Dieses Wochenende nimmt die Schweiz Abschied von Pfarrer Ernst Sieber. Für Horizonte berichtet seine Tochter Ilona Sieber, wie es war, an der Seite eines Vaters aufzuwachsen, der die Nachfolge Christi zugunsten der Armen und Schwachen gelebt hat. | zvg

Zum Abschied von Pfarrer Sieber

Andreas C. Müller, 30.5.18
  • Diesen Donnerstag und Samstag finden der Gedenkgottesdienst und die Erinnerungsfeier für den am Pfingstwochenende verstorbenen Pfarrer Ernst Sieber in Zürich statt.
  • Horizonte hatte die Gelegenheit, aus diesem Anlass mit Ernst Siebers Tochter Ilona über jenen Mann zu sprechen, der sich wie kein Zweiter in der Nachfolge Christi für die Armen und Schwachen unserer Gesellschaft eingesetzt hat.

 

Frau Sieber, Sie haben seit dem Tod Ihres Vaters bestimmt viele Interviews geben dürfen: Inwieweit hat Sie das Ausmass der öffentlichen Anteilnahme überrascht?
Ilona Sieber: Ich war nicht überrascht. Wissen Sie, das ist weniger meine Art. Aber ich habe schon realisiert, dass das eine grosse Welle der Anteilnahme war.

Und jetzt gibt es zwei Anlässe, an denen die Bevölkerung von Ihrem Vater Abschied nehmen kann: Im Grossmünster morgen Donnerstag und am Samstag auf dem Platzspitz. Ist der erste Anlass nur für geladene Gäste?
Nein, auch ins Grossmünster zum Gedenkgottesdienst dürfen alle kommen – wir stellen draussen auch Videoleinwände auf. Der zweite Anlass ist allerdings schon für jene Menschen, die meinem Vater besonders am Herzen lagen – auch weil mein Vater diese Menschen bestimmt in der ersten Reihe gehabt hätte und viele es wohl nicht zum Gedenkgottesdienst ins Münster schaffen.

Was denken Sie, wie viele Menschen werden kommen?
Schwer zu sagen. Zum 80. Geburtstag meines Vaters kamen über 2’000 Leute.

Ihr Vater hat in bemerkenswerter Weise christliche Nächstenliebe vorgelebt und sich für die Armen eingesetzt: Wie hat Sie das geprägt?
Die Arbeit meines Vaters, seine Nähe zu den Menschen, das hat mich schon sehr früh interessiert. Mein Vater hat mich auch überall hin mitgenommen. So habe ich denn auch bald einmal realisiert, dass dies in meinem eigenen Leben eine grosse Bedeutung haben soll.

Wie kam es dazu?
Mein Vater war nicht nur ein Mensch der Worte, sondern vor allem der Tat. Das hat sich eingeprägt – auch seine Haltung und die damit verbundenen Werte: der Glaube, Vertrauen ins Leben, die Nachfolge von Jesus Christus, aber auch Bescheidenheit. Was ich schön fand: Meine Eltern hatten, als ich noch Kind war, nicht viel Unterstützung. Wir waren eine grosse Familie mit acht Kindern – meine drei Geschwister, ein Adoptivkind und drei Pflegekinder. Da war immer etwas los. Auch viele Kinder aus der Nachbarschaft sassen oft bei uns am Tisch…

…und Randständige waren auch immer im Haus?
Ja, genau. Das gehörte dazu. Wir haben alles geteilt. Wir waren nicht verwöhnt, aber wir bekamen viel Liebe, waren zufrieden und lernten, kreativ zu sein.

Haben Ihnen diese Menschen nicht manchmal auch Angst gemacht?
Nein, überhaupt nicht. Im Gegenteil, für diese Menschen habe ich mich schon als Kind interessiert. Ich mag mich erinnern, als ich etwa fünf Jahre alt war, da gab es einen Fremdenlegionär bei uns, der hatte viele Narben. Meine Geschwister hatten immer Angst vor ihm. Für mich aber war er ein grosser Freund. Wir haben sogar Meerschweinchen getauscht.

Hatte ihr Vater nebst all seinen Engagements denn noch Zeit für die Familie?
Durchaus. Die Zeit mit uns war für ihn immer wichtig, obschon er fast den ganzen Tag gearbeitet hat. Am Sonntag nahm er sich am Nachmittag immer Zeit für Bibelarbeit mit uns und sprach mit uns über den Glauben. Auf Wanderungen zeigte er uns die Natur, die Schönheit der Schöpfung. Und dann natürlich Sport: Unser Vater war ein begnadeter Skifahrer bis ins hohe Alter. Das hat er uns mitgegeben. Und Schwimmen… Ich erinnere mich noch an die Trockenübungen auf der Wiese, wo wir die Frösche imitieren mussten….

