Seelsorge, in Zeiten von Corona, findet vermehrt am Telefon statt. | © kna-bild

Pfarreivakanzen: «Es ist fünf nach zwölf»

Marie-Christine Andres Schürch, 2.1.20
  • Angesichts des anhaltenden Mangels an Seelsorgepersonal ist die Zeit der Notlösungen vorbei.
  • Um dem Problem zu begegnen, müssen Hauptamtliche, Behörden und Freiwillige gemeinsam neue Wege gehen.

 

Im vergangenen Herbst publizierten die Kirchenpflegen und Pfarreiräte von Wettingen und Würenlos im Pfarreienteil von Horizonte eine Mitteilung. Zwischen den Zeilen war eine Verzweiflung herauszulesen, die hellhörig machte: «In unserer Pastoralraumeinheit sind im Moment 250 Stellenprozente nicht besetzt. Unser Seelsorgeteam ist bis über die Grenze des Zumutbaren belastet. Die drei Liturgen können nicht all die Arbeit erledigen, die vor den Sommerferien sechs Liturgen geleistet haben.»

Die Situation verschärft sich

Zwar ist in Wettingen die Situation besonders prekär, jedoch steht die Kirchgemeinde mit ihren Personalproblemen nicht alleine da. Claudia Mennen von der Fachstelle Bildung und Propstei erwähnte an der letzten Herbstsynode in einem Referat, dass sich mehrere Aargauer Pfarreien Sorgen um den Weiterbestand der Seelsorge machen. Mit gutem Grund, denn das Personalamt des Bistums sprach von 140 Seelsorgenden, die in den kommenden fünf Jahren in Pension gehen. Demgegenüber steht lediglich eine kleine Zahl von Berufseinsteigern.

Es geht um die Menschen vor Ort

«Wer sich angesichts der Vakanzen darum sorgt, wie es vor Ort in den Pfarreien weitergehen soll, der sorgt sich nicht in erster Linie um den Fortbestand der Institution, sondern darum, wie Menschen in Krisen und Übergangssituationen wie Geburt, Erwachsenwerden, Heiraten, Kranksein und Sterben rituell und religiös begleitet werden», betonte Claudia Mennen an der Herbstsynode. Die Lebendigkeit der Pfarreien und die Weitergabe des Evangeliums stehen auf dem Spiel.

Das System ist gekippt

Raymond Alvarez hat keinen leichten Job. Der Wettinger Kirchenpfleger ist verantwortlich für das Ressort Personal. Kaum ist ein Gottesdienst abgedeckt, fehlt an einem anderen Ort wieder ein Priester. Auf der Suche nach einer neuen Gemeindeleitung hatte ein Bewerber den Satz gesagt, der Raymond Alvarez geblieben ist: «Es ist nicht fünf vor zwölf, wie man zu sagen pflegt. Es ist fünf nach zwölf». Die Zeit hat sich gewendet, das System ist gekippt. Raymond Alvarez sagt: «Ich komme weg von Notfalllösungen und beginne strategisch zu überlegen. Auch das Bistum kann uns nicht helfen. Es liegt nun an uns selber, unser Überleben in die Hand zu nehmen.»

Lösungsansätze

In der Diakonie und für katechetische Aufgaben könne man zum Beispiel Personen ohne Berufseinführung aber mit theologischem Hintergrund einsetzen. Gute Erfahrungen macht Wettingen aktuell mit einer Katechetin in Ausbildung, die im Sinne einer «Leitungsassistenz» administrative und organisatorische Aufgaben übernimmt und so die Pastoralassistenten entlastet. «Wir können uns vorstellen, dass sich diese Lösung bei uns etabliert», sagt Kirchenpfleger Raymond Alvarez.

Bistum Basel: Pastoralassistentinnen statt Priester

Wie die Erhebungen des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts (SPI) zeigen, sind die Schweizer Bistümer in den letzten 30 Jahren unterschiedlich mit dem Rückgang an Priestern umgegangen. Die Bistümer Basel und St. Gallen haben einen vergleichbaren Weg eingeschlagen. Dort ist die Zahl der in den Pfarreien tätigen Diözesanpriester in den letzten dreissig Jahren um mehr als die Hälfte beziehungsweise um rund 60 Prozent zurückgegangen. Beiden Diözesen gelang es durch den verstärkten Einsatz von Pastoralassistentinnen und -assistenten und Diakonen in der Pfarreiseelsorge den Priesterrückgang abzufedern.

Im Bistum Basel stieg der Anteil der Pastoralassistenten am Seelsorgepersonal in den Pfarreien seit 1983 von gut zehn Prozent auf 40 Prozent an, während sich der Anteil der Diözesanpriester von 76 Prozent mehr als halbierte. Das Bistum Basel weist zudem mit 14% den höchsten Anteil an Diakonen auf. Die beiden Bistümer Basel und St. Gallen weisen mit je knapp einem Fünftel den höchsten Frauenanteil unter den Pfarreiseelsorgenden auf.

