Der in der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsente Heinrich Bullinger war Nachfolger Zwinglis in Zürich und einigte die verschiedenen Schweizer Reformationsbewegungen. Während Zürich 2019 Reformationsjubiläum feiert, ist es im Aargau erst in zehn Jahren soweit: 1529 wurde im Aargau durch die Pfingspredigt Bullingers in Bremgarten die Reformation eingeführt. | opac.nebis

Ein Aargauer als Kompromiss-Finder

Anne Burgmer, 28.1.19
  • Zürich feiert 2019 Reformationsjubiläum. Im Aargau ist es erst in zehn Jahren so weit: In Bremgarten wurde 1529 durch die Pfingstpredigt von Heinrich Bullinger die Reformation eingeführt.
  • Der in der öffentlichen Wahrnehmung wenig präsente Heinrich Bullinger war Nachfolger Zwinglis in Zürich und einigte die verschiedenen Schweizer Reformationsbewegungen.

 

Wenn man über Heinrich Bullinger liest, fragt man sich automatisch, wie viel Platz seine gesammelten Schriften eingenommen haben müssen; wie viel Tinte, Pergament und Federkiel er in seinem Leben wohl verschliessen haben mag. Ein ungewöhnliches Ausmass habe allein seine Korrespondenz: 12 000 überlieferte Schreiben bilden einen der ausführlichsten Gelehrten- und Reformationsbriefwechsel des 16. Jahrhunderts betont das Historische Lexikon der Schweiz. Sein Netzwerk erstreckte sich über den deutschsprachigen Raum bis nach England und auch Polen.

Geburtsort Bremgarten

Bullinger ist als Reformator weit weniger bekannt als Zwingli in Zürich oder Calvin, der in Genf der Reformation seinen Stempel aufdrückte. Eine Silbermünze, die 2017 zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation geprägt wurde, zeigt Zwingli und Calvin. Von Bullinger keine Spur. Es erinnert an das moderne Klischee, der Aargau sei Durchschnitt und vor allem zum Durchreisen gut. Wer den Aargau kennt, weiss, dass es anders ist. Bullingers Geburtsort Bremgarten beispielsweise, erstaunt Nicht-Aargauer regelmässig mit seiner Schönheit, «wenn ich vorher gewusst hätte, wie schön es hier ist, wäre ich schon früher gekommen», heisst es oft.

Vor zehn Jahren feierte die Reformierte Kirchgemeinde Bremgarten-Mutschellen ihren Reformator: Sein Porträt wurde auf einen Wagen der BDWM-Bahn, die Dietikon via Bremgarten mit Wohlen verbindet, geklebt; in Bremgarten wurde ein Bullinger-Weg eingeweiht. Man kann spezielle Stadtrundgänge buchen, die in die Geschichte des Aargauer Reformators einführen. Man darf gespannt sein, was sich die Reformierte Landeskirche und die Pfarrgemeinde vor Ort für das Jahr 2029 einfallen lassen wird. Dann zieht der Aargau mit dem Reformationsjubiläum nach, während die Zürcher 2019 feiern.

Nachfolger Zwinglis

1529 wurde die Reformation im Kanton durch die Pfingstpredigt Bullingers in Bremgarten eingeführt. Doch bereits zwei Jahre später, 1531 nach dem zweiten Kappeler Krieg und dem Tod Zwinglis, musste Bremgarten wieder katholisch werden und Bullinger ging ins Zürcher Exil. Dort kam der Aargauer zur Nachfolge Zwinglis. Ihm gelang es nicht nur, die Reformation in Zürich zu stabilisieren, schlussendlich klärte er die Abendmahlsfrage zwischen Calvinisten und Zwinglianern und einigte so die verschiedenen Schweizer Reformationsbewegungen. Ein Aargauer als Kompromiss-Finder.

 

«Ausser seiner Zürcher Bibel hat Zwingli nicht viel geschaffen»

In einem Interview mit Charles Martig, Direktor des Katholischen Medienzentrums kath.ch äusserte sich der emeritierte Churer Weihbischof Peter Henrici in wohltuender Klarheit in wenigen Sätzen, was er von der Zürcher Reformation hält.

Wie stehen Sie als grosser Verfechter der Ökumene zu Zwingli?
Henrici
: Zwingli war kein grosser Ökumeniker. Mein reformierter Freund und Kirchenratspräsident Ruedi Reich hat immer gesagt, Bullinger sei viel wichtiger als Zwingli.

Wieso hat er Bullinger so sehr geschätzt?
Henrici
: Heinrich Bullinger war ein grosser Theologe. Er hat die Zürcher Reformation in die Welt hinausgetragen. Zwingli hat im Kleinen politisch etwas bewirkt. Ausser seiner Zürcher Bibel hat er nicht viel geschaffen. Bullinger war hingegen der Promoter, der als reformierter Theologe sehr lange gewirkt hat. Die reformierte Kirche hat Bullinger mehr zu verdanken als Zwingli, der nur den Anstoss gegeben hat.

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