Obdachlose haben im Aargau gut singen: Ab kommendem September finden Sie in Baden in der neuen Notschlafstelle Unterschlupf. | © Andreas C. Müller

Erste Aargauer Notschlafstelle eröffnet Anfang September

Andreas C. Müller, 26.2.19
  • Seit Montag, 25. Februar, existiert in Baden der Verein «Notschlafstelle Aargau». Im September kann nach jahrelangem Ringen die entsprechende Unterkunft eröffnet werden.
  • Dank Synergien mit einer vom Sozialwerk «Hope» betriebenen «Notpension» können die Kosten tief gehalten werden. 80 Prozent der für einen dreijährigen Pilotversuch erforderlichen Gelder sind beisammen. Den Rest soll der neugegründete Trägerverein noch beschaffen. Hinter diesem steht die Römisch-Katholische Landeskirche Aargau, die reformierte Kirchgemeinde Baden und das christliche Sozialwerk «Hope».

 

Stämmig steht «Tschudi», wie ihn seine Freunde nennen, auf und klatscht. Vor gut 50 Anwesenden, die zur Gründung des Vereins «Aargauer Notschlafstelle» ins reformierte Kirchgemeindehaus Baden gekommen sind. Daniela Fleischmann, Leiterin des Christlichen Sozialwerks «Hope», hat soeben die Eröffnung der ersten Aargauer Notschlafstelle per 1. September 2019 in Baden angekündigt.

«Eine supertolle Sache»

Bald stimmen alle in den Beifall des bärtigen Mannes mit Allwetterhut ein. «Tschudi» weiss, wie es ist, als Obdachloser in Baden auf der Strasse zu leben. Aus diesem Grund haben ihn die Initianten des Projekts Aargauer Notschlafstelle auch eingeladen. In Liedern singt der vom Leben gezeichnete Mann von seinen Erfahrungen – vom vielen Trinken, weil man die bedrückenden Gedanken nicht mehr aushält. Oder davon, dass man zehn Tage keine Gelegenheit hat, sich zu waschen. Eine Notschlafstelle gab es damals nicht.

«Ich find das eine supertolle Geschichte, die da abläuft», meint «Tschudi». Eröffnen wird die Aargauer Notschlafstelle an der Oberen Halde in Baden – im Haus Erhart. Die Verträge seien unterschrieben, am 1. September könne eröffnet werden, so Daniela Fleischmann. Dies nach jahrelanger Standortsuche, nach Überwindung diverser finanzieller Hürden, nach intensiver Planungsarbeit (Horizonte berichtete) und immer wieder auch Rückschlägen.

Haus Erhart: Ein Stück Ehre für die mit dem harten Leben

Dem Namen der Liegenschaft wolle man treu bleiben, meint Kurt Adler von der Fachstelle Diakonie der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau. Im Namen Erhart steckten die Worte «Ehre« und «hart». Und Kurt Adler führt weiter aus: «Menschen, die auf der Strasse leben, haben ein hartes Leben. Sie sollen ihre Würde, ihre Ehre behalten – mit einem Dach über dem Kopf.»

Man habe für den Aargau eine spezielle Lösung entwickelt, so Daniela Fleischmann. Man vereine am Standort zwei Institutionen unter demselben Dach mit gleichem Betreuungsbedarf. So könnten die Kosten halbiert werden. Im Gegensatz zum Zürcher «Pfuusbus» setze man jedoch nicht ausschliesslich auf Freiwillige in der Betreuung, sondern auch auf Fachpersonal. Die Stellen würden ab März ausgeschrieben.

«Obdachlosigkeit kann jeden treffen»

So wird es also im Haus Erhart neben einer Notschlafstelle mit sechs Plätzen für Menschen in kurzfristigen Notsituationen auch eine Notpension geben, die vom Sozialwerk «Hope» finanziert wird. Dort sollen sechs Personen längerfristig bleiben können. Die Notschlafstelle wird vom neu gegründeten Verein mit Spenden getragen. Bereits habe man 450 000 Franken zusammen, also 80 Prozent der für die veranschlagte Pilotzeit von 3 Jahren erforderlichen finanziellen Mittel.

Obdachlosigkeit könne jeden treffen, so Daniela Fleischmann. Das bestätigt auch Christoph Zingg von den Pfarrer Sieber-Werken und erzählt von einem erfolgreichen Mann, dem sich seine Familie entfremdet, weil er sich so sehr in die Arbeit gestürzt hat. Als er bei seiner Frau einen Liebhaber findet, zerbricht etwas in ihm – es wird der Beginn einer Jahrzehnte langen Obdachlosigkeit mit schwerem Alkoholkonsum. Die schlingernde Odyssee endet im Zürcher «Pfuusbus» von Pfarrer Sieber.

Längst nicht mehr nur Einzelschicksale

Registrierte diese Einrichtung 2004 noch 1’400 Übernachtungen pro «Saison», so waren es im Winter 2017/18 über 5’500. «Früher», so Christoph Zingg, «waren Obdachlose Einzelschicksale». Heute drohe dies deutlich mehr Menschen – nicht zuletzt, weil es in Zürich immer schwieriger geworden sei, noch eine bezahlbare Wohnung zu finden. Immer mehr Menschen lebten auch in der Gefahr, aufgrund einer einzigen grösseren Rechnung in die Armut abzugleiten. «Und immer mehr Menschen ohne Obdach sind krank und niemand kümmert sich», führte der Gesamtleiter der Pfarrer Sieber-Werke weiter aus.

Unter den Anwesenden finden sich einige kirchlich Tätige wie die reformierte Sozialdiakonin Yvonne Keller. Konkret hat sie aktuell mit einer Familie zu tun, welche ihre Wohnung zu verlieren droht. Aber auch junge Menschen sind an jenem Abend nach Baden gekommen. Rahel Müller und Marco Rasser beispielsweise. Er hat im «Hope» seinen Zivildienst absolviert und im Kontakt mit den Armutsbetroffenen dort realisiert, dass es im Aargau keine Notschlafstelle gibt. Also hätten er und Rahel Müller samt Band einen Benefiz-Anlass auf die Beine gestellt. Um Geld zu sammeln für die erste Aargauer Notschlafstelle. Am 1. September wird diese ihren regulären Betrieb aufnehmen. Am 31. August gibt es einen «Tag der offenen Tür», davor stehen Umbauarbeiten zwecks Erfüllung der feuerpolizeilichen Massnahmen an. Und natürlich sollen noch die Nachbarn bestmöglichst informiert werden, beteuert Daniela Fleischmann. Am 11. März gibt es einen ersten Info-Abend.

 

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