Schutz, Trost und Wärme. Das Projekt «Mini Decki» will jedem Kind, das als Flüchtling in die Schweiz kommt, eine eigene Decke schenken | © zvg

Dem Schrecken etwas entgegensetzen

Clevere und kreative Hilfsprojekte, die Mut machen

Marie-Christine Andres Schürch, 4.6.15

In den letzten drei Tagen des Monats Mai rettete die Organisation Frontex rund 5000 Menschen aus Seenot auf dem Mittelmeer. Es war die «grösste Welle von Migranten» seit Jahresbeginn, wie die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Aussengrenzen mitteilte. Bisher sind fast 2000 Menschen ertrunken, beim Versuch, Europa zu erreichen. Das Mittelmeer ist leider nur einer der Schauplätze, von denen uns täglich bedrückende Nachrichten erreichen. Horizonte hat Menschen getroffen, die sich von den Schlagzeilen nicht erschlagen, sondern zum Handeln bewegen liessen.

«Wintereinbruch verschlimmert Lage der syrischen Flüchtlinge». «Flüchtlingsdrama im Mittelmeer – über 900 Tote befürchtet». «Erdbeben verwüstet Nepal». «Nigeria: 50 Tote bei Anschlag auf Markt». So und ähnlich lauteten die Schlagzeilen in den vergangenen Monaten. Krieg, Tod und Terror erreichen uns meist schon vor dem Frühstück über Zeitung und News-App, begleiten uns via Radio und Online-Portale durch den Tag und gesellen sich rechtzeitig zum Feierabend via Tagesschau zu uns. Den Bildern von Hinrichtungen, Hunger und Hoffnungslosigkeit haben wir oft nichts entgegen zu setzen. Wir fühlen uns ohnmächtig und werden uns mit schlechtem Gewissen immer wieder bewusst, wie gut es uns eigentlich geht.

Mit den eigenen Mitteln und Fähigkeiten
Zwar spüren wir deutlich, dass man nicht tatenlos zuschauen darf, die meisten können sich aber nicht vorstellen, dass gerade sie etwas gegen das Leiden der Menschen unternehmen können. Horizonte hat mit Leuten gesprochen, die nicht resigniert, sondern angepackt haben. Den täglichen Schreckensmeldungen setzen sie auf ihre Weise, mit ihren Mitteln und Fähigkeiten, etwas entgegen.

«Da fiel mir Evelyne Binsack wieder ein»
Zum Beispiel Margret Sohn, die vielfältig engagierte Kirchenmusikerin aus Kirchdorf. Eines Abends Ende April schaltete Margret Sohn den Fernseher ein und sah zufällig die Bergsteigerin Evelyne Binsack über die Not der Erdbeben-Opfer in Nepal sprechen. Die bekannte Abenteurerin und Extrembergsteigerin schilderte den Zuschauern, wie gross die Not im Erdbebengebiet ist und rief dazu auf, für die betroffenen Menschen zu spenden. «Ihre Worte haben mich noch eine ganze Weile beschäftigt.», erinnert sich Margret Sohn. Kurz darauf trat ihr Chor «coro sonoro» am Kirchenmusikfest Cantars auf. Die Sängerinnen und Sänger hatten lange für das Konzert geprobt und fanden es ein bisschen schade, dass es nur einmal gesungen wurde, erzählt Margret Sohn. «Da fiel mir Evelyne Binsack wieder ein.»

Hilfe aus persönlichen Ressourcen
Kurzerhand beschloss der Chor, das Programm noch einmal aufzuführen, diesmal als Benefizkonzert für Nepal. Die Dirigentin schrieb Evelyne Binsack eine E-Mail, worauf diese antwortete, dass sie die Idee sehr gut finde und – falls sie es einrichten könne – gerne ans Konzert komme. Am kommenden Sonntag, 7. Juni 2015 gibt der Chor «coro sonoro» um 19 Uhr in der katholischen Kirche Kirchdorf sein Benefizkonzert für die Erdbebenopfer in Nepal. «Wir haben alles sehr kurzfristig auf die Beine gestellt, Nepal braucht die Hilfe sofort.», erklärt Margret Sohn. Evelyne Binsack wird die gesammelten Spenden kurz nach dem Konzert persönlich nach Nepal bringen. Das Benefizkonzert des «coro sonoro» ist ein treffendes Beispiel für Hilfe, die aus den ganz persönlichen Ressourcen heraus geleistet wird.

