Am Dienstag, 30. Juni 2020, wurde das Schweizer Teilstück des Kolumbanswegs eröffnet. | © Marie-Christine Andres

Der Kolumbansweg Schweiz ist eröffnet

Marie-Christine Andres Schürch, 30.6.20
  • Von Bangor bei Belfast bis nach Bobbio in Italien führt der europäische Weitwanderweg «Via Columbani» auf den Spuren des irischen Mönchs Kolumban, der im 6. Jahrhundert wirkte.
  • Beim Kloster Wettingen wurde gestern Dienstag, 30. Juni, der Schweizer Abschnitt durch die IG Kolumbansweg eröffnet.
  • 21 Etappen auf 500 Kilometern von Basel bis Castasegna umfasst der Schweizer Teil des Kolumbanswegs.

 

Wer einem historischen Ereignis an einem geschichtsträchtigen Ort im atmungsaktiven Shirt und mit Wanderschuhen beiwohnt, muss Pilger mit Leib und Seele sein. Mehr als 40 Leute hatten sich am Dienstag im Restaurant Sternen beim Kloster Wettingen – dem ältesten Gasthof der Schweiz zur Eröffnung des Schweizer Kolumbanswegs versammelt. Neben einigen Journalisten auch eine stattliche Schar Pilger, die sich freuten, ein Stück des Weges gleich selber einzuweihen. Bevor die Gruppe aber den Weg vom Kloster Wettingen zum Kloster Fahr unter die Füsse nahm, informierten die Referenten der IG Kolumbansweg umfassend über Entstehung, Bedeutung und Route des Kolumbansweg Schweiz.

Auf den Spuren irischer Mönche

Josef Schönauer pilgert seit 1988. Der Präsident der Pilgerherberge St. Gallen und Mitglied der IG Kolumbansweg führte die Zuhörer in die Geheimnisse des Pilgerns ein. «Religion ist Unterbrechung», zitierte er den deutschen Theologen Johann Baptist Metz. Die Unterbrechung des gewohnten Alltags auf einer Pilgerreise schaffe Raum für existenzielle Fragen. Im Gegensatz zum Jakobsweg, der ein eigentlicher Pilgerweg ist, sei der Kolumbansweg eher «ein Erinnerungsweg», so Josef Schönauer.

Der Weg folgt den Spuren der irischen Mönche Kolumban und Gallus, die im späten 6. Jahrhundert zusammen mit ihren Gefährten aus dem nordirischen Ort Bangor nach dem Kontinent aufbrachen. Kolumban gelangte vorerst ins französische Luxeuil und blieb fast zwanzig Jahre dort. Schliesslich brach er wieder auf und ging durch die Schweiz ins italienische Bobbio, wo er im Jahr 615 starb.

Geistliche Fluglehrer

Cornel Dora, Stiftsbibliothekar in St. Gallen, schilderte anschaulich die damaligen Glaubensumstände: «Zur Zeit des Niedergangs der Antike waren die Seelen der Menschen ‹ausgetrocknet›. Sie sehnten sich nach Frieden und Inspiration.» Da faszinierten die irischen Mönche mit ihrer radikalen Religiosität, ihrer Bildung und nicht zuletzt ihrem «exotischen» Äusseren: «Die irischen Missionare wurden zu geistlichen Fluglehrern für die hiesige Bevölkerung», erklärte Cornel Dora bildhaft.

So vermittelten Kolumban, Gallus und ihre Gefährten der europäischen Kultur auf dem Kontinent wesentliche Impulse. Rund hundert Klostergründungen werden mit Kolumban und seinen Schülern in Verbindung gebracht. Kolumban habe in einem Brief an Papst Gregor den Grossen erstmals die Idee eines auch den Norden umfassenden, christlichen Europas bezeugt, unterstrich Cornel Dora.

