In den farbig-milden Oktobertagen der vergangenen Woche wurden die letzten Trauben gelesen. Die Ernte ist eingebracht und hat nach dem turbulenten Weinjahr Zeit zu reifen. Auch in den Aargauer Weinkellern gedeihen exzellente Tropfen und einige der lokalen Weine schaffen es vom Keller in den Kelch. Doch das ist gegen die Regeln. Die Aargauer Winzer wollen das nun ändern. | © Marie-Christine Andres

Das Gute liegt so nah

Der Bischof bestimmt den Messwein. Aargauer Weine sind nicht dabei

Marie-Christine Andres Schürch, 18.10.17

In den vergangenen farbig-milden Oktobertagen wurden die letzten Trauben gelesen. Die Ernte ist eingebracht und hat nach dem turbulenten Weinjahr Zeit zu reifen. Auch in den Aargauer Weinkellern entwickeln sich exzellente Tropfen und einige der lokalen Weine schaffen es vom Keller in den Kelch. Doch das ist gegen die Regeln. Die Aargauer Winzer wollen das nun ändern.

Die offizielle Regelung klingt einfach: Die «Allgemeine Einführung in das Römische Messbuch» hält unter Ziffer 284 fest: «Der Wein für die Eucharistiefeier muss ‚vom Gewächs des Weinstocks’ (vgl. Lk 22,18) stammen und naturrein, das heisst ohne Beimischung von Fremdstoffen, sein.» Dazu schreibt Josef-Anton Willa auf der Webseite des Liturgischen Instituts der deutschsprachigen Schweiz liturgie.ch: «Alle Weine, ob rot oder weiss, die diese Grundsätze erfüllen, können für die Eucharistie verwendet werden. Da die Qualitätsanforderungen an Weine heute hoch sind, dürfte wohl jeder Qualitätswein diese Kriterien erfüllen.»

Drei Produzenten in der Schweiz

Dennoch kann die Sakristanin nicht einfach zum lokalen Winzer gehen und einen Harass Messwein besorgen. Denn für die Zulassung eines Weins als Messwein ist der Bischof zuständig. Er stellt einem Weinbaubetrieb die entsprechende Urkunde aus. In der ganzen Schweiz besitzen lediglich drei Produzenten diese bischöfliche Urkunde und stellen somit offiziellen Messwein her: Die Kellerei im Kloster Einsiedeln, ein Produzent im Wallis und – als einziger im Bistum Basel – Weinbau und Kellerei Lampert im thurgauischen Steckborn.

Aargauer Wein in Aargauer Kelchen? 

Eine nicht repräsentative aber dennoch aufschlussreiche Umfrage bei Pfarrämtern im Kanton zeigt: Etwa die Hälfte der angefragten Pfarreien verwendet einen offiziell approbierten Messwein, die meisten davon den spanischen Süsswein San Pedro, der für circa sechs Franken beim Getränkehändler erhältlich ist. Die andere Hälfte der Pfarreien erklärt, sie brauche für die Eucharistie einen Weisswein aus lokaler Produktion.

So zum Beispiel Andreas Wieland, Gemeindeleiter der Pfarreien Herznach, Hornussen und Zeihen im Seelsorgeverband Homberg: «Wir verwenden ganz normalen Weisswein aus unserer Region. Ich kenne die Regelung, aber es wäre Unsinn, Wein auswärts zu beschaffen, da wir von Rebbergen umgeben sind.»

