Wirtinnen und Wirte können kaum an sonntäglichen Gottesdiensten teilnehmen. Aus diesem Grund entstand die Gastro-Seelsorge. Corinne Dobler, reformierte Pfarrerin in Bremgarten besucht in dieser Funktion im Aargau Wirte, Köche und Servicepersonal im Aargau und bietet sich Gesprächspartnerin an. Gerade bei den älteren Berufsleuten ist es noch gern gesehen, wenn «die Kirche» zu ihnen kommt. | © Vera Rüttimann

Corinne Dobler bringt die Kirche in die Beiz

Die Gastroseelsorge ist ökumenisch ausgerichtet und steht in regem Kontakt mit GastroAargau

Vera Rüttimann, 4.1.18
  • Nach den geschäftigen Feiertagen können auch die Wirte ins Januarloch fallen. Als Gastroseelsorgerin steht Corinne Dobler dann gern für ein Gespräch zur Verfügung
  • Die Gastroseelsorge ist ökumenisch ausgerichtet und steht in regem Kontakt mit GastroAargau.
  • Viele Gastrobetriebe kämpfen ums Überleben. Als «seelische Ankerplätze für ihre Gäste» benötigen darum auch die Wirte jemanden, der sich ihre Sorgen anhört.

 

Für viele Wirte ist der Januar ein unbeliebter Monat. Hinter ihnen liegt die Gemütlichkeit der Weihnachts- und Silvesterfeiertage im Kreise der Familie oder mit Freunden im Restaurant. Mit den Feiertagen geht für viele Gastronomen zudem die umsatzstärkste Zeit des Jahres zu Ende. Im Januar gibt es auf einmal viel Raum und Zeit, und es können Sinnfragen auftauchen. In diesen Tagen sucht Corinne Dobler gern die Wirte auf, weil sich dann Gelegenheiten ergeben für tiefe Gespräche. Die 40-Jährige ist seit vier Jahren in einem Teilpensum Gastroseelsorgerin der Reformierten Landeskirche Aarau.

In der Beiz aufgewachsen

Wer Corinne Dobler das erste Mal sieht, staunt, eine Pfarrerin vor sich zu haben. Mit ihrer frechen orange-roten Frisur und ihren Piercings fällt sie sofort auf. Corinne Dobler, die seit 11 Jahren Pfarrerin der reformierten Kirchgemeine Bremgarten-Mutschellen ist, übernahm ein Amt mit bewegter Geschichte: Die Gastroseelsorge wurde in den 1950er Jahren gegründet. Weil die meisten Restaurants sonntags geöffnet haben und die Wirte den Gottesdienst nicht besuchen können, gab es für Wirte Einkehrtage an Wochentagen und ein Wirteseelsorger ging bei ihnen im Restaurant vorbei.

Für ihre Tätigkeit bringt Corinne Dobler ideale Voraussetzungen mit: Den Alltag und die Sorgen von Menschen im Gastgewerbe kennt sie seit ihrer Kindheit. Ihr Vater war Koch in einem Altersheim, die Mutter war Serviertochter im Restaurant «Linde» in Turbenthal, wo Corinne Dobler aufwuchs. «Ich habe es als Kind geliebt, wenn meine Mutter nach der Arbeit nach Restaurant roch», erinnert sich Corinne Dobler. Im Studium an der Universität Zürich konvertierte sie vom Katholizismus zur reformierten Kirche, «weil ich immer Pfarrerin sein wollte. Ich möchte predigen, taufen und beerdigen. Das ist genau mein Ding.»

Weder Vertreterin, noch Dealerin

Als Wirte-Seelsorgerin ist Corinne Dobler nahe bei den Menschen. Wenn sie erstmals ein Restaurant betritt, muss sie jedoch eine Hürde meistern, die es in sich hat: Sie muss dem Wirt verständlich machen, dass sie ihm kein Produkt andrehen möchte. Corinne Dobler: «Die kriegen oft Besuch von Vertretern, die ihnen Staubsauger oder Kaffeemaschinen verkaufen möchten». Meist staunen die Beizer, wenn sie einfach nur gefragt werden, wie es ihnen geht.

Ihr unkonventionelles Erscheinungsbild sei, so Corinne Dobler, meist ein Vorteil, um mit anderen in Kontakt zu kommen. In einer Bar, erinnert sie sich lachend, sei sie jedoch bei ihrem Antrittsbesuch für eine Dealerin gehalten und beinahe rausgeschmissen worden.

