30.10.2013

Das natürliche Ende achten

Von Horizonte Aargau

Der Lebensanfang, Schwangerschaft und Geburt, werden heutzutage fast exhibitionistisch präsentiert und öffentlich gemacht. Doch wie ist es mit Krankheit, Leiden und Sterben? Dem Lebensende? Der Tod ist nach wie vor ein Tabuthema. Nur zögerlich, meist im Zuge von Diskussionen um Sterbehilfeorganisationen wie «Exit» und «Dignitas» scheint sich das Thema ins Bewusstsein zu schieben.
Umso wichtiger sind Organisationen wie der Aargauer Hospiz-Verein zur Begleitung Schwerkranker, der Sterbende durch ihre letzten Wochen begleitet, ihre Familien durch die ambulante Betreuung entlastet oder ihnen stationär ein würdiges Abschied-Nehmen vom Leben ermöglicht. Im Gespräch erläutern Anna Schütz, Co-Präsidentin des Vereins, und Elsbeth Regez, Verantwortliche für Öffentlichkeitsarbeit, was ihnen im Hinblick auf die Arbeit des Hospiz-Vereins und dessen Einbettung in das Gesundheitswesen des Kantons Aargau wichtig ist.

Wie entstand der Aargauer Hospiz-Verein zur Begleitung Schwerkranker?
Elsbeth Regez:
Der Verein wurde vor fast 20 Jahren von Louise Thut gegründet. Eine ihrer Freundinnen in den USA starb an Krebs, und Louise Thut hat in diesem Zusammenhang die Ideen von Cicely Saunders, der «Mutter» der modernen Hospizidee, kennen gelernt. Louise Thut war der Meinung, dass so etwas auch in der Schweiz nötig sei und möglich ist. Es dauerte dann noch einige Jahre, bis das erste Hospiz eröffnet werden konnte, aber sie hat es geschafft.
Anna Schütz: Louise Thut ist mittlerweile Mitte 80. Ein unglaublich liebevoller Mensch. Es ist bewundernswert, wie sie schon 60-jährig begonnen hat ein Netzwerk zu schaffen, die Gelder zusammen zu bringen, um dieses Projekt auf die Beine zu stellen. Sie zeigt damit eindrücklich, dass es möglich ist, einen Herzenswunsch zu verwirklichen, wenn man mit Optimismus und Herzblut an die Umsetzung geht. Diesen Optimismus strahlt sie auch heute noch aus.

Hat es aus finanziellen Gründen länger gedauert, oder weil der Tod ein Tabuthema ist?
Anna Schütz:
Es lag sicher an beidem. Ausserdem ist es eine Frage der Zeit und der Möglichkeiten.
Elsbeth Regez: Die Frage nach den Finanzen stellt sich tatsächlich immer wieder. Wir können zwar seit Anfang des Jahres im Hospiz mit den Krankenkassen abrechnen, aber um die Ausbildung, Supervision oder Fortbildungen unserer Mitarbeitenden zu bezahlen, sind wir auf Spenden und Legate angewiesen. Wir erhalten keine kantonalen Subventionen.

Das heisst, Sie wünschen sich, Teil des Aargauer Gesundheitswesens zu sein?
Anna Schütz: Die Frage ist eher, ob es nicht aus gesellschaftspolitischen Gründen sinnvoll wäre, dass der Kanton das begleitete Sterben im Hospiz als eine Möglichkeit wahrnimmt, wie das Lebensende gestaltet werden kann. Gerade in einer individualisierten Welt, in der die Familie nicht mehr zwingend in der Lage ist, das Sterben eines Familienmitglieds zu tragen, sollte der Kanton auch auf solche Angebote hinweisen und sie in die Angebotspalette aufnehmen.
Elsbeth Regez: Es wäre vielleicht auch ein Weg, Menschen zu zeigen, dass es anderes gibt – jenseits von «Exit» oder «Dignitas».