Viertgrösster Rebbaukanton der Deutschschweiz

Laut dem Branchenverband Aargauer Wein ist der Aargau mit 400 Hektaren Rebfläche der viertgrösste Deutschschweizer Rebbaukanton. Bewirtschaftet werden die Parzellen von rund 800 Winzerinnen und Winzern. Elf Weinbaugenossenschaften und 60 Selbstkelterungsbetriebe sowie 19 Rebvereine und Rebbaugenossenschaften zählt der kantonale Branchenverband. Angesichts dieser Zahlen liegt für viele Pfarreien der Gedanke nahe, den Wein aus dem Dorf für die Messe zu verwenden. Und nicht wenige tun dies auch ohne grosse Gewissensbisse. Doch das Bistum hält fest: «Hersteller von Messwein erhalten vom jeweiligen Bischof eine Erlaubnis. Falls eine Pfarrei den Wein aus ihrem eigenen Rebberg als Messwein verwenden will, muss der regionale Winzer vom Bischof die Erlaubnis erhalten, Messwein zu produzieren.» So kommt es, dass vielerorts ein zertifizierter Messwein aus Spanien anstelle des Weins aus dem benachbarten Rebberg auf den Altar kommt.

Regeln lockern oder anpassen

Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte an der Universität Luzern, berichtet, dass bis zum zweiten Vatikanischen Konzil anfangs der 1960er-Jahre die Vorschriften in Bezug auf den Messwein sehr genau eingehalten wurden. «Dies ist wahrscheinlich heute nicht mehr überall der Fall.», vermutet er. Doch zeige sich am Beispiel des Messweins, dass kirchliche Regeln, die früher ihre Berechtigung hatten, heute getrost gelockert werden könnten: «Die Regelung diente der Qualitätssicherung, der Wein durfte nicht gepanscht oder gezuckert sein. Heute ist die Qualität des Weins eher gesichert.», sagt der Kirchenhistoriker. Man könnte die Regel an die heutige Zeit anpassen, findet er: «Heute würde man wohl besser den Aspekt der kurzen Wege in den Vordergrund stellen. Das bedeutet, dass es sinnvoller sein kann, den Wein beim Winzer im Dorf zu beziehen, als zertifizierten Messwein aus Spanien zu importieren.»

Keine Kontrollen

Das Bistum Basel verneint die Frage, ob kontrolliert werde, dass Pfarreien approbierten Messwein verwendeten: «Jeder Priester weiss um die entsprechenden Vorschriften.» Und Andreas Wieland, Gemeindeleiter im Seelsorgeverband Homberg, erwähnt, dass der Bischof beim Feiern eines Gottesdienstes in seiner Pfarrei den Wein aus dem lokalen Rebberg ohne Aufhebens getrunken habe. Diese pragmatische Haltung stösst auf Verständnis und findet Anklang: «Bischof Felix in Solothurn hat wahrscheinlich andere Sorgen, als sich darum zu kümmern, welcher Wein in den Aargauer Kirchen getrunken wird.», sagt eine Sakristanin.

In Deutschland bereits abgeschafft

In Deutschland hat der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz die Regelung bereits 2014 abgeschafft. In der neuen Messweinordnung hält der Rat fest, dass die staatliche Rechtsprechung die Reinheit des Weines ordnet und die Beimischung von Fremdstoffen weitestgehend untersagt. Zugelassen für die Feier der Eucharistie sind jetzt Weine, die «mindestens den Anforderungen eines Qualitätsweines (nach deutschem Weinrecht)» genügen. Tafelwein ist als Messwein wegen seiner Verwässerung nicht zugelassen. Die Approbation einzelner Messweinlieferanten entfällt.

Was bedeutet «naturbelassen»?

Offiziell zertifizierten Messwein produziert die Kellerei des Klosters Einsiedeln. Auf die Frage, welche Kriterien der Messwein mit dem Namen «Missa» erfülle, heisst es: «Unsere Regel lautet ‚naturbelassener Wein’, wir geben nichts zu und nehmen nichts weg.» Diese Forderung erfüllten viele handelsübliche Weine nicht, denn es gebe diverse Mittelchen auf dem Markt, um Wein zu «verschönern». Beispielsweise könne Kupfer oder Zucker beigefügt oder auch Gerbstoffe entfernt werden. Dies widerspreche der offiziellen Definition, nach der Messwein «naturrein und ohne Beimischung von Fremdstoffen» sein müsse.

