08.05.2018

Die Erlösung nach dem Eid

Von Marie-Christine Andres Schürch

  • Am vergangenen Sonntag, 6. Mai, legten im Vatikan 32 junge Schweizergardisten ihren Eid ab.
  • Unter den neuen Gardisten ist mit dem 21-jährigen Simon Bussinger aus Wallbach auch ein Aargauer.
  • Seine Familie und viele Freunde reisten nach Rom und feierten mit ihm den besonderen Moment der Vereidigung. Horizonte begleitete die Wallbacher Delegation in den Vatikan.

 

Ein weisser Handschuh vor dem Himmelblau der Ewigen Stadt. Drei Finger ausgestreckt zum Schwur. «Ich – Hellebardier Bussinger – schwöre, alles was mir soeben vorgelesen wurde, treu und redlich zu halten. So wahr mir Gott und die heiligen Patrone helfen». Simon Bussinger schmettert die Worte hinaus in den ehrwürdigen Damasushof, wo Bischöfe, Kardinäle, der Regierungsrat des Kantons Luzern, Politiker und Armeevertreter der Eidgenossenschaft sowie die Familien der Gardisten versammelt sitzen. Seine Stimme klingt kräftig, doch die Anstrengung ist hörbar. «Ab!», ruft der Kommandant.

Erleichtert

Als der frisch vereidigte Schweizergardist zurück an seinem Platz steht und die Hellebarde von seinem Nebenmann in Empfang nimmt, fällt eine Last von ihm ab. Auf einmal wiegen der eiserne Brustpanzer und das geschmiedete Armzeug nur noch halb so schwer. Es ist geschafft! Die intensive Vorbereitung, das gedrängte Programm und die Aufregung in den Tagen vor der Vereidigung hatten Simon Bussinger stark gefordert. Beim Einkleiden in die Galauniform vor der grossen Feier sagte er: «Ich glaube, ich bin froh, wenn alles gut geht – und wenn es vorbei ist.»

Wie in Trance

Der Moment, als er den Eid geleistet habe, sei wie in Trance an ihm vorbeigezogen und er habe alles um sich herum völlig ausgeblendet, erzählt er später beim Nachtessen. Die Angst, den Schwurtext zu vergessen oder sonst etwas zu vermasseln, habe auch andere Kandidaten geplagt. Doch jetzt prostet er seinem Götti zu. Endlich kann er das Zusammensein mit Familie und Freunden gelöst geniessen. Für das Essen nach dem Festakt hat Simon Bussinger ein Restaurant organisiert, wo alle zusammen feiern. Jeder überreicht dem frisch vereidigten Hellebardier eine Tafel Schokolade – eine beliebte Währung im Vatikan, wie einer scherzhaft bemerkt.

Aargauer hat die zweitgrösste Gästeschar

Simons Mutter Marion Bussinger freut sich: «Schön, wie viele Kontakte sich einfach so ergeben haben rund um Simons Vereidigung». Die Eltern waren schon am Freitag nach Rom geflogen, für die Audienz bei Papst Franziskus, mit den Eltern der anderen 31 neuen Gardisten. Am Samstagmorgen kamen dann viele weitere Verwandte sowie Kameraden aus Feuerwehr, Pontonier- und Turnverein – kurz: das halbe Dorf Wallbach – in Rom an. Alle freuten sich, ihren Simon, oder «Mäxe», wie sie ihn nennen, nach mehr als einem halben Jahr wieder zu sehen. Simon Bussingers Delegation umfasste 65 Personen, damit war er der Gardist mit der zweitgrössten Gästeschar.

Die Grossmutter staunt

Für sie hatte Simon Bussinger ein spannendes Programm organisiert. Am Samstag führte er alle Interessierten durch die Vatikanischen Gärten. Die Tour begann beim Obelisken auf dem Petersplatz. «900 Mann und 900 Pferde waren nötig, um ihn hier aufzustellen», berichtete Simon Bussinger. Auch über den Friedhof Campo Santo Teutonico und das Gästehaus Santa Marta, wo Papst Franziskus wohnt, konnte er einiges erzählen. «Wahnsinnig, wie Simon vor die Leute hinsteht und was er alles weiss», staunte seine Grossmutter Rita Bussinger.

Familientraum

Eltern und Grosseltern haben Simon den Bezug zur Kirche und zum Glauben mitgegeben. Auch Rita Bussinger ist kirchlich sehr engagiert und genoss den Aufenthalt in Rom und den Blick hinter die Kulissen des Vatikans. Grossvater Rolf Bussinger bezeichnete die Tage rund um die Vereidigung als sehr emotional. Gerne wäre auch er Gardist geworden, seine Anmeldeunterlagen von 1964 hat er bis heute aufbewahrt. Umso mehr freut er sich, dass durch Simon auch ein Teil seines Traums wahr wurde. Ebenso stand Simons Vater Andy Bussinger einst kurz vor dem Eintritt in die Garde, entschied sich dann aber für eine Karriere bei der Berufsfeuerwehr.

