Vergangenen Freitag erhielt Elsy Amsler den mit 20 000 Franken dotierten AKF-Frauenpreis für ihr langjähriges Engagement in der Entwicklungszusammenarbeit in Kenia. Im Interview erklärt sie, warum Bildung für sie das A und O ist, und warum sie nie ein Buch über ihre Erlebnisse schreiben wird. | © Roger Wehrli

«Elsy, schreib doch ein Buch!»

Marie-Christine Andres Schürch, 16.11.17
  • Seit 27 Jahren setzt sich Elsy Amsler für die Menschen in der Provinz Homa Bay County in Kenia ein.
  • Schwerpunkte der Elsy Amsler-Stiftung sind der Zugang zu Trinkwasser, Schulbildung und Gesundheitsversorgung
  • Für dieses Lebenswerk erhielt die 79-Jährige aus Kaisten vergangene Woche den Frauenpreis des Aargauischen Katholischen Frauenbunds (AKF)

 

Vergangenen Freitag erhielt Elsy Amsler den mit 20 000 Franken dotierten AKF-Frauenpreis. Beim Interview mit Horizonte zückt sie ihr Smartphone und zeigt ein soeben eingetroffenes Foto aus der kenianischen Provinz Homa Bay County, wo ihre Stiftung tätig ist. Dort wurde gerade der Grundstein für eine neue Schule gelegt, in die das Preisgeld fliessen wird. Im Interview erklärt sie, warum Bildung für sie das A und O ist, und warum sie nie ein Buch über ihre Erlebnisse schreiben wird.

Elsy Amsler, Sie waren im Jahr 1990 zum ersten Mal in Kenia – in den Ferien mit ihrem Mann. Woran erinnern Sie sich?
Elsy Amsler: Ich erinnere mich an den Moment, als wir in Mombasa aus dem Flughafen traten und den Abfall und Dreck in den Strassen sahen. Ich meinte aufmunternd zu meinem Mann, es seien ja schon viele andere Leute hier in den Ferien gewesen, wir würden das sicher überstehen. In den Städten ging es den Leuten eigentlich nicht schlecht, aber als wir hinaus in die Dörfer fuhren, sahen wir die bittere Armut der Bevölkerung.

Was gab den Ausschlag für Ihr Engagement in Kenia?
In unserem Hotel kam ein Pastor mit einer Gruppe Waisenkindern vorbei, um zu singen und Geld zu sammeln. Mein Mann spendete etwas und wir kamen mit dem Pastor ins Gespräch. So sind wir reingerutscht. Als ich zurück in der Schweiz war, stellte ich an meinem Geburtstag ein Kässeli auf. Anstatt etwas zu schenken, konnten meine Gäste Geld für Kenia spenden. Nach einer Weile gründete ich zusammen mit Unterstützern die Elsy Amsler-Stiftung, die mir ermöglicht, die Spendengelder steuerfrei für unsere Projekte zu nutzen. In den ersten Jahren kommunizierte ich per Briefpost mit unserem Vertrauensmann in Kenia, hin und her dauerte ein Briefwechsel sicher zwei Wochen. Heute kann man sich das fast nicht mehr vorstellen. Transporte wurden in Kenia damals noch mehrheitlich mit Kühen durchgeführt, manchmal fuhr ich auf dem Gepäckträger eines Velos mit.

Woraus schöpfen Sie Energie und Motivation, sich während so langer Zeit zu engagieren?
Es ging mir von Anfang an vor allem um die Kinder in den Dörfern, die so arm waren, dass sie nicht zur Schule gehen konnten. Ohne Schulbildung, ohne lesen und schreiben zu können, haben sie keine gute Zukunft. Die Schule ist das A und O. Selbst wenn man nachher keinen Job findet, kann einem niemand mehr nehmen, was man gelernt hat. Geld ist rasch weg, die Bildung bleibt. Heute gehen in der Gegend, wo meine Stiftung wirkt, alle Kinder in die Schule.

Was hat sich sonst noch verbessert?
In den vergangenen 20 Jahren hat sich schon etwas getan. Ich habe den Eindruck, die Leute beginnen, selber zu denken. Früher hatte ich oft das Gefühl, sie glaubten alles, was man ihnen erzählte. Sie konnten ja nicht anders, ganz ohne Schulbildung! Doch noch immer stelle ich fest, dass die Kolonialzeit in Kenia, wie in vielen afrikanischen Ländern, tiefe Spuren hinterlassen hat. Die schwarze Bevölkerung schaut zu den Weissen auf, überlässt ihnen die Führung und ist überzeugt, jeder Weisse sei Millionär. Zu Beginn glaubten alle, ich hätte ein Dienstmädchen und müsse nicht arbeiten. Stets erklärte ich, dass das Geld nicht auf den Bäumen wachse, auch in der Schweiz nicht. Erst als die Leute sahen, wie ich beim Häuserbau selber mit anpackte und pickelte, schaufelte, pflasterte und auch mit den anderen Frauen putzte, änderten sie ihre Meinung.

