Alle Jahre wieder zur Fastenzeit wird nichs mehr gegessen. Etwa zehn Personen fasten seit 2015 jährlich in Erlinsbach. Horizonte sprach mit drei Gruppenleitenden über die Faszination des Fastens.  | zvg

Fasten: «Ein Neu-Anfang mitten im Jahr!»

Andreas C. Müller, 17.2.20
  • Fastengruppen haben Tradition im Aargau. Zur Fastenzeit treffen sich manche bereits seit Jahrzehnten. Horizonte sprach mit drei Leitungspersonen: Bernhard Lindner (Fricktal), Silvia Gygli (Wohlen) und Gudrun Schröder (Erlinsbach)
  • Einig sind sich die Befragten, dass Fasten eine sehr bereichernde Erfahrung sein kann und sich auch positiv auf die Gesundheit auswirkt. Darüber, wie lange man fasten soll und ab wann es gefährlich wird, gehen die Meinungen allerdings auseinander.

 

Wie lange leiten Sie schon Fastengruppen?
Bernhard Lindner: Schon über 15 Jahre.
Silvia Gygli: Sicher schon über 25 Jahre, aber nie alleine. Meistens zu zweit.
Gudrun Schröder: Erst seit 2015. Aber ich faste bereits seit mehr als 10 Jahren.

Warum fasten Sie?
Bernhard Lindner: Ich finde das Fasten eine gute Form der Unterbrechung: Raus aus gewohntem Konsumgewohnheiten. Oft nehmen wir uns doch einfach ein Stück zu essen, während wir mit etwas beschäftigt sind.
Gudrun Schröder: Das empfinde ich auch so – den Unterbruch aus meinem Alltag. Ein Anhalten und Innehalten. Das beinhaltet ganz viel Aspekte, die mir gut tun. Wie so ein Neu-Anfang mitten im Jahr. Wir sind doch so übersättigt von allem.

Wie kann Nahrungsverzicht zu einer guten Erfahrung werden? Hunger bedeutet ja oft auch Unbehagen, ein Schwächegefühl. Viele Menschen sind gereizt, wenn sie hungrig sind.
Bernhard Lindner: Fasten hilft mir, bewusster zu essen, das Essen zu schätzen, langsamer und bedächtiger zu essen, besser zu kauen. Und es macht mir bewusst, dass viele Menschen gar nicht so selbstverständlich zu essen haben. Oder auch der Geschmack von Essen. Wie sehr schätze ich das eigentlich noch? Nach dem Fasten ist das besonders intensiv.
Silvia Gygli: Mir tut Fasten sehr gut. Ich bekomme viel Kraft, um in Frühling zu starten und komme auch gut zur Ruhe. Fasten ist ein intensiver innerer Prozess. Zudem erlebe ich immer wieder bei verschiedenen Personen in unserer Gruppe, die aus gesundheitlichen Gründen fasten müssen, eine entscheidende Verbesserung ihres Gesundheitszustandes. Beispielsweise bei Gelenkproblemen oder Migräne.

Sie meinen: Fasten macht gesund?
Silvia Gygli: Man hat neuere Forschungen, die belegen, dass längeres Fasten sich sehr positiv auf die Gesundheit auswirkt. Und jene Frau, die vor mir die Fastengruppe geleitet hat: Sie hat mit Fasten begonnen, als sie an Brustkrebs erkrankte. Das hat ihr geholfen, die Krankheit zu überwinden. Besagte Person fastet regelmässig und ist jetzt bald 80 Jahre alt.

Längeres Fasten? Wie lange fasten Sie denn?
Bernhard Lindner: Wir machen das sechs Tage lang.
Silvia Gygli: Zehn Tage.
Gudrun Schröder: 7 Tage, aber ich könnte auch länger…. Es gibt aber Menschen, die bis zu 14 Tage lang fasten.

Und wie radikal praktizieren Sie das Fasten?
Bernhard Lindner: Die Idee bei uns ist, dass wir auf Essen grundsätzlich verzichten. Flüssige Nahrung geht – aber nicht in Form von pürierten Lebensmitteln. Du trinkst Wasser, Tee, Fruchtsaft und spezielle Suppen. Das heisst: Das in der Suppe gekochte Gemüse bleibt nicht drin.
Silvia Gygli: Ich trinke während dieser zehn Tage nur Tee und Wasser. Bevor ich das aber mache, muss ich während einer Woche langsam die Nahrungszufuhr reduzieren. Weiter nehme ich in dieser Zeit schon kein Eiweiss mehr zu mir, auch nichts Süsses. Und Alkohol trinke ich dann auch keinen.
Gudrun Schröder: Eine gute Vorbereitung finde ich auch sehr wichtig – auch die Darmreinigung. Das mache ich mit Magnesiumsulfat. Ist das Hungergefühl mal richtig stark, dann kann man durchaus auch einen Löffel Honig zu sich nehmen oder ein wenig Naturjoghurt.

