Wie hier in Basel demonstrieren heute Freitag in den Schweizer Städten wieder Jugendliche fürs Klima. | zvg

Klimastreik: «Die Kirchen müssten präsenter sein»

Andreas C. Müller, 22.5.19
  • Am Freitag, 24. Mai 2019, ist wieder weltweiter Klimastreiktag. Im Aargau findet die Manifestation um 10 Uhr in Baden statt.
  • Kirchliches Engagement sucht man vergebens. Dies, obschon die Kirchen die Sorge um die Schöpfung stets als ein Kernthema vertreten. Man müsste da viel präsenter sein, sagt selbstkritisch der Aarauer Jugendseelsorger Ivo Bühler.

 

Am kommenden Freitag ist wieder Klimastreiktag. Während die Grünen den Demonstrierenden «mit voller Überzeugung» den Rücken stärken und auf ihrer Webseite explizit zur Beteiligung an der Manifestation aufrufen und im Aargau zusammen mit der SP eine Klimaschutz-Initiative lanciert haben, halten sich die Kirchen beim Thema zurück, obschon die Bewahrung der Schöpfung nicht erst seit der päpstlichen Umweltentzyklika «Laudato si» zu deren Kernthemen gehört.

Öko-Fonds und Grüner Güggel anstelle von Streik

«Ob einzelne Fachstellen Bewegungen oder Jugendliche unterstützen, entzieht sich meiner Kenntnis», erklärt Frank Worbs. Der Leiter Kommunikation der Reformierten Kirche im Aargau verweist zudem auf einen seit 2009 bestehenden Öko-Fonds, mit dessen Hilfe die Kirchgemeinden ihre Ökobilanz beim CO2-Ausstoss und Energieverbrauch verbessern können.

Ähnlich die Römisch-Katholische Landeskirche im Aargau: Man strebe, so die Informationsbeauftragte Esther Kuster, mit möglichst vielen Kirchgemeinden den «Grünen Güggel» an – ein Zertifikat für Kirchgemeinden, die ihre Umweltleistung verbessern und den Ressourcenverbrauch deutlich senken. Aktuell sind dies neben der Römisch-Katholischen Landeskirche, die das Label «Grüner Güggel» für ihre Liegenschaften anstrebt, die Kirchgemeinden Schöftland, Brugg und Lenzburg. Für ein allfällig vorhandenes Engagement im Zusammenhang mit dem Klimastreik verweist Esther Kuster auf die Arbeit der Fachstelle für Jugend und junge Erwachsene sowie an Jungwacht und Blauring (Jubla).

Jubla: «Wir organisieren nichts»

«Wir wissen von keiner organisierten Beteiligung – weder lokal, kantonal noch national», erklärt Andrea Pfäffli, zuständig für Kommunikation bei Jungwacht Blauring  (Jubla) Schweiz. «Seitens Verband wird keine Aktion rund um den Klimastreik organisiert, Jubla-Mitgliedern ist es aber freigestellt, teilzunehmen. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema in Jungwacht Blauring, Kinder und Jugendliche werden über Projekte wie z.B. «Faires Lager» im Jubla-Alltag dafür sensibilisiert.» Bei der Kantonsleitung der Jubla Aargau heisst es: «Auf kantonaler Ebene wird nichts organisiert oder angeregt. Das obliegt den einzelnen Scharen.»

Von Seiten der Fachstelle Jugend und junge Erwachsene der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau erklärt Fachstellenleiterin Susanne Muth, das Thema sei Sache der Beauftragten für kirchliche Arbeit an den Kantonsschulen sowie der Jugendseelsorgenden.

Juseso-Fricktal: «Schauen, ob etwas entsteht

Er habe bis jetzt noch nichts zum Thema gemacht, erklärt Benjamin Ruch gegenüber Horizonte. Er sei mit anderem beschäftigt gewesen, räumt der Beauftragte für kirchliche Arbeit an der Kantonsschule Baden ein. Bei den Schülerinnen und Schülern im Fach Religion sei das Engagement fürs Klima aber durchaus ein Thema. «Und das nicht nur bei Jugendlichen aus einem links-grünen Elternhaus». Und es gebe durchaus einige Schülerinnen und Schüler, die auch am Freitag wieder am Streik mitmachten. Zudem dürfte an der Schule alsbald darüber entschieden werden, ob künftig für Matur- und Diplomreisen noch geflogen werden darf.

Bei der Jugendseelsorge Juseso Fricktal wolle man das Thema alsbald in der regionalen Projektplanungsgruppe besprechen, erklärt Leiter Simon Hohler. «Da sind wir 12 Jugendliche, die dann auch als Leitungspersonen an Juseso-Anlässen vor Ort sind. Wir treffen uns am 6. Juni und werden schauen, ob etwas entsteht und wir eine Aktion zum Thema lancieren.

Bei den Jugendseelsorgern Willi Deck (für die Region Brugg und Aarburg) und Matthias Villiger (Region Nussbaumen/Siggenthal) heisst es, man habe entweder «andere Schwerpunkte» oder schlicht und einfach «keine Zeit».

