Von den 26 im Aargau zu errichtenden Pastoralräumen sind erst 8 unter Dach und Fach. Und nicht nur das Grossprojekt im Raum Baden geht vorerst in die Warteschlaufe. | © Vera Rüttimann

Der Pastoralseilakt im Aargau

Pastoralraumbildungen verzögern sich

Andreas C. Müller, 6.7.17

Von den 26 im Aargau zu errichtenden Pastoralräumen sind erst 8 unter Dach und Fach. Im Limmattal scheiterte im Mai das grösste Aargauer Pastoralraumprojekt vorerst am Widerstand der Kirchgemeinden. Doch es gibt in verschiedenen Regionen auch Fortschritte und im Oktober steht in Ehrendingen wieder eine Errichtungsfeier an.

Das grösste Pastoralraumprojekt im Aargauer Limmattal liegt zurzeit auf Eis. Dies, nachdem im Mai drei von sechs Kirchgemeinden ihre Zustimmung verweigerten, weil sie sich vom Projekt überfahren fühlten oder auch die Grösse des Unterfangens (acht Pfarreien mit gegen 26 000 Gläubigen) kritisieren (Horizonte berichtete).

Limmattal: Domherr Stübi soll’s richten

Das Projekt ist damit aber nicht gestorben. Mit dem Badener Stadtpfarrer und Domherr Josef Stübi erhält das Unterfangen eine neue Projektleitung. Er habe «ja» gesagt zur Aufgabe als Projektleiter «und dann allenfalls zur Aufgabe als Pastoralraumpfarrer», so Josef Stübi gegenüber Horizonte. Sein Einverständnis habe er jedoch von der Zustimmung der Kirchenpflegen der betroffenen Kirchgemeinenden abhängig gemacht.

An der Grösse will das Bistum festhalten, wie Beatrice Eglin, Präsidentin der Arbeitsgruppe für die Zusammenarbeit unter den Kirchgemeinden, gegenüber Horizonte erklärt. Darüber hinaus «soll in den einzelnen Leitungseinheiten nun erst einmal Ruhe einkehren». Es sei nun wichtig, dass die Zusammenarbeit innerhalb der einzelnen Leitungseinheiten optimal funktioniere, bevor man den nächsten Schritt mache. Das bedeutet: In diesem Jahr wird das Thema «Pastoralraum Aargauer Limmattal» nicht mehr an den Kirchgemeindeversammlungen traktandiert werden. Die Errichtung dürfte frühestens 2019 erfolgen.

Erst zwei von fünf im Fricktal auf Kurs

Im Fricktal sind die in der Region Möhlin und Laufenburg vorgesehenen Pastoralräume auf Kurs. Am äussersten westlichen Zipfel hingegen blockiert Kaiseraugst das Pastoralraumprojekt. Im Herzen des Fricktals ist mit neun Pfarreien einer der grössten Aargauer Pastoralräume vorgesehen. Dieser soll den Homberg und das Thierstein umfassen. Das Bistum auf der einen Seite sowie die Kirchenpflegen und Seelsorgenden auf der anderen Seite sind sich jedoch uneins bezüglich der Grösse und der Leitungseinheiten. Während das Bistum an der Grösse des Raums festhalten will und maximal drei bis vier Leitungseinheiten gewähren möchte, liebäugeln Seelsorgende und Kirchenpflegen entweder mit der Unterteilung in zwei getrennte Räume oder dann mit fünf Leitungseinheiten für einen grossen Pastoralraum.

Im Gebiet Eiken-Stein, das mit dem Fischingertal zusammengehen soll, müssen zwei Seelsorgeverbände miteinander zu einer Kooperation finden. Man sei froh, dass seit dem September 2016 im Fischingertal wieder ein Gemeindeleiter angestellt sei, erklärte Karl Widmer, Kirchenpflegepräsident von Eiken, unlängst gegenüber Horizonte. Nun habe man wieder einen Ansprechpartner, «mit dem dann vielleicht auf Ende 2017 hin erste Gespräche hinsichtlich Pastoralraumbildung geführt werden könnten.»

Lösung im «Wasserschloss»

Anfang Jahr hätte der kleinste Aargauer Pastoralraum im Aargau errichtet werden sollen. Doch weil das Bistum dem allseits beliebten Pfarrer Celestine Thazhuppil die Missio nicht mehr verlängerte, liessen die Kirchenpflegen von Birmenstorf und Gebenstorf-Turgi den Termin platzen. «Um es gleich klar zu stellen: Wir sind nicht gegen den Pastoralraum – im Gegenteil. Es geht uns lediglich um die Klärung der personellen Situation», erklärt Ruth Rippstein, Kirchenpflegepräsidentin von Birmenstorf.

