Mit «Bolero. Tanz der Feuertaube» präsentiert «tanz&kunst königsfelden» unter Brigitta Luisa Merki bereits die zehnte Poduktion. Seit fünf Jahren wird «tanz&kunst königsfelden» zudem als «kultureller Leuchtturm» vom Kanton Aargau finanziell unterstützt. Die aktuelle Produktion ist inspiriert von Werken der Schriftstellerin Silja Walter. | © Alex Spichale

«Eine gewaltige stimmige Einheit»

Zur Premiere von «Bolero. Tanz der Feuertaube»

Andreas C. Müller, 22.5.17

Gedichte aus dem Frühwerk der Klosterfrau Silja Walter sind der Ausgangspunkt für «Bolero. Tanz der Feuertaube» – zu sehen bis 18. Juni 2017 in der Klosterkirche Königsfelden. Die spartenübergreifende Inszenierung vereint Musik, Tanz und bildende Kunst. Horizonte sprach im Anschluss an die Uraufführung von vergangenem Freitag, 19. Mai 2017, mit Irene Gassmann, Priorin des Klosters Fahr.

Frau Priorin Irene, die Choreografin Brigita Luisa Merki hat für ihre aktuelle Inszenierung «Bolero. Tanz der Feuertaube» immer wieder den Bezug zu Silja Walters lyrischem Schaffen hervorgehoben. Sie haben nun den Sprung von religiöser Lyrik zu freier Tanz- und Musikinterpretation gesehen: In ihren Augen ein gelungenes Unterfangen?
Priorin Irene Gassmann:
Es ist ein sehr gelungenes Gesamtbild, eine gewaltige stimmige Einheit entstanden, das Silja Walter sehr entspricht – besonders was das Feurige, Energische betrifft. Wenn ich recht überlege: Man kann eigentlich alles aus der Inszenierung mit ihr in Verbindung bringen, von der Choreografie über die Farben bis hin zu den rhythmischen Elementen.

Was denken Sie: Wie hätte wohl Silja Walter die Aufführung aufgenommen, wenn sie diese noch hätte anschauen können? Was hätte ihr wohl besonders gefallen?
Es hätte ihr bestimmt sehr gefallen. Und bestimmt hätte sie sich in den Stabtänzen wiedererkannt. Diese hat sie selbst auch gern getanzt.

Hat Silja Walters Leidenschaft für die Kunst zu ihren Lebzeiten auch Eingang in den Klosteralltag gefunden, die Schwesterngemeinschaft in irgendeiner Form bereichert oder inspiriert? Oder hat sie diese beiden Welten gänzlich voneinander getrennt?
Zu Lebzeiten hat sie das eher für sich bewahrt, sie wollte sich nicht so ins Zentrum rücken. Seit sie nicht mehr bei uns ist, kommt ihr Werk viel stärker zur Geltung. Viele Texte von ihr sind inzwischen vertont, die wir immer wieder singen. Ihr Werk inspiriert auch uns für immer neue Gottesdienste und Veranstaltungen. Zudem gibt es seit einem Jahr im Kloster Fahr einen Silja Walter-Raum, in welchem Interessierte dem literarischen Schaffen Silja Walters begegnen können.

Für die aktuelle Inszenierung von «Bolero.Tanz der Feuertaube» haben die Choreografin und die Künstler bewusst den Weg in die Mauern einer Klosterkirche gewählt – sowie wie Silja Walter den Weg ins Kloster wählte. Von aussen betrachtet mag es als Herausforderung erscheinen, im Kloster einen eigenen Weg zu gehen, wie das Silja Walter getan hat. Wie kann man ins Kloster gehen und seine Freiheit haben?
Gerade durch die radikale Entscheidung, ins Kloster zu gehen, entsteht eine enorme innere Freiheit. Eine Freiheit, die Kräfte bündelt und somit ausstrahlt.

Das Thema Gemeinschaft klingt in der aktuellen Inszenierung immer wieder an. Inwieweit war das für Silja Walter, ist das aktuell für sie ein Thema?
Wir sind Benediktinerinnen. Gemeinschaft ist unsere Lebensform. Ich glaube, Silja Walter hätte ihre Kunst nicht in gleichem Masse zur Entfaltung bringen können, wenn sie nicht diese Gemeinschaft im Rücken gehabt hätte.

