Die Seele ist nicht behindert

Menschen mit Behinderung müssen an kirchlichen Angeboten teilhaben können

Horizonte Aargau, 4.6.14

Nach Waschtemperatur sortieren. Maschine füllen, waschen, Maschine leeren, alles aufhängen. Kleine Stücke bügeln, grosse durch die «Mangi», die Wäsche-Walze, rollen. Am Schluss die saubere Wäsche sorgfältig zusammenlegen. Silvia Senn formuliert auch nach einem langen Schultag noch präzise. Auf der Fachstelle «Pastoral bei Menschen mit Behinderung» erzählt sie zunächst von ihrem Alltag in der Wäscherei. Und dann berichtet sie über etwas, das nicht alltäglich ist.

Weisses Gewand
Wenn am 29. Juni 2014 der «Gottesdienst für dich und mich» in Wittnau feierlich eröffnet wird, stehen auch die Ministrantinnen parat. Eine davon wird Silvia Senn sein. Die 19-Jährige wohnt mit ihrer Familie in Gansingen und absolviert die Ausbildung zur Wäscherei-Expertin in der Stiftung für Menschen mit Behinderung im Fricktal (MBF) in Stein. Silvia Senn hat das Down-Syndrom. Bevor sie ihre Lehrstelle antrat, besuchte sie die Heilpädagogische Schule (HPS) in Frick. Und sagte damals zu ihrer Religionslehrerin: «Ich würde schon gerne einmal so ein weisses Kleid anziehen.» Silvia Senn meinte das Ministrantengwändli. Die Katechetin Kitti Steffen, die Silvia an der HPS unterrichtete, wusste eine Lösung. Sie hatte zusammen mit Gemeindeleiter Christoph Küng den Gottesdienst für Menschen mit und ohne Behinderung in Wittnau initiiert und lud Silvia Senn ein, dort zu ministrieren. Damit ging für das damals 14 Jahre alte Mädchen ein lange gehegter Wunsch in Erfüllung. «Ich wollte nämlich schon ministrieren, seit ich zehn Jahre alt war», erinnert sie sich.

Ganz konkrete Anfragen
Die Fachstelle «Pastoral bei Menschen mit Behinderung» ist ein Angebot der Römisch-Katholischen Kirche im Aargau. Sie unterstützt einerseits Menschen mit Behinderungen sowie deren Angehörige, andererseits aber auch Institutionen, Vereine und Pfarreien. In den anderthalb Jahren, seit es die Fachstelle gibt, läuft die Vernetzungsarbeit auf Hochtouren. Stellenleiterin Isabelle Deschler und Mitarbeiterin Kitti Steffen suchen aktiv den Kontakt zu Behinderten-Organisationen, Pfarreien und Seelsorgenden. Ab und zu erhält die Fachstelle Anfragen wie: «Mein Kind hat eine Behinderung. Wie und wo kann es den Religionsunterricht besuchen und Erstkommunion feiern?»

Da gehöre ich dazu
Dass Kinder mit einer Behinderung die Möglichkeit haben, im Religionsunterricht dabei zu sein und zusammen mit den anderen Kindern in der Pfarrei Erstkommunion und Firmung zu feiern, ist Kitti Steffen und Isabelle Deschler ein grosses Anliegen. Patentlösungen gibt es keine. «Ich mache jeweils einen Elternabend um mit den Eltern zusammen für jedes einzelne Kind eine passende Lösung zu suchen.», erklärt Kitti Steffen. Neben der organisatorischen Arbeit sei dieser Abend für die Anwesenden auch eine wertvolle Gelegenheit, miteinander über ihre Situation als Eltern eines behinderten Kindes zu sprechen. Das tue vielen ganz offensichtlich gut, betont die Katechetin. Möglichkeiten, den religiösen Weg für Kinder mit Behinderung zu gestalten, gibt es viele. Dabei geht es nicht darum, dass ein Kind möglichst viel Wissen mitnimmt. Das Wichtigste ist in jedem Fall, findet Kitti Steffen, dass ein Kind sagen kann: «Hier gefällt es mir, da gehöre ich dazu.»