Die Vorbereitungen für die Kirchgemeindeversammlung 2016 waren weit fortgeschritten und eigentlich geht es in grossen Teilen bei der Pastoralraumeinrichtung ohnehin nur noch um eine Namensänderung, da seit 1996 Birmenstorf, Gebenstorf und Turgi als Seelsorgeverband miteinander verbunden sind. «Als das Bistum unserem geschätzten Priester Celestine Thazhuppil die Missio nicht verlängerte, erschien uns der Aufschub der Errichtung des Pastoralraums als gegeben, da wir der Meinung waren, dass zuerst die aktuelle Personalsituation zu klären sei.»

Errichtung nicht ohne Personal

Nun zeichnet sich eine Lösung ab. Mit Pater Adam, welcher bereits im Seelsorgeverband tätig ist, konnte ein Priester gefunden werden, welcher zusammen mit Diakon Peter Daniels die Aufgaben im zukünftigen Pastoralraum übernehmen könnte. «Wir sind da auf einem guten Weg, die Missio für Pater Adam scheint Realität zu werden», erklärt die neue Kirchenpflegepräsidentin.

Bleibt gemäss Pastoralraumkonzept noch eine dritte und letzte Personalfrage. Neben den beiden Leitungsstellen soll im Pastoralraum eine weitere Stelle geschaffen werden, welche für die «Spezialseelsorge» eingesetzt werden kann. Vorgesehen ist «Jugendarbeit und Diakonie», wie es in der Informationsbroschüre zum geplanten Pastoralraum heisst. Es könnte beispielsweise ein Religionspädagoge oder eine Religionspädagogin sein, präzisiert Daniel Ric und erklärt: «Für uns steht fest, dass der Pastoralraum nicht errichtet werden kann, solange nicht die Personalfragen geklärt sind.» Es könne keine Lösung sein, den Pastoralraum zu errichten und den Leuten zu sagen: «Die dritte Person, die suchen wir dann noch.»

Ein Kaplan für Fislisbach

Auch im Raum Mellingen-Fislisbach könnten alsbald die Planungen für den Pastoralraum wieder Fahrt aufnehmen. Der Seelsorgeverband mit den Pfarreien Mellingen, Tägerig, Wohlenschwil und Mägenwil sollte zusammen mit der Pfarrei Fislisbach eine Seelsorge-Einheit mit neu nur noch einem Priester bilden. Dies, so wie der Umstand, dass der in Fislisbach beliebte Pfarrer Rafal Lupa die Pfarrei verlassen sollte, überschattete die Pläne für die Pastoralraumbildung (Horizonte berichtete).

Zwar wechselt Rafal Lupa per 18. September 2017 nun tatsächlich in die Stadtluzerner Pfarrei St. Paul – dies berichtete die Luzerner Zeitung am 12. Juni. Doch wird Fislisbach, wie Horizonte erfahren hat, wieder einen Priester erhalten. Als Ersatz für Rafal Lupa soll noch in diesem Jahr im November ein Kaplan in Fislisbach Wohnsitz nehmen.

Surbtal-Würenlingen vor Errichtung

Am 29. Oktober 2017 wird das Bistum mit der Errichtung des Pastoralraum «Surbtal-Würenlingen» einen weiteren Erfolg verbuchen können. Den Festgottesdienst in der Römisch-Katholischen Kirche Ehrendingen feiert der Basler Bischof Felix Gmür zusammen mit dem Seelsorgeteam um Pastoralraumpfarrer Gregor Domanski. Die neue Seelsorge-Einheit mit 7 333 Gläubigen umfasst die vier Pfarreien Ehrendingen, Lengnau-Freienwil, Unterendingen und Würenlingen.

Ähnlich wie im Raum Gebenstorf-Birmenstorf-Turgi bot auch in dieser Region ein bereits bestehender Seelsorgeverband die optimale Ausgangslage für das Vorhaben, wie dessen Präsident Ettore Indri gegenüber Horizonte erklärt: «Die wesentlichen Anforderungen hatten wir bereits erfüllt. Strukturell wird sich mit der Pastoralraumerrichtung nichts ändern. Wir bleiben ein Seelsorgeverband.» Die einzige Herausforderung habe darin bestanden, Ehrendingen für das anstehende Projekt mitzunehmen, so Ettore Indri. Vorausschauend habe man darum  bereits frühzeitig mit der Kirchenpflege und dem Pfarreiteam das Gespräch gesucht und Ehrendingen vor zwei Jahren ebenfalls in den bereits seit 30 Jahren bestehenden Seelsorgeverband integriert.

Prozess auf Augenhöhe

Dieser Prozess sei sehr partnerschaftlich verlaufen, erinnert sich der Kirchenpflegepräsident von Ehrendingen, Adrian Flück. «Wir sind gemeinsam unterwegs zum Pastoralraum und kamen uns nie als Aussenseiter vor, die sich einer bestehenden Struktur hätten beugen sollen. Im Gegenteil: Wir wurden eingeladen, uns einzubringen und konnten auf Augenhöhe mit den Vertretern der anderen Kirchgemeinden jene Vereinbarung überarbeiten, welche als Grundlage des Seelsorgeverbandes alle Belange der Zusammenarbeit regelt.»

