«Rorate coeli desuper, et nubes pluant iustum», singen die Schülerinnen und Schüler auf Lateinisch. | © Roger Wehrli

Der letzte besinnliche Ort

Marie-Christine Andres Schürch, 20.12.18
  • Musik und Literatur statt Bibel und Gebete: Horizonte zeigt, wie die Kantonsschulen im Aargau Weihnachten feiern.
  • Die von der Landeskirche angestellten Religionsbeauftragten organisieren Advents-Angebote, die offiziellen Weihnachtsfeiern werden jedoch mehrheitlich durch die Fachschaft Musik gestaltet.
  • Obwohl sich zeigt, dass Religion an der Schule auch an Weihnachten einen schweren Stand hat, ist doch für etliche Schüler und Lehrer die Schulweihnachtsfeier einer der letzten besinnlichen Anlässe.

 

Sieben Uhr morgens an der Kantonsschule Wettingen. Die Schülerinnen und Schüler des Schwerpunktfachs Latein sitzen heute nicht wie sonst verschlafen auf ihren Stühlen. Sie stehen bei Kerzenschein in der Cafeteria und singen sich ein. «Rorate coeli desuper, et nubes pluant iustum», tönt es mehrstimmig. Die Latein- und Italienischschüler gestalten an diesem Morgen die «Atempause im Advent» an der Kanti Wettingen mit. Dreimal im Advent organisiert die Religionsbeauftragte Christine Stuber zusammen mit Fachlehrern und Schülern die morgendliche Feier. Über 30 Personen beginnen den Tag mit dem besinnlichen Zusammensein bei Kerzenlicht, Gesang und Gedichten.

«Altes Gefäss» Rorate

Im Jahr 2008 hatte Christine Stuber in einem Brief an die Schulleitung geschrieben, sie wolle «das alte Gefäss ‚Rorate’ neu füllen». Die Religionsbeauftragte formulierte bewusst offen: «Wir haben uns vorgenommen, fremdsprachige literarische Texte zur Geltung zu bringen, die vorgelesen und mit Bildern aus der Kunst ergänzt werden, die zum Nachdenken anregen.» So entstand das Projekt «Atempause im Advent». Es findet dieses Jahr zum elften Mal statt.

Eher im Advent aktiv

Die grosse Weihnachtsfeier der Kantonsschule Wettingen findet vor den Ferien in der Klosterkirche statt und wird von der Fachschaft Musik vorbereitet. Christine Stuber ist daran nicht beteiligt. Genau wie die anderen Religionsbeauftragte an den Aargauer Kantonsschulen: sie organisieren zwar Angebote in der Adventszeit, haben jedoch mit der offiziellen Weihnachtsfeier wenig zu tun. Diese ist meist Sache der Fachschaft Musik. Bärbel Hess Bodenmüller, Religionsbeauftragte an der Alten Kanti Aarau, gestaltet jeden Advent eine Veranstaltung ausserhalb des Unterrichts. Etwa ein Klassenzimmer als «Wartezimmer» mit adventlichen Programmpunkten oder eine Ausstellung – wie dieses Jahr zum Thema Engel. Die Schul-Weihnachtsfeier findet ohne ihre direkte Mitarbeit statt, in Form eines Apéros am letzten Schultag. Die Kantonsschule Wohlen organisiert unter Mitwirkung des Religionsbeauftragten Peter Lötscher einen Apéro, danach gibt es Weihnachtsmusik in der Aula. An der Kantonsschule Zofingen findet am letzten Schultag der für die Schüler obligatorische Weihnachtsnachmittag statt, ohne Mitwirkung des Fachs Religion.

Fallstricke und Reklamationen

Auch Martin Zürcher, kantonaler Beauftragter an der Neuen Kanti Aarau, ist neu nicht mehr mitverantwortlich für die Weihnachtsfeier an seiner Schule. «Die Fachschaft Musik organisiert die Feier dieses Jahr selbständig», sagt der reformierte Theologe. «Meine Verantwortung hat in den letzten Jahren kontinuierlich abgenommen. Nun bin ich einfach als Teilnehmer dabei.» Die Weihnachtsfeier der Neuen Kanti Aarau findet am letzten Schultag um 16 Uhr in der Stadtkirche Aarau statt mit viel Musik und offenem Singen. Martin Zürcher weiss aus Erfahrung, dass die Gestaltung einer Schul-Weihnachtsfeier voller Fallstricke sein kann: «Einmal hielt ich eine Rede von der Kanzel und sagte sinngemäss, nur der Messias könne Frieden bringen. Darauf reklamierten einige Lehrerkollegen und Eltern bei mir, meine Rede hätte zu sehr den Anschein einer Predigt gehabt.» Aus dieser Erfahrung ziehe er es seither vor, zum Reden im Publikum zu stehen. Doch es gäbe auch das andere Extrem, berichtet der ehemalige Pfarrer: «Allgemein stelle ich zwei Fronten fest: Jene, die explizit christlich-religiöse Inhalte wollen. Und jene, denen die kleinste Andeutung schon zu viel des Religiösen ist.»

