In der Badener Sebastianskapelle kann man sich einmal im Monat die Hände auflegen lassen. | © Roger Wehrli

Die Handauflegerinnen von Baden

Andreas C. Müller, 21.5.18
  • Von wegen Esoterik: Hände auflegen ist eine der ältesten christlichen Heilpraktiken. In der Badener Sebastianskapelle praktiziert bereits seit Jahren eine Frauengruppe dieses spezielle Ritual.
  • Horizonte besuchte die Handauflegerinnen von Baden, sprach mit Menschen, die dieses Angebot in Anspruch nehmen und wagte den Praxisversuch.

 

In der Badener Sebastianskapelle kann man sich einmal im Monat die Hände auflegen lassen. Betritt man zu diesem Zweck den Andachtsraum im katholischen Kirchenbezirk, so vernimmt man leise meditative Musik. Fünf Frauen haben sich im Raum verteilt und legen jenen, die es möchten, die Hände auf. Jedes «Paar» bleibt für etwa 20 Minuten zusammen. Auch einmal ein kurzes Gespräch, ein gemeinsames «In sich gehen» gehört dazu. Sind alle «Plätze» besetzt, warten die Menschen auf eigens vorbereiteten Stühlen beim Eingang.

Energie tanken, Wärme spüren und entspannen

Bei Bernadette Meier-Michel hat soeben die nächste Person Platz genommen. Sanft gleiten ihre Hände über den Rücken und Kopf des Gegenübers, wobei unklar bleibt, ob der Körper überhaupt von den Händen berührt wird. Die Menschen, die Monat für Monat in die Badener Sebastianskapelle kommen, geniessen es, hier Energie zu tanken oder ihre Sorgen und Beschwerden der Behandlung der Frauen anzuvertrauen.

Beinahe aus jeder Altersgruppe betreten Menschen die Kapelle. In der Regel kommen jeweils 10 bis 30 Personen pro Nachmittag: Von der Hausfrau über den jungen Geschäftsmann bis hin zur Altersheimbewohnerin sind alle Altersgruppen vertreten. Auch Herr und Frau Fischer aus Spreitenbach sind gekommen. Sie haben von dem Angebot in der Zeitung gelesen. Die beiden sind gestandene Katholiken, obgleich keine regelmässigen Gottesdienstbesucher. «Im Alter hat man verschiedene Gebrechen und der Arzt findet nichts», erklärt Frau Fischer schmunzelnd, warum sie sich die Hände auflegen lässt. «Mich beruhigt das und ich spüre die Wärme der Hände» erklärt Frau Fischer. Die Wärme habe er auch gespürt, sagt ihr Mann, als wolle er bestätigen, was im Grunde rational nicht zu erklären ist.

Kanal für Gottes Kraft und Liebe

Seit 1997 besteht in Baden jeden Monat die Möglichkeit, sich die Hände auflegen zu lassen. Überhaupt: Die Tradition des Händeauflegens reiche viel weiter zurück, erklärt Bernadette Meier-Michel, welche die Einsätze der Frauen in Baden koordiniert. «Das Händeauflegen ist eine der ältesten christlichen Heilpraktiken überhaupt. Womöglich ist es eine Art elektromagnetische Energie, die übertragen wird.» Genau könne sie es nicht sagen, weil das bei jeder Person mit derartigen Fähigkeiten anders zum Ausdruck komme. Jede der Frauen habe eine andere Bezugsperson oder Quelle in der Geistigen Welt, die um Unterstützung und Hilfe angerufen wird. «Wir dürfen dann das Verbindungsglied sein – eine Art Kanal, damit Gottes Kraft und Liebe in Körper, Geist und Seele unserer Mitmenschen fliessen kann.»

Ihre Begabung entdeckte Bernadette Meier-Michel, als ihre Schwägerin im Krankenhaus auf der Intensivstation lag und das Pflegepersonal sie immer wieder fragte, ob sie irgendetwas Spirituelles mache. Die Überwachungsgeräte würden stets verrückt spielen, wenn sie sich im Raum befände, habe man ihr mitgeteilt. Sie habe lange gebraucht, ihr Talent anzunehmen, erinnert sich die bald Siebzigjährige. Sie besuchte Vorträge, traf Personen, die über ähnliche Gaben verfügen. Den Bezug zum christlichen Glauben habe sie aber nie verloren. In diesem seien übrigens alle Frauen verwurzelt, die in Baden Monat für Monat allen, die es wünschen, die Hände auflegen.

