Seit Jahren bemüht man sich im Aargau um eine Notschlafstelle, wo Menschen ohne Obdach, geregelte Strukturen und Verbindung zu sozialen Diensten im Winter wenigstens punktuell unterkommen können. Aktuell stehen die Chancen für dieses Projekt so gut wie noch nie | © kna-bild

Die Aargauer Notschlafstelle kommt

Andreas C. Müller, 23.8.18
  • Im kommenden Winter soll es im Aargau endlich eine Notschlafstelle für Obdachlose geben. Abklärungen für eine Liegenschaft in Baden laufen.
  • Treibende Kraft hinter dem Projekt ist eine Interessengemeinschaft unter der Führung der unabhängigen christlichen Sozialinstitution «Hope» in Baden. In der IG vertreten sind auch die Aargauer Landeskirchen, das Beratungszentrum BZBplus Baden sowie die Reformierte Kirchgemeinde Baden.
  • Um die Kosten möglichst gering zu halten, will das «Hope» die geplante Notschlafstelle gemeinsam mit einer Notpension führen.

 

Nach vielen gescheiterten Anläufen soll sie nun endlich kommen: Die lang ersehnte Notschlafstelle für Obdachlose im Aargau. Eigentlich hätte es ursprünglich mal ein «Pfuusbus» werden sollen wie in Zürich, doch daraus wurde nichts, weil es die Gemeinden nicht mittragen wollten. So jedenfalls begründete seinerzeit Hildegard Hochstrasser, Leiterin Soziale Dienste Baden, das Scheitern des Projekts. Auch die Aargauer Landeskirchen waren als Partner für den «Pfuusbus» vorgesehen. Luc Humbel, Kirchenratspräsident der Römisch-Katholischen Landeskirche, mahnte auch nach dem Misserfolg an, am Ball zu bleiben. Man werde mit der neu geschaffenen Fachstelle Diakonie die Fragestellung erneut thematisieren, liess er verlauten.

Dank Synergien grössere Chancen auf Realisierung

Mittlerweile kämpft wieder eine Interessengemeinschaft für die baldige Eröffnung einer Notschlafstelle im Kanton. Noch in diesem Winter soll es soweit sein, hofft Kurt Adler-Sacher von der Fachstelle Diakonie der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau. Die Abklärungen für eine Liegenschaft im Raum Baden laufen. Mit von der Partie sind erneut die Aargauer Landeskirchen, die unabhängige christliche Sozialinstitution «Hope», das Hilfswerk der Evangelischen Kirchen HEKS, das Beratungszentrum Baden BZBplus sowie die reformierte Kirchgemeinde Baden. Bei den Sozialen Diensten der Stadt wisse man um das Projekt, sei aber nicht involviert, heisst es bei Hildegard Hochstrasser auf Anfrage.

Die Initiative sei von «Hope» ausgegangen, erklärt Kurt Adler-Sacher, der als Leiter der Fachstelle Diakonie für die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau beim Projekt mitarbeitet. Noch sei nicht alles in trockenen Tüchern, meint Kurt Adler-Sacher. Aber man sei sehr zuversichtlich, dass es dieses Mal klappe. Auch weil es laut «Hope» dieses Mal eine Lösung gebe, wie über Synergien mit einer sogenannten Notpension Kosten gespart werden könnten.

Notpension als mögliche Anschlusslösung für Obdachlose

«Eine Notpension ist eine Unterkunft, die nachts für Menschen geöffnet hat, die von einem Kostenträger dorthin überwiesen werden und längerfristig dort über Nacht bleiben können, erklärt Daniela Fleischmann vom «Hope». Konkret gehe es um Leute, die nicht in Heimen oder Institutionen untergebracht werden könnten, weil sie dort nicht angemessen betreut werden können und sich auch nicht in bestehende Strukturen einfügen – also häufig Drogenabhängige und sozial sehr auffällige Personen.

Um nun auch für jene Obdachlose eine Anlaufstelle schaffen zu können, die sich noch weniger an bestehenden Strukturen orientieren können und wollen, will das «Hope» die geplante Notschlafstelle organisatorisch an die Notpension binden. «So kann dasselbe Personal eingesetzt, und die Kosten können halbiert werden», weiss Daniela Fleischmann. Ähnlich wie beim Zürcher «Pfuusbus» sollen auch im Aargau geschulte Freiwillige zum Einsatz kommen. Das helfe ebenfalls, die Kosten zu senken, so Daniela Fleischmann. Allerdings würden in Anbetracht der anspruchsvollen Betreuungssituation Freiwillige stets mit Profis zusammenarbeiten. «Uns ist es ein grosses Anliegen, dass Obdachlose menschwürdig übernachten können», betont Daniela Fleischmann und hofft, dass über die Kombination von Notschlafstelle und Notpension letztlich Obdachlose wieder in geregeltere Strukturen überführt werden können.

