Jacqueline Fahrni (links) und Klara Fricker bei der Künstlerinnen-Stabsübergabe. Angeregt unterhalten sich die beiden Frauen über Techniken, Symbolik in Bildern und ihr jeweiliges künstlerisches Schaffen. | © Werner Rolli

«Es ist nicht der Kreis, der mich fasziniert.»

Anne Burgmer, 22.11.18
  • Zum Kirchenjahreswechsel wechselt auch der Jahrskünstler beim Horizonte und es gibt das traditionelle «Übergabe»-Gespräch.
  • In Erlinsbach besuchte Horizonte gemeinsam mit der scheidenden Klara Fricker die neue Jahreskünstlerin Jacqueline Fahrni.

 

Unter dem Dach eines modernen, vollständig mit hellem Holz ausgekleideten Hauses hat Jacqueline Fahrni ihr Atelier. Farbstifte, Pinsel, grosse Einmachgläser, in denen szenisch arrangiert kleine Figuren stehen – der Raum strahlt Wärme, Kreativität und im positiven Sinne Eigenwilligkeit aus.

Brücke zwischen zwei Welten

«Du könntest meine Tochter sein», stellt Klara Fricker fest und Jacqueline Fahrni erwidert: «Und du meine Muter». Sie sitzen nebeneinander am Ateliertisch, die 73-jährige Klara Fricker, die bei ihren Bildern die Gouachefarben mit den Fingern auf den Malkarton aufträgt, und die 44-jährige Jacqueline Fahrni, die ihre Collagen analog zusammenstellt und digital vollendet. «Ich gehöre in die Welt, in der Beides präsent ist. Und deshalb will ich auch beides: Das haptische und das virtuelle», erklärt Jacqueline Fahrni.

Die Mutter von drei Töchtern teilt die Familienarbeit zu gleichen Teilen mit ihrem Mann. Sie hat ihre Ausbildung an der Zürcher Hochschule der Künste absolviert und arbeitet hauptsächlich als Kommunikatorin im Museum für Kommunikation in Bern. Gleichzeitig ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Zürcher Hochschule der Künste im Projekt «Bewahren besonderer Kulturgüter». In «freien Momenten», wie Jacqueline Fahrni sie nennt, führt sie alleine oder mit einer Kollegin unter dem Namen Stallallüren gestalterische Wettbewerbe, Projekte und Aufträge durch.

Gedanken und Finger kreisen

Klara Fricker, die beim letzten Gespräch sagte, dass sie ihr Malen als Farbengebet betrachte, im Grunde mit Farben bete, wirft einen Blick zurück. Unerwartet sei sie Jahreskünstlerin geworden und habe die Arbeit gerne, wenngleich mit Respekt vor der Aufgabe angenommen. Jedes Bild habe einen neuen Prozess der Auseinandersetzung mit dem Fest ausgelöst und teilweise überraschende Aspekte sichtbar gemacht: «Ostern war eine schwierige Sache, denn das quadratische Format war störend. Ostern ist für mich hochformatig, weil es durch das Auf(er)stehen etwas mit Aufrichten zu tun hat. Es hat mehrere Anläufe gebraucht».

Am meisten abverlangt habe ihr aber das Bild zu Mariä Himmelfahrt. «Das Fest liegt mir nicht so sehr am Herzen», gibt Klara Fricker unumwunden zu und ergänzt: «Doch ich wollte eine Zugang finden. Die Gedanken kreisten solange, bis ich auch mit Farbe und Fingern auf dem Malgrund kreiste und das wiederum solange, bis ich mir sagte: ‚Ich brauche es nicht zu verstehen. Es ist gut so‘». Jedes Fest sei eine Frage an sie persönlich gewesen, fasst Klara Fricker ihren Schaffensprozess zusammen. «Solange sich ein Bild nicht zu meiner ureigenen Antwort entwickelte, konnte ich ein Bild nicht abgeben».