Ein delikates Thema

In diesem Spannungsfeld ziehe die Schule die Weihnachtsfeier eher als kulturellen Anlass auf, sagt Martin Zürcher. Also Musik und Literatur statt Gebete und biblische Texte – nach diesem Rezept funktioniert auch Christine Stubers «Atempause». Denn auch die reformierte Theologin hat die Erfahrung gemacht, dass Religion an der Schule ein delikates Thema ist. «Ich stelle fest, dass ein grosser Teil des Lehrerkollegiums Religiösem eher kritisch gegenübersteht.» Um Anlässe mit religiösem Inhalt an der Schule durchzuführen, brauche es den Rückhalt im Kollegium und das Wohlwollen der Schulleitung. Sie hat es sich erarbeitet: «Dadurch, dass ich schon seit 14 Jahren in Wettingen wirke, hat die Reserviertheit gegenüber mir und meinen Angeboten abgenommen.»

Gespür für den Kontext Schule

Das sieht auch ihr Kollege an der Kantonsschule Baden so. Benjamin Ruch ist seit 2011 Religionsbeauftragter und findet: «Ob es Abwehrreflexe gegen das Religiöse gibt, hängt einerseits von den Strukturen ab, von der Schulleitung, von der Geschichte der Schule. Aber auch ich als Person bin entscheidend.» Er selber strahle seines Erachtens nichts Missionarisches aus und versuche eine Sprache zu finden, die man in einem säkularen Kontext auch verstehen könne.Die Weihnachtsfeier sei ein gutes Beispiel: «Wenn man die Feier als kulturellen denn als religiösen Anlass gestaltet, lassen sich die Inhalte von Advent und Weihnacht eher vermitteln». Als einziger Religionsbeauftragter ist er an seiner Schule für die offizielle Weihnachtsfeier verantwortlich. «Ich habe auch schon die Weihnachtsgeschichte gelesen und ab und zu einen etwas expliziteren theologischen Text ,hineingeschmuggelt’», sagt Benjamin Ruch. Aber auch er ist sich bewusst: «Eine Schul-Weihnachtsfeier findet in einem spannungsvollen Feld von Tradition, Christentum, säkularer Schule, religiöser Neutralität und religiösem Pluralismus statt. Das braucht’s ‚es guets Gschpüri’.»

Zur Besinnung kommen

Die Weihnachtsfeier an der Kanti Baden findet am letzten Freitagnachmittag vor den Ferien in der Aula statt. Dieses Jahr mit Klavier und Liedern aus aller Welt, vorgetragen vom Gesangsensemble. Benjamin Ruch ist für die Texte zuständig. Dieses Jahr trägt eine Frau, die aus dem syrischen Aleppo geflüchtet ist, zusammen mit einer Schülerin eigene Gedichte aufArabisch und Deutsch vor. Natürlich gehe es um Krieg und Flucht, mit einem möglichst zuversichtlichen Schluss, doch ohne falsche Vertröstung, erläutert der katholische Theologe. Er erzählt, dass er ab und zu von Lehrerkollegen die Rückmeldung bekomme, die Feier an der Schule sei der letzte Ort, wo sie noch besinnlich Weihnachten feiern würden. «Sie schätzen, dass es diesen Platz gibt und wünschen sich oft auch die traditionellen Weihnachtslieder.»

Besser gesungen

Dazu passt, dass die Wettinger Latein-Schüler das alte Rorate-Lied mit dem Text aus dem Buch Jesaja 45,8 singen und danach den Rorate-Brauch erläutern. Martin Zürcher hat an der Neuen Kanti Aarau beobachtet: «Wenn ein Schüler etwas Frommes vorträgt, wird das besser akzeptiert, als wenn ich das tue. Auch gesungen verträgt es explizitere religiöse Inhalte als gesprochen.»

Fragen anregen

Religion hat also einen schweren Stand an den Schulen, sogar an Weihnachten. Doch die Religionsbeauftragten sind überzeugt von ihrem Auftrag und schaffen es mit guten Ideen und Feingefühl, spirituelle Fragen an die Schüler zu bringen. Benjamin Ruch sagt: «Ich bin nicht als Glaubensvermittler im engeren Sinn tätig. Aber in meinem Verständnis von Theologie ist es ebenso meine Aufgabe, Fragen und Themen aufzugreifen, die sonst kaum Beachtungen finden.» So hat er im November zusammen mit einer Kollegin eine Afghanistan-Woche organisiert, die bei Schülern und Lehrern auf grosses Interesse stiess. Damit regt er Fragen an: «Was heisst ‚gutes Leben’ oder ,gutes Zusammenleben’?».

