Das dritte von zehn Geboten, welche die reformierte Landeskirche Zürich zum 500-Jahr-Reformationsjubiläum erarbeitet hat. | © Marie-Christine Andres

Die reformierten Zehn Gebote

Marie-Christine Andres Schürch, 20.5.19
  • Was verbindet die Mitglieder der reformierten Kirche? Was macht diese Kirche aus? Eine Antwort gibt die Schrift «Reformiert durch zehn Gebote» der reformierten Landeskirche des Kantons Zürich.
  • Im Aargau ist die Broschüre mit den reformierten Zehn Geboten erst punktuell ausgehängt.
  • Die Publikation sei jedoch ein wertvoller Beitrag, um künftig über Wesen und Profil der reformierten Kirche zu diskutieren, findet Frank Worbs, Leiter Kommunikation bei der reformierten Landeskirche Aargau.

 

In Wittenberg war es 1517 Martin Luther, der die Pflichtvergessenheit der Kirche anprangerte und eine Umgestaltung zu bewirken versuchte. Fast zeitgleich mit Luther forderte in Zürich der Pfarrer Ulrich Zwingli mit ähnlichen Argumenten die Erneuerung von Kirche und Gesellschaft. Am 1. Januar 1519 trat er sein Amt am Grossmünster an. Zwingli predigte nicht mehr lateinisch, sondern in der Sprache des Volkes. Die Menschen sollten die Botschaft der Bibel selber verstehen und sich nach ihr ausrichten. Damit kam die Reformation in Zürich ins Rollen und die geltende Ordnung ins Wanken.

Künftiges Reformationspotenzial

Dieses Jahr begeht die reformierte Landeskirche des Kantons Zürich den Beginn der Reformation vor 500 Jahren. Das Jubiläum sei auch Anlass, sich mit der Aufgabe und Rolle der reformierten Kirche der Gegenwart und ihres Reformationspotenzials für die Zukunft auseinanderzusetzen, schreibt die Landeskirche.

Aus Jux wurde ein Titel

Matthias Krieg, Pfarrer, Theologe und tätig auf der Stabsstelle Theologie der evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich, bekam im Vorfeld des Jubiläums den Auftrag, «etwas allgemein Verständliches zum Reformationsjubiläum» zu verfassen. Er erinnert sich: «Bei der Arbeit habe ich meine Entwürfe aus Jux mit ,10 Gebote’ überschrieben. Das fanden die Kolleginnen und Kollegen gut und wir haben den Titel beibehalten.»

Kirche, in der man nichts muss

«Reformiert durch Zehn Gebote» heisst das Heft, das aus der Denk- und Schreibarbeit von Matthias Krieg entstanden ist. Die zehn Leitsprüche sollen keine Verbote oder Zwänge sein, sondern vielmehr helfen, die reformierte Kirche positiv zu definieren. Denn, so schreibt der reformierte Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller, «Die reformierte Kirche gilt gemeinhin als eine Kirche, in der man nichts muss. […] Was aber, wenn sich diese Kirche selber bauen und begründen muss? Wozu sollte sie gut sein? Was verbindet ihre Mitglieder positiv? Deshalb: Neue Verpflichtungen, neue Gebote braucht die Kirche, gerade und genau die reformierte.» Diese Ansicht teilt Matthias Krieg. Bereits bei der Arbeit an einem früheren Buch über reformierte Identität hatte er erkannt, dass die meisten Reformierten nur noch sagen konnten, was sie NICHT sind.

Wertvoller Diskussionsbeitrag

Die reformierte Kirchgemeinde Gränichen hatte als eine der wenigen im Aargau die neu geschaffenen zehn Gebote im Kirchgemeindehaus ausgehängt und zwei Diskussionsabende zum Thema organisiert. Einen grossen Publikumsaufmarsch habe es da nicht gegeben, erinnert sich Pfarrer Simon Pfeiffer. Doch es hätten sich durchaus einige Leute dafür interessiert. Und er habe auch wahrgenommen, dass die Broschüre bei den Mitarbeitenden der Kirchgemeinde auf positives Interesse gestossen sei. Die reformierte Landeskirche Aargau hat zwar die Broschüre nicht aktiv promotet, der Kommunikationsverantwortliche Frank Worbs betrachtet die Zehn Gebote aber als wertvollen Diskussionsbeitrag. «Die Publikation beruht auf profundem Wissen und kann als hilfreiche Quelle für künftige Diskussionen über das Wesen und Profil der reformierten Kirche herbeigezogen werden.»

Gedächtnistrick

Matthias Krieg bejaht, dass man die «reformierten Zehn Gebote» als kleinsten gemeinsamen Nenner der Reformierten bezeichnen könnte: «Wenn man diese zehn Punkte verstanden hat, ist man den Reformierten gut auf der Spur.» Die Zahl Zehn eigne sich auch gedächtnistechnisch gut: «Das ist ein alter Trick, wir haben zehn Finger und zehn Zehen. Zehn Dinge können wir uns meist merken. Ich habe versucht, die einzelnen Gebote zu kurz wie möglich zu machen.»