Persönliche Kontakte waren entscheidend

Als im Jahr 2014 in Irland, Frankreich und Italien Bestrebungen in Gang kamen, einen Kolumbansweg von Bangor nach Bobbio zu schaffen, führten persönliche Kontakte von IG-Präsident Wolfgang Sieber zum Kloster Luxeuil dazu, dass auch die Schweiz in dieses europäische Projekt eingebunden wurde. Im Jahr 2017 wurde mit der IG Kolumbansweg ein Verein gegründet, der die Schaffung, Organisation, Vermittlung und Kommunikation des Schweizer Teilstücks bezweckt.

Entlang der Flussläufe

Die Referenten gaben Einblick, wie das Schweizer Wegstück der internationalen «Via Columbani» rekonstruiert wurde. «Wir sind ausserordentlich gut informiert über Kolumban und Gallus, durch ihre Lebensgeschichten, die schon bald aufgezeichnet wurden und recht verlässlich sind. Sie geben auch Hinweise zu ihren Wegen, die wir gerade in der Schweiz einigermassen genau kennen: Tuggen, Arbon, Bregenz und St. Gallen werden von ihren frühen Biographen namentlich erwähnt», führte der St. Galler Stiftsbibliotheker Cornel Dora aus. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit, meinte Wolfgang Sieber, seien die Mönche damals den Flussläufen gefolgt (Details zur Route finden Sie im Nebentext).

IG-Mitglied Josef Schönauer wies auf die vielen Kirchen, Kapellen und Kraftorte entlang des Schweizer Kolumbanswegs hin: «Der Kolumbansweg ist mit einer Perlenschnur vergleichbar. Die Perlen der Spiritualität laden ein, sich darin aufzuhalten und wirken ganzheitlich über alle Sinne.» Die zahlreichen historischen Querverbindungen illustrierte er am Beispiel des Klosters Wettingen: «Das Kloster Magdenau bei Flawil, gegründet 1244, unterstand dem Kloster Wettingen. Dieses übersiedelte viele Jahrhunderte später nach Mehrerau bei Bregenz. Alle drei Orte liegen am Kolumbansweg.»

Zusammenarbeit mit Gesundheitsland Schweiz

Eine unerwartete, aber stimmige Verbindung stellte Franz With, Vertreter der Plattform Gesundheitsland Schweiz, her. Der Kolumbansweg sei auch ein Weg der Entschleunigung und daher ideal, um den Menschen Impulse zu Gesundheit für Körper, Geist und Seele mit auf den Weg zu geben. Seit dem frühen Mittelalter und ursprünglich aus den Klöstern stammend, hat sich im Verlaufe der Zeit in der Schweiz eine nachhaltige Naturmedizin entwickelt. Diese Schätze sollen Pilger auf dem Kolumbansweg Schweiz entdecken und erleben sowie die Produktionsstätten besuchen können. Die Plattform www.gesundheitsland.ch gibt den Wanderern eine Übersicht sowie Online-Buchungsmöglichkeiten für Betriebsbesichtigungen.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Abonnieren Sie unseren Newsletter. Er erscheint alternierend zur Printausgabe alle zwei Wochen – immer mit den aktuellsten Horizonte-Geschichten und oftmals spannenden Verlosungen.
Wolfgang Sieber wanderte im Jahr 2012 anlässlich des 1400-Jahr-Jubiläums der Ankunft Gallus' in St. Gallen auf dem Weg von Nordirland nach St. Gallen. | © Marie-Christine Andres
Wolfgang Sieber
Im ältesten Restaurant der Schweiz, dem Sternen beim Kloster Wettingen, fand die Eröffnung des Kolumbanswegs Schweiz statt. | © Marie-Christine Andres
Restaurant Sternen, Wettingen
Josef Schönauer erzählte den Anwesenden vom tieferen Sinn und Reiz des Pilgerns. | © Marie-Christine Andres
Josef Schönauer
Der Stiftsbibliothekar von St. Gallen, Cornel Dora, berichtete über die Bedeutung des irischen Mönchs Kolumban für Europa. | © Marie-Christine Andres
Cornel Dora
Als Vertreter von «Gesundheitsland Schweiz» verband Franz Wirth das Pilgern auf dem Kolumbansweg mit dem Erleben von Gesundheit und Naturmedizin. | © Marie-Christine Andres
Franz Wirth
Wie Perlen an einer Schnur sind die spirituellen Schätze entlang des Kolumbanswegs aufgereiht. Auf der Etappe von Baden nach Zürich liegt das Kloster Wettingen, gegründet im Jahr 1227. | © Marie-Christine Andres
Perlenschnur
Die Pilgerinnen und Pilger interessierten sich für die natürlichen Gesundheitsprodukte, die entlang des Kolumbanswegs hergestellt werden. | © Marie-Christine Andres
Gesundheitsschätze
Die Herstellung der Gesundheitsprodukte aus Soglio im Bergell können Pilger auf dem Kolumbansweg vor Ort erleben. | © Marie-Christine Andres
Entschleunigen mit Naturprodukten

