Mit Stammtischen in Baden und Aarau versucht der Aargauer Interreligiöse Arbeitskreis (airak) den Dialog und die Verständigung unter den Religionen zu fördern. | © Roger Wehrli

Dem Dialog verpflichtet: Der airak

Vera Rüttimann, 1.8.18
  • Am heutigen Nationalfeiertag werden landauf, landab verschiedene Rednerinnen und Redner die Wichtigkeit des Dialogs betonen – insbesondere auch mit Zugewanderten, die eine andere Kultur mitbringen und in einer anderen relgiösen Tradition verwurzelt sind. Der Aargauer Interreligiöse Arbeitskreis (airak) pflegt diesen Dialog schon seit zehn Jahren.
  • Einmal pro Monat organisiert der airak in Baden und Aarau interreligiöse Stammtische. An diesen kommen Menschen unterschiedlicher Religion zusammen und tauschen sich aus. Horizonte war dabei.

 

In der Bullingerstube des reformierten Kirchgemeindehauses in Baden gibt Béatrice Menzi Hussain an einem April-Abend zum Thema «Heilige Gärten – die Suche nach dem Paradies» am Stammtisch einen Input. Unter den 22 Gesprächsteilnehmern sind Reformierte, Katholiken, Orthodoxe und Muslime. Die meisten kennen sich, andere sind heute erstmals hier. Sie wissen: Neue Bekanntschaften knüpfen in einer neuen Umgebung und über seinen Glauben reden – all das kann das Leben enorm bereichern.

«Einander kennen lernen und Vorurteile abbauen»

Mit am Tisch sitzt auch Urs Fischer, der heute das Vorstandsmitglied Muris Puric vertritt. Fischer, langjähriger Abteilungsleiter der Flüchtlingshilfe bei der Caritas, kennt sich aus in der Arbeit mit Menschen mit Migrationshintergrund. Er weiss um Missverständnisse zwischen Angehörigen verschiedener Religionsgemeinschaften. Beim airak, so Urs Fischer, gehe es nicht darum, zu missionieren, sondern Vorurteile abzubauen «und einander kennen zu lernen und wertzuschätzen.» Der airak wolle mit seinen Stammtischen aufzeigen, «wie bereichernd Begegnungen mit Menschen mit anderem religiösen und kulturellen Hintergrund sind.»

Durch ihre Arbeit mit Ausländern erhalten die airak-Mitglieder einen tiefen Einblick in das Schicksal von Flüchtlingen im Kanton Aargau. Monika Liauw geht aktuell der Fall von zwei tibetischen Frauen besonders nahe. Die Frauen, die bereits am Stammtisch dabei waren und seit drei Jahren in der Schweiz leben, sollen ausgewiesen werden. Béatrice Menzi Hussain wiederum engagiert sich beim Projekt «Co-Pilot» der Caritas Aargau, wobei sie Flüchtlinge mit B-Status einige Stunden pro Monat ehrenamtlich in ihrem Alltag begleitet. Aktuell eine junge Frau aus Sri Lanka mit ihren zwei Söhnen, die jetzt alle deutsch lernen.

«Ich will wissen, wie andere Religionen ticken»

Seit neun Jahren findet in Aarau an jedem 15. des Monats der interreligiöse Stammtisch statt, seit 2010 an jedem 16. in Baden, organisiert vom interreligiösen Arbeitskreis (airak). Das Ziel des Vereines ist der Aufbau und die Pflege von Beziehungen zwischen Angehörigen verschiedener Religionsgemeinschaften. Der airak ging aus dem 1987 gegründeten Ökumenischen Friedensnetz Aargau (OeFNA) hervor, das vor über 40 Jahren gegründet wurde. Nach einer Friedensnacht mit Beteiligung aller Landeskirchen, der orthodoxen Gemeinschaften, der Buddhisten, Baha’i, Hindus und Muslime im Jahr 1994 beschlossen die Aktivisten, den Aargauer Interreligiösen Arbeitskreis zu gründen. Ein Hauptthema des neuen Arbeitskreises war, den interreligiösen Dialog regelmässig anzuregen und zu pflegen.