Baden: Thema während der Fastenzeit aufgegriffen

Ivo Bühler, der als Jugendseelsorger unlängst von Zofingen nach Aarau gewechselt hat, war am letzten Klimastreik dabei. «Ich bin noch neu in Aarau. Da fehlt mir die Basis, um gezielt etwas zu organisieren.» Der Jugendseelsorger findet es aber schade, dass «wir als Kirche diesem Thema zu wenig gerecht werden. Das ist eigentlich ein Kernanliegen von uns – Sorge tragen zur Schöpfung. Wir müssten da viel präsenter sein», meint Ivo Bühler selbstkritisch. Benjamin Ruch pflichtet ihm bei und meint: «Wir sollten uns als Kirche da unbedingt mehr einschalten.»

Vereinzelt fanden aber doch schon Aktionen, initiiert von kirchlichen Mitarbeitenden, statt. «Wir haben das Thema im Oberstufenprojekt während der Fastenzeit aufgegriffen», erklärt Cornelia Haller, Jugendseelsorgerin in der Pfarrei Baden. «Vor der Stadtkirche haben wir temporäre Beete bepflanzt – als Zeichen für Nachhaltigkeit. Sie kenne durchaus Jugendliche, die sich am Klimastreik beteiligen, führt Cornelia Haller weiter aus. Sie bemühe sich, die Jugendlichen entsprechend zu sensibilisieren. «Da geht es ja auch um eine Werthaltung, für die wir als Kirche einstehen. Entsprechend müssen wir da einen Schwerpunkt setzen.»

Streik-Euphorie: ebbt sie bereits wieder ab?

Wenn am kommenden Freitag wieder fürs Klima gestreikt wird, wollen Schülerinnen und Schüler in über 20 Städten auf die Strasse gehen. Im Aargau ist diesmal allerdings nur eine Kundgebung angekündigt: in Baden. Ebbt die Protestwelle bereits ab?

Janine Meier (Name von der Redaktion geändert) besucht die dritte Gymnasialklasse an der Kantonsschule Wettingen. Zu Beginn seien sehr viele ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler an die Protestkundgebungen gegangen und hätten dafür auch den Unterricht geschwänzt, so die Schülerin. Und es war ein Riesenthema. Im Rahmen des Projektunterrichts seien sogar verschiedene Klimaprojekte lanciert worden. Die Euphorie habe aber mittlerweile etwas abgeflaut. Dass am Freitag wieder Klimastreiktag sei, habe sie noch gar nicht mitbekommen, meint Janine Meier.

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Er habe bis jetzt noch nichts zum Thema gemacht, erklärt Benjamin Ruch gegenüber Horizonte. Er sei mit anderem beschäftigt gewesen, räumt der Beauftragte für kirchliche Arbeit an der Kantonsschule Baden ein. Eine Aussage, die auch von vielen Jugendseelsorgenden gemacht wurde. | © Roger Wehrli
Benjamin Ruch
Zusammen mit dem regionalen Planungsteam, in welchem Jugendliche Einsitz haben, will Simon Hohler, Leiter der Jugendseelsorge Fricktal, schauen, ob sich ein Projekt in Ergänzung zur aktuellen Klimaprostestwelle ergibt. | © Anne Burgmer
Simon Hohler
Der Aarauer Jugendarbeiter Ivo Bühler (hier im Gespräch mit Jugendlichen) findet, die Kirchen müssten in Sachen Klimaprotest eine aktivere Rolle spielen. | © Roger Wehrli
Ivo Bühler
 
Andreas C. Müller

von Andreas C. Müller
redaktion@horizonte-aargau.ch

Dass die Kirchen sich bei politischen Themen zurückhalten, ist verständlich, aber nicht unumstritten – besonders wenn es um Anliegen geht, die christliche Kernwerte betreffen: Nächstenliebe und Bewahrung der Schöpfung. Wenn nun seit Beginn des Jahres Jugendliche für den Klimaschutz auf die Strasse gehen und die Kirchen da nicht Flagge zeigen: Haben sie da nicht eine Chance vertan? Die Jugendlichen sind die Gottesdienstbesucher und Kirchensteuerzahler von morgen. Erleben sie die Kirchen an ihrer Seite bei einem Anliegen, das ihnen in ihrem jugendlichen Idealismus am Herzen liegt, dürfte sich das positiv auf ihr Kirchenbild auswirken. Auch in Zukunft. Dass die Landeskirchen im Bereich des Umweltschutzes seit vielen Jahren aktiv ist und den Nachhaltigkeitsgedanken mit dem Label «Grüner Güggel» in die einzelnen Kirchgemeinden hineinträgt, zeigt wenigstens ein Engagement mit langem Atem.

Die Zeiten, wo man automatisch davon ausgehen konnte, dass die nächsten Generationen nachrücken, sind längst vorbei – auch ohne Missbrauchskandale. Leider scheint das noch längst nicht bei allen kirchlichen Mitarbeitenden angekommen zu sein. Um in Zukunft bestehen zu können, müssen sich die Kirchen mit aller Kraft ins Zeug legen – dort wo ihre Botschaft gehört werden will. Gerade in Sachen Klimaschutz lieferte Papst Franziskus mit «Laudato si» eine wunderbare Steilvorlage, endlich wieder einmal positiv von sich reden zu machen. Und der Klimastreik bietet die passende Bühne. Wenn es dann von kirchlichen Mitarbeitenden heisst, für eine Auseinandersetzung mit der bewegendesten Jugendmanifestation seit dem dritten Irakkrieg habe man keine Zeit, stimmt das schon nachdenklich. Umso wertvoller, dass doch einzelne die Zeichen der Zeit erkannt haben.

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