Die Entstehung: vom Gallus- zum Kolumbansweg

Im Jahr 2012 jährte sich zum 1400. Mal ein Ereignis, das nicht nur für St. Gallen von fundamentaler Bedeutung war: Gallus, ein Gefährte des irischen Mönchs Kolumban, blieb im Steinachtobel im heutigen St. Gallen zurück und errichtete ein Klause, die schon bald Hilfe- und Ratsuchende anzog und wo später das Kloster und die Stadt St. Gallen entstanden.

Eine Delegation auf den Spuren des Stadtgründers

Um dieser Tatsache Rechnung zu tragen, beschlossen einige Weit-Wanderer, den Weg, den Kolumban mit Gallus und den übrigen Gefährten, von Bangor in Nordirland, durch Frankreich bis nach St. Gallen zurücklegte, nachzuvollziehen. Eines der Ziele der Wanderer war, einen Gallusweg zu schaffen. Es zeigte sich jedoch, dass ausser der Region St. Gallen kaum jemand Gallus kannte, dass jedoch in Irland, Frankreich und Italien bereits Bestrebungen im Gange waren, einen Kolumbansweg von Bangor nach Bobbio zu schaffen, einen vom Europarat anerkannten europäischen Kulturweg.

Gut dokumentierte Webseite

Die vor allem nach Luxeuil geknüpften Kontakte führten dazu, dass auch die Schweiz in dieses europäische Projekt eingebunden wurde. Es galt nun, einen Weg durch die Schweiz festzulegen, mit den andern beteiligten Ländern zu verknüpfen und diesen Weg für Pilger und Wanderer verfügbar zu machen. Eine ausführliche und übersichtlich gestaltete Webseite stellt alle Informationen zur Verfügung.

Festlegung des Weges

In der Schweiz und Österreich gibt es drei Orte, an denen die Mönche sich nachweislich aufhielten: Tuggen, Arbon und Bregenz. Weitere Angaben über die begangenen Wege gibt es nicht. Mit hoher Wahrscheinlichkeit folgten die Menschen zur damaligen Zeit den Flussläufen. Also folgt der Weg ab Basel dem Rhein bis Koblenz, dann der Aare bis Baden und der Limmat bis Zürich. Dann entweder über den See zum oberen Ende bei Rapperswil oder Tuggen oder dem Seeufer entlang. Von Tuggen geht es über den Ricken nach Wattwil, Flawil und St. Gallen. Ab hier führt der Gallusweg nach Arbon. Hier bestehen zwei Möglichkeiten: mit dem Schiff über den Bodensee oder zu Fuss durch das Rheindelta nach Bregenz. Von Bregenz auf der vorarlbergischen Seite südwärts, wo Römerstrassen existierten, durchs Fürstentum Liechtenstein in die Bündner Herrschaft und nach Chur.

Flurnamen lügen selten

Ab Chur gäbe es drei mögliche Wege: den Lukmanierpass, den Splügenpass oder den Weg via Lenzerheide und den Septimerpass von Bivio nach Chiavenna. Die IG Kolumbansweg wählte den Septimerpass. Auch weil es oberhalb Bivio einen «Kolumbansee» gibt – Flurnamen lügen selten.

Weitere Artikel der Kategorie «Aargau»