Aber dann fastet man doch nicht.
Gudrun Schröder: Man kann auf verschiedene Art und Weise fasten. Das muss nicht zwingend gänzlicher Nahrungsverzicht bedeuten, sondern kann verschiedene Formen haben, beispielsweise mit Teil- oder Basenfasen, wo nur basische Lebensmittel gegessen werden. Aus eigener Erfahrung weiss ich allerdings: Wenn man sich entschieden hat, gar nichts zu essen, hält man auch durch, und dann kommt das Hungergefühl nicht so auf.

Aber an zehn Tagen oder langer gar nichts zu essen: Ist das nicht gefährlich?
Silvia Gygli: Soviel ich weiss, erst ab 40 Tagen…
Bernhard Lindner: Es geht einem ja auch nicht schlecht beim Fasten, denn der Körper schüttet Glückshormone aus. Aber ich meine, länger als 10 Tage sollte man nicht fasten.

Sicher auch, weil das nicht alltagstauglich ist.
Silvia Gygli: Wir hatten bei uns in der Fastengruppe immer wieder berufstätige Personen. Arbeit und Fasten, das schliesst sich nicht aus. Man kann, wenn man fastet, gut arbeiten, ja auch Sport treiben.
Bernhard Lindner: Auch bei mir in der Gruppe sind Leute, die arbeiten: Als Buchhalter, am Bahnhofskiosk. Man ist nicht so spitzenmässig drauf, aber man kommt kräftemässig gut durch den Tag. Es stellen sich eher soziale Herausforderungen.

Die da wären?
Bernhard Lindner: Wenn man mit den Kollegen nicht mehr über den Mittag isst, kann das schon für Irritation sorgen.

Und im Laufe einer Fastenwoche: Was verändert sich da?
Bernhard Lindner: Je länger man fastet, umso eher spürt man, dass man an Schwung verliert. Spannend ist aber, dass die Sensibilität zunimmt. Man riecht besser, gerade wenn es irgendwo Essen hat. Man wird auch sensibler. Aus diesem Grund sollte man vielleicht nicht in einer Woche fasten, in der man Konflikte klären muss oder Stress hat.
Gudrun Schröder: Das erlebe ich auch so. Ich werde deutlich sensibler. Und die Achtung vor dem Essen verändert sich. Ich erinnere mich, wie es eine Kollegin während einer Fastenwoche beschäftigt hat, dass ein Kind einen nicht zu Ende gegessenen Apfel weggeworfen hat.

Aber wenn man über eine Woche nichts isst, hat man da eigentlich noch Verdauung und geht auf die Toilette?
Bernhard Lindner: Ja, doch. Man sollte zudem alle zwei Tage auf die Toilette. Mit Hilfe von Einläufen und Sauerkrautsaft kann man die Verdauung anregen.

Aber man verdaut doch gar nichts.
Bernhard Lindner: Man schaut dann, dass man sich entleert. Der Körper lebt dann von den Reserven – Fett und anderes wird dann verdaut…

Und bauen sich nicht die Muskeln ab?
Silvia Gygli: Für mich ist das die typische Hetzerei gegen das Fasten. Gewiss kann es sein, dass man ein wenig verliert. Aber hernach hat man das schnell wieder.

Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, eine Fastengruppe zu leiten?
Bernhard Lindner: Das hat sich so ergeben. Als ich im Fricktal Erwachsenenbildner war, gab es dort eine Fastengruppe. Ich habe da mitgemacht und die Leitung übernommen.
Silvia Gygli: Bei mir war das auch so. Ich habe mitgemacht und dann im Team mitgeleitet und schrittweise mehr Verantwortung übernommen.
Gudrun Schröder: Das entstand aus einem Modul in der Erwachsenenbildung. Das Fasten war meine Projektarbeit. Und das habe ich dann in Erlinsbach initiiert.

Fasten Frauen eher als Männer?
Gudrun Schröder: Ja, doch. Männer machen das eher seltener.