Jemand, der da ist

Auch Christine Stuber ist überzeugt, dass Religion an die Kantonsschulen gehört. «Man würde so viel mehr verstehen von den Konflikten und Entscheidungen auf der Welt, wüsste man mehr über die Religion», erklärt sie. Und ebenso wichtig sei ihre seelsorgerliche Aufgabe an der Schule. Christine Stuber kennt den Schulbetrieb und kann Schüler-Sorgen nachvollziehen. Sie geht auf die jungen Erwachsenen zu, vor oder nach dem Unterricht. Oder eben bei Kafi und Gipfeli nach der «Atempause im Advent».

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Andrea Baumeler ist Sportlehrerin an der Kantonsschule Wettingen. Für die «Atempause» hat die ausgebildete Kirchenmusikerin mit den Schülerinnen und Schülern gregorianischen Gesang eingeübt. | © Roger Wehrli
Frühmorgens in der Cafeteria
An der «Atempause im Advent» erklärten erklärten die Latein-Schüler zwischen den Gesängen den Ursprung und die Bedeutung der Rorate-Feiern. | © Roger Wehrli
Mehrstimmiger Gesang
Christine Stuber, Kantonsschule Wettingen
Benjamin Ruch ist Religionsbeauftragter an der Kantonsschule Baden. Er sagt: ««Eine Schul-Weihnachtsfeier findet in einem spannungsvollen Feld von Tradition, Christentum, säkularer Schule, religiöser Neutralität und religiösem Pluralismus statt. Das braucht’s ‚es guets Gschpüri’.» | © Roger Wehrli
Benjamin Ruch, Kantonsschule Baden
Nach der morgendlichen Feier an der Kanti Wettingen gibt es für alle Zopf und Kaffee. | © Roger Wehrli
Atempause mit Verpflegung
Schülerinnen und Schüler, aber auch Lehrerinnen und Lehrer feierten die «Atempause» mit. | © Roger Wehrli
Gelegenheit zum Austausch

Engel in der Kanti-Mensa

 

Die Mensa der Alten Kanti Aarau hallt wider von Gelächter und Gesprächen. Es ist Mittagszeit, ein stetes Kommen und Gehen. Am Weg entlang zur Essensausgabe stehen Objekte. Es sind einerseits Engel aus Holz und Steinen von Alfred Höfler, andererseits kleinere, klassischere aus Gips. Dazwischen flackern Teelichter. Zwei Stellwände am Eingang und einige Zettel zwischen Engelfiguren informieren über die Ausstellung. Hier und da findet sich ein schriftlicher Impuls.

Kaum Interesse

Weder die Schülerinnen und Schüler, die Richtung Essensausgabe gehen, noch diejenigen Jugendlichen, die unterhalb der Figuren an den Tischen sitzen und essen, würdigen die Engel eines Blickes. Nur wenige schauen irritiert oder werfen in der Bewegung einen Blick zur Seite. «Es ist schwierig, die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler auf die Ausstellung zu lenken. Die Engel sagen ja nichts», kommentiert Bärbel Hess Bodenmüller das Desinteresse der Jugendlichen pragmatisch. Davon dürfe sie sich nicht demotivieren lassen, ergänzt sie noch. Bärbel Hess Bodenmüller ist eine der sechs Beauftragten für den Religionsunterricht an den Kantonsschulen im Aargau.

Chillen ja – diskutieren nein

Neben Unterricht und Seelsorge, bringt Bärbel Hess Bodenmüller im vertretbaren Rahmen religiöse Impulse in den Schulalltag ein. Zu Beginn ihrer Tätigkeit an der Alten Kanti Aarau richtete die Theologin im Advent ein «Wartezimmer» ein, in dem es Guetsli und Literatur zum Thema Warten gab. «Die Jugendlichen fanden das zum Chillen wunderbar, doch inhaltlich wurde kaum zum Advent oder dem Warten auf Weihnachten diskutiert», erinnert sich Bärbel Hess Bodenmüller. Irgendwann legte sie das «Wartezimmer» ad acta und überlegte neu.

Kulturgruppe

Ein neues Gefäss fand sie nach Anfragen durch die Kulturgruppe der Schule. Diese Gruppe aus verschiedenen Lehrpersonen beschenkt die Schule regelmässig mit Kultur. Das könne Musik im Treppenhaus in den Pausen sein oder alte Handtücher mit Büchern auf den Wiesen auf dem Schulgelände. Im Advent organisierte Bärbel Hess Bodenmüller in den letzten Jahren jeweils einen Tag Ausstellung. Lichterfeste in den Weltreligionen oder Mein Geschenk für die Schweiz zählten dazu. 2018 ist es die Engelausstellung: Einen ganzen Tag lang stehen die Engel mitten in der Mensa.

Vier Jugendliche, die knapp eine Stunde direkt neben den Engeln Zmittag gegessen haben, stehen auf. Ob sie die Engel gesehen haben? Ein kurzer Blick geht über die Schulter zu den Figuren: «Ja, aber die fallen kaum auf. Und irgendwie ist hier kein günstiger Ort, denn wir kommen hierher zum Essen und so». Bärbel Hess Bodenmüller ist ob der Antwort nicht erstaunt und nimmt es gelassen.

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