«Die Finanzierung ist zur Hälfe gesichert»

180’000 Franken pro Jahr braucht es für die geplante Notschlafstelle, rechnet Daniela Fleischmann gegenüber Horizonte vor. Das sei wenig, wen man bedenke, dass dort von 19 Uhr abends bis morgens um 9 Uhr Obdachlose von zwei Personen aufgenommen, betreut und verpflegt würden. Und eine solche engmaschige Betreuung sei nötig, zumal jene, die in der Notschlafstelle Unterschlupf finden, sozial sehr auffällig seien, nicht selten suchtkrank. Im Grunde «Menschen in Krisensituationen, die man nicht allein lassen kann», beschreibt es Daniela Fleischmann. Die Betroffenen seien durch alle Maschen des sozialen Netzes gefallen und von keinem Kostenträger mehr an irgendeine Institution vermittelbar. «Wenn da jemand austickt, muss geschultes Personal zur Stelle sein.»

Im Rahmen eines Pilotversuchs soll das Projekt vorerst für drei Jahre laufen. 140’000 Franken der insgesamt 180’000 Franken für den jährlich benötigten Betrieb sollen von Institutionen garantiert werden, den Rest soll ein noch zu gründender Verein über Privatspenden akquirieren. Bereits die Hälfte des Geldes für die besagten drei Jahre ist von verschiedenen Partnern zugesagt worden; das stimmt Kurt Adler-Sacher zuversichtlich. Unter den Unterstützern finden sich neben den Aargauer Landeskirchen die reformierte Pfarrei Baden sowie der Verein Anker. Dieser unterstützt und koordiniert Projekte, die Menschen mit einer psychischen Krankheit oder Behinderung gesellschaftlich integrieren.

«Obachlosigkeit bedeutet Prostitution und Tod»

«Ich spüre Gottes Unterstützung für das Projekt und bin der Meinung, dass es ein gutes Konzept ist, weil wir zwei Institutionen zusammenfassen», ist Daniela Fleischmann überzeugt. Dass es im Gegensatz zu Zürich im Aargau so lange für eine Notschlafstelle braucht, führt Kurt Adler-Sacher darauf zurück, dass das Problem im Aargau einfach nicht so unmittelbar sichtbar sei wie in einer Grossstadt. Der Aargau sei zersiedelt und man habe kaum Hotspots, wo sich die Randständigen sammelten, weiss Daniela Fleischmann. «Aber das Problem ist akut, besonders im Winter, so die «Hope»-Geschäftsleiterin. «Wir haben auch schon Menschen abweisen müssen – gerade im Winter ist das schlimm. Obdachlose Frauen müssen sich prostituieren, um irgendwo unterzukommen, Männer laufen Gefahr, draussen zu erfrieren. Gerade im letzten Winter habe es einen tragischen Fall gegeben», erinnert sich Daniela Fleischmann. «Ein Mann, den wir nicht aufnehmen konnten und der immer wieder bei uns im Hausgang übernachtet hat. Er soll sich im Laufe des Winters das Leben genommen haben.»

Im Kanton Aargau ist die Betreuung von Obdachlosen gemäss Sozialhilfe- und Präventionsgesetz Sache der einzelnen Gemeinden. Die Erfahrung aus früheren Projektanläufen, bei denen die politischen Gemeinden einbezogen werden sollten, zeigte jedoch, dass diese ein solches Angebot nicht bewältigen können. Christliche Institutionen wie das «Hope», die Heilsarmee oder das HEKS sprangen in die Bresche und stellten Unterkünfte zur Verfügung, an welche die Gemeinden in Frage kommende Personen zuweisen können (Horizonte berichtete). Doch diese Unterbringungsmöglichkeiten können nur Personen zur Verfügung gestellt werden, welche bis zu einem gewissen Grad gesund sind, kooperieren und in der Lage sind, sich an Regeln zu halten.

«Eine Notschlafstelle braucht es unbedingt»

Bei der IG Notschlafstelle ist man überzeugt: Es fehlen insbesondere niederschwellige Übernachtungsangebote für Obdachlose mit psychischen Problemen und Suchterkrankungen, die wenig Verantwortung für ihr teilweise destruktives und unkontrolliertes Verhalten übernehmen können. Ein Problem, dass auch

Jürg Hermann, Sozialdiakon der Reformierten Kirchgemeinde Baden, nur zu gut kennt. «Bei mir stehen immer wieder Leute ohne Obdach und Geld im Büro und ich weiss nicht, wo ich sie hinschicken kann», erklärt er. Eine Zeit lang habe man die Leute in die Jugendherberge schicken können, wo sie kurzfristig Aufnahme fanden. «Leider gab es dort Reklamationen seitens der anderen Gäste, weshalb diese Option wegfiel.» Für Jürg Hermann ist daher klar: Die Notschlafstelle braucht es unbedingt. Aus diesem Grund engagiert sich die Reformierte Kirchgemeinde Baden für das aktuelle Projekt und unterstützt es personell und auch finanziell.

