Auf den Spuren von Silja Walter: Zum 100. Geburtstag der bekannten Dichterin hatte Priorin Irene Gassmann Frauen mit Vornamen Silja zu einem besonderen Erlebnistag im Kloster Fahr eingeladen. | © Roger Wehrli

Kloster Fahr: Siljas feiern 100 Jahre Silja Walter

Andreas C. Müller, 24.4.19
  • Anlässlich des 100. Geburtstags der berühmten Dichterin hatte die Priorin des Klosters zu einem Silja-Tag geladen.
  • Der Silja-Tag fand im Rahmen einer Gedenkwoche zu Ehren der bekannten Dichterin statt. An deren Ende wird am kommenden Samstag mit einem nicht öffentlichen Festakt ein Silja Walter-Weg eingeweiht. Dieser ist ab Sonntag fürs breite Publikum zugänglich.

 

Jemandem zu begegnen, der den gleichen Namen trägt, ist immer etwas Besonderes. Über den Namen lassen sich unter Umständen interessante Gemeinsamkeiten entdecken. Gestern Dienstag, am Geburtstag der bekannten Dichterin Silja Walter, begegneten sich im Kloster Fahr 19 Frauen, die alle auf den denselben Namen hören: Silja. Irene Gassmann, Priorin des Klosters Fahr, hatte anlässlich des Geburtstags von Silja Walter im Rahmen eines sogenannten Silja-Tages alle Namensvetterinnen ins Fahr eingeladen.

Silja: Ein Name verbindet

1919 geboren, trat die Schwester des Schriftstellers Otto F. Walter 1948 unter dem Namen Hedwig ins Kloster Fahr ein und schuf dort bis zu ihrem Tod im Jahre 2011 ein umfangreiches, schon zu Lebzeiten viel beachtetes und preisgekröntes literarisches Werk. Die «mit den tanzenden Worten» war die gebürtige Oltnerin auch schon in den Medien genannt worden – nicht zuletzt wegen ihrer kühnen Metaphern. Gestern wäre die Schriftstellerin 100 Jahre alt geworden.

Es sei schön, dass so viele gekommen seien, freut sich Priorin Irene Gassmann, als sie am Nachmittag die Namensvetterinnen der bekannten Dichterin an der Klosterpforte in Empfang nimmt. «Frauen von überall her, die sich nicht kennen, die aber eines verbindet: Der Name.» Über die Medien, den eigenen Verteiler, aber auch über Facebook und Twitter habe man auf den Anlass aufmerksam gemacht. Und es sei spannend gewesen, zu erfahren, unter welchen Umständen die Information dann zu den Frauen mit dem treffenden Namen gelangt sei.

Silja: Ein Name dank der Dichterin

Über ihre Ärztin, die mit Priorin Irene Gassmann bekannt ist, hat Silja Anthamatten aus Saas Almagell von dem Projekt erfahren. «Letzten Freitag erst», erinnert sich die 36-Jährige. Spontan habe sie daraufhin beschlossen, mit ihrer Mutter nach Unterengstringen zu kommen. Eine vierstündige Reise mit Bus und Zug. Ihre Mutter habe die Gedichte von Silja Walter gekannt und ihr daraufhin den Namen Silja gegeben, erzählt Silja Anthamatten Der Name Silja sei im Saastal überdies nicht unbekannt. Sie kenne einige Mädchen, die auf den Namen Silja hören.

Aus der Region Zürich, den Kantonen Aargau, Solothurn, Luzern und St. Gallen sind die mehrheitlich jüngeren Frauen gekommen. Im Begrüssungsgespräch mit Priorin Irene zeigt sich: Fast alle verdanken den Namen der Dichterin. Eine geborene Walter beispielsweise hätte zunächst Franziska heissen sollen. Kurz vor ihrer Geburt entdeckte der Vater das Werk von Silja Walter, was einen Namenswechsel zur Folge hatte.

Ähnlich die Geschichte der 20-jährigen Silia Aletti, die im Gegensatz zu den anderen ein «i» anstelle eines «j» im Namen führt: «Meine Grossmutter war ein grosser Fan von Silja Walter, worauf ich dann diesen Namen erhalten habe». Vom Silja-Tag im Kloster Fahr erfahren habe sie von einer Kollegin, die in Einsiedeln die Klosterschule besucht. Sie selbst stamme aus Niedergösgen, sei Solothurnerin aus der Gegend um Olten – wie die Dichterin selbst.

Auch Silja Horber, die auf dem katholischen Stadtpfarramt in Zürich arbeitet, heisst Silja wegen Silja Walter. Sie sei das absolute Wunschkind gewesen, auf das ihre Eltern zehn Jahre hätten warten müssen. Während der Schwangerschaft habe ihre Mutter viel Silja Walter gelesen und darum sei rasch klar gewesen, welchen Namen das Töchterlein tragen sollte, erzählt die 27-Jährige. «Ich finde es grossartig, hier all diese Siljas kennen zu lernen», freut sich die Zürcherin.