Kommunikation als roter Faden

Während die scheidende Jahreskünstlerin erzählt, stellt Jacqueline Fahrni immer wieder Rückfragen, notiert sich Gedanken und saugt wie ein Schwamm alles auf. «Ich probiere viel aus und versuche in meinem Kontext eine Anregung zu finden, aus der sich vielleicht etwas machen lässt», beschreibt Jacqueline Fahrni. Ihr ist der Dialog wichtig. Nicht nur der mit ihrer Vorgängerin, sondern auch der zwischen den verschiedenen Dingen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart und ganz besonders zwischen Sachen, die eigentlich nicht zusammenpassen.

«Es ist nicht der Kreis, der mich fasziniert, es sind die Reduktionen, insbesondere die Linie, die aus dem Punkt wächst. Die Linie ist verbindend und offen zugleich. Für die Jahreskunstreihe will sie das Thema Kommunikation als Leitfaden nehmen, denn etwas Grundlegendes an Religion ist Kommunikation: «Im ersten Bild geht es um das Geheimnis. Zu einem Geheimnis gehört Vertrauen und ein Geheimnis, das ich mit jemandem teile, schafft eine tiefere Beziehung. Ich vertraue ein Geheimnis ja nicht der ganzen Welt an», erläutert Jacqueline Fahrni.

Eine Himbeere als Symbol

Die Zutaten für ihre Collagen nimmt Jacqueline Fahrni von überall her. Sie habe von ihrer Grossmutter einst eine Fotoschatzkiste geschenkt bekommen; so könne die Vergangenheit in der Gegenwart mitspielen. Anregungen findet die aufgestellte Künstlerin auch in der Natur. «En detail» beschreibt sie, die passenden Farbstifte in der Hand, eine Himbeere. Den zarten Fruchtkörper, der beim Pflücken so schnell Schaden nimmt. «Mir ist die symbolhafte Sprache wichtig und als ich eine Himbeere anschaute, dachte ich: das ist die Frucht für Maria. Wenn man Himbeeren anschaut, sieht man, dass sie ein Gefäss sind, welches innen etwas tragen könnte – wie Maria, die Jesus in sich trägt. Gleichzeitig sind Himbeeren sehr verletzlich, man kann sie kaum transportieren. Maria ist ebenfalls verletzlich als Schwangere und geht dennoch auf die Reise», erklärt Jacqueline Fahrni. Klara Fricker, fasziniert von den Himbeer-Farben, probiert derweil die entsprechenden Stifte aus, «damit ich mich erinnere, wenn ich daheim bin», sagt sie.

Jacqueline Fahrni lässt sich offen, ob die Himbeere auch durch das ganze Jahr Symbol für Maria bleibt. «Mir ist es wichtig, unbefangen mit den Festen umzugehen. Es ist mit den Festen ähnlich wie mit einem Reissverschluss. Jeder glaubt zu wissen, wie der funktioniert. Doch wenn man die Leute fragt, ob sie es erklären können, kommen sie ins Stocken», zieht Jacqueline Fahrni einen griffigen Vergleich. Mit den Festen im Kirchenjahr sei es mittlerweile oft ähnlich und sie erlaube sich, diesen reduzierten Blickwinkel einzufangen, ihn zu überprüfen und die Feste ungewohnt frisch darzustellen.

 

Festkunst
Die Jahreskunst hat Tradition bei Horizonte. Der Künstler oder die Künstlerin setzt sich in der eigenen Ausdrucksform vertieft mit den Hochfesten des Kirchenjahres auseinander und vermittelt den Leserinnen und Lesern seine Sicht auf das Fest. Das Bild wird durch Text ergänzt. Ein Märkli weist die entsprechenden Bilder als Teil der Reihe aus. Malerei, Kalligraphie, Karikatur und Fotografie – die Ausdrucksformen wechseln mit den jeweiligen Kunstschaffenden. Einzelne Frontbilder erzielen breite Resonanz. Teils erreichen die Horizonte-Redaktion auch Fragen nach der Möglichkeit, Kopien oder Originale der Titelwerke zu erwerben. Horizonte vermittelt in einem solchen Fall via redaktion@horizonte-aargau.ch den Kontakt zum Künstler/zur Künstlerin.

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