«Erleuchtung ist weder männlich noch weiblich»

Andreas Krummenacher / Katharina Kilchenmann, 11.10.18
  • Eine Hindupriesterin und eine Buddhistin erzählen von ihrem religiösen Weg.
  • Vasanthamala Jeyakumar ist geweihte Hindupriesterin, Losang Palmo ist Meditationslehrerin und Leiterin des Buddhistischen Zentrums in Bern.
  • Im «Dossier zur Woche der Religionen» berichten die beiden Frauen von der Sehnsucht, Priesterin zu sein und über die Einstellung des Dalai Lama zur Gleichstellung.

 

Als Vasanthamala Jeyakumar in Jaffna an der Uni war, brach in Sri Lanka der Krieg aus. Zur gleichen Zeit starb auch noch ihr Vater. «Es war das reine Chaos», erzählt die heute 59-Jährige. Umso mehr versuchte sie, wenigstens beruflich Fuss zu fassen und nahm eine Stelle als Lehrerin an. Doch bald schon musste sie das Land verlassen und flüchtete 1985 in die Schweiz, zunächst nach Basel. Ihre zwei Schwestern, ein Bruder und die Mutter blieben in Sri Lanka zurück. «Ich war sehr traurig. Die Mutter hat mir viel bedeutet», erinnert sie sich. Überhaupt hat sie grossen Respekt vor der älteren Generation. «Eigentlich habe ich alles von meiner Mutter gelernt.»

Mitmachen statt zuschauen

Schon als Kind war Vasanthamala Jeyakumar oft im Tempel. Sie habe die Religion quasi in den Genen, erzählt sie. Die Atmosphäre dort, die Götterwelt, das faszinierte sie schon immer: Shiva, Parvati, Ganesha, Vishnu, Lakshmi und ganz besonders Murugan. Sie habe den Priestern in Sri Lanka immer zugeschaut, wie sie die Rituale vollzogen, ging hinter ihnen her und wollte nicht nur dabei sein, sondern mitmachen.

In der Schweiz suchte sie dann die Nähe zum Göttlichen bei der Madonna im Kloster Mariastein, in Einsiedeln oder auch in Lourdes oder Kevelaer. «Maria ist wie eine Universalmutter», meint die Tamilin. «Und sie erinnerte mich an meine grosse Sehnsucht, als Priesterin zu wirken.» Als sie später nach Bern zog, gab es dort endlich einen hinduistischen Tempelraum, zunächst an der Laupen-, später an der Schwarztorstrasse. «In einem Tempel hole ich Energie. Der Besuch eines Tempels ist genauso wichtig wie das tägliche Essen.»

«Natürlich darf ich das»

Der Hauptpriester in Bern, Sasikumar Tharmalingam, hatte sie einmal bei einem ihrer zahlreichen Besuche gebeten, kleine Arbeiten, die sonst dem Priester vorbehalten sind, zu übernehmen. «Ich fragte mich, ob ich das überhaupt darf, schliesslich ist das doch Priesteraufgabe.» Doch Vasanthamala Jeyakumar liebte es, die Opfergaben Wasser und Milch zu bringen und immer mehr Aufgaben zu übernehmen. Sasikumar Tharmalingam und Muraleelharan Thiruselvam entpuppten sich als fortschrittliche Priester und setzten im Tempel in Bern grundlegende Reformen um: Sie gründeten die reformierte Hindugemeinde und waren bereit, Frauen als Priesterinnen zu weihen. So wurde 2014 Vasanthamala Jeyakumar, zusammen mit drei weiteren Frauen, geweiht. Seither ist sie Priesterin der reformierten Hindugemeinschaft Saivanerikoodam im Haus der Religionen in Bern. Ihre Aufgaben sind vielfältig: An Festen, Hochzeiten und Geburtstagen leitet sie die hinduistischen Rituale und bietet auch Seelsorge an. Inzwischen stellt sie sich die Frage, ob sie als Priesterin amtieren dürfe, nicht mehr. «Natürlich darf ich das», sagt sie stolz. Einerseits, weil sie die Regeln einhalte, Vegetarierin ist und regelmässig faste. «Und ich darf ganz einfach auch deshalb, weil ich dafür bereit bin.»

