"Ich richte mich an meine Brüder Bischöfe von Europa, dass sie in ihren Diözesen diesen meinen Appell unterstützen, und daran erinnern, dass Barmherzigkeit der zweite Namen von Liebe ist." , sagte Papst Franziskus am Sonntag, 6. September 2015.| © kna-bild

Eine andere Familienmoral

Papst Fanziskus setzt auf seiner Südamerikareise Wegmarken für Familiensynode

kna/kath.ch/acm, 7.7.15

Es ist die erste grosse öffentliche Predigt von Papst Franziskus in seiner spanischen Muttersprache bei seiner ersten grossen Reise durch seinem Heimatkontinent. Mehr als eine Million Menschen ist in die grösste Stadt Ecuadors nach Guayaquil in den von Präsident Rafael Correa in seiner Heimatstadt neu angelegten Volkspark «Samanes» gekommen, um ihn zu sehen und zu hören.

Seinen sanften, leisen argentinischen Singsang, sein Lachen, seine Umarmungen, seine Menschlichkeit. «Willkommen Papst Franziskus – Held der Bescheidenheit!», steht auf einem selbstgemalten Plakat zu lesen, das ein Mann mit Baseballkappe und kariertem Hemd schwenkt. Das schweisstreibende Bad in der Menge bei tropischer Hitze und extremer Luftfeuchtigkeit scheint kein Ende zu nehmen. Dabei ist der Papst schon mit Verspätung eingetroffen. Bei einem Besuch im neuen Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit an einem anderen Ende der weit ausgedehnten Hafenmetropole kam er im Jubel der begeisterten Menschen kaum voran. Dort blieb ihm am Ende nur Zeit für einen Segen und für seine Bitte, die Menschen mögen für ihn beten. Als er in Guayaquil predigt, hat der Papst es nicht leicht, nach den Begeisterungsstürmen für seine Person die nötige Aufmerksamkeit für seine Botschaft zu finden.

Vorboten für ein Zerreissprobe im Herbst
Die hat er in eine Auslegung des «Weinwunders» bei der Hochzeit zu Kanaan gekleidet. Die Zuhörer kennen diesen Text, bei dem Waschwasser aus Krügen in Wein für eine Hochzeitsgesellschaft verwandelt wird, beinahe auswendig. Und auch Dutzende Predigten dazu haben sie schon gehört, doch die Auslegung des Papstes hat es in sich. In einer theologisch ausgefeilten, zugleich anspruchsvollen und ansprechenden Predigt spricht er über die Familie. Er findet so schöne Sätze wie den, dass sich in der Familie der Glaube und die Muttermilch mischen und den: «Wenn man die Liebe der Eltern erfährt, spürt man sich der Liebe Gottes nahe.» Er preist die Familie als Schule des Lebens und als Verwirklichung der göttlichen Liebe. Und dann schlägt er neue Wegmarken für die mit Spannung erwartete Familiensynode ein, die im Oktober zu einer Zerreissprobe für die weltweite katholische Kirche werden könnte. Erstaunlich ist, wie viel differenzierter und kreativer der Papst auf Spanisch predigt, weil er diese Sprache mit mehr Nuancen spricht als das Italienische. Inhaltliche Unschärfen verhindert dies freilich nicht. Er ruft die Gläubigen auf, im Vorfeld der Synode dafür zu beten, dass «alles, was uns unrein erscheint, Skandal verursacht oder uns Angst macht», von Gott in ein Wunder verwandelt wird – so wie das Wasser in Kanaan zu Wein wurde. «Die Familie heute braucht solche Wunder», fügt er unter dem Beifall der Menschen hinzu und macht ihnen Hoffnung. Und weiter sagt er: Jesus trinkt den Wein am liebsten mit jenen, die spüren, dass alle Krüge zerbrochen sind. Unter dem internationalen Pulk der Vatikan-Experten, die dem Papst wie auf jeder Reise folgen, entbrennen sofort Debatten darüber, wen und was der Papst mit diesen Sätzen wohl meinte. Der Papst selbst liess dies in Guayaquil offen, doch der Kontext war offensichtlich das, was er als «dauerhafte, fruchtbare Liebe» bezeichnete. Vatikan-Sprecher Federico Lombardi beeilte sich, zu erklären, dass der Papst «keine speziellen Gruppen oder Situationen» gemeint habe. Also in besonderer Weise weder die Schwulen noch die Geschiedenen. Sondern eben alle Sünder und alle nach Liebe Dürstenden. Eine neue Art zu sprechen und die Dinge zu sehen, die sich in Familien ereignen, ist das dennoch. Im Kontext Südamerikas, in dem Familienmoral und Familienideale vor allem im bürgerlich-katholischen Milieu bis heute sehr hoch, mitunter auch zu hoch gehalten werden, bedeuten diese Worte eine Öffnung. Und das gilt selbst dann, wenn nicht das Zusammenleben von homosexuellen Paaren und Menschen in zweiter Ehe damit gemeint war, sondern «nur» die Sünden, Krisen, Katastrophen und Durststrecken in einer normalen Vater-Mutter-Kinder-Familie.

Proteste vor Papstbesuch in Paraguay
Am Freitag wird der Papst in Paraguay erwartet. Dort haben indigene Gruppen bereits Strassen blockiert, um die Rückerstattung von Ländereien zu erzwingen. Furore im Web macht zudem das Video «Papa Road», das die schlechten Strassen in Paraguay zum Thema macht. In dem Spiel «Papa Road“ muss der virtuelle Papst in seinem Papamobil auf dem Weg in die Hauptstadt Asuncion Schlaglöcher, Leitplanken und Polizeiposten umfahren, um sicher zum Ziel zu gelangen. Einer der Programmierer erklärte laut lokalen Medienberichten, die Idee sei ihm aus Enttäuschung über die Zustände der Strassen in Asuncion gekommen. Nur die Strassen, über die der Papst anreisen werde, seien von den Behörden instand gesetzt worden.

…und Hoffnungen
Während des Besuchs von Franziskus in Paraguay von Freitag bis Sonntag werden nach Angaben des örtlichen Wetterdienstes zum Teil heftige Regenfälle erwartet, wie die Tageszeitung «ABC» am Dienstag berichtet. Besonders im Elendsviertel Banado Norte, das am Ufer des Rio Paraguay liegt, leiden die Menschen unter Überschwemmungen, die durch starken Regen ausgelöst werden. Der Papst trifft am Sonntag mit Bewohnern des Viertels zusammen. Vertreter der Anwohnerverbände hatten zuletzt die Hoffnung geäussert, der Papstbesuch könne dazu beitragen, dass neue Lösungen für die hier lebenden Menschen gefunden werden. «Seit Jahren leiden vor allem die Bewohner in den Hütten direkt am Flussufer unter den Auswirkungen des Hochwassers», sagte eine Sprecherin der Anwohnerverbände. Ein Schutzprogramm sei dringend notwendig.

 

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