Allen im Vorstand des airak ist der Dialog mit den Religionen ein persönliches Anliegen. So auch Vorstandsmitglied Béatrice Menzi Hussain, die an fast jedem Stammtisch dabei ist. Ursprünglich katholisch aufgewachsen, lernte sie mit 21 Jahren den Baha’i-Glauben kennen und wurde Mitglied bei dieser Glaubensgemeinschaft. Béatrice Menzi Hussain, die das Sekretariat des airak leitet, sagt über ihr Motiv, sich hier zu engagieren: «In der Sekundarschule hatte ich eine jüdische Mitschülerin und meine damalige Freundin war reformiert. Schon damals wollte ich wissen, wie andere Religionen ticken.»

«Religionen müssen Hand in Hand gehen»

Jedes Mal wird ein Gast eingeladen, über ein bestimmtes religiöses Thema zu sprechen. Diese Form der Begegnung schätzt auch Monika Liauw-Hanimann, die seit acht Jahren den Stammtisch in Baden betreut. Die Aargauerin, die mit einem Indonesier verheiratet war und als Religionslehrerin gearbeitet hat, sagt: «Ich merkte schon in meiner Schulzeit, dass die Religionen Hand in Hand gehen müssen.»

Schaut man in die Protokolle der letzten Jahre, kommt eine beeindruckende Bandbreite an Themen zusammen: Die Anlässe trugen Titel wie «Glaube im Aargau», «Das Jiddisch der Juden im Surbtal» und «Die Seele des Menschen und ihre Reise in die geistigen Welten». Weiter: «Religion und Musik im alevitischen Gottesdienst» und «Sufismus – Ein Weg spiritueller Freiheit». Ebenfalls thematisiert wurde unter dem Schlagwort «Call für Jihad» die Radikalisierung der Jugend. Solche Podiumsrunden können schon mal bunt ausfallen. So kam es schon vor, dass im Aarauer Pfarrhaus am Stammtisch ein ehemaliger Fachhochschullehrer sass, der Führungen in Sikh- und Hindutempeln und in Moscheen macht.

Mit dabei an der Badenfahrt

Als wichtige Aufgabe sieht der airak zudem die Vernetzungsarbeit. Dies geschieht nach und innen und nach aussen. Weiter beteiligen sich die Aktivisten des airak an vielen interreligiösen Aktivitäten im Aargau und anderen Regionen der Schweiz. So etwa seit 2009 am Interreligiösen Sternmarsch im Kanton Aargau, der jeden Sommer durch den aargauischen katholischen Frauenbund organisiert wird, wie Béatrice Menzi Hussain betont.

Überdies gestaltet airak jährlich auch das «Gebet der Religionen» am Buss- und Bettag in Baden, das der airak auch vor rund 20 Jahren initiiert hatte. Weiter engagiert sich der Interreligiöse Arbeitskreis an der «Woche der Religionen» sowie am «Fest der Kulturen» auf dem Zentrumsplatz in Wettingen. «Ein Höhepunkt für uns war die Beteiligung an der Badenfahrt letztes Jahr», erinnert sich Béatrice Menzi Hussain.

«Es braucht die Bereitschaft, sich zu öffnen»

Interreligiöser Dialog kann anstrengend sein, das weiss Urs Fischer aus seiner langjährigen Erfahrung. Er sagt: «Er ist anspruchsvoll, denn er benötigt einen langen Atem sowie Hintergrundwissen und die Bereitschaft, sich anderen zu öffnen. Vielleicht ist das ein Grund, warum sich nicht mehr Leute dafür engagieren.» Auch von einigen Pfarreien wünscht sich der ehemalige Caritas-Mitarbeiter noch mehr Engagement. Monika Liauw wird jedenfalls immer wieder neu in der Stadtkirche Baden die airak-Flyer auflegen, denn sie weiss: «Wir werden durchaus wahrgenommen.»

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