Am Sonntag, 30. April 2017, erlebte Baden die dritte ökumenische  «Feier des Lebens». Diese stand im Zeichen von: Erinnern, feiern und aufbrechen. | © Anne Burgmer

Die vielen Farben des Lichts

Die dritte Feier des Lebens der Aargauer Landeskirchen

Anne Burgmer, 1.5.17

Erinnern – feiern – aufbrechen. Diesen Weg zeichnete das ökumenische Team in der Feier in der Reformierten Kirche in Baden am Sonntag, 30. April 2017, auf. Es war eine Einladung an die rund 60 Teilnehmenden, vom Tod ins Leben zu gehen.

An einem sonnigen Tag fällt ein breites, schwarzes Stofftuch in einer fast vollständig weissen Kirche umso mehr auf. Vom Taufstein bis fast zur ersten Kirchenbankreihe liegt es. Darauf verstreut:  Spiegelkacheln in unterschiedlichen Grössen. Eine Box mit farbigen Stiften steht daneben auf dem Boden.

Weisses Licht…

Die ökumenische Feier des Lebens der Aargauer Landeskirchen richtet sich vor allem an Angehörige von Verstorbenen, Mitglieder von Trauergruppen, Palliative Care-Begleitpersonen und Pflegende.

Der Fokus der Feier liegt auf dem Thema Licht, welches auf dunklen Pfaden Helligkeit schenkt, Wärme spendet, Farben zum Leuchten bringt und ein zentrales Thema der biblischen Texte und des christlichen Glaubens ist. «Von der Schöpfungserzählung bis hin zur Offenbarung des Johannes, ist Licht wichtiges Thema der Bibel», schlägt der christkatholische Pfarrer Wolfgang Kunicki später im Gottesdienst den Bogen.

…wird zu sechs Spektralfarben…

Jede und jeder aus dem ökumenischen Vorbereitungsteam beleuchtet im rund einstündigen Gottesdienst je verschiedene Aspekte des Themas Licht, denn «wir Menschen kennen die Sehnsucht nach Licht», wie die römisch-katholische Seelsorgerin Ella Gremme betont. Besonders eindrücklich sind die Gedanken von Ruedi Marcel Füchslin, Physiker an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Bei aller Ambivalenz zwischen den Bereichen, bei mindestens zwei Fragen seien sich Glauben und Wissenschaft einig, «erstens darüber, dass es einen Anfang gegeben habe, und zweitens über die Bedeutung und Wichtigkeit des Lichts», so Ruedi Marcel Füchslin. Während auf eine Leinwand im Hintergrund passende Bilder projiziert werden, beschreibt er – ein Psalmist der Wissenschaft – die vielen Facetten von Licht.

…zu fast unendlichen Nuancen.

Natürlich sei Licht, so der Physiker, Wärme und Energieträger, der das Leben überhaupt erst ermögliche, doch es sei noch viel mehr. «Es ist Staunen, wenn wir sehen, was wir mit Licht alles machen können. Es ist Erkenntnis, wenn wir durch das Licht sehen, was im ganz Grossen und im ganz Kleinen ist», erzählt Ruedi Marcel Füchslin, während er immer wieder auf die wechselnden Bilder zeigt. Eine gigantische Spiralgalaxie, den stark vergrösserten Kopf eines Spermiums, ein kunterbuntes Kirchenfenster, das Bild einer Zellteilung.

Licht, so führt Ruedi Marcel Füchslin aus, könne Prozesse sichtbar machen, sei antreibende Energie und sei – das habe Albert Einstein verdeutlicht – letztlich das der Ewigkeit nächste, denn wer auf einem Lichtstrahl reise, erlebe Zeitlosigkeit.

Menschen als Spiegel des Lichts

Diese Nähe zur Ewigkeit greift Hans Niggeli, römisch-katholischer Seelsorger, auf: «Das Licht bringt uns Gott nahe und Jesus sagt zu uns ‚Ihr seid das Licht der Welt‘. Wir alle wurden geboren, um das Licht Gottes in uns sichtbar zu machen für andere». Er lädt die Gottesdienstbesucherinnen und –Besucher ein, zu überlegen, wo sie Licht für andere waren oder selber durch Mitmenschen Licht erlebten; lädt sie ein, die Stichworte als Erinnerung auf die ausgelegten Spiegel zu schreiben.

Später, nach Fürbitten, Vater Unser und Schlusssegen, steht, mit Sonnenbrille gegen das helle Sonnenlicht geschützt, der reformierte Pfarrer Markus Graber am Ausgang der Kirche und ist zufrieden. Die dritte Feier des Lebens, die er in seiner Begrüssung als «dritten Teil einer zufälligen Trilogie» bezeichnete, ist vorbei.

Dank Ausbildung und Information

Aus welchem konkreten Grund sind die Menschen zu der Feier des Lebens gekommen? Eine Besucherin führt ihre Ausbildung in Palliative Care an. Es sei ihr wichtig gewesen, diesen Gottesdienst zu besuchen. Dann ergänzt sie: «Ich bin sehr offen hierhergekommen und wurde überrascht. Der Gottesdienst hat mich an einem ganz anderen Punkt  in der Seele angesprochen als gedacht, denn das Thema Dunkel und Licht gibt es ja nicht nur beim Thema Tod und Trauer, sondern ganz grundsätzlich im Leben».

Eine weitere Besucherin erzählt, dass im Februar ihr Mann verstorben sei. Im Spital habe sie damals einen Zettel erhalten, der das Angebot der Palliative Care der Landeskirchen beschrieb. «Ich habe dann tatsächlich um Hilfe gebeten, so dass ich mal einen Tag wegkonnte. Ich habe eine gute Begleitung für meinen Mann bekommen. Mein Mann war Förster und die Begleitung verstand auch etwas davon und so haben sie sich gut unterhalten können. Zum Beispiel über Ameisen», erinnert sie sich. Ihre Schwester habe sie dann gefragt, ob sie zum Gottesdienst gehen wolle. Ob ihr der Besuch denn gut getan habe? Sie lächelt fein: «Ja!»

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