Erdbeben im Heimatland
Familie Guragai Schmidli und Familie Gautam Leuthard wohnen nicht nur beide im Wettinger Altenburgquartier, es verbindet sie auch ein gemeinsamer Hintergrund: In beiden Familien ist die Frau Schweizerin und der Ehemann kommt aus Nepal. Die Kinder sind etwa gleich alt und besuchen Kindergarten und Primarschule im Quartier. Barbara Schmidli hat ihren Mann in Nepal kennengelernt. Sie beschlossen in der Schweiz zu leben. Der grössere Teil der Familie – Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins – und viele Freunde leben in Nepal. Am Morgen des 25. April 2015, als die Schlagzeilen aus Nepal die Schweiz erreichten, erschraken die Familien Guragai Schmidli und Gautam Leuthard besonders. Das Land, in dem ihre Familie und Freunde wohnen, war von einem schweren Erdbeben erschüttert worden. Nach und nach sickerten Informationen durch: der Landesteil, in dem die Familienmitglieder heute leben, war zum Glück weitgehend verschont geblieben, der Geburtsort von Janardan Gautam jedoch nahezu zerstört. Rund um die Hauptstadt Kathmandu waren acht Millionen Menschen von der Katastrophe betroffen, die Zahl der Todesopfer stieg stündlich. Nach Schätzungen starben beim Erdbeben vom 25. April und mehreren Nachbeben mehr als 8600 Menschen. Auch die humanitäre Lage im armen Land spitzt sich rasch zu, es fehlt an Wasser, Essen und Strom. «Nach und nach erreichten uns die schrecklichen Bilder aus Nepal.», erinnert sich Barbara Schmidli. Die schlimmen Nachrichten beschäftigten die ganze Familie, auch den achtjährigen Sohn.

Komm, wir fragen!
Er war es, der am Sonntagmorgen die Idee hatte, dass er und seine Mitschüler den Menschen in Nepal doch irgendwie helfen könnten. Sofort teilte er diesen Wunsch mit seinem Freund. Komm, wir fragen unsere Kolleginnen und Kollegen in der Schule, dass sie den Menschen in Nepal helfen! Barbara Schmidli begleitete daraufhin ihren Sohn zur Lehrerin, um die Idee zu besprechen. Die Lehrerin verwies an die Schulleitung. Dort stiess das Anliegen der beiden Familien auf Zustimmung. Das weltoffene Schulhaus hatte im letzten Jahr ein «Fest der Kulturen» gefeiert, bei dem die Gäste die verschiedenen Herkunftsländer der Schüler kennen lernen konnten. Nun war Hilfe in einem dieser Länder gefragt und die Schulleitung gab ihr Einverständnis, einen Spendenaufruf an die Schüler des Schulhauses Altenburg zu verteilen. Den Brief verfassten die betroffenen Familien gemeinsam mit den Kindern und anschliessender Unterstützung einer Lehrperson, dann gelangte er mit der Elternpost an die Familien der Primarschüler und Kindergärtler im Quartier. Bald stand in jedem Klassenzimmer ein Kässeli, das Lehrer und Schüler in den folgenden zehn Tagen füllten. Und wohl steuerte auch mancher Vater und manche Mutter einen Batzen dazu bei. Als Barbara Schmidli und ihre Kinder die Couverts von der Schulleitung in Empfang genommen hatten, brachten sie diese sofort auf die Bank, dort liessen sie das Geld zählen. Vom Fünfrappenstück bis zum Hunderternötli war alles dabei. Es waren 4’060 Franken und 60 Rappen zusammengekommen. Die Schüler hatten ihr Netzwerk aktiviert, um möglichst viel Geld zu sammeln, wie Barbara Schmidli berichtet: «Einige haben bei den Nachbarn geklingelt und Spenden gesammelt.»

Ein stimmiger Mittelweg
Das Geld geht an den Verein «Freundeskreis Schweiz – Nepal», deren Präsident beide Familien persönlich kennen. Fremdes, uns anvertrautes Geld ganz ohne Hilfe einer Organisation an die Leute zu bringen, die es nötig haben, ist sehr schwierig.» Das gewählte Hilfswerk sei ein für alle stimmiger Mittelweg zwischen privaten Vermittlern und grossen Organisationen. Die Vorabklärungen haben ergeben, dass das Geld für den Wiederaufbau der öffentlichen Infrastruktur verwendet werden soll. Kinder helfen Kindern: Die Kinder in Nepal sollen wieder in einem Schulhaus zur Schule gehen können. Sie sollen ihre Aufgaben nicht im Dunkeln machen müssen und Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Die Familien interessieren sich dafür, was genau mit dem Geld geleistet wird, sie werden die Arbeit des Vereins «Freundeskreis Schweiz – Nepal» mitverfolgen. Ein Engagement, das über das Erschrecken beim Zeitungslesen hinausgeht. «Für die meisten ist eine Meldung wie diejenige über das Erdbeben nach einigen Tagen abgehakt, vergessen. Die direkt Betroffenen leiden aber unter Umständen ein Leben lang an den Folgen.», ist sich Barbara Schmidli bewusst.

«Mini Decki» – Trost, Schutz und Wärme
Die Folgen von Flucht und Heimatverlust zu lindern, ist auch Simone Maurers Ziel. «Ich habe immer schon genäht», sagt Simone Maurer. Besonders gefiel ihr das Nähen von Decken. Jedes ihrer drei Kinder besitzt eine eigene, vom Mami genähte Decke, die immer wieder zum Einsatz kommt. «Ich finde eine Decke etwas Wunderbares, etwas das tröstet, Wärme spendet und schützt.», findet die dreifache Mutter aus Rütihof bei Baden. Im vergangenen Jahr sah sie in Zeitung und Fernsehen immer und immer wieder Menschen, denen genau das fehlte: Trost, Schutz, Wärme. Simone Maurer erinnert sich: «Die schlimmen Bilder vom Elend der Flüchtlinge wurden mir zu viel. Besonders berührt hat mich das Schicksal der Kinder. Die Frage drängte sich auf, was ich aus dem glücklichen Umstand, dass meine Kinder hier zur Welt kommen durften, machen kann.»

