Kreuz, Davidstern, Halbmond: die Symbole der drei grossen monotheistischen Religionen. Manche Menschen wachsen in der einen Religion auf, wechseln dann später zu einer anderen, weil sie sich von dieser stärker angesprochen fühlen. Der Weg der Konversion ist jedoch kein einfacher, wie das vorliegende Interview zeigt. | © Werner P. Wyler

Arbeiten, Wohnen, Zweifeln, Glauben – Teil 4

Andreas C. Müller, 12.8.19
  • Zwei Menschen, ein Thema: Die Horizonte-Sommerserie 2019 bringt Menschen unterschiedlicher Standpunkte ins Gespräch.
  • Für den vierten und letzten Teil der Serie traf die Redaktion zwei Menschen, die sich aus Überzeugung einer anderen Religion zugewandt haben. Arman Rahmani wuchs als Muslim auf und wurde Christ, Deborah Aebersold fand zum Islam.

 

Frau Aebersold, wie sind Sie vom Christentum zum Islam gekommen?
Deborah Aebersold: Ich bin reformiert aufgewachsen, habe den Religionsunterricht besucht und mich konfirmieren lassen. Später habe ich kirchlich geheiratet und alle meine vier Kinder, die mittlerweile erwachsen sind, taufen lassen. Vor etwa 20 Jahren bin ich aus der Kirche ausgetreten und kam vor etwa zwei Jahren mit dem Islam in Kontakt.

Herr Rahmani, ihr Weg verlief in die andere Richtung
Arman Rahmani: Ich bin als Muslim aufgewachsen und kam vor etwas mehr als vier Jahren als Flüchtling in die Schweiz. Auf meiner Flucht habe ich in Griechenland zum ersten Mal eine Kirche gesehen. In der Schweiz habe ich zum Christentum gefunden, seit knapp einem Jahr bin ich getauft.

Was führte dazu, dass Sie beide sich von ihren angestammten Religionen distanziert haben?
Deborah Aebersold: Ich bin früher schon zur Kirche gegangen, aber das hat mir nie viel bedeutet. Es hat mich nicht berührt. Die Kirche, das gehörte zum Leben halt dazu. Mein Mann hat sich in der Kirche engagiert. Für mich war das im Grunde aber mehr Pflicht als etwas anderes. Schon der Religionsunterricht: Das hat man halt so gemacht. Und als es unserer Familie einmal sehr schlecht ging – es kam auch zur Scheidung, da haben das alle in der Kirchgemeinde gewusst, aber von niemandem kam irgendeine Unterstützung. Daraufhin bin ich ausgetreten.
Arman Rahmani: Ich bin im Iran und in Afghanistan aufgewachsen. Dort wurde ich muslimisch erzogen. Wir mussten lernen, den Koran zu rezitieren. Aber auch Gebete auswendig lernen. Weiter die Gebetszeiten einhalten, Waschungen und andere Gebote. Ich habe das auch immer als Pflicht empfunden und mich immer wieder gefragt: Warum muss ich gerade zu einer bestimmten Zeit beten? Und warum auf eine ganz bestimmte Weise? Man muss doch aus dem Herzen heraus beten können, wann einem gerade danach ist. Und mit eigenen Worten – nicht einfach irgendwelche eingeübten Gebete.

Frau Aebersold, was hat Sie denn am Islam angesprochen?
Deborah Aebersold: Der Islam war überhaupt die erste Religion, die mich berührt hat. Übers Sprachenlernen kam ich über eine App mit Muslimen in Kontakt. Zudem bekam ich Nachbarn aus einem muslimischen Land. Wir kamen ins Gespräch. Ich interessierte mich, wollte mehr erfahren und erhielt die Möglichkeit, einmal eine Moschee besuchen zu können. Als ich dort zum ersten Mal den Imam sprechen hörte, hat mich das zu Tränen gerührt.