Branchenverband Aargauer Wein plant Anfrage an Bischof

Roland Michel, Präsident des Branchenverbands Aargauer Wein, bestätigt, dass es diverse Fremdstoffe gibt, die einem Wein zugefügt werden können. In Bezug auf die Aargauer Weine sagt er: «Ich wäre zurückhaltend zu behaupten, jeder Aargauer Wein erfülle das Kriterium «naturbelassen». Aber je nachdem, wie streng der Begriff ausgelegt wird, gibt es sicher Weine, welche diese Anforderung erfüllen.» Dem Versuch, einen Wein aus Aargauer Produktion als Messwein zertifizieren zu lassen, stünde also nichts im Weg. Nun will der Branchenverband diesen Versuch wagen: «Wir werden uns beim Generalvikariat nach den genauen Kriterien für die Zertifizierung erkundigen. Sollten es ganz strenge Kriterien sein, müssen wir schauen, welcher Winzer die Bedingungen erfüllt. Ansonsten geht die Anfrage, wer sich vorstellen könnte, einen Aargauer Messwein zu produzieren, an alle unsere Mitglieder.», stellt Roland Michel in Aussicht.

Initiative muss von den Winzern kommen

Ähnliches ereignete sich im Jahr 2011 im Thurgau. Bis dahin wurde in den heiligen Messen im Thurgau meist Wein aus Spanien oder Italien gereicht. Ein Ehepaar ergriff die Initiative, weil es ihm sinnvoller schien, wenn regionaler Wein zum Einsatz käme. Die beiden machten sich auf die Suche nach einem motivierten Winzer. Heute produziert die Kellerei Lampert von Brigitt und Othmar Lampert in Steckborn einen offiziellen Messwein. «Die Vereidigung war ein feierlicher und einzigartiger Moment», sagte Othmar Lampert damals gegenüber dem Thurgauer Pfarreiblatt.

Manche Aargauer Pfarreien verwenden zwar einen approbierten Messwein, würden sich aber freuen, auf ein regionales Produkt zurückgreifen zu können. «Für Winzer ist es möglich, sich vom Bistum zertifizieren zu lassen. Das fände ich eine sehr schöne Idee für unsere Region.», heisst es von Seiten einer Gemeindeleitung.

Wer weiss, vielleicht findet schon im nächsten Oktober eine ganz besondere Ladung Trauben den Weg in einen Weinkeller. Bestimmt für den ersten Messwein aus dem Aargau.

 

 

 

 

 

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Die liturgischen Vorschriften sagen nichts über die Farbe des Weins aus. In früheren Zeiten verwendete man Rotwein. 1478 wurde durch Papst Sixtus IV. zum ersten Mal Weisswein zugelassen. Seither verwendet die Westkirche vor allem Weisswein, während die Ostkirche am Rotwein festhält. Die Verwendung von Weisswein hat – wie Kirchenhistoriker und Messweinproduzenten übereinstimmend berichten - praktische Gründe: Kelch und Altarwäsche lassen sich leichter reinigen. | © kna-bild
Westkirche verwendet Weisswein
Weinlese im Kloster Fahr. Kellermeister Roland Steinmann hat den Messwein «Pretiosum» kreiiert.
Dieser hervorragende Wein mit Restsüsse wird vom Kloster Fahr als Messwein eingesetzt.
«Restsüsse» ist der Fachbegriff dafür, dass nach der Gärung noch ein gewisser Zuckergehalt erhalten bleibt. Der Alkoholgehalt liegt bei 10 Prozent. | © Anton Scheiwiller
Weinlese im Kloster Fahr
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Kantonsweit 400 Hektaren Rebfläche
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Bald Messwein aus dem Aargau?
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Weinbau hat im Aargau Tradition
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Kurzer Weg von Produzent zu Konsument
Weinlese im Kloster Fahr. Die Schwestern helfen wenn immer möglich bei der Wümmet mit. | © Anton Scheiwiller
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