Eine Decke für jedes Flüchtlingskind
Im vergangenen Dezember startete Simone Maurer deshalb das Projekt «Mini Decki». Ihre Idee: Jedes Flüchtlingskind, das in die Schweiz kommt, soll seine persönliche Decke bekommen. «Ich habe mir nicht viel überlegt, habe einfach angefangen zu nähen.» Weil sie gleichzeitig online auf ihrem Blog über das Vorhaben berichtete, meldeten sich bald Interessierte aus allen Ecken der Schweiz, die bei «Mini Decki» mithelfen wollten. Freiwillige setzten sich an die Nähmaschine, andere wühlten in ihrem Fundus und schickten Stoff von ausgedienter Bettwäsche nach Rütihof, einige spendeten Geld. Damit die fertigen Decken zu den Flüchtlingskindern gelangen konnten, suchte Simone Maurer den Kontakt zu den Behörden. Der Kantonale Sozialdienst unterstützte ihre Idee und nun läuft die Abgabe der Decken über die Kantonalen Durchgangszentren für Asylsuchende. «So können alle Flüchtlingskinder im Kanton erfasst werden, bevor sie auf die einzelnen Gemeinden verteilt werden», erklärt Simone Maurer.

Das macht Sinn – ohne Wenn und Aber
Dank der Mitarbeit von unzähligen Helferinnen und Helfer kamen in fünf Monaten tausend selbstgenähte Decken zusammen. Auf Anregung des Kantonalen Sozialdiensts entwarf Simone Maurer einen Flyer, der in sechs Sprachen das Projekt «Mini Decki» erklärt. So wissen die Kinder, welche eine Decke bekommen, dass diese von Freiwilligen als Geschenk für sie genäht wurde. Jede einzelne ist ein Stück Heimat auf der langen und ungewissen Reise. «Ich hatte auch früher schon den Gedanken, dass auch andere Leute Freude an meinen Decken haben könnten. Aber an einem Marktstand, fand ich, sei der falsche Ort für meine Decken.» Der Ort, wo ihre Decken jetzt landen, macht für Simone Maurer ohne Wenn und Aber Sinn.

Zusätzlicher Raum gesucht
Unterdessen ist das Projekt so stark gewachsen, dass Simone Maurer Tag und Nacht E-Mails beantworten könnte. Sie übernimmt die Beschaffung der Stoffe, die Organisation der Verteilfahrten und Verhandlungen mit Geschäften. Und auch die Bewältigung der vielen Medienanfragen braucht Zeit. Mindestens ein 50-Prozent-Job sei ihr mittlerweile aus «Mini Decki» erwachsen. «Hätte ich zu Beginn gewusst, was mich in einem halben Jahr erwartet, hätte ich das vielleicht gar nicht angefangen.» Denn «Mini Decki» braucht nicht nur Platz im Kopf von Simone Maurer, sondern greift auch räumlich um sich. Die grosse Stube dient seit Monaten als Deckenlager: «Ich halte ein gewisses Mass an Chaos gut aus, aber manchmal wird es selbst mir zu viel. Wirklich heimelig ist es bei uns nicht mehr.», stellt sie fest. Ihr nächstes Ziel ist deshalb, einen Raum zu finden, wo sie Material lagern und die fertigen Decken für die Auslieferung bereitstellen kann. «Ein trockener, gut zugänglicher Raum irgendwo in der Umgebung von Baden wäre super.», erklärt Simone Maurer.

Vertrauen, dass es aufgeht
In ihrem ersten Blogeintrag von Mitte Dezember 2014 hatte Simone Maurer geschrieben: «Es ist ein grosses Projekt, das ich nie selber schaffen kann … aber ich vertraue darauf, dass etwas ins Rollen kommt.» Im Rückblick muss die 38-Jährige ein wenig schmunzeln: «Am Anfang habe ich mir überhaupt nichts überlegt, ich habe einfach begonnen. Ich habe gedacht, ich kaufe ein paar Ikea-Decken und fange an zu nähen. Und natürlich dachte ich, dass ich das einfach selber bezahle. Inzwischen können über die Spenden die Porto- und Materialkosten bezahlt werden, die Rechnung geht auf. Die Gabe, darauf zu vertrauen, dass es am Schluss immer irgendwie aufgeht, ist Simone Maurer geschenkt. Und so wird sie sich auch weiterhin dafür einsetzen, dass die Kinder, die so viel verloren haben, ein Geschenk bekommen, das nur ihnen gehört: Mini Decki.

Links zu den Projekten: http://minidecki.blogspot.ch , www.swiss-nepal.ch , www.corosonoro.ch

 

 

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