Ausbildungsleiter: Eine drängende Frage

In der Berufseinführung der angehenden Pastoralassistentinnen und -assistenten muss  der Personalmangel in den Pfarreien ebenfalls Thema sein. Die jungen Seelsorgenden müssen auf die herausfordernde Situation im Spannungsfeld zwischen Erwartungen und persönlichen Ressourcen vorbereitet sein. Dr. Agnell Rickenmann, Regens und Leiter des Nachdiplomstudiums Berufseinführung an der Universität Luzern, sagt auf Anfrage: «Wir sind uns im Ausbildungsteam sehr bewusst, dass die personelle Situation, im Hinblick auf die Unterbesetzung vielerorts eine drängende Frage ist. Ich denke, dass die Absolventen der Berufseinführung schon selber mit dem Wissen um  diese Personalsituation einsteigen. Daher ist es nicht erste Priorität die Frage exklusiv  zu thematisieren. Dennoch  sprechen wir darüber und in einzelnen Modulen der Ausbildung wird die Frage thematisiert und auch überlegt, wie hierbei auch etwas verändert werden kann».

Der Ausbildungsleiter betont auch: «Wenn wir wenige Leute haben, dann ist es besonders wichtig, dass diese Leute wirklich gut ausgebildet sind und nicht bei Qualität und Zeit der Ausbildung gespart wird, weil sonst die Gefahr besteht, dass an sich gute Leute nach ein oder zwei Jahren wieder aussteigen, oder in einem Burnout enden, weil verschiedene Aspekte – gerade auch im Umgang mit  Drucksituationen durch hohe Arbeitsbelastung – vorher nicht geklärt werden konnten».

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An der Herbstsynode 2019 skizzierte Claudia Mennen in ihrem Referat «Lebendige Pfarreien trotz Vakanzen» Schwierigkeiten und Lösungsansätze im Umgang mit dem Personalmangel. | © Felix Wey
Claudia Mennen, Bildung und Propstei
Die Erwartungshaltung der Gläubigen kann den Hauptamtlichen zu schaffen machen - wo auch immer gekürzt wird, es gibt negative Kritik, die zuweilen sehr harsch ausfällt. | © Anne Bürger
Erwartungshaltung der Gläubigen
In der Seelsorgeeinheit Wettingen-Würenlos sind momentan 250 Stellenprozente nicht besetzt. | © Roger Wehrli
Pfarrei St. Sebastian Wettingen
Ab Februar 2020 übernimmt der Diakon Markus Heil die Gemeindeleitung in der Kirchgemeinde Wettingen. | © Roger Wehrli
St. Anton, Wettingen
 
Marie-Christine Andres Schürch

Miteinander statt gegeneinander

Aus dem Gottesdienstplan ist ersichtlich, dass in Wettingen und Würenlos trotz personeller Unterbesetzung am Mittwochmorgen drei Eucharistiefeiern stattfinden – gleichzeitig. Wer daran etwas ändern will, gerät ins Kreuzfeuer der Kritik. Doch wie man es auch dreht und wendet: Schon heute fehlen Pfarrer und Pastoralassistenten, künftig wird sich die Situation noch verschärfen. Weniger Seelsorgepersonal kann weniger Arbeit leisten. Das sieht jeder ein. Doch sobald Veränderungen einen persönlich betreffen, reagiert man empfindlich.

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit dieser Situation umzugehen. Das eine Extrem wäre, dass Gläubige auf ihrem gewohnten Angebot beharren und Seelsorger dieses aufrecht erhalten, während sie aufs Burnout zusteuern. Das andere Extrem könnte sein, dass die Hauptamtlichen das Angebot radikal reduzieren, die Gläubigen unzufrieden werden und sich der Pfarrei entfremden.

In der heutigen Kirchenlandschaft der Schweiz ist die Zeit vorbei, in der man als Pfarreiangehöriger einfach Dienstleistungen abholen konnte. Will man verhindern, dass liebgewonnene Traditionen wegfallen, muss man sich im Rahmen seiner Möglichkeiten selber dafür einsetzen.

Ein gutschweizerischer Kompromiss zwischen den geschilderten Extremen ist, dass sich hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter zusammensetzen und besprechen, welche kirchlichen Angebote ihnen wichtig sind. Dieser Prozess muss von der Gemeinschaft der Gläubigen wohlwollend mitgetragen werden. Ein konstruktives Miteinander von Haupt- und Ehrenamtlichen sowie aller Pfarreiangehörigen ist überlebenswichtig.

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