Wird als Vorbild in Sachen predigt genannt: Felix Gmür, Bischof von Basel. Er steht meist in der Mitte vor der Gemeind, das Mikrofon in der Hand und baut so eine Verbindung zur Gemeinde auf. | © Roger Wehrli

Besser predigen

Seelsorgende sollen sich fortbilden

Anne Burgmer, 8.6.17

Bischof Felix verordnet seinem Personal einen «Predigt-Intervisionskurs». Die Idee stösst nicht nur auf Gegenliebe.

Im Jahr 2015 wurde in St. Gallen die sogenannte Kirchenreputationsstudie veröffentlicht. Diese Studie befragte insgesamt rund 1400 Personen, Politiker, Theologiestudierende und Studierende der Pädagogischen Hochschule, zu ihrer Einschätzung der Kirchen in der Schweiz. Ein Punkt war die Frage nach der Qualität der Predigten. Die Ergebnisse zeigten, dass die Predigten insgesamt als wenig ansprechend wahrgenommen und die katholischen Predigten schlechter eingestuft wurden als die der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer. Auf Nachfragen bestätigt der Kommunikationsverantwortliche des Bistums Basel, Hansruedi Huber: Die Studie ist Grund für die angesetzte verpflichtende Weiterbildung.

Breites Medienecho zur Aufforderung aus Solothurn

Im April kam nun aus Solothurn die entsprechende Aufforderung die Predigttätigkeit zu reflektieren. «Eine Predigt ist […] eine Kunst, die in der Medien- und Unterhaltungsgesellschaft grosse Konkurrenz bekommen hat. Deshalb setzt Bischof Felix Gmür auf die Stärkung der Predigtkompetenz seiner Seelsorgerinnen und Seelsorger. 2017 werden alle, die zur Predigt (Homilie) berechtigt sind, das eigene Predigen in einem Seminar reflektieren und auffrischen», heisst es in der entsprechenden Medienmitteilung des Bistums Basel.

In den Medien wurde die Aufforderung von Felix Gmür breit aufgenommen; Radio SRF berichtete ebenso wie der Blick. Es gehe darum, so der Bischof, dass die predigenden Seelsorgerinnen und Seelsorger ihre Möglichkeiten ausschöpfen lernten. Denn, so Felix Gmür gegenüber der Presse, die katholischen Predigenden seien sehr frei in dem, was sie machen könnten. Thomas Kyburz-Boutellier, Bildungsverantwortlicher Bistum Basel, nennt im Regionaljournal (ab Minute 2:38) vom 13. April 2017 den Bischof selber als gutes Vorbild: Er stehe mit dem Mikrofon in der Hand vorne und baue so eine Verbindung zur Gemeinde auf.

Von kritisch bis wohlwollend – Reaktionen der Seelsorgenden

Ganz unumstritten ist die verpflichtende Weiterbildung bei den Seelsorgerinnen und Seelsorgern nicht, denn die Teilnehmenden sollen unter anderem eine Predigt in guter Ton- und Bildqualität aufnehmen. Andres Lienhard, Co-Dekanatsleiter Freiamt, sagt: «Eine gute Film- und Tonaufnahme einer Predigt ist aufwändig, und viele Mitglieder der Dekanatsversammlung sehen Schwierigkeiten, wie sich dies innert der kurzen Zeitspanne realisieren lässt.»

Doch es gibt auch andere Stimmen. Andreas Bossmeyer, Diakon in Rütihof, erklärt, es habe im Team keinerlei Vorbehalte gegen die Fortbildung gegeben; alle vier Seelsorger würden teilnehmen, auch wenn man ohne die Vorgabe des Bistums nicht ohne Weiteres darauf gekommen wäre. «Wir halten professionelles Feedback zu einer unserer Kerntätigkeiten für sinnvoll und wünschenswert. Ich kenne die Vorbehalte gegenüber Videoaufzeichnungen und sicher ist es ungewohnt, sich selbst zu sehen und zu hören, doch finde ich, gehört dieses «Ausgesetzt Sein» zu den heute üblichen Regeln der Kontrolle und Einschätzung von Kommunikationsgeschehen dazu», ergänzt Andreas Bossmeyer.

Hoher Rücklauf und warten auf den November

Auf den aktuellen Stand der Anmeldungen angesprochen, gibt Hansruedi Huber wie folgt Auskunft: «Von den 665 eingeladenen Priestern, Seelsorgerinnen und Seelsorgern mit Missio haben sich per heute, 7. Juni 2017, 575 angemeldet. 60 sind altershalber oder aus anderen Gründen dispensiert worden. 30 Rückmeldungen sind noch ausstehend».

