Der Frauenstreik und der Frauenkirchenstreik 2019 sind Geschichte, doch der Schwung der Mobilisation soll nicht einfach ungenutzt verpuffen. Im Interview geben Susanne Andrea Birke von der Römisch-Kahtolischen Landeskirche Aargau und Vroni Peterhans vom Schweizerischen Katholischen Frauenbund SKF einen Ausblick auf geplante Initiativen. | © Anne Burgmer

Frauenkirchenstreik: Nun mit finanziellem Druck

Andreas C. Müller, 3.7.19
  • Der Frauenkirchenstreik vom 14.-16. Juni war aus Sicht der Organisatoren ein voller Erfolg. Bereits werden Optionen für eine Fortsetzung diskutiert. Horizonte hat sich umgehört.
  • Vroni Peterhans vom Schweizerischen Katholischen Frauenbund SKF will zusammen mit den Landeskirchen Druck machen. Bei der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau reagiert man auf diese Idee zurückhaltend.

 

Allein in Aarau waren am 14. Juni über 3’500 Frauen auf der Strasse. Das ist ein Erfolg, oder nicht?
Susanne Andrea Birke: Absolut. Ich habe mich immer gefragt, ob es nach 1991 nochmals möglich sein wird, so viele Frauen zu mobilisieren. Aber das hat tatsächlich geklappt. Und dass wir Katholikinnen da so mittendrin waren und Akzente setzen konnten, das hat mich schon bewegt.
Vroni Peterhans: Das stimmt. Ich durfte ja eine Rede halten. Und unsere Forderungen unter cem Motto «Gleichberechtigung.Punkt.Amen!», die ja nicht alle betrafen, wurden gleichwohl von allen solidarisch mitgetragen.

Wenn Sie mit damals vergleichen: Worin unterscheidet sich 2019 von 1991
Susanne Andrea Birke: Ich habe das Gefühl, dass wir heute schon an einem ganz anderen Punkt stehen als damals. Gerade die Geschlechterfrage wird heute ganz anders thematisiert, das wird heute viel breiter gedacht. Oder auch, dass Migrantinnen sich und ihre Anliegen einbringen können.

Und jetzt? Ist erst einmal ein Marschhalt angezeigt?
Vroni Peterhans: Nein, wir müssen dranbleiben und weitermachen – das sind wir unserer Basis schuldig. Insbesondere wenn ich daran denke, was da in den Kirchgemeinden alles gegangen ist.
Susanne Andrea Birke: Genau, da gab es teils einen ganz spannenden Austausch im Rahmen von Brunch-Veranstaltungen.
Vroni Peterhans: Wir können ja auch nicht einfach die Frauen aufrufen, mitzumachen. und dann nicht weitermachen.

Und wie geht es jetzt weiter?
Susanne Andrea Birke: Ich finde es auf jeden Fall wichtig, dran zu bleiben. Bei uns in der Fachstelle haben wir beschlossen, dass wir die Andachten «Draussen vor der Kirchentür» weiterführen möchten. Einmal im Monat – und zwar wandernd. Wir starten am 22. Juli in Rheinfelden. Das Aargauer Streikkomitee wird dann am 14. August weiterplanen.
Vroni Peterhans: Was sicher eine Schiene ist, die wir noch zu wenig verfolgt haben, ist die Zusammenarbeit mit den Landeskirchen. Um gemeinsam zu schauen, was auf finanzieller Ebene möglich ist.

Das heisst, um finanziell Druck auf die Klerikalkirche aufzubauen?
Vroni Peterhans: Ja, genau. Darüber hinaus werden wir vom Präsidium der Bischofskonferenz SBK zu einem Gespräch empfangen. Gerade für das Bistum Basel sehen wir grosse Chancen. Da wollen wir sicher die Idee eines Versuchslabors voranzutreiben, wie es uns von Bischofssprecher Hansruedi Huber in Aussicht gestellt wurde.