War ihr Vater streng in der Erziehung?
Also Fernseh schauen, das durften wir bei ihm nicht. Aber alles andere schon. Unsere Mutter war im Grunde strenger. Bei meinem Vater hatten wir jedoch immer einen Bonus…

Ihr Vater war ja bekannt dafür, dass er stets treffend aus der Bibel zitieren und ad hoc alltagstauglich predigen konnte. Machte er das auch in der Familie?
Ja, das hat er auch zuhause gemacht – immer bezogen auf Alltag und Politik. Das gab uns Bodenhaftung. Ich habe Mühe mit blossen Sprüchen. Die Haltung eines Menschen ist das Entscheidende für mich. Und die Glaubwürdigkeit. Insofern hatte ich einen grossartigen Vater… und später auch Chef, als ich im «Spiesshof» arbeitete.

Richtig, Sie sind Geschäftsführerin im «Spiesshof», dem Selbsthilfedorf, das ihr Vater als Motionär zu seiner Zeit als Nationalrat mit 147 Mitunterzeichnern auf den Weg brachte. Wie kam es dazu, dass Sie die Leitung übernehmen konnten?
Ich musste mich auf die Stelle ordentlich bewerben, hatte also nicht den Bonus der Pfarrerstochter. Schön war, dass ich dort etwas Neues aufbauen konnte – im sozialpsychiatrischen Bereich. Insofern habe ich den «Spiesshof» weiterentwickeln dürfen.

Man könnte vermuten, dass es mitunter schwierig war, aus dem Schatten eines Vaters mit solcher Strahlkraft zu treten. War das der Fall?
Ich hatte nie das Gefühl, im Schatten meines Vaters zu stehen. Mein Vater war sehr mutig, hat viel ganz allein und einzig mit Gotteskraft auf den Weg gebracht. Und genau das hat er mir auch zugestanden. «Komm, mach etwas draus», hat er zu mir gesagt.

Wie viel von ihrem Vater erkennen Sie in sich selbst wieder?
Sicher Mut, aber auch Spontaneität und natürlich Humor. Und das Vertrauen, dass man etwas schaffen kann, wenn man es will.

Gab es auch Dinge, über die Sie mit Ihrem Vater gestritten haben?
Ja, vor allem in der Pubertät. Da haben wir uns ziemlich auseinandergesetzt. Weil ich freiheitsliebend war – im Grunde wie er. Aber er trat zu jener Zeit als fürsorglicher Vater auf, der mich beschützen wollte.

Christoph Sigrist, der Grossmünsterpfarrer, bezeichnete Ihren Vater einmal als Gottesnarr. Ein Bild, das auch für Sie passt?
Unbedingt. Christoph Sigrist hat das gut getroffen. Der Narr darf zum König gehen und die Wahrheit sagen, und er wird nicht geköpft. So ist mein Vater aufgetreten, um etwas zu erreichen. Auch in der Politik.

Die Politik, war das für Sie auch schon ein Thema?
Bis jetzt noch nicht, ich habe nicht so viel Zeit, ich leite den «Spiesshof» ganz allein. Aber es würde mich schon interessieren. Und ich wüsste durchaus, wo ich mich engagieren könnte.

Und eine Biografie über ihren Vater? Wann kommt die?
Das haben wir in der Familie noch nicht besprochen. Es ist noch so vieles offen im Moment – auch, was mit dem «Bundesdörfli» passieren soll, das Papi noch realisieren wollte. Insofern ist es mir ein Anliegen, dass die vielen Engagements von meinem Vater weitergeführt werden können.

Nach dem Tod Ihres Vaters wurden bereits verschiedene Vergleiche bemüht: Unter anderem Franz von Assisi und Johannes der Täufer. Wenn Sie Ihren Vater mit einer Figur aus der Bibel vergleichen müssten, welche wäre das?
Mein Vater hat sich mit Franz von Assisi durchaus identifiziert. Das passt – auch was die Bescheidenheit angeht und den Bezug zu Natur und Schöpfung. Er war ja gelernter Bauer. Und wir hatten immer viele Tiere daheim. Mir kommt spontan aber auch einer der Jünger Jesu in den Sinn. Ein Apostel, der den Glauben weitergibt. Er hat immer gesagt: Wir dürfen die Menschen nicht verkirchlichen, sondern müssen die Kirche vermenschlichen. Das finde ich persönlich ganz wichtig.

 

Abschied von Pfarrer Ernst Sieber
Am Donnerstag, 31. Mai, um 14 Uhr findet im Grossmünster die Abdankung für Pfarrer Sieber statt. Am Samstag, 2. Juni, von 14 bis 17 Uhr gibt es auf dem Platzspitz eine öffentliche Erinnerungsfeier mit prominenten Gästen.

 

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