Herr Rahmani, wie war das bei Ihnen?
Arman Rahmani: In Griechenland, aber auch in der Schweiz habe ich von Menschen, die sich in der Kirche engagieren, viel Unterstützung erhalten: Kleidung und zu essen. Weiter kam ich zu christlichen Schriften, die auf Farsi übersetzt waren. Jesu Liebe zu den Menschen, die Idee des Einander-Vergebens hat mich sehr angesprochen. Ich habe dann Menschen aus einer Freikirche kennengelernt. Dort habe ich erfahren, dass man ganz frei beten kann. Das kannte ich so nicht.

Und wie ist man Ihnen beiden als jemand, der sich für eine neue Religion interessiert, begegnet?
Deborah Aebersold: Wenn Muslime merken, dass sich jemand für ihre Religion interessiert, bekommt man sehr viel Unterstützung. So war das auch bei mir. Mir wurde viel erklärt, ich bekam von meinen Nachbarn einen Koran auf Deutsch geschenkt und in der Moschee hat jemand für mich übersetzt. Konservative Muslime neigen jedoch dazu, einem bald einmal erklären zu wollen, was sich gehört und was nicht.
Arman Rahmani: Ich bin sehr gut aufgenommen worden und habe wohl auch dank diesen neuen Bekanntschaften so gut Deutsch gelernt. Jetzt wohne ich sogar bei einer Schweizer Familie – gläubige Christen.

Aber es gab für sie beide sicher auch Dinge, die schwierig waren.
Arman Rahmani: Eigentlich nicht, ausser dass für mich alles völlig neu war.
Deborah Aebersold: Zu erfahren, dass Frauen in einem konservativen Islam nicht die gleichen Rechte haben wie Männer, ging für mich gar nicht. Ich habe mich dann schon gefragt, wie mich, die sich ja stets für Gleichberechtigung und Frauenrechte eingesetzt hat, eine Religion ansprechen konnte, in der je nach Auslegung die Frauen benachteiligt werden. Und dann so Vorgaben, dass keine Musik gehört werden darf, man seinen Geburtstag nicht feiern soll, Fussnägel nicht lackiert werden und andere Dinge. Ich habe dann aber das Gespräch mit Muslimen gesucht und erfahren, dass es auch einen liberalen Islam gibt.
Arman Rahmani: Gerade Schiiten sind nicht so streng wie Sunniten. Musik hören durften wir, aber Geburtstag wurde bei uns auch nie gefeiert.

Sie sind aber gleichwohl beim Islam geblieben, Frau Aebersold
Deborah Aebersold: Ich hatte schon meine Zweifel – auch weil ich mit einer Frau zusammenlebe. Für mich war klar, dass ich mich nicht in ein Schema pressen lassen will. So habe ich gezielt nach einem Imam gesucht, der alle Themen anspricht, die im Islam tabu sind. Ich habe Menschen getroffen, die den Islam sehr fortschrittlich und aufgeschlossen leben.

Wie hat ihr Umfeld darauf reagiert, dass sie sich einer anderen Religion zugewandt haben?
Arman Rahmani: Meinen Familienangehörigen im Iran und in Afghanistan habe ich das nicht gesagt. Die würden den Kontakt mit mir abbrechen, nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Für die wäre ich tot.
Deborah Aebersold: Ich bin in meinem Umfeld mit vielen Vorurteilen und Ängsten konfrontiert worden. Freund und Bekannte haben mich gewarnt, mir von meinem Weg abgeraten. Teils habe ich auch Aussagen gehört wie: «Nicht jeder Muslim ist ein Terrorist, aber alle Terroristen sind Muslime». Solche Sachen haben mich schon sehr getroffen.

Demzufolge stösst ein «Outing» auf wenig Verständnis.
Arman Rahmani: Es ist sogar gefährlich. Ich weiss von Afghanen hier in der Schweiz, die von ihren eigenen Landsleuten beobachtet worden sind, als sie zur Kirche gingen. Hernach wurden sie tätlich angegriffen und verletzt.
Deborah Aebersold: Meinen Kindern habe ich es auch noch nicht erzählt. Ich habe Angst, es ihnen zu sagen. Ich habe Angst vor ihrer Reaktion, dass sie mich ablehnen, dass ich mich verteidigen muss. Das möchte ich nicht.