Das hiesse, dass im Bistum Basel Frauen zu Diakoninnen geweiht würden?
Vroni Peterhans: Oder in neue Ämter, damit Seelsorge vor Ort künftig noch stattfinden kann. Denn die alten Strukturen entsprechen nicht mehr der heutigen Zeit.  Wir haben in den Kirchgemeinden fähige, charismatische Frauen und Männer, die sich nicht im gewünschten Masse einbringen können, weil sie die restriktiven Vorschriften der katholischen Kirche nicht erfüllen. Dabei wären diese Frauen den Menschen im Ort näher als ein Priester, der aus Indien oder Afrika kommt.

Und wenn die Kirche stur bleibt?
Vroni Peterhans: Bis anhin gilt für uns immer noch die Devise «Auftreten statt Austreten». Aber es ist für viele von uns natürlich schon eine Option, eine eigene katholische Gemeinschaft zu bilden, in der Frauen ihren angemessenen Platz haben.

Was ist mit Kontakten zu Bewegungen in anderen deutschsprachigen Ländern?
Vroni Peterhans: Wir werden mit allen schweizerischen und europäischen Aktionen, beispielsweise Maria 2.0, zusammensitzen und dann schauen, wie wir Kräfte bündeln können.
Susanne Andrea Birke: Im Aargauer Manifest haben wir gleichberechtigte Repräsentation und Teilhabe auf allen Ebnen der Kirchen gefordert. Darauf müssen wir hinarbeiten und gleichzeitig gilt es, die Feudalstruktur der römisch-katholischen Kirche zu überwinden – auch wenn nicht damit zu rechnen ist, dass sich das in absehbarer Zukunft erreichen lässt. Zu resignieren ist für mich keine Option.

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Vroni Peterhans vom Schweizerischen Katholischen Frauenbund SKF sieht die Zeit der Ernte für die Frauen für gekommen. Es brauche aber Druck. | © Roger Wehrli
Vroni Peterhans
Susanne Andrea Birke von der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau will die Anliegen der Frauen in der katholischen Kirche mit monatlichen Gebeten präsent behalten. | © Pia Neuenschwander
Susanne Andrea Birke
Die Fachstellen-Mitarbeitenden der Römisch-Katholischen Landeskirche im Aargau (von links nach rechts): Susanne Muth, Markus Wentink, Urs Bisang, Moni Egger, Bernhard Lindner, Peter Michalik, Isabelle Deschler und Susanne Andrea Birke. Die Männer – per Zufall alle in Blau – kochten, servierten und räumten auf, während die Frauen Mitren, Punkte und andere Plakate vorbereiteten.  | © Anne Burgmer
Es geht nur gemeinsam gut
Am 14. Juni 2019 fand nach 25 Jahren der zweite grosse Frauenstreik in der Schweiz statt. An vielen Orten organisierten sich auch kirchlich Engagierte und in der Kirche berufstätige Frauen zum Frauen*Kirchenstreik. Dieser dauerte bis zum Sonntag, 16. Juni 2019. Besonders der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) hatte zu verschiedenen Aktionen aufgerufen. | © Anne Burgmer

Landeskirche zurückhaltend

Luc Humbel, Präsident des Kirchenrates der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau. | © Andreas C. Müller

Bei der Römisch-Katholischen Landeskirche Aargau reagiert man zurückhaltend auf die Ideen von SKF-Vizepräsidentin Vroni Peterhans. Kirchenratspräsident Luc Humbel: «Die Landeskirchen sind bestrebt, ihre Möglichkeiten auszuschöpfen, um das Männerproblem in der Kirche lösen zu helfen. Aktuell setzen wir stark auf die Chancen eines synodalen Weges. Dort muss die Frauenfrage Platz haben. Ich halte dagegen nichts davon, der pastoralen Seite quasi die Finanzen zu kürzen, um mit diesem Druck Änderungen bewirken zu wollen. Das wäre nicht partnerschaftlich und würde das duale System in Frage stellen».

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