Bei ihrer Arbeit als Gastro-Seelsorgerin nimmt sie auch wahr, wie sehr sich die religiöse Landschaft im Aargau in den letzten Jahren verändert hat. Älteren Wirten sei es ein Anliegen, dass «die Kirche» bei ihnen zu Gast ist. «Bei Neueröffnungen wünschen sie von ihr den Segen oder ein Gebet», betont die Gastroseelsorgerin. Bei Jüngeren finde sie selten mehr einen engen Bezug zur Kirche. Diejenigen aber, die sie vom Netz von Gastroseelsorge Aargau her kennen, wo sie sich engagiert, «finden meine Arbeit cool»

Unterstützung bei belastenden Situationen im Beizen-Kanton

Heute fühlt sich Corinne Dobler in der Beizen-Szene als Pfarrerin ganz akzeptiert. Dennoch fragen manche: Braucht es überhaupt eine Gastroseelsorgerin? Corinne Dobler weiss jedoch sehr wohl, warum sie gefragt ist. «Der Aargau ist noch immer ein Beizen-Kanton. Aber 65 Prozent aller Betriebe sind defizitär. Es wird deshalb zu vielen Schliessungen kommen. Diese Situation lastet sehr auf den Wirten und dem Servicepersonal.»

Corinne Dobler kennt im Aargau viele Wirte, die den Trend spüren, dass sich immer mehr Leute am Take away-Stand oder in einem Fastfood-Laden ihr Essen besorgen. Wenn ein Wirt ihr von seinen Sorgen erzählt, fühlt sich Corinne Dobler manchmal auch hilflos. «Ich kann die Probleme nicht lösen, doch ich kann zuhören und dazu beitragen, eine Situation besser zu ertragen», sagt sie.

«Die Wirte brauchen auch Aufmerksamkeit»

Nicht selten fungieren Wirte selbst als seelische Ankerplätze für Gäste. Deshalb, so Corinne Dobler, sei es so wichtig, dass auch ihnen zugehört werde. Auch Michael Brewer, der Inhaber des Cafés «Something Special» in der Altstadt von Bremgarten, schätzt den Besuch der Gastroseelsorgerin. Sein Laden, in dem es neben Kaffee und Pralinen auch ein breites Sortiment an Wohnaccessoires, Vintage-Artikeln und Antiquitäten gibt, läuft gut. Doch auch er kenne, so der charismatische Ladeninhaber, Zeiten, in denen das Geschäft manchmal harze.

Corinne Dobler hat auch ein offenes Ohr für Köche und das Service-Personal. Oft müssen sie bis tief in die Nacht arbeiten, was sich nicht nur auf die Gesundheit, sondern auch auf Beziehungen belastend auswirken kann. Sie sagt: «Ich komme immer wieder mit Menschen ins Gespräch, die nach dem Sinn, nach dem Göttlichen fragen.» Manchmal spricht die junge Pfarrerin zum Abschied ein Segensgruss. «Das berührt die Leute meist sehr», sagt sie.

«Wirte und Kirche bieten Heimat und Geborgenheit»

Corinne Dobler bezeichnet sich selbst als spirituellen Menschen. Kraft tankt sie bei ihren Meditationen zu Hause oder im Wald. «Ich besinne mich dann darauf, dass wir mehr sind als ein endliches Wesen. Wir alle haben eine unsterbliche Seele.»

Die junge Pfarrerin, die Theologie studiert hat, weil sie der «Ewigkeit, dem Göttlichen und dem Unvergänglichen» auf den Grund gehen wollte, setzt sich oft mit der Frage auseinander, wie sie diese Welt dereinst verlassen möchte. Sie sagt: «Respekt gegenüber Gott und seiner Schöpfung, Liebe zu den Mitmenschen und zu sich selbst zu leben, ist mir wichtig. Darum geht es im Christentum.» Auch deshalb gefällt ihr der Gedanke so, dass die Kirche zu den Menschen gehen muss, wie es Corinne Dobler als Gastroseelsorgerin tut. Die reformierte Pfarrerin bedauert jedoch, dass es nur noch wenige Gastroseelsorger gibt. Mit Wirten teilt die Pfarrerin nämlich eine Gemeinsamkeit: «Wir bieten vielen Menschen Geborgenheit und Heimat, die sie anderswo vielleicht nicht finden.»

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