Und wie war das für Ihre Partnerin, Frau Aebersold?
Deborah Aebersold: Sehr schwierig, sie hatte Ängste. Sie hat mich zu Beginn einmal gefragt, worüber ich denn mit anderen Muslimen rede, wenn diese über ihre Familien sprechen? Sie wollte nicht inexistent sein.

Bestimmt aber macht ein Weg, wie Sie beide ihn gegangen sind, tolerant.
Deborah Aebersold: Oh ja. Ob jetzt jemand an Gott oder Allah glaubt, das ist doch letztlich dasselbe. Man geht den Weg, der einen berührt.
Arman Rahmani: Ich würde nie jemanden wegen seiner Religion kritisieren oder überhaupt eine Religion kritisieren. Wichtig ist, dass Religion gegenseitigen Respekt und Liebe lehrt. Und auch, dass man Menschen unterstützt, die Hilfe brauchen.

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Für Deborah Aebersold war die alte Glaubensheimat mehr Pflicht als etwas Anderes. «Der Gottesdienst in der Kirche hat mich nie berührt», bekennt sie. Doch sie blieb lange dabei, heiratete kirchlich und liess ihre vier Kinder taufen, «weil das das halt so üblich war». | © Roger Wehrli
Alter Glaubensheimat den Rücken gekehrt
«Als ich bei meinen muslimischen Nachbarn Fragen zum Islam stellte», schenkten sie mir einen Koran auf Deutsch», erinnert sich Deborah Aebersold. | © Roger Wehrli
Erstes Geschenk: Der Koran
Noch bis am Dienstag 12.11.2019 kann in die geplanten Moschee-Baupläne in Reinach (Symbolbild) eingesehen werden. | zvg «Für mich war klar, dass ich mich nicht in ein Schema pressen lassen will», erinnert sich Deborah Aebersold an ihre ersten Erfahrungen mit dem Islam. «So habe ich nach Menschen gesucht, die den Islam nicht konservativ, sondern fortschrittlich und aufgeschlossen leben». | © Roger Wehrli
Unterschiedliche Ausrichtungen
Arman Rahmani lernte auf seiner Flucht nach Eurpa das Christentum kennen. Seine erste Kirche überhaupt sah er in Griechenland: «Die Menschen der christlichen Kirchen waren sehr hilfsbereit, gaben uns zu essen und Kleidung». | © Roger Wehrli
Neue Welt: Das Christentum
«Man muss doch aus dem Herzen heraus beten können, wann einem gerade danach ist - und in eigenen Worten, nicht in vorgefertigten Gebeten»: Dies erlebte Arman Rahmani bei den Christen. | © Roger Wehrli
Beten in eigenen Worten

Herausforderung Konversion

Gebet in der Moschee

Gebet in einer Moschee: Der Islam beschäftigt die Schweizer Politik – vor allem die Fianzierung der Moscheen. | © Georges Scherrer

Da Konvertiten nicht selten angefeindet werden, hat Horizonte die Namen der beiden Personen verfremdet und auch auf Fotos verzichtet.

Deborah Aebersold (Name von der Redaktion geändert) ist 64 Jahre alt und Rentnerin. Die vierfache, geschiedene Mutter lebt heute mit einer Frau in einer Partnerschaft und kehrte der Reformierten Kirche vor etwa 20 Jahren den Rücken zu. Vor zwei Jahren fand sie zum Islam.

Arman Rahmani (Name von der Redaktion geändert) ist 24 Jahre alt und verbrachte mit seiner Familie die Kindheit im Iran. Die Eltern waren vor den Islamisten aus Afghanistan geflohen, mussten dann aber mit ihren sieben Kindern wieder in ihre Heimat zurückkehren. Als Jugendlicher verliess Arman Rahmani Afghanistan, kehrte zu seinem Onkel in den Iran zurück und flüchtete 2015 als einziger aus seiner Familie nach Europa.

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