Zwei Zentimeter zu klein

In der Wallbacher Delegation ist die Faszination für die Schweizergarde verbreitet. Ein Feuerwehrkollege war vor 20 Jahren selber Gardist, mehrere andere Freunde hatten vor Jahren mit dem Eintritt in diese spezielle Leibwache geliebäugelt. Einer bemerkte trocken: «Mir fehlten bloss zwei Zentimeter». Wer der Garde beitreten will, muss Schweizer Bürger, praktizierender Katholik, gesund und ledig sein. Dazu muss er die Rekrutenschule sowie eine Erstausbildung absolviert haben, zwischen 19 und 30 Jahren alt sein, einen einwandfreien Leumund sowie eben eine Körpergrösse von mindestens 1,74 Meter haben.

Die Mauern erzählen Geschichten

Gewandt lotste Simon Bussinger die Wallbacher an wartenden Touristen vorbei zu Orten, die normalerweise den Mitarbeitern des Vatikans vorbehalten sind. Am Sonntagmorgen stand die Sixtinische Kapelle den Gardisten und ihren Angehörigen offen. Bevor die Gruppe den Seitentrakt «Bracio Constantino» betrat, sagte Simon Bussinger: «Geht nicht einfach so durch diese Räume, sondern achtet darauf, was die Mauern euch sagen.» Ihm bedeute es viel, zu wissen, welche Geschichte und Tradition in diesen Steinen stecke, erzählt er. Und er betonte: «Wer eine solche Kirche wie die Petersbasilika baut, muss an sein Vorhaben glauben, braucht Willenskraft und Durchhaltevermögen.»

Keine «Mission impossible»

Ganz ähnlich hatte am Sonntagmorgen ein Gardist am Gottesdienst zu seinen Kollegen gesprochen. Bescheidenheit und Freundschaft mit Gott und untereinander bildeten den Kern des Gardedienstes: «Also keine Mission impossible», formulierte er anschaulich. Für Simon Bussinger, der zuhause in vielen Vereinen sowie in der Kirche engagiert war, ist Kameradschaft ebenfalls ein Herzensanliegen. So war ihm im vergangenen Herbst der Abschied von seinen Kollegen nicht leichtgefallen. Doch inzwischen geniesst er die Kameradschaft unter den Gardisten. Zusammen mit Kameraden hat er seit seinem Dienstantritt im vergangenen Oktober im Keller der Kaserne eine Bar eingerichtet, die als Treffpunkt dient. «Ich finde es schön, wenn man nach dem Dienst noch mit Kollegen zusammensitzen und über das Erlebte sprechen kann», findet Simon Bussinger. Der Wallbacher spielt auch in der Fussballmannschaft der Schweizergarde mit.

Auf bald!

Am Montagnachmittag vor der Heimreise versammelte sich die ganze Wallbacher Delegation noch einmal beim Eingang St. Anna, von wo aus man das Gardequartier betritt. Simon Bussinger empfing seine Gäste in Uniform zum Fototermin im Ehrenhof. Jede und jeder konnte mit ihm für ein Erinnerungsfoto posieren, bevor Simon Abschied nahm und zum Wachdienst antreten musste. Zum Glück waren fast alle Romreisenden in den letzten drei Tagen einmal beim Trevi-Brunnen vorbeigekommen. Wer dort rückwärts über die Schulter eine Münze ins Wasser wirft – so die Legende – wird die Ewige Stadt wiedersehen. Mindestens in den nächsten zwei Jahren werden die Wallbacher dabei im Vatikan ihren Mäxe treffen können.

 

 

Vereidigung 2018

In diesem Jahr war die Schweiz nicht durch einen Bundesrat, sondern durch den aktuellen Nationalratspräsidenten, den Freiburger CVP-Politiker Dominique de Buman, und damit den höchsten Schweizer vertreten. Von Seiten der Schweizer Armee nahm der Luzerner Divisionär Daniel Keller, verantwortlich für die höhere Kaderausbildung, an der Feier teil. Von der Schweizerischen Bischofskonferenz waren der Präsident Bischof Charles Morerod sowie der Bischof von Basel, Felix Gmür, zugegen.

Für den diesjährigen Gastkanton Luzern nahm der gesamte Luzerner Regierungsrat teil. Aus dem Kanton Luzern stammten bisher 24 von insgesamt 35 Gradekommandanten. Auch der aktuelle Kommandant Oberst Christoph Graf ist Luzerner.

Eröffnet wurden die Feierlichkeiten am Samstagabend, 5. Mai, mit einem Abendgebet und einer Kranzniederlegung zu Ehren gefallener Gardisten. Das Datum der jährlichen Vereidigung erinnert an die Plünderung Roms durch die Landsknechte Kaiser Karls V., den sogenannten Sacco di Roma am 6. Mai 1527. Damals starben 147 Soldaten bei der Verteidigung von Papst Clemens VII.

Die Schweizergarde hat eine Sollstärke von 110 Mann und ist für den Personenschutz des Papstes sowie für die Kontrolle der Eingänge des Vatikans zuständig. Die Bewachung des vatikanischen Gästehauses Santa Marta, wo Franziskus residiert, teilt sich die Schweizergarde mit der vatikanischen Gendarmerie. Die meisten Rekruten verpflichten sich heute für eine zweijährige Dienstzeit. Aus dem Aargau kommen momentan zehn Gardisten. (kath.ch)

 

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