Fährt man von Aarau her in Richtung Suhr, ist schon von Weitem der 30 Meter hohe Kirchturm einer der bedeutendsten Aargauer Betonkirchen sichtbar. Horizonte führt im Rahmen der diesjährigen Sommerserie «Cooler Beton für heisse Tage» zu ausgewählten Schmuckstücken des postmodernen Kirchenbaus. | © Werner Rolli

Das hängende Dach von Suhr

Zweiter Teil der Horizonte-Sommerserie «Cooler Beton für heisse Tage»

Andreas C. Müller, 24.7.17

An heissen Sommertagen ist es im Inneren einer Kirche schön kühl. Darüber hinaus kann der Besuch in den fünf Aargauer Sichtbetonkirchen von Aarau, Buchs, Ennetbaden, Suhr und Wettingen (Anton) für Architekturinteressierte zu einem richtig coolen Erlebnis werden. Horizonte machte die Probe aufs Exempel und liess sich die Schmuckstücke vom leitenden Denkmalpfleger Reto Nussbaumer zeigen – in dieser Folge die Kirche Heilig Geist in Suhr.

Fährt man von Aarau her in Richtung Suhr, ist schon von Weitem der 30 Meter hohe Kirchturm einer der bedeutendsten Aargauer Betonkirchen sichtbar. «In Suhr haben wir die fantastische Kombination von hoher Ingenieurskunst und beeindruckender Architektur des bekannten Sakralarchitekten Hanns A. Brütsch, die mit den grossartigen Glasmalereinen von Ferdinand Gehr zusammenspielt» schwärmt Reto Nussbaumer, Leiter der Denkmalpflege des Kantons Aargau. Auch wenn der aus dem Jahre 1961 stammende Bau bereits in die Jahre gekommen sei, wirke er – wie die anderen Sichtbetonkirchen im Aargau – noch immer sehr modern.

Werbung wie in Amerika

Schon die Anlage an und für sich sei bemerkenswert, so der Denkmalpfleger. «Der Campanile steht im Vergleich zu anderen Kirchen ungewöhnlich weit weg vom Kirchenkörper». Das sei der besonderen Lage direkt an der Haupstrasse geschuldet. Einerseits habe man die Kirche möglichst weit von der Strasse entfernt errichtet, um mit einer Art Vorplatz etwas Abgeschiedenheit zu erreichen, andererseits habe man mit dem Turm direkt an der Strasse so deutlich als möglich Orientierung geben wollen, erklärt Reto Nussbaumer. «In gewisser Weise amerikanisch», meint der Denkmalpfleger augenzwinkernd: «Die Werbesäule direkt an der Strasse.»

Möglicherweise von Le Corbusier inspiriert

Architektonisch brilliert die Heilig Geist-Kirche mit ihrer Dachkonstruktion. Diese ruht ausschliesslich auf den vier Aussenpfosten und spannt sich frei schwebend über den Kirchenraum. Zu Beginn der 1960er Jahre, als die Heilig Geist-Kirche in Suhr gebaut wurde, hätte man schon einige Erfahrung im Umgang mit Beton gehabt, aber «so ein Dach, das war schon frech», meint Reto Nussabaumer. Ein gelungener Wurf des bedeutenden Zuger Sakralarchitekten Hanns A. Brütsch, den Reto Nussbaumer, der selbst aus Zug stammt – noch kennen gelernt hatte. Eventuell habe für das Dach der Suhrer Heilig Geist-Kirche die 1950 erbaute «Notre Dame du Haut de Ronchamp» von Le Corbusier Modell gestanden, mutmasst Reto Nussbaumer. Hanns A. Brütsch hätte dies jedoch immer bestritten.

«Die Möglichkeit, mit Beton formsuchend und skulptural zu bauen, hat kreative Architekten wie Hanns A. Brütsch angeregt, bei Sakralbauten etwas Besonderes zu wagen», erklärt Reto Nussbaumer. Der spezielle Umgang des Architekten mit dem Beton hat der katholischen Kirche in Suhr denn auch einen Platz unter den schützenswerten modernen Aargauer Sakralbauten gesichert. «Von den insgesamt 100 Sakralbauten aus dem 20. Jahrhundert sollen nur die herausragenden unter kantonalen Schutz gestellt werden», so der kantonale Denkmalpfleger.

Industrieboden: Damals der «letzte Schrei»

Vor dem Eingangsbereich lenkt Reto Nussbaumer das Interesse auf die imposante Betonfassade. Senkrecht und quer ist die Struktur der Schalbretter für den Beton erkennbar. Auch mit diesen Strukturelementen sei bewusst gespielt worden. Die Türen sind aus Aluminium. «Für die damalige Zeit sehr gewagt, waren die Menschen doch reich verzierte schwere Holztüren bei Kirchen gewohnt.

Beim Betreten des Kirchenraums sorgt die über den Eingangsbereich herabgezogene schwebende Orgelempore für Geborgenheit. Nach hinten hin weitet sich dann der Raum unter dem aufgespannten Dach, während von links und rechts das Licht durch die aus Glasmalereien bestehenden Seitenwände einfällt. Auch im Inneren wurden moderne Materialen wie beispielsweise ein Industrieboden verarbeitet. «In der damaligen Zeit der letzte Schrei», meint Reto Nussbaumer und zeigt, dass beim Altar oder beim Ambo –um die besondere Bedeutung jener Orte hervorzuheben – andere, weitaus wertvollere Bodenplatten verwendet wurden.

Kein Bilderskandal in Suhr

Die Glasmalereien zeigen an der nördlichen Chorwand die alttestamentarische Darstellung der Erscheinung Gottes in Form einer Wolke über den durch die Wüste ziehenden Israeliten, an der Südwand das Pfingstwunder. Auffallend: Alle Figuren sind nur in ihren Konturen angedeutet, haben keine Gesichter. Ferdinand Gehr erregte mit ähnlichen Personendarstellungen in der Bruder Klaus-Kirche von Oberwil bei Zug gegen Ende der 1950er Jahre viel Ärgernis. In Suhr – ein paar Jahre später – blieb ein Skandal aus.

Zurück im Freien wenden wir uns nochmals dem hohen Kirchturm direkt an der Strasse zu. «Der Campanile hatte bei seiner Errichtung noch keinen Verputz», erklärt Reto Nussbaumer. Ziemlich bald aber hätten sich Schäden im Beton gezeigt, weshalb die Fassade angepasst worden sei. «Mittlerweile hat man neues Wissen über Beton und diskutiert mit der Kirchgemeinde darüber, dem Turm seine ursprüngliche Erscheinung aus Sichtbeton wiederzugeben, verrät der leitende kantonale Denkmalpfleger. «Das würde viel besser zum Gesamterscheinungsbild der Suhrer Kirchenanlage passen.»

 

Nächste Folgen der Sommerserie:
Montag, 31. Juli: Kirche St. Johannes in Buchs (Teil 3)
Donnerstag, 3. August: St. Anton Wettingen (Teil 4)

Bisher erschienen:
Der doppelteilige Auftakt: Aarau, Peter und Paul; Ennetbaden St. Michael

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