Die Horizonte Sommerserie 2019 «Arbeiten, Wohnen, Zweifeln, Glauben» bringt zwei Menschen mit verschiedenen Erfahrungen und Standpunkten in Diskussion zu einem Thema. Im ersten Teil treffen sich eine angehende Pensionärin und eine angehende Berufseinsteigerin. | © Werner Rolli

Arbeiten, Wohnen, Zweifeln, Glauben

Anne Burgmer, 1.7.19
  • Zwei Menschen, ein Thema: Die Horizonte Sommerserie 2019 bringt Menschen unterschiedlicher Standpunkte ins Gespräch.
  • Im ersten Teil sprechen Rita Wismann (Suhr) und Christina Fuhrmann (Wettingen/Würenlos) über den Anfang, beziehungsweise das Ende ihres kirchlichen Dienstes.

 

Frau Wismann, wann sind Sie in den kirchlichen Dienst gegangen und warum?
Rita Wismann:
Ich bin eine sogenannte Spätberufene und habe erst mit 50 das Theologiestudium an der Uni Luzern begonnen und mit dem Master abgeschlossen. Das Studium habe ich einerseits begonnen, weil ich dem Thema der Gottesnähe und Ferne in schwierigen Situationen nachgehen wollte. Dieses Thema war zentral bei meiner Arbeit als Sozialarbeiterin und Leiterin der Opferberatungsstelle Aargau/Solothurn. Andererseits hatte ich schon immer eine innere Nähe zur Kirche. Nach dem Studium folgten die Berufseinführung und ein weiteres Jahr in der Pfarrei in Sursee. Anschliessend wurde ich für die Gemeindeleitung in der Pfarrei Suhr angefragt.

Frau Fuhrmann, Sie starten diesen August mit der Berufseinführung des Bistums Basel, was haben Sie bisher gemacht und warum haben Sie sich für den kirchlichen Dienst entschieden?
Christina Fuhrmann:
Vor gut einem Jahr habe ich mein Theologiestudium abgeschlossen. Da ich nicht aus dem Bistum Basel stamme, habe ich ein sogenanntes «Vorjahr» gemacht, in dem ich bereits als Pastoralassistentin in Ausbildungen in den Pfarreien in Wettingen und Würenlos tätig war. Im August startet nun die Berufseinführung des Bistums. Ich glaube, für den kirchlichen Dienst entscheidet man sich nicht mal eben so. Die Wurzeln für die Entscheidung liegen sicher schon in meiner Kindheit. In den verschiedenen guten Erfahrungen im Pfarreikontext. Letztlich stehen und fallen viele Fragen des Glaubens und des Kircheseins mit den Personen, die man kennenlernt, die einen prägen und vor allem begleiten.

Frau Wismann, was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie die Einsteigerin Frau Fuhrmann erleben?
Rita Wismann:
Ich freue mich sehr, dass eine junge Frau in den kirchlichen Dienst eintreten wird. Ich war bei meinem Eintritt ein «älteres Semester». Es tut der Kirche gut, wenn junge Frauen und auch Männer diesen wunderbaren Beruf ergreifen und in Zukunft etwas bewegen können und wollen.

Frau Fuhrmann, was interessiert Sie spontan, wenn Sie die diensterfahrene Frau Wismann treffen?
Christina Fuhrmann:
Das Thema Zeitmanagement und Selbstfürsorge. Ich bin nun beinahe seit einem Jahr in der Pastoral tätig und langweilig wurde mir nie. Schnell gerät man in ein Hamsterrad und die Arbeit hört niemals auf. Ich erlebe es als grosse Herausforderung, die Aufgaben und Anfragen zu koordinieren und zu priorisieren, sodass man selbst dabei nicht auf der Strecke bleibt.

Was war die grösste Veränderung während ihrer Jahre im Kirchendienst, Frau Wismann?
Rita Wismann:
Für mich hat die Administration stark zugenommen. Der Pastoralraum nimmt viel Zeit für Sitzungen, Arbeitsgruppen und Konzeptarbeit in Anspruch. Da kommt häufig das zu kurz, warum ich diesen Beruf gewählt habe: Die Seelsorge! Eine Entlastung durch Zusammenarbeit im Pastoralraum habe ich nicht so zu spüren bekommen, wie es vielleicht vom Konzept her vorgesehen war oder ich es mir gewünscht hätte.

Welche Veränderung erhoffen Sie sich für die Zeit Ihres Dienstes, Frau Fuhrmann?
Christina Fuhrmann:
Die vatikanischen Mühlen mahlen mit Blick auf weltkirchliche Entscheide und Veränderungen (zu) langsam. Ob sich da in den nächsten 40 Jahren wirklich viel bewegt? Aber im Kleinen ist vieles möglich. Das zeigt mir schon der Vergleich der Möglichkeiten als Theologin im Bistum Basel – im Gegensatz zu vielen anderen Bistümern.