Die Inszenierung von «Bolero.Tanz der Feuertaube» zeigt: Silja Walters Werk gewinnt posthum zunehmend an Strahlkraft, viele Menschen finden in ihren Gedanken und poetischen Bildern etwas, das sie auf besondere Weise anspricht. Was ist das in ihren Augen? Ist Silja Walter eine zeitgenössische Mystikerin?
Silja Walters Bildsprache spricht tatsächlich auch heute noch oder auch wieder Menschen an. Die Texte bringen zur Sprache, was Menschen heute bewegt, ihre Sehnsucht, ihre Ängste, ihr Suchen nach dem Dahinter. Es hat schon zu Silja Walters Lebzeiten immer wieder Menschen gegeben, die das von ihr gesagt haben. Ihre Texte sind so verdichtet, das ist wirklich Mystik – auch wenn das Silja Walter selbst nicht gern gehört hat.

Ihre Ordensgemeinschaft steht im Umbruch, Sie und ihre Mitschwestern wollen in diesem Zusammenhang auch Neues wagen. Im Herbst zieht für drei Jahre ein Internat zu Besuch ein. Ist vorstellbar, dass auch einmal Künstler im Kloster Fahr leben und arbeiten?
Warum nicht?

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Musik, Percussion, Tanz und Gesang: «Bolero. Tanz der Feuertaube» lebt von vielschichtigen poetischen Bildern. Sie habe nicht die Gedichte von Silja Walter interpretieren wollen, sondern habe sich von diesen inspirieren lassen, so die künstlerische Leiterin Brigitta Luisa Merki. | © Alex Spichale
Sängerin Karima Nayt
Seit 1986 im Kloster Fahr und seit 2003 Prorin: Irene Gassmann stand über Jahrzehnte in engem Kontakt mit Silja Walter, die als Schwester Hedwig bis zu ihrem Tode 2011 im Kloster Fahr lebte. | © Roger Wehrli
Priorin Irene Gassmann
Würdigte in seinem Grusswort das Engagement von «tanz&kunst königsfelden»: Der Aargauer Regierungsrat Urs Hofmann. | © Andreas C. Müller
Regierungsrat Urs Hofmann
Die Choreografin Brigitta Luisa Merki erläutert vor der Premiere von «Bolero. Tanz der Feuertaube» das Stück. Die Gewinnerin des Hans-Reinhart-Rings, der höchsten Auszeichnung für Theraterschaffen in der Schweiz, gründete 2007 «tanz&kunst königsfelden» und etablierte es als «kulturellen Leuchtturm» im Aargau mit jährlich wiederkehrenden Produktionen. | © Andreas C. Müller
Brigitta Luisa Merki
Fanden am Premieren-Apéro zu «Bolero. Tanz der Feuertaube» Gelegenheit für einen kurzen Austausch: Irene Gassmann, Priorin des Kloster Fahrs, und Regierungsrat Urs Hofmann. | © Andreas C. Müller
Die Frau Priorin und der Regierungsrat

Kommentar

Andreas C. Müller

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Gleich vorweg: Silja Walter hat entgegen aller Ankündigungen doch ihren Auftritt in «Bolero. Tanz der Feuertaube»: Zweimal wird die bekannte Dichterin kurz zitiert. Die verschiedenen, von der Choreografin Brigitta Luisa Merki orchestrierten Klang- und Tanzbilder fügen sich stimmig in die eigenwillige Atmosphäre der Klosterkirche. Die Akustik als auch der Mural von Maja Hürst und die prachtvoll gestalteten Kostüme von Carmen Perez Mateos setzen im dunkel gehalten Raum willkommene farbige Akzente fürs Auge.

Der Bolero als einer der Fixpunkte der Inszenierung besticht in seiner instrumental reduzierten Form und überrascht aufgrund seiner Dichte und Dynamik – ein überaus gelungenes Zusammenspiel des Schweizer Musikerensembles «CHAARTS» mit der Tanzcompagnie «Flamencos en route».

Einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen auch die Gesangstimmen von Karima Nayt und Vicente Celo. Gerade Letzterer erzeugt mit seiner melancholisch, bewusst brüchig gehaltenen Stimmführung jeweils ganz besondere Stimmungen. Und die beiden Gitarristen Pascual De Lorca und Juan Gomez lassen das Gefühl aufkommen, die Klosterkirche befände sich in Andalusien.

Die Inszenierung als Ganzes überzeugt über weite Strecken. Mit Mozarts Klavierkonzert erfährt die feurige, zuweilen mystisch entrückte Atmosphäre allerdings einen empfindlichen Kontrast. Darüber hinaus hätte mehr Mut zur Kürze dem Werk insofern gut getan, als dass das Publikum noch unter dem unmittelbaren Eindruck des Staunens wieder in den Alltag entlassen würde. Doch das durchdacht inszenierte Schlussbild versöhnt in jedem Fall mit der gegebenenfalls empfundenen Langatmigkeit zum Ende hin. An der Premiere gab’s jedenfalls völlig verdient stehende Ovationen.

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