Ein nicht laut ausgesprochener Segen

Bevor sie mit ihrer Arbeit beginnt, stellt sich Bernadette Meier-Michel jeweils hinter die bei ihr befindliche Person. «Ich rufe im Gebet Jesus und Maria an, bitte um das göttliche Licht und darum, dass geschehen mag, was für die Person nötig ist, die sich von mir die Hände auflegen lässt.» Dann berühre sie den vor sich sitzenden Menschen, erklärt Bernadette Meier Michel. «Zum Schluss halte ich die Hände über den Kopf der Person und bitte um göttlichen Segen.» Das sage sie aber niemals laut, erklärt sie mit einem augenzwinkernden Lächeln. «Ich mache nichts, was ich nach katholischer Lehre nicht darf.»

 

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«Das Händeauflegen ist ein der ältesten christlichen Heilpraktiken überhaupt», erklärt Bernadette Meier-Michel, die den Einsatz der Frauen in Baden koordiniert. «Womöglich ist es eine Art elektromagnetische Energie, die übertragen wird.» | © Roger Wehrli
Bernadette Meier-Michel
Auch einmal ein kurzes Gespräch, ein gemeinsames «In sich gehen» gehört dazu. | © Roger Wehrli
Eine Sache des Vertrauens
Horizonte-Redaktor Andreas C. Müller beim Selbstversuch mit Bernadette Meier-Michel | © Roger Wehrli
Selbstversuch
 
Andreas C. Müller

Kommentar

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Als pragmatischer Mensch mit entsprechender Bodenhaftung reagiere ich auf geistiges Heilen, Händeauflegen und andere Behandlungspraktiken zunächst einmal skeptisch. In der esoterischen Szene habe ich bereits viele seltsame Sachen gesehen, die den Menschen in der Regel drei Dinge bescherten: Teure Rechnungen, gefährliche Abhängigkeiten sowie eine menschenverachtende Ideologie. Der Mensch sei vollumfänglich allein verantwortlich für sein Schicksal, also auch für Schicksalsschläge und Krankheiten, heisst es da. Nicht, dass es die Kirche in der Vergangenheit besser gemacht hat, aber es mutet für mich seltsam an, dass viele Menschen heutzutage eine Kirche, die im Aufbruch begriffen ist, anprangern, sich gleichzeitig aber all das, was sie kritisieren, bei den Esoterikern wieder einkaufen.

Vor diesem Hintergrund staune ich auch, dass Praktiken, wie man sie aus der esoterischen Szene kennt, heutzutage bei Katholikinnen und Katholiken praktiziert werden. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass die Esoterik sich dieser Rituale erfolgreich bemächtigt und sie öffentlichkeitswirksamer zu vermarkten verstanden hat. Die katholischen Geistlichen hätten die Kirchen mit dem Weihrauchfass durchs Hauptportal verlassen, und die Esoteriker seien durch die Seitentüren mit den Räucherstäbchen hereinmarschiert, meinte einmal der Volkskundler Kurt Lussi in einem Interview mit Horizonte. Er spielte damit auf den eben erwähnten Umstand an.

Dass es in der katholischen Kirche eine gelebte Tradition an Heilpraktiken gibt, ist zu wenigen Menschen bekannt. Der Selbstversuch bei Bernadette Meier-Michel zeigt jedenfalls: Befinden sich ihre Hände im Bereich meines Kopfes, fühlt es sich an wie unter einer Wärmelampe und die Schallwahrnehmung verändert sich. Nach einer Viertelstunde bin ich zunächst ein wenig benommen, stelle aber fest, dass sich meine Spannungskopfschmerzen verflüchtigt haben. Placebo-Effekt hin oder her: Es tut gut. Und dass man zu nichts verpflichtet ist – nicht einmal zu einem Unkostenbeitrag, ist sympathisch. Auch ideologisch gibt’s nichts mit auf den Weg.

 

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