Silja: Ein selbstgewählter Name

Die jüngste unter den Gästen, Silja Strebel, ist gerade einmal 13 Jahre alt und noch sehr medienscheu. Von dem Klicken der Kameras lässt sie sich zwar nicht beeindrucken, aber auf Fragen der Journalisten möchte sie keine Auskunft geben. «Ja, für die Medien scheint das interessant zu sein, was wir hier machen», witzelt Priorin Irene an die Adresse der Kameraleute und hat sofort die Lacher auf ihrer Seite.

Mit Jahrgang 1952 ist die Franziskanerschwester Silja Richli die Älteste in der Gruppe. Den Namen Silja habe sie sich selbst gegeben, beziehungsweise für ihr Leben im Kloster ausgewählt. Schwester Silja gehört auch zu den ganz wenigen Anwesenden, welche die grosse Dichterin noch persönlich kennengelernt haben: «Zum ersten Mal vor meinem Eintritt ins Kloster Baldegg. Da war ich an einer Dichterlesung von ihr» erinnert sich die Franziskanerin. «Ihre Texte haben mich ermuntert, den Schritt in die Ordensgemeinschaft zu wagen». Im Jahre 2005 habe Schwester Silja ihr Vorbild noch auf der Harfe an einer literarischen Vesper begleiten dürfen. «Es war beeindruckend, wie diese Frau noch in hohem Alter mit einer Leichtigkeit die Treppe hochspringen konnte», erinnert sich die gebürtige Aargauerin.

Silja: In Skandinavien eine Cäcilia

Auch Silvia Coutsicos hat sich den Namen Silja selbst gegeben: Als Künstlername – und auch sie in Anlehnung an die bekannte Dichterin. Ganz im Gegensatz zu Silja Schürch, die in Finnland zur Welt kam und ihren Namen nicht wegen Silja Walter bekam. In den skandinavischen Ländern ist Silja ein Koseform für Cäcilia.

Auf die Teilnehmerinnen am Silja-Tag wartet ein straff organisiertes Programm. Nach einem gut einstündigen Austausch folgt die Begehung des nach dem Tod der Dichterin eingerichteten Silja Walter-Raums sowie der Besuch der Vesper. Um 17.30 Uhr dürfen die Frauen dann ganz exklusiv und ohne Medienschaffende mit den Schwestern im Refektorium speisen. Wie Horizonte in Erfahrung bringen konnte, nahmen die Schwestern für einmal nicht die Mahlzeit in Stille ein, sondern setzten sich zwischen die Gäste und pflegten mit diesen einen angeregten Austausch zu Käseschnitte und Salat.

Silja: Ein Grund für Interesse am Klosterleben

Im Gespräch mit Priorin Irene Gassmann interessieren sich die Anwesenden für das Klosterleben: Wie ist das Klosterleben organisiert? Wie oft und wann wird gebetet? Und immer noch auf Latein? Eine der Anwesenden will wissen, wie es denn mit Nachwuchs aussehe. Priorin Irene Gassmann gibt bereitwillig Auskunft und erklärt: «Wir haben schon immer wieder Frauen, die sich für das Leben im Kloster interessieren, aber es zeigt sich dann, dass diese Personen sich mit den Anforderungen an ein Leben im Kloster zu wenig auseinandergesetzt haben. Gerade, weil wir immer weniger sind und älter werden, brauchen wir starke und gesunde Persönlichkeiten, welche die Gemeinschaft mittragen können.»

Auf die Nachfrage hin, welches Durchschnittsalter denn die Schwestern hätten, entgegnet Irene Gassmann scherzhaft: «Ich weiss es nicht und will es nicht wissen. Die Lebendigkeit zählt.» Dann wird die Klostervorsteherin ernst und räumte ein, dass das Alter die Schwesterngemeinschaft durchaus vor Herausforderungen stelle: «Wenn jemand rund um die Uhr Pflege braucht, können wir das hier bei uns nicht mehr gewährleisten.»

Silja: Stoff für die Bühne

Zum Abschluss folgt für die Namensvetterinnen der Dichterin der Besuch eines Theaterstücks, welches Christine Lather und Felix Huber auf Grundlage der Biografie von Silja Walter geschrieben und komponiert haben – jedes Wort stammt von Silja Walter. Mal nachdenklich und besinnlich, mal beschwingt und witzig. «So früh wie die Nonnen ihr Morgenlob singen, kräht kein anständiger Hahn», hört man Silja Walter auf der Bühne sagen.

«Wohl würde Silja Walter meinen, man solle um ihren Geburtstag nicht so ein Theater machen», meint Priorin Irene Gassmann vor Beginn des Stücks. «Doch an der Bühne hätte sie bestimmt eine Freude und würde darob glatt einen Tanz vollführen.»

Die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Silja Walter dauern noch die ganze Woche an. Von heute Mittwoch bis Freitag erzählen Menschen von persönlichen Begegnungen mit der bekannten Dichterin. Am Samstag, 27. April, wird dann der Silja Walter-Weg eingeweiht.

 

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