus Frick ist erfahrene Chlaus-Ausstatterin und findet: «Sein gesamtes Erscheinungsbild muss stimmen. Sonst lässt man es besser sein.»| © zvg
Yvonne Portmann aus Frick, selber Mami und seit Jahren im Schminkteam der St. Nikolausgesellschaft Dietikon engagiert, wo sie aufgewachsen ist, ergänzt: «Trotz Verkleidung und Schminke sind Kinder unglaublich gut, Menschen an der Stimme, Gangart oder den Bewegungen zu erkennen.» So erkannte ihre Nichte bereits als Zweijährige ihren Papi-Chlaus an dessen Winken.

Yvonne Portmann betont: «Das gesamte Erscheinungsbild muss stimmen. Das heisst, die Albe genug lang, die Falten schön ‘büschelt’, schwarze Hosen darunter, Bart und Perücke müssen sitzen. Schmutzlis mit dunkler Kleidung und Wanderschuhen, der Umgang passend zur Körpergrösse, ansonsten sehen sie mehr aus wie Zwergli.» Ganz wichtig erachtet sie, dass nichts «billig» aussieht. «Sonst lässt man es besser sein als zu riskieren, dass das Kind den Glauben an den Samichlaus verliert. Dann ist vielleicht ein gefülltes Jutesäckli vor der Haustür mit einem netten Brief vom Samichlaus mit Erklärung, warum er dieses Jahr leider nicht persönlich zu Besuch kommen konnte, eine glaubwürdigere Variante.»

Umstrittene Genderfrage

Auf der Schlussetappe im Unterwegssein durchs Chlausenland wagte sich die Horizonte-Redaktion noch an ein höchst umstrittenes Thema und wollte wissen, wie es denn bei einem – im Coronajahr – verständlichen Chlausmangel mit dem Einsatz einer Samichläusin wäre? Während es die Engagierten in den Chlausgesellschaften bevorzugen, am Bewährten festzuhalten, stösst die Idee bei den befragten Kindern auf Begeisterung. «Wäre cool», sagt Livia, und die zehnjährige Madita meint: «Das wäre echt toll! Denn jeder hat die gleichen Rechte und es würde super zur feministischen Bewegung passen. Also ich bin voll dabei. Das Problem mit dem Bart? Also ehrlich: Wir sind doch nicht im Mittelalter. Es kann ja auch eine Samichläusin sein, die etwas anders ist.»

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