 

 

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Übernimmt neu die Projektleitung für den Pastoralraum «Aargauer Limmattal»: Der Badener Pfarrer und Domherr Josef Stübi. | © Roger Wehrli
Josef Stübi
Auf Ende Juli verlässt Celestine Thazhuppil die Pfarreien Brmenstorf, Gebenstorf und Turgi. | © Roger Wehrli
Celestine Thazhhuppil
Die Karte zeigt, welche Pastoralräume bereits errichtet sind und welche Projekte kurz vor dem Abschluss stehen. | © Bernadette Metzger und Patrick Honegger
Erst 8 von 26
Fislisbach soll mit dem Seelsorgeverband Mellingen-Wohlenschwil-Tägerig-Mägenwil einen Pastoralraum bilden. Als Ersatz für den scheidenen Pfarrer von Fislisbach, Rafal Lupa, kommt ab November ein Kaplan. | © Patrick Honegger
Ein Kaplan für Fislisbach

Kommentar

Andreas C. Müller

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Bis im Jahre 2018 hätten alle Pastoralräume im Aargau errichtet sein sollen – so jedenfalls haben es sich die Verantwortlichen des Bistums Basel vorgestellt. Im Oktober wird jedoch erst der neunte Pastoralraum errichtet, im Januar 2018 folgt die Nummer 10. Was ist das Ziel dieses grossen Change-Management-Projekts? «Eine vorausschauende Antwort auf die veränderten Lebensbedingungen der Gläubigen», heisst in der Diözesankurie. Konkret: Mit immer weniger Seelsorgepersonal und immer weniger Kirchenvolk soll das Weiterfunktionieren der kirchlichen Strukturen für die Zukunft gesichert werden. Dass an dieser Umstrukturierung kein Weg vorbei führt, ist allen klar, auch den grössten Skeptikern an der Basis. Natürlich ist es schmerzhaft, wenn plötzlich in der Wohngemeinde kaum noch Gottesdienste stattfinden und man sich in einem geografisch grösseren Raum neu orientieren muss. Die Gläubigen lassen sich jedoch nicht mit Floskeln abspeisen.

Es ist nach wie vor lobenswert, wenn das Bistum «den Glauben ins Spiel bringen will», aber im 21. Jahrhundert wollen die Kirchenmitglieder wie mündige Menschen behandelt werden, reinen Wein eingeschenkt bekommen und mitgestalten können. Auch die Kirchenpflegen, die letztlich für die Entstehung der Pastoralräume steuerliche Mittel einsetzen und das ehrgeizige Projekt des Bistums umsetzen, sind oftmals nicht gewillt, in Personalfragen zu Befehlsempfängern degradiert und immer wieder vertröstet zu werden. Und das Seelsorgepersonal schätzt es nicht, wenn mit Leitungsstellen, bzw. deren Aufhebung, allzu freimütig jongliert wird.

Erschwerend kommt hinzu, dass man in der Diözesankurie, insbesondere bei der Regionalleitung, nicht angemessen kommuniziert – und empfindlich reagiert, wenn kirchliche Medien wie Horizonte ihren Lesern darlegen, wo der «pastorale Schuh» wirklich drückt. Bereits wurde von Seiten der Bistumsregionalleitung, vereinzelt auch von Kirchenpflegen, Druck ausgeübt und versucht, Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen. Publikationen sollten verhindert oder nur mit vorgegebenem Inhalt zu einem autorisierten Zeitpunkt erfolgen. Auch wurde gerügt, dass man kritische Stimmen von Seiten der Basis zitiert.

Das vorläufige Scheitern des Pastoralraums «Aargauer Limmattal» steht exemplarisch für das oben Erwähnte. Fislisbach und der noch zu errichtende Pastoralraum «Wasserschloss» sind weitere Beispiele, die die verfahrene Situationen dokumentieren. Aber es besteht Hoffnung, dass sich die Entwicklung zum Positiven wendet. In Fislisbach und im «Wasserschloss» bewegt sich das Bistum in Personalfragen, im Limmattal soll es mit dem Badener Pfarrer Josef Stübi als Leiter des Pastoralraumprojekts nun ein Priester richten, der den Puls der Gläubigen an der Basis spürt und ernst nimmt. Eine Strategie, die sich auch fürs Fricktal bewähren könnte, wo noch einige Knacknüsse warten. Denn: Nicht überall finden sich einfache Ausgangslagen oder weitsichtige Kirchenpflegen, die den Karren fürs Bistum zum Laufen bringen.

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