Zusätzlich zur Weiterbildung rief der Bischof auch dazu auf, am Schweizer Predigtpreis 2017 teilzunehmen. Dieser wurde bereits zum zweiten Mal von der reformierten Kirche ausgelobt. Bis zum 15. Mai konnten sich Predigerinnen und Prediger beim ökumenisch offenen Preis bewerben. Am 6. November 2017 werden die Gewinnerinnen oder Gewinner bekanntgeben. Ob auch katholische Prediger und Predigerinnen aus dem Bistum Basel dabei sind, bleibt abzuwarten.

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Hansruedi Huber, Kommunikationsverantwortlicher des Bistums Basel bestätigt: Ein Grund für die verpflichtende Weiterbildung liegt in der schlechten Bewertung von katholischen Predigten, die in der Kirchenreputationsstudie 2015 festgehalten wurde. | © Felix Wey
Hansruedi Huber, Kommunikation Bistum Basel
Im Freiamt gibt es Vorbehalte gegen die Weiterbildung. Andreas Lienhard, Co-Dekanatsleiter Dekanat Freiamt und in Dietwil tätig, erklärt, dass die Seelsorgenden mit Blick auf die geforderten Videoaufnahmen Bedenken äusserten. | © Roger Wehrli
Pfarrkirche Dietwil, Freiamt
Andreas Bossmeyer, Diakon in Rütihof, erzählt, dass alle vier Seelsorger den Predigtinervisionskurs besuchen. Es gab keine Vorbehalte, doch ohne den «Schupf» der verpflichtenden Weiterbildung, sei man wohl nicht auf die Idee gekommen. | © zvg
Andreas Bossmeyer, Diakon
Predigten sollten Spuren bei den Gottesdienstbesucherinnen und -besuchern hinterlassen. Thomas Wehrli, Ressortleiter Fricktal bei der Aargauer Zeitung, wagt sich für eine neue Reihe in der Aargauer Zeitung als gebürtiger Fricktaler und Katholik an das Genre der Gottesdienstkritik. | © Roger Wehrli
Thomas Wehrli, Journalist Aargauer Zeitung

Kommentar

Anne Burgmer

Im Pastoralen Entwicklungsplan (PEP), für den das Bistum Basel immer wieder Werbung macht, gibt es einen Satz, der mir zum Thema Predigtweiterbildung einfällt. In Punkt 4.3.1 heisst es: «Wir gehen davon aus, dass sich in grösseren Räumen die pastoralen Aufgaben und die Leitungsfunktionen besser auf das verfügbare Personal und seine Fähigkeiten aufteilen lassen». Wenn ich lese, dass im Bistum Basel pauschal alle mit einer missio canonica beauftragen Seelsorgerinnen und Seelsorger aufgrund einer Reputationsstudie zur Predigtweiterbildung verpflichtet werden, überlege ich, wie ernst es dem Bistum mit den oben zitierten Fähigkeiten der Mitarbeitenden ist.

Die Verkündigung der frohen Botschaft und deren Auslegung in der Predigt, ist eines der Kerngeschäfte der Kirche, denn der Glaube kommt vom Hören. Die Durchführung der Liturgie gehört zu den Kernaufgaben der nicht-geweihten und geweihten Seelsorgenden. Doch Fakt ist auch: nicht jede und jeder kann gleich gut predigen. Es gibt begnadete Predigerinnen und Prediger. Sie haben ein entsprechendes Charisma geschenkt bekommen. Es gibt die, die ihr Handwerk gut verstehen und es gibt die, für die predigen eine Qual ist, weil ihre Begabungen in anderen Bereichen des kirchlichen Dienstes liegen; in der Seelsorge, der Diakonie oder der Leitung.

Es gibt eine weitere Passage im PEP und die gefällt mir sehr: «Als Christen glauben wir, dass jeder Mensch seine ganz besonderen Berufung und Begabung hat, um auf seine Weise zu wirken und so Erfüllung im Leben zu finden. Wir ermutigen einander daher, die Begabungen zu entdecken und die persönliche Berufung zu finden. Dieser Dienst an den Berufungen erwachsener Menschen gewinnt heute an Bedeutung (PEP 3.2.1).» Ich frage mich, ob das nicht auch mit Blick auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gilt; und weiter, ob angesichts des schwindenden Personals nicht feste Ausbildungsstrukturen gelockert werden sollten. Nicht nur Basel, alle Diözesen könnten damit sowohl den bereits tätigen Angestellten als auch den am kirchlichen Dienst Interessierten zeigen, dass sie ihren Fähigkeiten und Talenten Rechnung tragen.

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