Was steckt hinter dem Begriff Hospizstrategie, der ebenfalls häufig zu lesen ist?
Anna Schütz: Als Erklärung muss ich vielleicht sagen, dass der Verein nicht nur das Hospiz mit seinen sechs Betten unterhält, sondern dass vorher schon die Möglichkeit der ambulanten Begleitung bestanden hat. Gerade unsere Freiwilligen ermöglichen es uns, dort zu unterstützen, wo eine Familie oder ein Freundeskreis für die letzte Zeit bereit steht, aber auch dort, wo niemand die Zeit oder Fähigkeit hat den Sterbenden zu begleiten. Als drittes haben wir die offenen Trauertreffs, die einladen sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Das heisst, der Verein hat drei Säulen: Ambulante und stationäre Begleitung und die offenen Treffs. Die Strategie ist ganz klar, diese Säulen zusammenzuhalten.
Elsbeth Regez: Ein anderer Teil unserer Strategie ist es, sowohl mit bezahltem Personal zusammenzuarbeiten, als auch mit Freiwilligen. Im Hospiz und im ambulanten Bereich. Ohne die Freiwilligen könnten wir unsere Arbeit nie leisten. Auch besteht eine lockere Zusammenarbeit mit dem Pflegeheim Brugg, in welchem wir ein Stockwerk gemietet haben.

Wie ist der Umgang mit dem Thema Sterbebegleitung in anderen Kantonen?
Elsbeth Regez: Stand der Dinge ist im Moment, dass es auf Bundesebene ein Konzept zu «Palliative Care» gibt, dass durch die Kantone umgesetzt werden soll. Erfahrungsgemäss macht das jeder Kanton auf seine Weise.
Anna Schütz: Der Aargau ist jetzt daran, ein kantonales Konzept zu «Palliative Care» zu erarbeiten. Es ist ein Feld, das im Moment im Umbruch ist.

Ist der Kanton willens, mit Organisationen wie dem Verein zusammenzuarbeiten?
Anna Schütz: Dazu können wir zum jetzigen Zeitpunkt nichts Konkretes sagen.
Elsbeth Regez: Es gibt eine kantonale Arbeitsgruppe, die jetzt das «Palliative Care»-Konzept erarbeitet. Dort sind wir mit einem Vorstandsmitglied vertreten, gemeinsam mit anderen Organisationen wie der Spitex, Alters- und Pflegeheimen und Spitälern. Es gibt in der Schweiz nicht viele Hospize, die als Verein organisiert sind wie wir. Es gibt das Zürcher Lighthouse oder das Palliativcenter Hildegard in Basel. Aber die arbeiten jeweils mit Spitälern zusammen. Eigentlich ist es verrückt, dass der Kanton Aargau als bevölkerungsreicher Kanton insgesamt nicht mehr Hospiz-Betten für Sterbende zu Verfügung hat.
Anna Schütz: Das ist auch ein wichtiger Punkt unserer Strategie. Wir wollen selbständig bleiben und dem Gedanken von Cicely Saunders verpflichtet bleiben, ganz individuell auf jeden einzelnen Sterbenden eingehen zu können und das natürliche Ende des Lebens zu respektieren. Wenn wir zu fest ins Gesundheitswesen eingegliedert sind, besteht vielleicht die Gefahr, dass wir in Abhängigkeit geraten. Wir wollen Teil eines Konzeptes sein, aber nicht in dem Sinne, dass wir eine Spitalabteilung sind. Wir erleben, dass Spitäler «Palliative Care» anbieten und die Leute dann doch wieder nach Hause schicken müssen. Das wollen wir nicht. Wir wollen Arbeit machen, die nur auf den Menschen achtet. Wir wollen, dass die Leute die zu uns kommen und bleiben können. Ohne Druck. Damit sie ein würdiges Lebensende erleben.
Anne Jablonowski

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