Und was ist mit dem spirituellen Aspekt? Die Fastengruppen fasten ja in der Fastenzeit.
Bernhard Lindner: Eine Fastenwoche ist ein ganzheitlicher spiritueller Prozess.
Gudrun Schröder: Ich bin Katechetin, darum ist mir das sehr wichtig. Ich stelle jede Fastenwoche unter ein Motto und verknüpfe das auch mit der Fastenkampagne. Dieses Jahr fasten wir unter dem Motto «bewegt». Dazu habe ich auch eine biblische Geschichte ausgesucht: Esther. Sie wird uns begleiten.
Silvia Gygli: Wir treffen uns ja jeden Abend in der Gruppe, sprechen über ein Thema und machen eine Meditation. Ich halte das aber sehr offen, denn wir haben sowohl Katholiken, Reformierte als auch Kirchenferne in der Gruppe.

Darf eigentlich jeder fasten?
Silvia Gygli: Nur Gesunde. Wer krank ist, sollte nur mit ärztlicher Begleitung fasten.

Täuscht es, oder ist das Fasten in der Zwischenzeit wieder beliebter geworden?
Bernhard Lindner: Ich nehme keinen speziellen «Run» wahr.
Silvia Gygli: Ich habe schon das Gefühl, dass es hier im Freiamt wieder im Kommen ist. Zudem: Im Trend sind Fastenwochen, wo man irgendwo hinfährt und sich dann für eine Woche ausklinkt. Wir machen das ja hier sehr alltagsnah.
Gudrun Schröder: Ja, ich habe schon das Gefühl, dass es immer mehr Gruppen gibt. Gerade die Verlinkung mit der Fastenopferseite «Sehen und Handeln» brachte mir einige Neu-Anmeldungen – auch aus der erweiterten Region.

Wie viele Leute haben Sie denn in Ihrer Gruppe?
Gudrun Schröder: Meist um die zehn Personen.
Silvia Gygli: Bei uns sind es regelmässig um die 20 Personen

Was empfehlen Sie jemanden, der zum ersten Mal fasten möchte?
Gudrun Schröder: Es ist wie beim Bergsteigen: Allein kann es gefährlich sein, in der Gruppe ist es einfacher. Und man ist in der Gruppe gut aufgehoben und hat Ansprechpersonen. Denn Fasten kann durchaus anstrengend sein.

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Silvia Gygli leitet in Wohlen seit über 30 Jahren die Fastengruppe. | © Andreas C. Müller
Silvia Gygli
Im Fricktal übernham Bernhard Lindner bereits vor Jahren die Leitung der regionalen Fastengruppe. | © Felix Wey
Bernhard Lindner
Gudrun Schröder aus Erlinsbach: Im Studium zur Erwachsenenbildnerin beschäftigte sie sich mit dem Fasten und gründete 2015 in Erlinsbach eine Fastengruppe. | © Andreas C. Müller
Gudrun Schröder
Die Fastenzeit als Zeit des persönlichen Verzichts: Auf Süssigkeiten, Fleisch oder Autofahren. in neuerer Zeit hat sich auch «Medienfasten» etabliert - kein Fernsehen oder Handy. | © kna-bild
Fastenzeit: Chance auf Verzicht
Wer fastet, verzichtet in der Regel auf feste Nahrung. © Marie-Christine Andres
Nur noch Flüssiges

Was die Medizin sagt

Informierten 2019 zur Bremgarter Fastenwoche (von links): Der Mediziner Thomas Thaler, Cäcilia Stutz vom Pastoralraum Bremgarten-Reusstal und Hans Jakob von der reformierten Kirchgemeinde Bremgarten. | © Werner Rolli

Im vergangenen Jahr lud die Bremgarter Fastengruppe den Kardiologen Thomas Tahler ein, damit dieser über die Chancen und Risiken beim Fasten informierte. Horizonte war dabei. In den Fastengruppen werde nicht einfach nur auf Fleisch oder Süsses verzichtet, sondern überhaupt auf Nahrung, so der Mediziner. Mit Blick auf die Gesundheit sollte man dies nicht länger als sieben Tage lang tun. Hernach, so Thomas Thaler, «beginnt der lebensgefährliche Proteinabbau, und auch die Fettreserven sind langsam verbraucht». Leistungssport sollte man während dieser Zeit nicht praktizieren, moderate Bewegung werde jedoch empfohlen. Beispielsweise helfe ein Spaziergang, den Muskelabbau zu minimieren. Nach Ende der Fastenzeit sollte die Nahrungszufuhr langsam wieder aufgebaut werden. Den ganzen Artikel lesen Sie hier.

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