Wie nehmen Sie die Situation der Kirche im Moment wahr?
Christina Fuhrmann:
Zweifelsohne befinden wir uns in einer schwierigen Situation. Die Unzufriedenheit ist gross, nicht nur mit Blick auf die römisch-katholische Kirche als ganze, sondern teils auch in den Pfarreien. Der Blick in die Kirchengeschichte stimmt mich aber hoffnungsvoll. Jede Epoche birgt ihre Herausforderungen, viele Konflikte sind schon einmal da gewesen und ich will auch heute noch glauben, dass Wandel möglich ist.
Rita Wismann: Wenn ich nur die Situation in meiner Pfarrei anschaue, arbeite ich in einer sehr fortschrittlichen, frauenfreundlichen Pfarrei. Ich bin als Pfarreileiterin akzeptiert und respektiert. Natürlich wird immer mal nach dem Herrn Pfarrer gefragt oder der Gottesdienst nur besucht, wenn eine Eucharistiefeier stattfindet. Schaue ich das grössere Ganze der Kirche an, dann ist noch sehr viel Handlungsbedarf. Auch für die Akzeptanz der Frauen im kirchlichen Dienst. Die Situation mit den Missbrauchsopfern macht es zudem vielen Menschen schwer, auch das Gute in der Kirche noch zu sehen. Dabei sind wir in unserem Bistum aber auf einem sehr guten Weg in der Prävention.

Haben Sie beim Frauen*Kirchenstreik mitgemacht?
Rita Wismann:
Ja, ich habe daran teilgenommen. Es ist wichtig, dass auch wir Kirchenfrauen uns bemerkbar machen und zeigen, dass vieles nicht ideal läuft für uns. Symbolisch habe ich eine Mitra getragen, um ein Zeichen zu setzen. In meiner Pfarrei haben die Kirchenglocken geläutet und der rosarote Punkt war an der Kirchentür sichtbar. Da wir am Sonntag Firmung feierten, habe ich inhaltlich im Gottesdienst nichts gemacht.
Christina Fuhrmann: Ich war das ganze Wochenende vorwiegend mit Schülerinnen, Schülern und Erstkommunionkindern unterwegs und wollte sie nicht die Leidtragenden meiner Absenz sein lassen. Daher habe ich nicht aktiv teilgenommen. So war ich im Geiste mit den streikenden Frauen verbunden.

Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie mit Menschen über die Kirche und Ihren Beruf sprechen?
Rita Wismann:
Wichtig ist mir, dass die Leute bei dem was ich bin, mache und sage, spüren, dass ich diesen Beruf liebe und darin meine Berufung lebe. Es ist auch wichtig, zu sagen, dass die Kirche so vielfältig ist wie die Menschen darin, und dass die Kirche nicht verallgemeinert werden darf oder man nur auf das Negative fokussiert.
Christina Fuhrmann:
Mir ist es wichtig, offen darüber zu sprechen. Ganz gleich mit wem, ob kirchennah oder –fern. Oft werde ich mit Kritik oder Zweifeln der Kirche gegenüber konfrontiert. Gerade dann ist es mir wichtig, kritikfähig zu bleiben und zu kommunizieren, dass auch ich eine Suchende und manchmal eine Zweifelnde bin. Am wichtigsten ist mir aber, dass mein Gegenüber meine Freude und meine Leidenschaft für meinen Beruf spüren kann.

Was ist Ihr Ausgleich zur Arbeit?
Rita Wismann:
Meine beiden Enkeltöchter helfen mir sehr, in eine ganz andere Welt einzutauchen. Bis im Frühling war das Kloster Melchtal (OW) seit vielen Jahren mein zweites Zuhause. Seit dessen Zusammenschluss mit dem Frauenkloster Sarnen ist diese Zeit zu Ende. Ich setze mich aber als Stiftungsrätin im Stiftungsrat der Stiftung «ora et labora», die das Benediktinische Zentrum Sarnen führt, für die Anliegen «meiner Melchtalerschwestern» ein.
Christina Fuhrmann: Während meiner Studienzeit habe ich nebenbei als Fitnesstrainerin gearbeitet. Sport oder Aktivitäten im Wald, in den Bergen oder einfach in der Natur machen mir den Kopf frei. Egal, ob beim joggen, wandern oder rasenmähen.

Frau Wismann, Sie steigen aus dem Kirchendienst aus – wo steigen Sie neu ein?
Rita Wismann:
Im Moment fehlen mir noch Zeit und Musse, darüber tiefer nachzudenken. Ich wünsche mir aber mehr Zeit für meine beiden Enkeltöchter und werde sicher noch einmal nach Indien reisen und unsere Pfarreiprojekte besuchen. Langweilig wird es mir sicher nicht.

Frau Fuhrmann, worauf freuen Sie sich als Einsteigerin am meisten?
Christina Fuhrmann:
Auf alle Herausforderungen, die auf mich warten. Ich glaube, es gibt viele Möglichkeiten, kirchliches Leben und Kirchenentwicklung mitzugestalten, sich einzubringen, Gutes zu bewahren, aber auch Neues zu schaffen. Und ich freue mich auf die vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen dabei.

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