Gebot, Interpretation und Beispiel

Zu jedem Gebot enthält die Broschüre zwei Texte. Die Texte auf der linken Seite, die Gebote, seien aus der Arbeit am Buch «Die Reformierten. Suchbilder einer Identität» aus dem Jahr 2002 heraus gewachsen, erklärt der Autor Matthias Krieg. Im Text rechts findet er zu jedem Punkt einkonkretes Beispiel, welches das Gebot veranschaulicht. So stellt er dem ersten Gebot «Lies die Bibel selbst und ganz» die Entstehungsgeschichte der Zürcher Bibel gegenüber. Matthias Krieg erklärt: Die einen Gebote kamen mir schnell in den Sinn, zum Beispiel die Nummer 6 ‚Misch Dich ein und beteilige Andere am Gemeinsamen’ bei anderen musste ich länger überlegen. Und natürlich sind die Gebote diskutabel.» Wer sich vertieft mit den neuen Zehn Geboten beschäftigen will, findet im Heft zu jedem Gebot weiterführende Literatur, Musik oder eine Webseite-Empfehlung.

Reformiert durch Zehn Gebote

1. Lies die Bibel selbst und ganz. / 2. Erkenne Deinen Gott und so Dich selbst. / 3. Achte Gottes Allmacht, und misstraue den Mächtigen. / 4. Gedenke beim Abendmahl Deiner Befreiung. / 5. Tritt dankbar ein für die Freiheit Deiner Nächsten. / 6. Misch dich ein, und beteilige Andere am Gemeinsamen. / 7. Schliess einen Bund für Gerechtigkeit. / 8. Sei Gastgeber des Fremden, als wäre er ein Engel. / 9. Lass dich begeistern, und begeistere deine Mitwelt. / 10. Leb als Geschöpf des unerschöpflichen Schöpfers.

 

Bestellen können Sie die Broschüre «Reformiert durch 10 Gebote» per Post, telefonisch oder per Mail bei: Evangelisch-reformierte Landeskirche des Kantons Zürich, Hirschengraben 50, Postfach, 8024 Zürich. T 044 258 91 11 / info@zh.ref.ch

 

 

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Das erste Gebot lautet: «Lies die Bibel selbst und ganz». 
«Wir haben die Ressourcen, eine solche Broschüre zu erarbeiten, und es ist schön, wenn sie andere auch nutzen», sagt der Autor Matthias Krieg. | © Marie-Christine Andres
Auch andere Kantone sollen die Schrift nutzen
1519 trat Ulrich Zwingli seine Stelle als Priester am Zürcher Grossmünster an. «Da brauchte er zuerst ein Weilchen um seinen Schreibtisch einzurichten und den Computer zu installieren», gibt Matthias Krieg zu bedenken. Erst der Beschluss des Stadtrats nach den Disputationen 1523 markiert den Beginn der eigentlichen Reformation. Erst ab da wurden die Bilder aus den Kirchen geräumt. «Ich rechne damit, dass die Broschüren sicher bis ins Jahr 2023 verwendet werden», erklärt Matthias Krieg von der Stabsstelle Theologie der reformierten Landeskirche Zürich. | © Marie-Christine Andres
Zwingli brauchte Anlaufzeit
Von den Bestellzahlen der Broschüren zu schliessen, sind die Zehn Gebote in Zürich an der Basis angekommen. Im Aargau sind sie erst in vereinzelten Kirchgemeinden bekannt. | © Marie-Christine Andres
Bestellzahlen sind gut
Die Gebote schliessen jeweils mit einer Empfehlung. Das kann ein Sachbuch sein, aber auch eine CD, ein Museum oder eine Webseite, wo sich vertiefende Informationen finden lassen. | © Marie-Christine Andres
Vertiefen auf eigene Faust
«Das sechste Gebot ist mir relativ früh in den Sinn gekommen», erinnert sich der Autor. | © Marie-Christine Andres
Dieses Gebot stand bald fest
«Jeder Bund besteht aus Verzicht und Gewinn», erläutert die Broschüre «Reformiert durch Zehn Gebote». | © Marie-Christine Andres
Verzicht und Gewinn
Das Beispiel zum achten Gebot erinnert an den Schweizer Pfarrer Paul Vogt, der sich im Zweiten Weltkrieg für Flüchtlinge einsetzte. | © Marie-Christine Andres
Paul Vogt: Einsatz für Flüchtlinge
«Wie Atem und Sturm lässt sich das Heilige nicht bannen und beschreiben. Gott bewegt und begeistert», erklärt der Text zum neunten Gebot. | © Marie-Christine Andres
Das Heilige lässt sich nicht fixieren
Zu diesem Gebot empfiehlt die Broschüre das Bild «der Sämann von Vincent van Gogh, das in der Sammlung von E.G. Bühel in Zürich zu bewundern ist. | © Marie-Christine Andres
Dazu ein Bild von Vincent van Gogh
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