Gemeinden sind gefordert

Bei der Römisch-Katholischen Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden ist eine Beteiligung am Projekt noch in Abklärung. «Auch uns ist die Thematik ein Anliegen, weil wir damit ja auch schon konfrontiert wurden», erklärt Beatrice Eglin, Präsidentin der Kirchenpflege. «Eine Zeit lang haben wir Leute in den Kappelerhof schicken können, doch das war keine optimale Lösung.»

Mit im Boot, um das Projekt voranzutreiben, ist auch das Beratungszentrum Baden BZBplus – ursprünglich bekannt als Jugendberatungsstelle und Anlaufstelle für ambulante Suchtberatung in Baden, seit einiger Zeit aber auch Anbieter von Unterstützungsangeboten für Familien und Kinder und Jugendliche. Geschäftsleiter Michael Schwilk: «Dieses Mal sind verschiedene Player mit grossem Engagement dabei. Darum denke ich, sind die Chancen zur Realisierung vermutlich besser als beim letzten Mal.» Klar könne man nie wissen, ob das Ganze nicht doch noch an etwas «Kleinem» hängen bleibe – an der Finanzierung beispielsweise, befürchtet Michael Schwilk. «Da braucht es sicher noch mehr Organisationen, die sich beteiligen – und wohl auch die eine oder andere Kirchgemeinde oder politische Gemeinde. Zumal ja vom Kanton auch dieses Mal keine finanzielle Unterstützung zu erwarten ist.»

Der Standort als möglicher Stolperstein

Ein Stolperstein könnte in der Tat sein, wenn es mit einer Liegenschaft im Raum Baden nicht klappt. Während beispielsweise für die Fachstelle Diakonie der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau ebenso wie für das Beratungszentrum BZBplus für die geplante Notschlafstelle durchaus auch Alternativen zu einem Standort in Baden denkbar sind, steht für Daniela Fleischmann fest: «Das jetztige Konzept passt nur für Baden.»

Der Winter naht, am kommenden Wochenende gibt es den ersten Schnee in den Bergen. Der Schnee wird auch den Aargau wieder erreichen. Noch nicht so bald, aber mit Sicherheit in ein paar Monaten. Für alle jene, die dann nicht wissen, wo sie unterkommen können, bleibt zu hoffen, dass es mit der geplanten Notschlafstelle im Aargau endlich klappt.

 

 

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Eine nachdenkliche Geschäftsführerin des Christlichen Sozialwerks «Hope»: Trotz gesetzlicher Verpflichtungen für die Gemeinden erhalten im Aargau längst nicht alle Menschen ohne eigene Wohnung ein Obdach. | © Roger Wehrli
Daniela Fleischmann
Eine Liegenschaft in Baden steht für die geplante Verbindung von Notschlafstelle und Notpension in Aussicht. | © Vera Rüttimann
Gewünscht: Standort Baden
Kurt Adler, Leiter der von der Römisch-Katholischen Landeskirche im vergangenen Jahr neu geschaffenen Fachstelle Diakonie. | © Felix Wey
Kurt Adler-Sacher
 
Andreas C. Müller

Kommentar

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Vor anderthalb Jahren berichtete Horizonte über die Situation von Obdachlosen im Aargau. Der Schnee lag im Januar 2017 meterdick, die Temperaturen verharrten während Wochen unter Null. Wir besuchten die Notunterkünfte der Heilsarmee und von «Hope». Das Erschreckende: Für die prekärsten Fälle kein Zutritt – aus Sicherheitsgründen. Und der Kanton sowie verschiedene Sozialämter meinten: Es gebe im Aargau kein Obdachlosenproblem. Die obgenannten christlichen Hilfswerke konnten dies anhand erdrückender Zahlen (Auslastung Notunterkünfte und Anfragen) widerlegen. Für die von ihnen geforderte, dringend benötigte Notschlafstelle erhielten sie keinen Support von Kanton und Gemeinden. Dennoch gaben sie nicht auf und schafften es binnen eines Jahres, ein verbessertes, kostengünstigeres Projekt aufzugleisen. Bleibt zu hoffen, dass es dieses Mal endlich klappt. Vor allem, dass die verschiedenen Abklärungen bei der in Aussicht stehenden Liegenschaft in Baden positiv ausfallen und die Eigentümer sowie Nachbarn dem Projekt mit grösstmöglichstem Goodwill begegnen. Klar, es mag seltsam anmuten, dass in der reichen Schweiz jemand obdachlos umherirrt – in der Schweiz, dem Land mit einem der bestausgestaltetsten sozialen Netze und Unterstützungsleistungen überhaupt. Umso verzweifelter und elendiglich muss die Situation für jene sein, die auf der Strasse landen und nirgends mehr einen Anknüpfungspunkt haben. Sie verdienen wenigstens eine Bleibe – spätestens, wenn der Winter gekommen ist.

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