Sonja Neuenschwander, die Mitgründerin von «Speis & Gwand» (Mitte) zusammen mit Irene Obrist und Dilshad Tofik, die ebenfalls seit den Anfangszeiten beim Projekt dabei sind. | © Roger Wehrli

Dreizehn Jahre gelebte Nächstenliebe

Marie-Christine Andres Schürch, 19.11.18
  • Der Sozialpreis der Aargauer Landeskirchen 2018 ging an fünf Projekte, die alle auf ehrenamtlicher Arbeit beruhen.
  • Hauptpreisträger waren die Projekte «treff.punkt» in Wettingen und «Speis & Gwand» der reformierten Kirchgemeinde Oftringen.
  • Horizonte besuchte «Spiis & Gwand», das Armutsbetroffenen Kleider und Essen vermittelt, vor allem aber neuen Lebensmut schenkt.

 

Seit dreizehn Jahren steckt Sonja Neuenschwander einen grossen Teil ihrer Energie und Zeit in «Spiis & Gwand». Viel Herzblut investiert sie in das Projekt, das Menschen in schwierigen Situationen mit Kleidern, Essen und Beratung unterstützt. Und doch sagt sie: «Ich will mich ersetzbar machen». Es ist ihr wichtig, dass «Spiis & Gwand» auch ohne sie funktioniert.

Alles freiwillig

Die Mitgründerin ist in einem 20-Prozent-Pensum vom Verein «kirchliche Gemeindearbeit» der reformierten Kirchgemeinde Oftringen angestellt. Daneben arbeitet sie viele Stunden ehrenamtlich. Und mit ihr ein Team von 30 Freiwilligen, ohne die das Sozialprojekt nicht bestehen könnte. Sie kommen aus den Landeskirchen und aus Freikirchen. Die meisten wohnen in der Umgebung, viele sind schon mehrere Jahre dabei. 80 Arbeitsstunden leisten sie wöchentlich.

Anerkennung und Geldsegen

Ende Oktober erhielt «Spiis & Gwand» zusammen mit dem Wettinger Verein «treff.punkt» den Sozialpreis der Aargauer Landeskirchen. Vor zwei Wochen kam noch eine Auszeichnung dazu: die Franke Stiftung in Aarburg verlieh dem Projekt den Franke-Preis. Insgesamt 17’000 Franken erhält «Spiis & Gwand» dank der beiden Auszeichnungen. Die Anerkennung motiviere zum Weitermachen, sagt Sonja Neuenschwander. Das Geld soll zur Deckung von Unkosten dienen, aber auch in neue Projekte fliessen: «Es sind einige Ideen vorhanden, diese müssen jedoch noch reifen», erklärt Sonja Neuenschwander.

Abwärtsspirale stoppen

Für einen Franken können Armutsbetroffene eine bestimmte Anzahl Kleider und Lebensmittel mitnehmen. «Essen und Kleidung ist die Grundlage», sagt Sonja Neuenschwander, «Doch fast wichtiger sind wir als Ort, wo man Mut und Hoffnung schöpfen kann». Das Team von «Spiis & Gwand» hilft den Menschen auch mit Beratung und Begleitung. Wenn Sonja Neuenschwander eines gelernt hat, so dies: «Es kann wirklich jeden treffen». Sie weiss, dass Menschen durch eine Scheidung oder den Verlust der Arbeit in eine Abwärtsspirale geraten können. Jemanden als Person anzunehmen und aus der Isolation herauszuholen sei in solchen Situationen essentiell. Ihr habe auch schon jemand gesagt: «Ihre seid meine Familie». Solche Aussagen gehen Sonja Neuenschwander nahe und machen ihr die Verantwortung bewusst, die das Projekt trägt.

Nicht reden, sondern handeln

Seinen Anfang nahm «Spiis & Gwand» im Jahr 2006. Nach einem Seminar der reformierten Kirchgemeinde beschloss eine Gruppe von vier Frauen, nicht nur von Nächstenliebe zu reden, sondern zu handeln. Das erste Lokal war eine Garage, das zweite eine ehemalige Metzgerei. Vor fünf Jahren bezog «Spiis & Gwand» den Raum in Küngoldingen mit Secondhand-Laden, Bistro, Spielecke, WC und grossem Lagerraum. Dort packen zwei Frauen einmal im Monat 50 Lebensmitteltaschen zum Verteilen. Geld- oder Naturalspenden in Form haltbarer Lebensmittel sind sehr willkommen.

«Aufopfern» bringt nichts

Sonja Neuenschwander erlebte auch Zeiten, in denen ihr das Engagement über den Kopf zu wachsen drohte. Sie erkannte, dass anderen nur beistehen kann, wer sich selbst Sorge trägt und dass persönliche Aufopferung dem Projekt letztlich schadet. Wichtige Kraftquelle und Motivation ist für sie der Glaube. So konnte Sonja Neuenschwander an und mit ihrem Projekt wachsen. Im Lauf der vergangenen Jahre hat sie sich zur Sozialmanagerin ausbilden lassen. Und bald wird sie eine weitere Ausbildung in individualpsychologischer Lebensberatung abschliessen. «Durch die Arbeit bei «Spiis & Gwand» habe ich neue Interessen und Stärken entdeckt», sagt sie rückblickend. Das gilt auch für die anderen Helfer: «Wir sind so organisiert, dass jede und jeder das macht, was er oder sie gerne tut».

 

Mehr über Spiis & Gwand erfahren Sie hier.

 

Sozialpreis der Landeskirchen

Den Sozialrat der Aargauer Landeskirchen (römisch-katholisch, reformiert und christkatholisch) gibt es seit dem Jahr 2000. Neben den Landeskirchen sind darin auch die Caritas Aargau, HEKS Aargau/Solothurn, Pro Infirmis und die Wirtschaft vertreten. Der Sozialpreis wurde dieses Jahr zum fünften Mal vergeben. Die Preissumme von 25’000 Franken wurde auf zwei Hauptpreisträger («Spiis & Gwand» und «treff.punkt») sowie drei Nebenpreisträger aufgeteilt

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