Viele Skizzen hat Annemie Lieder angefertigt, bis sie die perfekte Vorlage für das Hungertuch des Pastoralraums Oberes Freiamt ausgearbeitet hatte. | © Christian Breitschmid

Ein Hungertuch, das anstachelt

Christian Breitschmid, 11.3.20
  • In den fünf Kirchen des Pastoralraums Oberes Freiamt hängt in dieser Fastenzeit ein ganz besonderes Bild: das Hungertuch der Sinser Künstlerin Annemie Lieder.
  • Der gezeichnete Dornenkranz symbolisiert die unaufhörliche Auseinandersetzung des Menschen mit den Dornen in seinem Leben; jene, die ihn quälen, und diejenigen, mit denen er andere quält.
  • Das Hungertuch hängt als Zeichen der Zusammengehörigkeit nach der Fastenzeit 2019 schon zum zweiten Mal über den Altären in Abtwil, Auw, Dietwil, Oberrüti und Sins – sehr zur Freude der Gläubigen.

 

Fünf Pfarreien, ein Pastoralraum, ein Hungertuch. Über den Volksaltären der Kirchen von Abtwil, Auw, Dietwil, Oberrüti und Sins prangt seit dem Aschermittwoch eine Farbstiftzeichnung von Annemie Lieder. Sie zeigt einen geflochtenen Dornenkranz in feinen Braun- und Grautönen vor grünlich wolkigem Hintergrund. «Als Vorlage diente mir die Berberitze», erklärt die Sinser Künstlerin in ihrem Atelier und Wohnhaus, das umgeben ist von einem liebevoll gepflegten Garten. Sie lebt und arbeitet hier mit ihrem Mann, dem Künstler und Galeristen Beat Iten. Das Haus war einmal das erste Schulhaus in Sins. Heute ist es ein Haus der Musen, das nicht vergebens in direkter Linie zur Kirche steht.

Das Hungertuch entspringt der Idee des Augenfastens

Den Auftrag, für den Pastoralraum ein eigenes Hungertuch zu entwerfen, erhielt Annemie Lieder schon vor zwei Jahren von Pastoralraumpfarrer Thomas Zimmermann. «Die Idee mit dem Hungertuch entstammt ja eigentlich der Volksfrömmigkeit, die in der Fastenzeit auch ein Augenfasten einführte, indem der Blick auf all das Gold vorne und auf den Altar selbst durch ein grosses Tuch verhindert wurde», weiss der studierte Historiker und Theologe. «Im Bistum Konstanz zum Beispiel war es damals üblich, ein Passionsbild auf das Tuch zu malen.» So ein Tuch wollte Thomas Zimmermann im Oberfreiamt auch haben – als sichtbares Zeichen der Verbundenheit aller fünf angeschlossenen Pfarreien des Pastoralraums. Seine Idee stiess bei allen Beteiligten auf Anklang, und Annemie Lieder machte sich mit Freude ans Werk.

«Was ist einfach und tut weh?»

«Ich habe spontan ja gesagt, als mich Thomas Zimmermann angefragt hat», erinnert sich die renommierte Künstlerin, deren Stoff- und Webbilder, Zeichnungen, Gemälde und Radierungen schon vielfach ausgestellt und prämiert wurden. «Die einzige Vorgabe, an die ich mich halten sollte, war, es sollte einfach sein. Ich überlegte mir, weil es doch um die Fastenzeit geht, was ist einfach und tut weh? So kam ich auf den Dornenkranz.» Die ersten Skizzen dazu machte sie, wie immer, mit Bleistift auf ihren Skizzenblock. Dann folgten verschiedene Ausführungen in diversen Mal- und Zeichentechniken, bis sie, nach drei Monaten Arbeit, die Version mit Farbstift auf Papier als die definitive präsentieren konnte.

«Man muss es aushalten können»

Während der Fastenzeit 2019 hing der Dornenkranz von Annemie Lieder zum ersten Mal als Hungertuch über den Altären im Oberfreiamt. Das Bild kam bei den Kirchgängern so gut an, dass man sich im Pastoralraum entschloss, es auch dieses Jahr wieder aufzuhängen. «Es ist ein einfaches, gut verständliches Symbol», sagt Thomas Zimmermann. «Über die Dornenkrone kann man gut meditieren und ganze Gottesdienste damit gestalten. Man muss es aber auch aushalten können, wenn man sich fragt: wo stecken denn bei uns die Dornen?»

Der Pastoralraumpfarrer ist stolz auf das eigene Hungertuch des Oberen Freiamts. Ein Ausschnitt daraus ziert auch die Front des aktuellen Faltblatts «Kirche in der Fastenzeit 2020», das die Aktivitäten im Pastoralraum von Aschermittwoch bis Karsamstag präsentiert. «Das Sujet des Dornenkranzes ist immer aktuell», sagt Thomas Zimmermann. Es bedeute für ihn auch eine Würdigung der Arbeit von Annemie Lieder, wenn ihr Hungertuch auch dieses und vielleicht auch noch im nächsten Jahr im Pastoralraum aufgehängt werde. «Sonst passiert immer dasselbe: Man kauft ein Tuch und wirft es am Ende der Fastenzeit womöglich einfach weg.»

Eigene Stacheln erkennen

Für Annemie Lieder war es ein grosser Moment, als sie das fertige Hungertuch zum ersten Mal sah: «Da hatte ich wirklich Herzklopfen.» Es war auch gar nicht so einfach, die zarte Bleistiftzeichnung von knapp 50 mal 50 Zentimetern auf ein Fahnentuch von 2,35 auf 2,20 Meter aufzuziehen. «Ich musste lange suchen, bis ich die Firma Alpenfahnen in Wohlen fand. Da war man in der Lage, meine Zeichnung in dieser Grösse auf Stoff zu drucken.» Um das Tuch im gegebenen Format auch passend über dem Volksaltar zu präsentieren, musste teilweise in den Kirchen eine extra Aufhängevorrichtung eingerichtet werden.

Und so hängt Annemie Lieders Dornenkranz nun als Denkanstoss oder, noch besser, als Gedankenstachel über den Köpfen der Gläubigen. Ein piksender Kreis ohne Anfang und Ende. Ein Symbol für die Stacheln, die jeder Mensch gegen andere einsetzt, die er aber auch schmerzhaft am eigenen Leib erfährt. Die Berberitze, die als Vorlage für den Dornenkranz diente, ist auch in Israel heimisch. Ihre blutroten Beeren finden da unter anderem Verwendung in diversen Gerichten (Lesetip: «Jerusalem: Das Kochbuch» von Sami Tamimi und Yotam Ottolenghi). Und wer weiss, ob es nicht genau so ein Strauch war, an dem sich die römischen Legionäre an jenem ersten Karfreitag bedienten…

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