In einem Land mit einer ganz anderen Mentalität mit Behörden zu verhandeln und mit den Menschen zusammenzuarbeiten, ist sicher nicht immer leicht. Mit welchen Schwierigkeiten hatten oder haben Sie zu kämpfen?
Die Korruption ist gross. Ich selber konnte aber immer auf die Unterstützung durch die dortige Diözese zählen. Unser Vertrauensmann ist ein katholischer Pfarrer. Alleine würde ich das nicht schaffen. Auch die Gelder der Stiftung kommen an den richtigen Ort. Das kann ich hundertprozentig garantieren und selber kontrollieren. Zudem kontrolliert uns auch die Stiftungsratsaufsicht beim EDI in Bern. Sie hatten noch nie etwas zu reklamieren.

In den Statuten der Elsy Amsler-Stiftung steht, dass ein Projekt in die Hände der lokalen Bevölkerung übergeben wird, sobald es auf eigenen Beinen stehen kann.
Das ist sehr wichtig. Es bringt nichts, wenn wir alles machen. Die Leute müssen Verantwortung übernehmen. Dazu wird ein Gremium geschaffen, in dem Vertreter der Gemeinde, der Kirche und weitere dabei sind. Dieses ist verantwortlich. Das machen wir immer so – mit Schulen, Gesundheitszentren, Brunnen. Geht ein Brunnen kaputt, müssen ihn die Verantwortlichen selber reparieren. Die Leute müssen selber denken und handeln lernen.

Wie hat sich der Einsatz in Afrika auf Ihr Leben in der Schweiz ausgewirkt?
Je länger, je weniger ertrage ich das Jammern hierzulande. Wir haben es doch so gut hier. Ich sage immer: würde ich mich beklagen, wäre das ein Jammern auf sehr hohem Niveau. In Afrika haben die Menschen so viele Probleme. Seit ich meine Arbeit dort begonnen habe, sind so viele meiner kenianischen Bekannten an Aids gestorben – es fehlt eine ganze Generation. Mehr als 30 Prozent der Menschen in meiner Gegend sind mit HIV infiziert. Dazu kommen andere Krankheiten wie Malaria und Typhus. Ich selber bin vor einiger Zeit ebenfalls an Malaria erkrankt. Die Krankheit brach aus, als ich in der Schweiz weilte. Ich war lange ohne Bewusstsein und die Ärzte sagten meiner Familie, sie wüssten nicht, ob ich davonkäme. Im Nachhinein denke ich, dass es so kommen musste. Jetzt weiss ich, wie es ist, Malaria zu haben. Bei Kindern unter fünf Jahren ist Malaria die häufigste Todesursache. Es macht mir sehr zu schaffen, die Kleinen so zu sehen.

Bittere Armut, kranke Menschen, sterbende Kinder: Haben die Erlebnisse in Kenia Sie als Person verändert?
Sie prägen mich sicher. Es gibt viele Erlebnisse und Bilder, die ich nie mehr vergesse. Father Thomas, der mit mir zusammenarbeitet, sagte zu mir: «Elsy, schreib doch ein Buch!» Material hätte ich ja mehr als genug. Aber es wird kein Buch von mir geben. Die Leute würden mir ja all die verrückten Dinge, die ich in Kenia erlebt habe, gar nicht glauben. Manches macht mich auch wütend: Wenn die Mittel im Land gerecht verteilt würden, könnten alle Kenianer davon leben. Doch es profitiert eine kleine Oberschicht. Darüber könnte man wirklich verzweifeln.

Was macht Ihnen trotzdem Mut?
Ich mache die Arbeit vor allem wegen der Kinder. Aber auch der starke Familienzusammenhalt in Kenia beeindruckt mich. Auch bewundere ich immer wieder, wie zufrieden und fröhlich die Menschen dort sind – trotz der Probleme und des Leids. Der Tod gehört dort viel selbstverständlicher zum Leben als bei uns – weil er auch viel präsenter ist. Wenn ich jemanden frage, wie es geht, höre ich selten ein Jammern. Mut macht mir auch, dass sich in den Jahren meiner Tätigkeit so manches zum Guten entwickelt hat. Ich bin sicher, dass die positive Entwicklung – auf allen Ebenen – weitergehen wird.

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