Buddhistische Männerwelt

Welche Rolle spielen die Frauen im Buddhismus? Und: Gibt es eigentlich weibliche Buddhas? «Natürlich», meint Losang Palmo, Meditationslehrerin und Leiterin des Buddhistischen Zentrums in Bern. «Im tibetischen Buddhismus gibt es etliche weibliche Buddhas. Zum Beispiel Tara, eine weibliche Manifestation des erwachten Geistes mit einem Körper, der nur aus Licht besteht.» Die Zürcherin mit den raspelkurzen grauen Haaren und dem schalkhaften Blick – mit bürgerlichem Namen heisst sie übrigens Rita Riniker – öffnet die Tür zum Meditationsraum.

Lehrerin der Weisheit

Hier riecht es nach Räucherstäbchen. Rote Sitzkissen sind ordentlich im Raum verteilt und auf kleinen Ablagebrettern an der Wand stehen mehrere identische Frauenstatuen. «Das sind also unsere Taras», erklärt Losang Palmo. «Tara ist eigentlich keine Göttin, sondern vielmehr eine Lehrerin der Weisheit.» Jede der Tara-Figuren trägt einen andersfarbigen Schleier: weiss, grün, blau, rot und gelb. «Die Farben verkörpern die verschiedenen Aspekte des Mitgefühls, Qualitäten, die auch bei Buddha zu finden sind», fährt Losang fort.

Laut der Überlieferung soll es Tara tatsächlich gegeben haben. Sie kam als Prinzessin zur Welt und verliess schon als junge Frau das begüterte Leben, um Schülerin Buddhas zu werden. Nachdem sie lange meditiert hatte und weit fortgeschritten war in der Praxis der Achtsamkeit, trat ein Mönch an sie heran und riet ihr, aufzugeben. Sie solle in einem späteren Leben einen männlichen Körper annehmen, denn nur so könne sie Erleuchtung erlangen. Tara antwortete ihm selbstbewusst: ein erwachter Geist hat kein Geschlecht. Losang Palmo blickt anerkennend zu den Frauenstatuen. «Auch wenn das Männliche im Buddhismus oft stark im Vordergrund steht», erklärt sie, «sind die Frauen genauso wichtig wie die Männer.» Sie habe sich all die Jahre als Nonne nie in irgendeiner Weise diskriminiert gefühlt. «Jede und jeder kann sich auf den Weg der Erkenntnis machen. Und letztendlich ist klar, dass die volle Erleuchtung weder männlich noch weiblich ist.» Strebt auch sie die volle Erleuchtung an? Losang Palmo lacht laut auf: «Nein, ich meditiere zwar seit vielen Jahren, aber das mit der Erleuchtung, das werde ich in diesem Leben wohl kaum schaffen.»

Viele tibetische Mönche sind gegen die Gleichberechtigung

Seit 1991 ist Losang Palmo buddhistische Nonne, sie lebte siebzehn Jahre in Indien im Kloster in Dharamsala, hat dort meditiert und die buddhistischen Schriften studiert. «Es kam schon ab und zu vor, dass mich die jungen Mönche die niedrigen Arbeiten machen liessen», erinnert sie sich, «doch darunter gelitten habe ich nicht.» Und ja: Die Welt des tibetischen Buddhismus bestehe aus uralten Strukturen, die man durchaus als patriarchal empfinden könne. «Viele tibetische Mönche sind strikt gegen die Gleichberechtigung von Mann und Frau, und auch die Nonnen selber sind nicht leicht dazu zu bewegen, Leitungsfunktionen zu übernehmen und zu unterrichten.»

Dabei sei eigentlich klar, dass im Buddhismus jeder jede Position einnehmen könne, wenn sie oder er die Fähigkeiten dazu habe. Was die Gleichberechtigung angehe, meint Losang Palma, sei der Dalai Lama durchaus fortschrittlich. «Er betont immer wieder, dass die Gleichwertigkeit von Mann und Frau Voraussetzung für eine bessere Welt sei. Und natürlich haben wir im Buddhismus, wie in anderen Religionen, dabei noch etwas Nachholbedarf.»

Alle Infos zur Woche der Religionen

www.zvisite.ch

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Abonnieren Sie unseren Newsletter. Er erscheint alternierend zur Printausgabe alle zwei Wochen – immer mit den aktuellsten Horizonte-Geschichten und oftmals spannenden Verlosungen.