Offen kommunizieren
Isabelle Deschler spricht lieber von Inklusion statt Integration. Hinter den verschiedenen Bezeichnungen steckt die Frage, wer sich wem anpasst. Was ist das ‚Andere’? «Wir wollen den Verantwortlichen in den Pfarreien bewusst machen, dass die Anpassung gegenseitig sein muss, und nicht die Menschen mit Behinderung die ganze Anpassungsleistung erbringen müssen.», erklärt die Theologin. Wenn unter 30 Kindern ein einziges mit Behinderung ist, passt sich der Gottesdienst kaum diesem Kind an. Die Integration von behinderten Kindern im Gottesdienst ist in Pfarreien einfacher, in denen sich die Gemeinde schon ein bisschen gewohnt ist. «Bei uns in Wittnau stehen am Sonntag jeweils ein paar Kinderwagen in der Kirche, ein weinendes Kind bringt da die Gottesdienstbesucher nicht so rasch aus der Fassung», meint Kitti Steffen. Wenn ein Gottesdienst zusammen mit Menschen mit Behinderung gefeiert werde, sei es wichtig, dass man offen kommuniziere und die Leute informiere, findet Isabelle Deschler. Kitti Steffen betont: «In einer Gruppe von Kindern mit Behinderung ist halt jedes noch ausgeprägter ein Einzelfall als in anderen Schulklassen.» Nie kann man im Voraus wissen, ob etwas funktioniert, wir müssen Vieles einfach ausprobieren. «Wir haben schon manchen Fehler gemacht – aber immer daraus gelernt», sagt Isabelle Deschler. Man darf einfach nie sagen: «Es klappt nicht, wir machen es nicht mehr.»

Ohne Scheu vor dem Mikrofon
Silvia Senn hat zum Glück schon immer dazugehört. Ihre Eltern sind in der Kirche verwurzelt, sie war schon als kleines Kind im Gottesdienst dabei. Die Erstkommunion und Firmung feierte sie an ihrem Wohnort Gansingen. Auf die Feier Ende Juni in Wittnau freut sich Silvia Senn jeweils sehr. Neben dem Ministrantendienst trifft sie da nämlich auch ihre ehemaligen Schulkollegen von der HPS. «Ausserdem ist der Gottesdienst immer etwas Besonderes, mit Musik und Theater.», sagt sie. Lampenfieber vor dem Ministrieren habe sie nicht, betont sie. Auch die Fürbitten liest sie ohne Scheu vor dem Mikrofon. Der besondere Gottesdienst in Wittnau findet dieses Jahr zum neunten Mal statt. Kitti Steffen erinnert sich, dass die Stiftung MBF am Anfang Bedenken gegenüber dem Gottesdienst äusserte. Aber schon die erste Feier stiess auf grosse Zustimmung und seither ist sie nicht mehr wegzudenken. Kitti Steffen sagt: «Diese Feier hat eine Lücke gefüllt.»

Gesinnungswandel
Isabelle Deschler stellt fest, dass in den letzten Jahren bei Behinderten-Institutionen ein Gesinnungswandel stattgefunden hat. Die sozialen Institutionen wenden sich der Kirche wieder zu, es herrscht ein günstiges Klima, von dem die Fachstelle Pastoral bei Menschen mit Behinderung profitiert. «Deren Leitbilder lesen sich heute an gewissen Stellen ähnlich wie dasjenige unserer Fachstelle», findet sie. Die Verantwortlichen hätten inzwischen gemerkt, dass bei der Kirche Leute arbeiten, die sich mit Tod und Trauer auskennen und zum Beispiel bei einem Todesfall in der Wohngruppe wertvolle Hilfe anbieten. Denn geistig behinderte Menschen trauern vielleicht anders, brauchen aber genauso Unterstützung und Rituale wie andere Trauernde. Kitti Steffen bringt es auf den Punkt: «Bei Menschen mit Behinderung ist ja nicht die Seele behindert.»

Der Zugang ist eingeschränkt
Leider ist der Zugang zu Angeboten der Kirche für Menschen, die in Wohnheimen und anderen Institutionen leben, häufig eingeschränkt. Wenn der Kirchenchor etwa per Flyer neue Mitglieder sucht, fliegt dieser nicht bis zu den Menschen mit Behinderung. Obwohl es vielleicht da durchaus begabte Sänger gäbe. Auch die Teilnahme an einer Beerdigung, wenn zum Beispiel die Mutter eines Mitbewohners stirbt oder ein Grabbesuch bei einem verstorbenen Kollegen bleiben geistig behinderten Menschen häufig verwehrt. «Oft denkt man gar nicht an die Bedürfnisse der Leute in den Institutionen.», weiss Kitti Steffen. Und weil die Menschen in den Wohnheimen immer älter werden, stellen sich vermehrt neue Schwierigkeiten, etwa wenn Heimbewohner pensioniert werden. Isabelle Deschler hält fest: «Unsere Fachstelle setzt sich mit vielen solchen – eigentlich kleinen – Dingen auseinander.» Und wie im Fall von Silvia Senn findet die Fachstelle immer wieder Lösungen, die Menschen einander näher bringen.  Marie-Christine Andres

 

Zwei besondere Gottesdienste

Unter dem Motto «Voll Füür und Flamme» findet am Sonntag, 8. Juni 2014 um 14.30 Uhr der
kantonale ökumenische Pfingstgottesdienst für Menschen mit und ohne Behinderung
in der Klosterkirche Königsfelden statt. Drei Wochen später, am Sonntag, 29. Juni 2014 um 10 Uhr feiern Menschen mit und ohne Behinderung den «Gottesdienst für dich und mich» in der Kirche Wittnau.

 

 

 

 

 

 

 

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